Eine sehr lange ungeschnittene Kamerafahrt führt in den Film und zugleich in das Schneeland, den japanischen Landstrich, der die Hälfte des Jahres unter meterhohem Schnee versinkt, ein. Der Kamerablick geht dabei in Richtung Himmel, zeigt den hohen Schnee und die vereisten Bäume. Die Kamerabewegung ist gleichmäßig. Doch woher dieser Blick kommt, bleibt verborgen. Eine Erzählerstimme (Eva Mattes) setzt ein. Sie spricht von zwei Reisen, die ebenfalls ins Schneeland führten. Da gab es Bokushi Suzuki, der vor über hundert Jahren ins Schneeland kam und dort seinen Schneeatlas verfasste, in dem er 22 Wörter für Schnee aufführt. Und da sind die jungen Männer Takeo und Mako, die auf seinen Spuren wandelnd das Neujahrsfest im Schnee verbringen wollen. Als drittes, da reisen die Zuschauer. Deswegen wird auch nicht aufgelöst, ob die Kamera mehr Suzukis Weg nachempfindet, den Blick der jungen Männer aus dem Zug darstellt oder eben unseren Blick in den Film einweisen soll. Wie sich herausstellen wird, ist die Vermischung verschiedenster Ebenen der Narration und der Zeit, oder besser noch ihre Koexistenz, zentrales Element von Unter Schnee, dem neuen Film von Ulrike Ottinger.
Schon beim grundsätzlichen Beschreiben des Films muss auf gegensätzliche Begriffe zurückgegriffen werden. Ottinger zeigt die Rituale der Bewohner von Etchigo dokumentarisch. Doch daneben steht die Geschichte um Takeo und Mako, die fiktiv, ja fantastisch ist, sich aber immer mehr mit der Ebene der gegenwärtigen Realität vermengt. Auch die Erzählerin gibt Märchen und Legenden wieder um kurz darauf nüchterne Informationen zum Leben im Schneeland anzubieten. Zu Neujahr werden dort uralte Bräuche gewissenhaft durchgeführt, meist mit dem Ziel, die Vergehen des Vorjahres abzulegen und für Glück im neuen Jahr zu bitten. Aber auch Rituale zu anderen Anlässen, doch meist gerade solchen, die einen Wandel betreffen, wie eine Hochzeit, zeigt Ottinger. Um Verwandlungen geht es auch in der Geschichte, die Takeo und Mako erleben. Der Geist einer Füchsin bringt sie vom Weg ab und verwandelt sie in ein Paar aus der Edo Zeit. Fortan durchstreifen die beiden als Mann und Frau das Schneeland. Dabei begegnen sie auch Personen, die in den dokumentarischen Szenen gezeigt wurden. Die Neujahrsnacht wird als besonders günstig für Verwandlungen erklärt, an diesem Tag wird eine Zeit unabänderlich zurückgelassen und etwas Neues nimmt seinen Anfang. Doch in Unter Schnee scheint gerade das nicht zu funktionieren. Denn hier bestehen Realität und Märchen, Dokumentation und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart, Alt und Neu, Tradition und Fortschritt allesamt gleichzeitig. Mehr noch, sie bilden eine untrennbare Einheit. Da erscheint es nur einleuchtend, dass sich Takeo und Mako nach ihrer Verwandlung wie die Darsteller eines Kabuki-Theaters verhalten. In dieser Theaterform sah schon Sergei Eisenstein die Mechanismen aus Brüchen und Verbindungen perfekt realisiert, die er zur Grundlage seiner Montagetheorie machte.
Wodurch wird nun diese Koexistenz bestimmt? Ist es Ottinger, die sie herstellt? Sie hebt sie hervor, aber die Ursache liegt im Schnee. Denn egal welches Jahr anbricht, der Schnee ist immer da, er war es immer und wird es immer sein. Angesichts der sich haushoch auftürmenden Schneemassen kann ein Mensch gar nicht umhin, sich der Ewigkeit bewusst zu sein. Natürlich schmilzt der Schnee einmal, aber er kommt wieder und mit ihm die Geschichten und die Bräuche der Jahreszeit. Egal wie fortschrittliche eine Gesellschaft sein mag, der Schnee bricht in das Leben ein als nicht zu verhindernde Naturgewalt. Dieser Tatsache tragen die Menschen in Etchigo Rechnung, wenn sie ihre Traditionen auch heute noch begehen, ihre Geister und Legenden immer noch in ihre Leben integrieren. Am Ende bewegt sich der Film aufs Meer. Ottinger zeigt ein weiteres Element der Natur, das zugleich Fortgang und Ewigkeit präsentiert. Der Mensch kann das Meer nicht steuern, auch der Film fängt es so ein, wie es sich nunmal bewegt – unweigerlich verschmelzen Realität und Kunst und bilden Zeitlosigkeit ab.
Unter Schnee
B+R+K: Ulrike Ottinger
D: Takamasa Fujima, Kiyotsugu Fujima
Deutschland 2011, 103 Min.
