Johnny English – Jetzt erst recht


Rowan Atkinson ist Johnny English

Nach Sigmund Freud entsteht die Komik des Naiven dann, wenn eine Person sich mittels ihrer Rede oder ihrer Handlungen über eine allgemein geteilte Hemmschwelle hinwegsetzt, da diese bei der naiven Person nicht vorhanden ist. Beim Betrachter, der auf Grund selbiger Hemmungen niemals in der Lage wäre ähnliches zu leisten, sorgt das Zusehen allerdings dafür, dass die Energie, die sonst zur Aufrechterhaltung der Hemmung benötigt wird, für den Moment nicht mehr notwendig ist, überflüssig wird und durch ein wohltuendes Lachen abgeführt werden kann. Die Freud’sche These scheint durch die bloße Fülle von Komödien – ob filmisch, literarisch oder dramatisch – bestätigt zu sein, die auf diesen Mechanismus setzen: Der komische Held bzw. die komische Heldin stolpert von einem Fettnäpfchen ins nächste und benimmt sich stets derart infantil, dass es zu ständigen Missgeschicken kommt, über welche die Zuschauer herzlich lachen können. Bedingung hierfür ist ein Hineinversetzen in die beobachtete Person, das ermöglicht, den Aufwand, den man selbst leisten muss, um sich an die kulturell geteilten Hemmschwellen zu halten, mit dem mangelnden Aufwand der anderen Person zu vergleichen.

Was passiert aber, wenn die beobachtete Person sich derart infantil-naiv verhält, dass man den Unterschied nicht mehr im wahrsten Sinne des Wortes weglachen kann? Man wird in einen Abgrund gezogen und verspürt nicht mehr Lust, sondern Unbehagen, dass bis zur Empörung oder Verzweiflung führen kann. Alle Komik ist dahin (dies wäre möglicherweise eine Beschreibung für das Phänomen des sogenannten Fremdschämens).

Am 6. Oktober startet Johnny English – Jetzt erst recht, die Fortsetzung der Agentenkomödie Johnny English von 2003, in den deutschen Kinos. Ein zweites Mal schlüpft Rowan Atkinson – besser bekannt durch die Figur des Mr. Bean – in die Rolle des titelgebenden Helden, eines Geheimagenten Ihrer Majestät. Atkinsons Komik beruhte schon immer darauf, dass er als naiver Charakter von einem Fettnäpfchen ins nächste sprang, womit er zweifelsohne äußerst erfolgreich war, den Zuschauer aber auch zur Verzweiflung treiben konnte – eine Rolle, die Atkinson (möglicherweise selbstironisch?) in Tatsächlich… Liebe (2003) auf die Spitze trieb, indem er als extrem langsamer Verkäufer den armen Alan Rickman beinahe wahnsinnig machte. Anders gesagt, die Figur des ewig grimassierenden Trottels, der noch in jeder Situation das Falsche macht, kann dem Zuschauer schwer auf die Nerven gehen.

Wie schon der erste Teil ist auch Johnny English – Jetzt erst recht eine James Bond-Parodie und setzt darauf, den tollpatschigen Agenten auf einen brisanten Fall loszulassen, der die (inter)nationale Sicherheit bedroht. Erfolgreich ist der Film von Regisseur Oliver Parker dabei allerdings nicht.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Nachdem ein Einsatz in Mosambik vor acht Jahren fürchterlich schief ging, hat sich Johnny English – wie es ein seelisch verletzter Actionheld eben so macht – in ein Kloster in Tibet zurückgezogen. Aus Mangel an Alternativen wird er jedoch vom britischen Geheimdienst MI7 reaktiviert und zusammen mit seinem wortwörtlichen Juniorpartner (Daniel Kaluuya) auf eine Mission nach Hong Kong geschickt. Dort soll er einen ehemaligen CIA-Agenten aufspüren, der behauptet Informationen über die geplante Ermordung des chinesischen Premierministers zu haben. Zwar wird der Informant von einer mysteriösen Killerin ermordet bevor er von der Verschwörung berichten kann, doch erfährt English noch von der Existenz einer Gruppe namens Vortex, welche das Attentat durchführen will. Zurück in England, stellt sich bald heraus, dass auch im MI7 ein Maulwurf sitzt und dass Vortex bereits in Mosambik zu Gange war. Schließlich gerät English selbst unter Verdacht und muss untertauchen. Nur sein Partner und die Verhaltenspsychologin Kate Sumner (Rosamund Pike) halten zu ihm.

