Boardwalk Empire – Rückblick auf die erste Staffel


“It’s like America: On the surface it’s the greatest place in the world, but there is a dark side. And to make that world function, some dark things need to be done.”

Mit Nucky Thompson als Reiseführer habe ich in den letzten Tagen 12 Stunden Schlaf geopfert, um zu lernen, wie Kapitalismus und Verbrechen Hand in Hand gehen, wie eine Stadt zu einer Familie verbunden durch Banknoten in den Taschen von Steve Buscemis Figur wird, wie diese Familie auf eine andere Familie trifft, die in wenigen Jahren als Syndikat des Verbrechens anfängt, für Jahrzehnte die Vereinigten Staaten undenkbare Geldsummen bluten zu lassen, und wie im Konflikt des Treffens beide Familien gesprengt und auf Neuerung angewiesen werden.

Letzten Montag startete in den USA die zweite Staffel der neuesten großen HBO-Serie, Boardwalk Empire, und diesen Anlass möchte ich nutzen, um die Erinnerungen an die erste Staffel aufzufrischen und hoffentlich zu bereichern. Angesichts der Unmengen an Rezensionen, Kritiken und Essays, welche die Serie seit dem Start der ersten Staffel weltweit begleitet haben, finde ich es angemessen, anstatt in meinen eigenen Gedanken bereits Geschriebenes zu wiederholen, eher auf bereits existierende Texte aufmerksam zu machen und diese zu summieren, gegebenenfalls zu ergänzen.

Als Boardwalk Empire auf sein Publikum traf, begegnete es in erster Linie den Menschen, die nach The Sopranos, Deadwood und The Wire mit großen Erwartungen auf den neuen Stern am HBO Himmel lauerten, auf einen Stern, dessen Vorboten eine fulminante Besetzung, ein sensationelles Produktionsteam und ein exorbitantes Budget waren. Die zwei Wege der Wahrnehmung waren unvermeidbar: Entweder wurde die Serie über alles gelobt oder sie vermisste all das, was die mit den Sopranos behandelten Kritiker vom Standard der Qualitätsserien erwarteten. Die Figuren würden nicht von innen nach außen beschrieben, wie es inzwischen Gang und Gäbe wäre, sondern andersrum, wie Matthew Zoller Seitz bei Salon schrieb. Sie blieben unerreichbar, auf Distanz, als ein Zeichen der Ohnmacht der Macher, sich einem Thema anzunähern. Bemerkenswerterweise machten nicht die großen Medien auf den Unterschied zwischen The Sopranos und Boardwalk Empire aufmerksam, sondern der amerikanische Blogger Edward Copeland: Boardwalk Empire und The Sopranos seien wie ein Buchumschlag – die eine Serie zeichne einen Anfang, die andere ein Ende einer Geschichte. Während Tony Soprano und seine Verbrecherfamilie im Kontext einer kulturellen Vergangenheit, wenn man diese so nennen darf, gezeichnet sind, werden ein großartig über die Besetzung von Steve Buscemi in eine rhetorischer Maschine verwandelter Nucky Johnson, sowie Jimmy Darmody, aber auch Al Capone und Lucky Luciano erst das Koordinatensystem für die Entstehung dieser Geschichte finden müssen. Mutet die Serie zunächst als eine Hommage an eine vergangene Ära an (was durchaus neben Mad Men und, seit diesen Herbst, neben Epigonen wie The Playboy Club und Pan Am in der Mode ist), als ein Epochenfilm, so lasse sie, wie Heather Havrilesky bei Salon schreibt, ihre Schalen eine nach der anderen fallen, um hinter jedem ehrenhaften Bürger die Korruption erblicken zu lassen, die den Alkohol in Zeiten der Prohibition für substanziellen Profit zum Fließen bringt. Dieser Fluss des Alkohols und seine Stationen in Bordells und Casinos sind der Geburtsort einer neuen Generation von Verbrechern, die zu den Urvätern von Tony Soprano werden, und die bereit sind, die Schwelle zwischen der zivilisierten Korruption ihrer Väter (seien sie die Nucky Thompsons oder die Arnold Rothsteins) und dem organisierten Verbrechen zu überschreiten. Sie sind, wie erwähnt, historische Figuren wie Lucky Luciano und Al Capone, aber auch der fiktive Jimmy Darmody – alle dabei, Männer zu werden, alle noch an die Generation vor ihnen gebunden und im Begriff, sich von ihnen, nicht ohne innere Konflikte, loszulösen.

