Was uns allen blüht…


Skorpione, lose Erzählfäden, die Alten Chinas und die Killing Fields aus Texas;

Venedig-Blog, Folge 13.

Im “Maleti” wackelt fast jeden Abend ein altes Kritiker-Paar vorbei. Es gibt schlimmere Aussichten, als die, in 30 Jahren einmal selbst so ähnlich am Lido aufzutreten: Noch am Leben, nicht allein, noch im Beruf und noch in der Lage, sich das alles zu leisten – das ist schon ganz gut. Das ist immerhin jetzt schon mein elftes Jahr hier. Ob ich wohl die 100te Mostra noch erlebe? Die 75. wäre schon mal ganz schön.

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Die soziale Lage der Filmkritiker wird jedenfalls nicht besser, das machen auch Gespräche am Rande der Mostra klar. An einem Abend ging ich auf einen “Spritz” mit Daniel Kothenschulte, der zwar als Pauschalist beim Dumont Verlag immer noch besser gestellt ist, als die meisten Anderen. Der aber mit dem de-facto-Ende der “Frankfurter Rundschau” seine Zuständigkeit für Film einbüßte, und jetzt nicht mehr für den Verlag nach Venedig kann. Hier ist er nun für das Schweizer “St.Gallener Tageblatt” akkreditiert.

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Auch China entdeckt jetzt seine Alten. Gleich zwei Filme aus China, genaugenommen aus Hongkong, zeigen die Lage der Älteren Normalbürger. Kein schönes Bild.
Ann Hui erzählt in A Simple Life der auch einen Preis verdient hätte von einem Hausmädchen, dass nach 60 Jahren Dienst und einem Schlaganfall in ein Altenheim kommt. Der Sohn der Familie kümmert rührend um die Ersatzmutter. Ein schöner, ruhiger, genauer, kluger Film, der die letzten Jahre dieser Frau beschreibt. er ist ein bisschen sentimental, um nicht zu sagen kitschig. Aber er ist auch lustig. Und vor allem genau und nicht wegsehend in seinem Portrait der Lage der Alten und der entwürdigenden und dennoch würdigen Umstände des Lebens in einem Altenheim. An sieht diesen Film auch als Vorahnung dessen, was uns allen blüht.
Das was schon jetzt passiert, davon erzählt Johnnie To: Life Without Principle erzählt von ein paar Tagen auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Im Zentrum stehen eine Anlageberaterin in einer Bank, ein Polizist und ein Mafiagangster. Unendlich viel Zeit, die einem nie zu lang wird, nimmt sich To für diese listig erzählte Geschichte, in der verschiedene Erzählfäden nie eng verknotet werden, und trotzdem alles mit allem verbunden ist. Der Film erzählt über die Immobilienblase, die griechische Haushaltskrise, darüber wie einfache Leute von den Banken über den Tisch gezogen werden, und darüber, wie die Mafia mit alldem zu tun hat. Ein kleine Geschichte des Zufalls. Life Without Principle ist kein Preiskandidat, aber ein unglaublich eleganter Film.

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Einen großen Auftritt hatte Jessica Krummacher am Donnerstag schon am Vormittag, noch vor der Gala-Vorführung ihres Films Totem, des einzigen deutschen Spielfilms in Venedig, in der “Settemana”: Das Daily von “Variety” widmete ihr nämlich die Titelgeschichte. Wow! Darin ging es um die deutsche Filmförderlandschaft, und Krummacher äußerte sich mit bemerkenswerter, bei uns unter Filmemachern leider zu seltener Offenheit. Das Fördersystem könne mitunter weniger unterstützend als restriktiv sein, sagte sie in dem Gespräch, man könne innerhalb der Förderstrukturen kaum kreativ arbeiten: “Auch wenn das Fördersystem das Label einer Unterstützung für die nächste Generation besitzt, empfinde ich es als sehr unflexibel und nur von ökonomischen Interessen getrieben.” Die Fernsehanstalten stecken das Geld nur in Programmtaugliches und seien sehr unoffen für anderes.

