Das Schmuckstück


Francois Ozons Filme stellen ihre Konstruiertheit unverhohlen aus. Mehr noch, das Konstruierte ist ihr grundlegendes Element. Das wird besonders deutlich bei einem Werk wie 5×2, dessen Aufbau sich schon im Titel wiederfindet. Auch sonst macht Ozon die Künstlichkeit der Geschichte und auch die mitunter stereotypen Situationen darin deutlich. Innerhalb dieser konstruierten Gefüge finden sich bei ihm meist Figuren wieder, die in ihrem Leben in einem engen Korsett stecken, sich aber im Verlauf des Films daraus befreien. Dies geschieht nicht, indem sie die Konstruktion komplett zerstören, auch die Filmkonstruktion bleibt im Grunde erhalten. Vielmehr schaffen die Figuren es, die Konventionen zu ihren Gunsten zu verdrehen. Oder die Filmkonventionen an sich, wie im Fall von 5×2, erlauben ihnen, dass am Ende ihrer Geschichte ein Happy End steht. Die Klischees der Filme unterstützen somit auf eigenartige Weise die Unkonventionalität der Figuren.

In seinem letzten Film, Rückkehr ans Meer, gelang es Ozon allerdings nicht ganz, das Klischeehafte zu transzendieren und mit einer neuen Bedeutungsebene anzufüllen. Da blieb die Geschichte um eine drogensüchtige Schwangere eher oberflächlich und nichtssagend. Im Zusammenhang mit Das Schmuckstück ist jedoch besonders der Verweis auf zwei andere Filme Ozons wichtig, es sind dies der wenig beachtete Angel und 8 Frauen. Auf letzteren wird in beinahe jeder Besprechung von Das Schmuckstück hingewiesen und die Parallelen sind dort überdeutlich. Nicht nur handelt es sich bei beiden Filmen um eine Adaption eines Bühnenstücks, die mit den größten neuen und vor allem alten Stars des französischen Kinos verfilmt wird, in denen Catherine Deneuve in beiden Filmen zu sehen ist. Mehr noch spielt die Geschichte in beiden Fällen in dem Gefüge einer wohlhabenden Familie,  die von einem tyrannischen Vater dominiert wird, und im Verlauf des Films immer mehr Enthüllungen standhalten muss.

Natürlich steht die Emanzipation der Frauen – wie es spätestens ab dann in fast allen Filmen Ozons der Fall war – im Mittelpunkt. Eine weitere Verbindung, auch zu Angel, ergibt sich dadurch, dass der Film in einer vergangenen Zeit spielt. Bei 8 Frauen sind es die 50er. Der Platz, der einer Frau in der Gesellschaft zugestanden wird, ist hier sehr klar definiert. Auch  die Moralvorstellungen und Klassenunterschiede sind sehr gefestigt. All das spielt in 8 Frauen eine Rolle und nach und nach wird deutlich, dass sich jede Frau innerlich von einigen dieser Begrenzungen befreit hat und davor steht, diesen Schritt auch aktiv im Leben zu machen. Die unerfahrene Jugend jedoch hält an einer Vorherrschaft des Mannes fest, dieser kann mit der Wahrheit, die sich hinter der Oberfläche der Frauen auftut, nicht umgehen. Ozon benutzt die Künstlichkeit seines Filmsets und der eingebetteten Musicalnummern, um auf die Wahrheit hinter dem Klischee der perfekten Frau aus den 50ern aufmerksam zu machen. Diese Wahrheit ist wiederum völlig anders als erwartet.

In Angel tat Ozon einen Schritt zurück, denn die Hauptfigur Angel lebt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, also zu einer Zeit, in der den Frauen noch weniger Freiraum zugestanden wurde. Erschwerend kommt hinzu, dass die junge Frau aus eher ärmlichen Verhältnissen stammt. Dennoch ist sie, so erscheint es wenigstens zu Beginn, wesentlich selbstbestimmter als die Figuren in 8 Frauen. Das liegt an ihrem scheinbar unverletzlichen Selbstvertrauen. Angel setzt sich als Schülerin in den Kopf, erfolgreiche Autorin zu werden, tatsächlich gelingt ihr der Erfolg mit ihren romantischen Geschichten der Aufstieg. Wie sich zeigt, kann aber auch ihr Geld nicht alles Unglück verhindern und vor allem nicht die Liebe erhalten. Angel sieht die Welt nicht ganz realistisch, verfällt teilweise ganz in Wahnsinn. Doch: Sich selbst bleibt sie in ihrer verschrobenen Art immer treu. Hier beugt Ozon den filmischen Realismus vollkommen, um in die Welt der Hauptfigur einzutauchen. Als Zuschauer verfolgt man eine märchenhafte Fahrt durch den Schnee, die mit Rückprojektion gefilmt wurde. Es ist die Realität, die sich einer Frau wie Angel anpassen muss, anders herum ist es nicht denkbar. Doch die Realität ist für eine Freidenkerin und Träumerin wie Angel nicht bereit.

