Restless
Restless, eine schwarze Liebeskomödie mit Jugendlichen aus Hollywood, die versucht auf den eigentlich schon abgefahrenen Zug von Indiewood aufzuspringen, von Regisseur Gus Van Sant. Der Gus Van Sant, der frühen Ruhm als Vertreter des amerikanischen New Queer Cinema erlangte. Mit seinem Debut Mala Noche und dem inzwischen Kultstatus erlangten My Own Private Idaho. Beide suchen die Nähe zu Figuren aus dem Milieu schwuler Stricher in Van Sants Heimatstadt Portland, in der auch Restless angesiedelt ist. Der Gus Van Sant, der großartige aber schwierige Filme wie Drugstore Cowboy und vor allem Even Cowgirls Get The Blues im amerikanischen Independent schuf. Letzterer wird bis heute von der Kritik verschmäht, ist kaum zugänglich geschweige denn unterhaltsam, besticht aber durch sich aufdrängende feministische Lesarten und eine absolute Dekonstruktion patriarchal geprägter Western- und Roadmovie-Bilder. Ohnehin sind alle diese vier ersten Feautures knallharte Dekonstruktionen des ultra-amerikanischen Genres Roadmovie. Der Regisseur ist auch der Gus Van Sant, der neben seinen Kinofilmen, deren Casting-Genialität im "Independent" höchstens noch von einem Tarantino oder Jarmusch überboten wird, Musikvideos für die Red Hot Chili Peppers drehte und Kurzfilme mit Persönlichkeiten wie Allen Ginsberg oder William S. Borroughs. Der Gus Van Sant, der ab 94 auch Hollywoodfilme drehte, die formal sehr stringent sind und Zuschauererwartungen erfüllen, ihr jeweiliges Genre mit dem dazugehörigen Ende aber mit einer guten Portion Hoffnungslosigkeit ausstatten. Van Sants pessimistisches Menschenbild arbeitet sich häufig über die Medienwelt ab und weist über scheinbare Happy Ends hinaus auf einen Teufelskreis, dem niemand entfliehen wird. Van Sant ist auch jener Künstler, der Psycho drehte. Wo Hitchcock-Remake draufsteht ist eine Einstellung-für-Einstellung-Kopie mit anderen Schauspielern drin. Was das soll, darüber kann man streiten, aber es gehört ebenso untrennbar zu dem schwer einordbaren Filmemacher, wie die von Kritikern völlig zu Recht immer noch als ein Meilenstein der 00er-Jahre (wenn nicht sogar der gesamten amerikanischen Filmgeschichte -siehe Larry Gross) gefeierte Todes-Trilogie. Ein sehr variantenreiches Ouevre vorweisen zu können ist für einen der großen zeitgenössischen Auteurs nicht wirklich etwas Besonderes. Aber ein derart Kantiges zu erschaffen, das von perfektem (Schein-) Wohlfühlmainstream bis zum völlig unverständlichem Experimentalfilm alles beeinhaltet und darin doch einen wiedererkennbaren, einheitlichen Stil wahrt, das ist schon höchst bemerkenswert. Wenn der formale Stil auch je nach Zielgruppe thesenartig zugespitzt werden kann, so ist die Vorgehensweise und das Weltbild immer wieder zu erkennen. Wie bereits erwähnt, ist dies insbesondere das Casting, das die Musik macht, insbesondere im weniger freien Hollywoodfilm mit externen Drehbüchern. Wie zum Beispiel in Restless.
Der Film ist Dennis Hopper gewidmet, der sich ebenfalls zwischen Mainstream und Independent bewegen konnte und ist mit dessen Sohn Henry Hopper in der Hauptrolle besetzt. Mögliche daraus resultierende, rein formal erkennbare These: Indiewood steht in der Tradition von Hollywoodfilmen wie Rebel without a cause, die zwar Mainstream waren (und dies vor allem heute sind!) aber mit andersartigen Gedanken versehen wurden von Außenseitern Hollywoods. Die Eltern des Protagonisten sind, wie Henry Hoppers Vater, ebenfalls tot. Ist Junior besetzt, weil es seine erste größere Rolle ist und die Dopplung es ihm erleichtern soll zu spielen? Oder wird dadurch und durch die Handlung, dass Beerdigungen von Fremden besucht werden, ebenfalls etwas über die Filmlandschaft ausgesagt, in der sich Restless verorten lässt? Die Vorbilder sind tot, die Filme, die Hollywood machen sollte, werden nicht mehr gemacht. Statt echter Trauer bleiben nur noch Ersatzveranstaltungen. Wer eigentlich trauern sollte, dem bleibt nichts weiter übrig, als diese zu besuchen. Van Sant, der, wenn er in Hollywood dreht, gute, kritische Unterhaltung wie To Die For oder Good Will Hunting machen sollte, oder ehrerbietende Experimente wie Psycho, oder wenn Biopic mit Milk, dann aus seiner Außenseiter-Rolle heraus, kann diese Filme anscheinend nicht mehr machen. Oder konnte es zumindest in diesem Fall nicht. Restless kommt sehr schwerfällig daher, mit dem Zwang zu Originalität. Nette Ideen wie der japanische Geist eines Kamikaze-Fliegers aus dem zweiten Weltkrieg, der nicht für alle sichtbar ist, werden ganz in den Dienst einer platten Figurenpsychologie, noch unlustigeren „süßen“ Witzen und einer endgültig enttäuschenden Moral geopfert, die von vorne bis hinten absehbar ist. Aber dennoch: Van Sant bewegt sich weiter auf den üblichen Feldern des Außenseitertums und des Todes mitsamt seiner Symboliken. Nur dass ihm diesmal seine Figuren spürbar nicht am Herzen liegen. Ebenso scheint es mit dem Film zu sein. Restless ist für sich genommen ein schlechter Film. Er fügt sich damit nahtlos in das unangenehme, nicht immer erfreuliche, nur für die, die bereit sind Unbefriediegendes befriedigend zu rezipieren, befriedigende Ouevre Van Sants ein. Für "wahre" Außenseiter dürften so einige Filme Hollywoods über Außenseiter zutiefst nerv tötend sein. Gus Van Sant tut gut daran und hat ein Anrecht darauf, zu zeigen, wie tot Indiewood ist. Restless mag nicht dessen Beerdigung gewesen sein, aber ein deutlich ausgestellter Totenschein.
Restless-Pressespiegel auf film-zeit.de
Restless
R.: Gus Van Sant
B.: Jason Lew
K.: Harris Savides
D.: Henry Hopper, Mia Wasikowska, Ryô Kase, Schuyler Fisk, Jane Adams, Lusia Strus, Chin Han, Kyle Leatherberry, Victor Morris, Jesse Henderson
USA / Großbritannien 2011, 91 Minuten
Sony
Kinostart: 13. 10. 2011
Restless
2011-10-19T20:01:00+02:00
Leander Ripchinsky
2011|Coming of Age|Hollywood|Indiewood|Kino|Kritik|Leander Ripchinsky|Liebesgeschichte|Rezension|