Realfiction
Kinostart: 15.9.2011
Eine sehr lange ungeschnittene Kamerafahrt führt in den Film und zugleich in das Schneeland, den japanischen Landstrich, der die Hälfte des Jahres unter meterhohem Schnee versinkt, ein. Der Kamerablick geht dabei in Richtung Himmel, zeigt den hohen Schnee und die vereisten Bäume. Die Kamerabewegung ist gleichmäßig. Doch woher dieser Blick kommt, bleibt verborgen. Eine Erzählerstimme (Eva Mattes) setzt ein. Sie spricht von zwei Reisen, die ebenfalls ins Schneeland führten. Da gab es Bokushi Suzuki, der vor über hundert Jahren ins Schneeland kam und dort seinen Schneeatlas verfasste, in dem er 22 Wörter für Schnee aufführt. Und da sind die jungen Männer Takeo und Mako, die auf seinen Spuren wandelnd das Neujahrsfest im Schnee verbringen wollen. Als drittes, da reisen die Zuschauer. Deswegen wird auch nicht aufgelöst, ob die Kamera mehr Suzukis Weg nachempfindet, den Blick der jungen Männer aus dem Zug darstellt oder eben unseren Blick in den Film einweisen soll. Wie sich herausstellen wird, ist die Vermischung verschiedenster Ebenen der Narration und der Zeit, oder besser noch ihre Koexistenz, zentrales Element von Unter Schnee, dem neuen Film von Ulrike Ottinger.
Schon beim grundsätzlichen Beschreiben des Films muss auf gegensätzliche Begriffe zurückgegriffen werden. Ottinger zeigt die Rituale der Bewohner von Etchigo dokumentarisch. Doch daneben steht die Geschichte um Takeo und Mako, die fiktiv, ja fantastisch ist, sich aber immer mehr mit der Ebene der gegenwärtigen Realität vermengt. Auch die Erzählerin gibt Märchen und Legenden wieder um kurz darauf nüchterne Informationen zum Leben im Schneeland anzubieten. Zu Neujahr werden dort uralte Bräuche gewissenhaft durchgeführt, meist mit dem Ziel, die Vergehen des Vorjahres abzulegen und für Glück im neuen Jahr zu bitten. Aber auch Rituale zu anderen Anlässen, doch meist gerade solchen, die einen Wandel betreffen, wie eine Hochzeit, zeigt Ottinger. Um Verwandlungen geht es auch in der Geschichte, die Takeo und Mako erleben. Der Geist einer Füchsin bringt sie vom Weg ab und verwandelt sie in ein Paar aus der Edo Zeit. Fortan durchstreifen die beiden als Mann und Frau das Schneeland. Dabei begegnen sie auch Personen, die in den dokumentarischen Szenen gezeigt wurden. Die Neujahrsnacht wird als besonders günstig für Verwandlungen erklärt, an diesem Tag wird eine Zeit unabänderlich zurückgelassen und etwas Neues nimmt seinen Anfang. Doch in Unter Schnee scheint gerade das nicht zu funktionieren. Denn hier bestehen Realität und Märchen, Dokumentation und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart, Alt und Neu, Tradition und Fortschritt allesamt gleichzeitig. Mehr noch, sie bilden eine untrennbare Einheit. Da erscheint es nur einleuchtend, dass sich Takeo und Mako nach ihrer Verwandlung wie die Darsteller eines Kabuki-Theaters verhalten. In dieser Theaterform sah schon Sergei Eisenstein die Mechanismen aus Brüchen und Verbindungen perfekt realisiert, die er zur Grundlage seiner Montagetheorie machte.
Wodurch wird nun diese Koexistenz bestimmt? Ist es Ottinger, die sie herstellt? Sie hebt sie hervor, aber die Ursache liegt im Schnee. Denn egal welches Jahr anbricht, der Schnee ist immer da, er war es immer und wird es immer sein. Angesichts der sich haushoch auftürmenden Schneemassen kann ein Mensch gar nicht umhin, sich der Ewigkeit bewusst zu sein. Natürlich schmilzt der Schnee einmal, aber er kommt wieder und mit ihm die Geschichten und die Bräuche der Jahreszeit. Egal wie fortschrittliche eine Gesellschaft sein mag, der Schnee bricht in das Leben ein als nicht zu verhindernde Naturgewalt. Dieser Tatsache tragen die Menschen in Etchigo Rechnung, wenn sie ihre Traditionen auch heute noch begehen, ihre Geister und Legenden immer noch in ihre Leben integrieren. Am Ende bewegt sich der Film aufs Meer. Ottinger zeigt ein weiteres Element der Natur, das zugleich Fortgang und Ewigkeit präsentiert. Der Mensch kann das Meer nicht steuern, auch der Film fängt es so ein, wie es sich nunmal bewegt – unweigerlich verschmelzen Realität und Kunst und bilden Zeitlosigkeit ab.
Unter Schnee
B+R+K: Ulrike Ottinger
D: Takamasa Fujima, Kiyotsugu Fujima
Deutschland 2011, 103 Min.
Realfiction
Kinostart: 15.9.2011