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Ausnahmsweise ging ich dann ein bisschen Fußballreporter, der die eigene Mannschaft begleitet, und die Form des Teams überprüft, nochmal in Totem, den ich schon kannte. Das passt aber, denn Jessica Krummacher ist Fan des VfL Bochum – wie ein Abspanndank offenlegt – und dankt an gleicher Stelle auch noch “Real Bochum”. was es alles gibt… Totem kam dann auch besser an, als ich (und wohl auch sie) gedacht hätte. Recht voller Palagalileo, und die meisten blieben drin, obwohl dies kein leichter Film ist. Freundlicher Applaus, keine Buhs.
Das Debüt der Münchner Filmstudentin nimmt eine fünfköpfige Familie in den Blick, die in einem Reihenhaus wohnt. Als Fiona bei ihnen einzieht, die als Haushaltshilfe arbeitet, lernt sie die strengen Regeln des Zusammenlebens kennen, zugleich bringt sie die festgefügten Verhältnisse in Bewegung. “Viel zu tun bei uns, oder?” Der Film ist ein verstörendes Panorama aus Einsamkeit und Kommunikationslosigkeit. Eine seltsame Bedrohung und stumme Aggression schwebt über den Verhältnissen – bevor sie am Ende aufbrechen. Krummacher gelingt ein strenger, konsequent inszenierter, origineller und stilistisch anspruchsvoller Film ünber Regeln und Rituale, Ordnung und das Chaos dahinter. Die Hauptrolle spielt die kaum bekannte Marina Frenk, eine prominente Nebendarstellerin ist Natja Brunckhorst (“Christiane F.”).
Am Ende fallen folgende Sätze: “So bin das heute vor allem ich. … Ich wusste nie, was ich wollte. Ich weiß es auch jetzt nicht.” Kurz davor sieht man einen Skorpion – das einzige Tier das sich selbst umbringen kann.

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Eine Regisseurin ist entdeckt! Im abschließenden Filmgespräch erzählte Krummacher, dass Totem von einem konkreten Fall inspiriert ist. Sie habe erzählen wollen “über jemand der auch ein Stück weit den Tod sucht.” Brunckhorst lobte die Regisseurin, “die eine so klare Vision hat, und sehr stur ihren Weg geht und dann einen so starken Film macht.”

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Werfen wir noch einmal einen Blick zurück: 2010 gab es in Venedig unter anderem Black Swan, Essential Killing, 13 Assassins und Somewhere, um mal die zu nennen. War dieses Jahr gleichwertig? Es war jedenfalls anders. Die Kompromisse sind insgesamt größer als im letzten Jahr. Viel mehr Filme sind vom Mainstream kontaminiert. Das hat etwas mit den Vorlagen zu tun: Auffallend viele Theaterstücke sind darunter – den Filmen von Clooney, Polanski, Friedkin, Sokurov, Cronenberg – und Literaturvolagen – Arnold, Alfredson. Ich frage mich gerade, ob dieser Jahrgang, der einem im Augenblick stark vorkommt, und der nichts Enttäuschendes hatte außer Ferrara, nicht am Ende doch schnell vergessen sein wird. Weil er auch nichts Überraschendes, Irritierendes hat. Außer Sokurov.

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Den “Premio Brian”, den von der UAAR (“Unione degli Atei e degli Agnostici Razionalisti”), der Vereinigung der Atheisten und Agnostiker, verliehen wird, und natürlich nach dem Leben des Brian benannt ist, bekam George Clooney.
Der FIPRESCI-Preis ging an Shame von Steve McQueen.

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Keinen einzigen Film aus der Retrospektive habe ich diesmal gesehen – vielleicht zum ersten Mal überhaupt in Venedig. Das liegt an den starken anderen Sektionen. Und an der eher uninteressant scheinenen Retro übers italienische Kino der 70er.

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Zwei Ermittler der Mordkommission jagen einen Serienkiller, bevor er wieder zuschlägt. Ami Canaan Mann, die Tochter Michael Manns erzählt im letzten Film des Wettbewerbs Texas Killing Fields eine simple Kriminalgeschichte, und bietet ein kleines Panorama von “Texas City”. Dort bringt ein Mörder junge Mädchen um – man kennt das alles, und es ist auch konstruiert. Aber grundsätzlich ist man eher im Michael-Mann-Country der amerikanischen, leicht mythisierten, transzendental und melancholisch eingefärbten Männerwelten, und bewundert auch bei der Tochter die großen handwerklichen Fähigkeiten. Und sieht gern zu, bei einem Film, der Geballer und eine Verfolgungsjagd bietet, und etwas von einem TV-Pilot hat, besonders aber, wenn die beiden Polizisten Sam Worthington und Jeffrey Dean Morgan mit Gewehren – wie in Heat – unterwegs im Busch auf Mörderjagd gehen.
Einmal als die beiden reden, fallen folgende Sätze: “This is nothing than chaos, even your god doesn’t come here. You don’t know where you came here.” – “I know ecxactly where I am.”

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“Ah, die alten Fragen, die alten Antworten, da geht nichts drüber.”
Samuel Becket, “Endspiel”