Der Unterschied zwischen den Alten und den Neuen wird ganz plastisch in ihrer Einfachheit dargestellt: Nuckys Worte reichen, um ihm die gewünschten Prozente in einem neuen Geschäft um das Schmuggeln von Alkohol einzubringen – visualisiert wird das Ganze über den Fisch, der morgens noch auf dem Quai frisch verkauft wird. Jimmy hingegen bekommt seinen Anteil als Folge der erschrockenen Blicke der Menschen, die seiner Waffe entgegen schauen. Und beide Arten, Geld zu verdienen, basieren auf Macht.

Ein klassischer Diskurs der Macht wird in Boardwalk Empire entfaltet, mit Nucky an der Spitze und allen anderen Figuren, je nach Prominenz, mehr oder weniger einseitig gestaltet. Denn, wie Steffen Grimberg in der taz schrieb, die ganze Dramaturgie der Serie basiert auf der Frage, ob sich die Figuren im Zuge der gesellschaftlichen Umwälzungen anpassen oder nicht, ob sie sich zwischen Gut und Böse entscheiden, ob sie Gangster werden oder aus dem Geschäft heraustreten. Nucky wird natürlich den Mittelweg wählen: Geld verdienen und sauber bleiben. Das Beste für sich tun und die anderen davon überzeugen, dass es das Beste auch für sie ist. Und zunächst funktioniert es auch: Jeder bezahlt Nucky, denn, selbst wenn es mit ihm nicht besonders gut läuft, wäre es ohne ihn noch schlimmer. Doch das weiß keiner, denn Mr. Thompson ist dafür da, dass sich jeder wohl fühlt. Wie eine Party zu organisieren ist, welches leichte Mädchen mit wem zu tun haben wird, was wo zu sagen ist, das sind alles Selbstverständlichkeiten, die mit seiner pragmatischen Natur kommen. Wie Matthew Gilbert beim Boston Globe zutreffend schreibt, ist es Nucky unmöglich, eine Party zu genießen, denn diese kann nichts weiteres sein als ein Instrument, um seine eigene Ziele zu erreichen. Er ist der ironische Sohn einer Stadt der Lüste. James Poniewozik vom Time Magazine vergleicht ihn sogar mit einem Entertainer der Prä-Massenmedien-Ära, der sein Geld dadurch verdient, dass er einen ganzen Bezirk bei Laune hält.

Was Nucky Thompsons Konflikt zum dramaturgischen Motor der Serie macht, spiegelt sich, wenn auch weniger prominent, in den anderen Figuren: Margaret Schroder, Jimmy Darmody oder seine Mutter Gillian, wie, wobei grober skizziert, andere Charaktere, die allesamt durchgehend mit der Frage konfrontiert werden, wie viel Illegalität sie bereit sind, in ihre Leben hineinzulassen, um zu überleben. Zur Unterstützung dieses Konflikts gehört implizit eine Zeichnung seiner Extreme und, damit zusammenhängend, die viel kritisierte Abflachung der Figuren. Ob es sich um die einseitigen Charaktere unter den New Yorker und Chicagoer Gangstern, oder um die karikierte Gestalt des Gerechtigkeitsfanatikers Agent van Alden oder der Anführerin der Frauenorganisation handelt – diese Einbußungen in der Figurengestaltung sind notwendig, um die Essenz der Serie möglichst vielen Zuschauer zugänglich zu machen. Allerdings gehört das allgemeine Frauenbild nicht dazu.
Doch liegt John Crace im Recht, wenn er den Machern vorwirft, sie portraitierten Frauen grundsätzlich als Nutten oder als Heilige?

Kehrt man zurück zu Matthew Zoller Seitz Perspektive, so stellt man fest, dass es sich hierbei nicht um eine Haltung handelt, sondern um eine Folge der Akribie, zumindest während der ersten Hälfte der Staffel, mit welcher die Epoche bis aufs kleinste Detail rekonstruiert wurde, mit dem Anspruch, eine geschichtlich korrekte Abbildung von Verhältnissen und nicht von Individuen zu zeichnen.

Dieser Fokus auf die Abbildung rückt jedoch in der zweiten Hälfte der Staffel in den Hintergrund des Netzes von Konflikten, die zwischen Figuren auftreten und die diese aus mehreren Perspektiven charakterisieren. Stimmrecht für Frauen, Rassen- und Generationenkonflikte sind nur die gröbsten Linien, die die Konturen der Hauptfiguren ergänzen. Viele Konflikte und potenzielle Plots werden nur angerissen, entweder um später wieder angegriffen zu werden, wie Edward Copeland in seinem Vergleich der narrativen Struktur zwischen Boardwalk Empire und The Wire bemerkt, oder schlicht, um einige Fragen offen zu lassen, um die Authentizität einer komplexen Welt, die sich uns nicht bis ins letzte Detail erschließt, zu bewahren.

Hier finden Sie in Kürze die Besprechungen der Episoden der zweiten Staffel.