Im weiteren Verlauf des Films liefert sich English in einem Hochgeschwindigkeitsrollstuhl eine Verfolgungsjagd mit der Londoner Polizei, kommt Kate Sumner immer näher und muss schließlich in eine schwerbewachte Festung in der Schweiz eindringen, wo der chinesische mit dem englischen Premierminister spricht – und in der die Verschwörer auch nicht weit sind.

Rosamund Pike ist Kate Sumner

Es ist nun offensichtlich, dass der Film eine Parodie der James Bond-Reihe ist, also muss er sich daran messen lassen, ob es ihm gelingt die Filme auf eine lustige und doch respekt- und liebevolle Art und Weise auf die Schippe zu nehmen. Letztendlich lässt sich das aber nicht behaupten. Das Hauptproblem sind die Charaktere: Während eine gelungene Parodie die Vorlagen des Originals nimmt und deren Eigenschaften zum Komischen hin verändert – beispielsweise durch eine leichte Überzeichnung gewisser Charakterzüge –, sind die Figuren in Johnny English – Jetzt erst recht mehr oder weniger bloße Kopien der Charaktere, die man auch in einem James Bond-Film finden könnte. Ihre Komik entwickelt sich nicht aus ihnen selbst heraus, sondern wird ihnen bloß äußerlich übergestülpt. Dies lässt sich an Englishs neuer Chefin Pegasus (Gillian Anderson) verdeutlichen: Sie hat in seiner Abwesenheit ein neues, politisch korrektes Regime im MI7 eingeführt und rügt ihn für seine frauenfeindlichen, machohaften Allüren. Dies fügt zu M (Judi Dench), seit Goldeneye die Chefin des weitaus berühmteren britischen Agenten, nichts Neues hinzu und macht die Figur so nicht aus sich selbst heraus komisch. Wenn die Figur lustig sein soll, dann beispielsweise, wenn man sieht, dass ihre Tochter im Nebenzimmer der Geheimdienstzentrale Kindergeburtstag feiert – und woraus soll hier überhaupt die Komik entstehen? Dass sie eine berufstätige Mutter ist? Auch Patch Quartermain (Tim McInnerny), der die Rolle des Tüftlers einnimt, der für die Herstellung von Gadgets verantwortlich ist, fügt John Cleeses Darstellung des Q, die letztlich auch schon eine Art Parodie des „Originals“ (Desmond Llewelyn) ist, nicht viel Komisches hinzu.

Wie Michael Fleig bei critic.de feststellt, gilt dies nicht nur für die Charaktere, sonden auch für Plot und Inszenierung der Gags. Natürlich bedienen sich die Macher der üblichen Formel – ein vertrottelter, sich jedoch überschätzender Held gerät in gefährliche Situationen und agiert jeweils völlig falsch –, die andere Komödien schon oft, oft zumal weitaus besser genutzt haben. Fleig verweist auf Blake EdwardsInspector Clouseau oder Die nackte Kanone mit Leslie Nielsen. Auch der Plot folgt natürlich dem für Agentenfilme üblichen Muster, dass eine Gruppe von Verschwörern etwas plant, das die Welt ins Chaos zu stürzen droht und vom Agenten verhindert werden muss. Leider bleiben hier die Motive der Verschwörer – einem Trio aus abtrünnigen CIA, MI7 und KGB-Agenten – vollkommen unklar. Warum sie den chinesischen Premier beseitigen wollen wird nicht genannt. Zwar wird erwähnt, dass dieser „pro-westlich“ sei und die Briten hoffen, ihn zur Zusammenarbeit gegen „Schurkenstaaten“, die den Besitz von Atomwaffen anstreben, zu bewegen, aber was die Verschwörer von Vortex mit dem Attentat genau erhoffen, ist nicht ersichtlich. Man könnte bloß spekulieren, dass sie es tun wollen, weil sie es können, weil sie die Omnipotenz des Superschurken genießen wollen – und weil sie, wie die Macher von Johnny English – Jetzt erst recht, andere Agentenfilme gesehen haben, das Ganze nachmachen wollen, aber nicht wissen, wie sie es anders und besser machen könnten.

