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| Centrifuge Brain Project |
Das Kurzfilmprogramm in Münster zu vermeiden, ist eine durchweg schlechte Idee. Es füllt ungefähr die Hälfte der Vorführungen und ist vermutlich sogar besser besucht als die Langfilmsektionen – allein die große Anzahl der eingeladenen Kurzfilmregisseure und ihrer Beiträge schafft eine solide Basis für ein Stammpublikum, das die Spielfilmsektion nicht hat. Als Kompromiss zwischen Vorurteilen, persönlichem Interesse und einer gewissen Verpflichtung gegenüber diesem Schwerpunkt des Festivals besuchte ich am Samstag die Spätvorstellung „Die besten nochmal zum Schluss“. Der deutschsprachige Kurzfilmwettbewerb kommt mit zwei urteilenden Instanzen, denn zusätzlich zu den Entscheidungen der Jury gibt es noch einen Publikumspreis, der den Machern die Gelegenheit gibt, anhand der Zuschauerstimmen diese zusätzliche, publikumsnahe Vorführung anzubieten.
Erwartet habe ich natürlich nur Filme, die durch eine Idee oder eine Pointe jedem schmackhaft werden – und es gab solche. Die Pointe kam mit Break-up, in welchem Christian Knie uns zeigt, wie man sich von seiner Freundin trennt. Mit Break-Up bewarb sich Knie bei der Münchner Akademie und wurde angenommen. Dass dieses Kurzfilmmodell eher im Bereich der Vorurteile liegt und vielleicht ganz am Anfang des Berufswegs als Filmemacher, zeigt nicht nur die Tatsache, dass es keine anderen Filme dieser Art im Block gab, sondern auch, dass anders strukturierte Filme allgemein besser auf das Publikum gewirkt haben.
Ein um eine einzige Idee konstruiertes Konzept, das sich sehr gut bewährt hat, hatte meiner Meinung nach der unterhaltsamste Kurzfilm des Abends, The Centrifuge Brain Project, ein als Reportage getarnter Exkurs ins Irrwitzige. Ausgehend von der ebenso abstrusen Theorie, dass Menschen mehr denken während sie geschleudert werden, wird ein Szenario für das krampfhafte Lachen um einen alternden Wissenschaftler und absurd upgegradete Vergnügunsgparks erschaffen. Mehr zum Film und zum Macher Till Nowak findet sich auf framebox.com.
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| Vatermutterkind |
Etwas länger fielen die restlichen Filme aus dem Block aus, und entsprechend anders sehen ihre Strukturen und thematischen Schwerpunkte aus. Eine der intensivsten Erfahrungen des Festivals war Daniel Karl Krauses 39-minütiger Vatermutterkind, ein satirischer Kommentar zur stilisierten Prenzlauer-Berg-Szene der junggebliebenen Mittdreißiger. Die Tochter, der die Erzählerperspektive gehört, ist nicht nur Accessoire der Eltern, sondern wird dem dramaturgischen Konflikt willens auch zum Objekt des Films. Das wäre auch das einzige Manko dieses seinen Production Value in jeder Einstellung ausstellenden Films, denn dramaturgisch bewegt er sich genau auf dem schmalen Grat, der ihn zum Geheimtipp macht: Der Konflikt des Films, zwischen Familie, bürgerlichen Werten und Gefühlen einerseits und dem hippen, stylischen Antispießertum andererseits, ist dermaßen ausgewogen geschrieben und intensiv inszeniert, dass der Zuschauer selbst durch seine Position zum Film eine Position zwischen den Parteien des inhaltlichen Konflikts einnehmen muss. Ein Film also, der uns fragt, ob wir Boheme oder Spießer sind und uns daran erinnert, dass es diesen Konflikt in einem gewissen Anteil in jedem von uns gibt.
Leonids Geschichte von Rainer Ludwigs braucht keine dramaturgischen Kniffe, um als bedeutsam zu gelten, handelt die titelgebende Geschichte doch von den Zeiten um das Tschernobyl-Desaster. Die sanften Wasserfarben, aus welchen die Welt zur Geschichte erschaffen wird, die darauf gekritzelten Männlein, die ihre Vergänglichkeit schon in ihrer grafischen Form ankündigen, gepaart mit einigen Fotos aus der Zeit, oder als Kollage zusammengeklebt, bilden die passende, sehr stimmungsvolle Kulisse für eine sehr persönliche Geschichte über ein Regime und die Menschen, die darunter einst lebten.
Dazu gab es noch Philipp von Fabian Möhrke – einige Tage aus dem Leben eines Teenies, der zu viel Zuneigung und Verständnis von allen Seiten bekommt und zu wenig davon empfangen oder zurückgeben kann. Ein Film, der das Beste aus seinen Figuren zu machen versucht, in welchem jede dritte Zeile zu einem meist funktionierendem Gag wird, so dass ein unangenehmes, starres Tempo um die Komik entsteht. Bestenfalls eine eher uninspirierte Visitenkarte für das Fernsehgeschäft.
Die Kurzfilme sorgten für einen wunderbaren Abend, der mir vor allem eins in Erinnerung brachte, vielleicht das Wichtigste: Wir schauen uns Filme an, weil sie uns unterhalten, weil sie Spaß machen. Und wenn sie dies nicht schaffen, dann sind sie schlecht.