Wo also nun positioniert sich Das Schmuckstück in Bezug auf diese Filme? Während Angel zunächst zwar frei erscheint, dann trotzdem zur Gefangenen wird, können sich dagegen die 8 Frauen erst in Isolation und nach Wegbruch der männlichen Vorherrschaft entfalten. Suzanne Pujol (Catherine Deneuve) lebt anscheinend ähnlich wie Angel in einer Scheinwelt. Sie ist dauerfröhlich, füllt ihren Alltag mit eigentlich Sinnlosem aus und begegnet beim Joggen im Wald einer Menge von Tieren, wie man sie gewöhnlich in Disneyfilmen vorfindet. Es wird klar – diese Frau ist glücklich, weil sie beschlossen hat, glücklich zu sein. Die Oberfläche ist es also, die ihr Dasein zu Beginn dominiert. Bei allen drei Filmen ist die Art der Verwendung des Stils einer vergangenen Epoche gemeinsam. Die Stilelemente werden so pur dargestellt, dass es überzeichnet wirkt, und dies mit dem Zweck, die Künstlichkeit bestimmter Vorstellungen herauszustellen.

So ist die poppige Siebziger-Jahre-Schrift, der Splitscreen und Suzannes knallroter Adidas-Jogginanzug, die Das Schmuckstück eröffnen, derart rein, dass sie nicht anders können, als Suzannes Selbstbetrug zu unterstreichen. Darüber hinaus ist es das Jahr 1977 und die Strukturen sind längst nicht mehr so gefestigt wie in den 50ern oder davor. Gesellschaftliche Umwälzungen und der Niedergang der Hochphase, die nach dem Wiederaufbau nach dem  zweiten Weltkrieg führte, sind deutlich spürbar. Auch die klassische Rollenverteilung wird mehr und mehr aufgelöst. Das Leben, das Suzanne lebt, ist für eine jüngere Generation nicht mehr vorstellbar – so sagt ihr die eigene Tochter ins Gesicht, dass sie niemals so werden wolle wie sie –, nämlich ein Schmuckstück. Suzannes Hausfrauendasein an der Seite ihres herrischen Mannes Robert (Fabrice Luchini) findet dann ein jähes Ende, als dieser einen Herzinfarkt erleidet, weil er sich über einen Streik in der Regenschirmfabrik, die er von Suzannes Vater übernommen hat, übermäßig aufregt. Robert muss sofort in Kur und es gibt niemanden, der seine Stelle einnehmen kann – da fällt die Wahl auf Suzanne. Und sie rettet die Firma. Doch nein, ganz so platt geht die Geschichte nicht weiter.  

Ozon versteht es ein weiteres Mal, eine Figur innerhalb ihrer Klischees erstaunlich unerwartet handeln zu lassen. Weder schlägt sich die gutmütige Suzanne auf die Seite der Arbeiter, noch führt sie das Regiment ihres Mannes fort. Und noch vielmehr Facetten ihrer Person tun sich im Verlauf des Films auf. Da ist die lang zurückliegende Affäre mit dem kommunistischen Bürgermeister Maurice (Gérard Depardieu), deren Auffrischung dann doch ganz anders verläuft als gedacht. Auch die Beziehung zu ihren Kindern, die sie, wie vieles andere, viel eher versteht als diese sich selbst. Am Ende ruft sogar die Politik nach Suzanne, so wird sie auch in der Filmhandlung die Gallionsfigur eines Umschwungs, gerade was die Rolle der Frau anbetrifft. Ozon macht sie zur „Maman“ für alle, die sich nach Veränderung sehnen. Dabei ist sie aber keineswegs eine unschuldige Märtyrerin.
So sehr es auch der Filmstil womöglich zunächst weißzumachen scheint,  keine der Frauen in Angel, 8 Frauen oder Das Schmuckstück ist oberflächlich oder die bloße Verkörperung eines Klischees. Suzanne aber gelingt es, wie zuvor wohl noch keiner anderen Frau in Ozons Filmen, die Emanzipation.
Das Spannendste in den Extras sind die in dem Making Of und den verpatzten Szenen vermittelten Eindrücke davon, was es bedeuten kann, mit zwei legendären Schauspielgrößen einen Film zu drehen. 

Das Schmuckstück – Pressespiegel bei film-zeit.de

Das Schmuckstück
R: Francois Ozon
B: Francois Ozon nach dem Bühnenstück von Pierre Barillet, Jean-Pierre Grédy
K: Francois Ozon
D: Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Fabrice Luchini, Karin Viard, Judith Godrèche, Jérémie Renier
Frankreich 2010, 103 Min.
Concorde Home Entertainement
Bildformat: 1,85:1
Sprachen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Making Of, Verpatzte Szenen, Kostümproben, 70er Jahre-Teaser, Dt. und Original Kinotrailer
Veröffentlichung: 8.9.2011
FSK: 6