Dominic West ist Agent One

All dies heißt nicht, dass der Film produktionstechnisch nicht überzeugen könnte oder die schauspielerischen Leistungen schlecht wären. In Bild und Ton ist der Film durchaus mit „ernsthaften“ Agentenfilmen zu vergleichen und versammelt dazu ein Arsenal an relativ bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern: Neben Atkinson, Anderson und Pike ist Dominic West – besser bekannt als Jimmy McNulty aus der großartigen Serie The Wire – als Agent One, Englishs alter Partner, mit von der Partie. Wie gesagt, leidet der Film eben nicht an der Produktion, sondern am uninspirierten Drehbuch, an den eindimensionalen Charakteren und dem Mangel an Originalität.

Dabei gibt es auch einige gelungene Gags. So hat beispielsweise der MI7 seine Namensrechte an die Firma Toshiba verkauft und nennt sich Toshiba British Intelligence. Später im Film springt English, wie einst James Bond in Der Spion, der mich liebte (1977), heldenhaft von einer Klippe und öffnet einen Fallschirm. Statt des Union Jacks sieht man nun erneut Werbung für Toshiba. Fleig liest diesen Gag als Kritik am product placement, das in den Bond-Filmen allgegenwärtig ist. Das mag zutreffen, doch wird andererseits der Dienstwagen Englishs, ein Rolls Royce, derart in Szene gesetzt, dass die im Witz enthaltene Kritik dadurch geschwächt wird.

Johnny English – Jetzt erst recht ist also kein guter Film. Fans von Atkinson mögen zwar mehr oder weniger auf ihre Kosten kommen, aber für alle anderen bietet der Film zu wenig Originelles. Trotzdem lacht man öfter als es einem lieb ist – und das auch bei den schlechten, schon oft gesehenen Witzen. Vielleicht muss man hier neben Freud den französischen Philosophen Henri Bergson zu Rate ziehen. Dieser beschreibt in seiner Abhandlung über Das Lachen (1900), dass wir dann lachen, wenn uns etwas eigentlich Lebendiges als von mechanischen Gesetzen beherrscht vorkommt, wenn Menschen wie Maschinen handeln und dies immer wieder tun. Man muss nicht Bergsons Lebensphilosophie teilen, um zuzustimmen, dass uns eine Person, die wie eine Marionette von äußeren Kräften gesteuert ständig wieder die gleichen Dummheiten macht, zum Lachen bringt. Allerdings würde auch hier die Frage offenbleiben, wann der Punkt erreicht ist, an dem selbst die mechanische Wiederholung von Missgeschick und Torheit eine Grenze erreicht, an dem der Zuschauer gesättigt ist. Johnny English – Jetzt erst recht erreicht diesen Punkt. Man mag also zwar nachvollziehen können, warum man auch bei schlechten Witzen lacht, doch darf dieses Lachen nicht missverstanden werden als Bestätigung, dass der Film doch gelungen sei.

Johnny English – Jetzt erst recht – Pressespiegel bei film-zeit.de

Johnny English – Jetzt erst recht / Johnny English Reborn
R: Oliver Parker
B: Hamish McColl
K: Danny Cohen
D: Rowan Atkinson, Gillian Anderson, Rosamund Pike, Dominic West, Daniel Kaluuya
USA, Frankreich, GB, 2011, 101 Min.
Universal Pictures
Kinostart: 06.10.2011
FSK: 6

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