Senna


Es gibt kaum einen Formel 1-Rennfahrer, der mit dem Brasilianer Ayrton Senna vergleichbar ist. 1994 starb der damals erst 34 Jahre alte Brasilianer an den Folgen eines Unfalls, dessen Ursache bis heute nicht ganz geklärt ist. Die mysteriösen Umstände und die Plötzlichkeit, mit der Senna genauso wieder verschwand, wie er Mitte der 80er Jahre gekommen war, liefern natürlich Stoff für Legenden. In Senna hat Asif Kapadia aus zuvor unveröffentlichem Filmmaterial nun ein filmisches Denkmal für die Rennfahrerlegende konstruiert, die jetzt auf DVD erschienen ist.

Sennas Unfall war der seines Landsmannes Rubens Barrichello und der Roland Ratzenbergers vorausgegangen, letztere mit tödlichem Ausgang. Im Film werden beide Unfälle zu einem bösen Omen ausgearbeitet, das durch die Probleme mit Sennas Wagen, dem von Team Williams-Renault, zusätzliche Gewichtung findet. Dem dramaturgischen Zusammenschluss am Ende gehen die wichtigsten Stationen in Sennas Karriere voraus und kulminieren in einer Sinnsuche nach Gott, indem sich die Frage stellt, welches Opfer man für einen Sieg einbringen sollte. Lohnt es sich gar, für einen Sieg sein Leben zu riskieren? Im Film sehen wir seinen Hauptrivalen Alain Prost einen Kommentar zu Sennas teils rücksichtslosem Rennverhalten geben: “Ayrton hat ein Problem, und zwar dass er glaubt, nichts könne ihn umbringen, weil er an Gott glaubt.”

Natürlich wäre es Unsinn zu behaupten, Senna sei ein selbstmörderischer Draufgänger gewesen. Für Senna jedoch ist das Siegen eine Frage des Prinzips. Er will nicht um jeden Preis gewinnen, aber dennoch alles dafür geben. Das ist es, was ihn von Prost unterscheidet, welcher wegen seines Kalküls auch “Der Professor” genannt wird. Und wie sehr sich dieser mehr noch vor Sennas Glauben, als vor ihm selber fürchtet, wird im Bonusmaterial (s.u.) der DVD offensichtlich. Dort gibt er im Interview zu, wie stark er sich vor der Tatsache fürchtet, dass sein Gegner sich so religiös gibt. Damit bietet Senna trotz der vielen Zutaten, die normalerweise typisch für Hollywoodkino wären, etwas mehr als einen charismatischen Helden, einen düsteren Antagonisten und einer Liebesgeschichte mittendrin. Gerade heutzutage, wo das Misstrauen gegenüber Religion größer ist als noch vor gut 20 Jahren, beeindruckt die von Senna gelebte Philosophie. Beispielsweise verkörpern die Momente, in denen dieser vor Glück euphorisch ist und wie besessen Gott für seine Siege dankt, Augenblicke großer Authentizität.

Den Hauptteil des Films macht die Rivalität des, zunächst zum selben Team gehörenden, Gespanns Senna/Prost aus. Die – nach dem Kontinuitätsprinzip zusammengeschnittenen – Archivaufnahmen folgen dabei einem klassisch-dramaturgischen Spannungsbogen. Ayrton Senna wandelt sich dabei vom naiven Helden, der seine Heimat verlässt um Ruhm heim zu bringen, zum Kenner der Formel 1-Politik und schließlich zum dreifachen Weltmeister. Alain Prost, der sich im Gegensatz zu Senna persönlich aus dem Off heraus melden kann, wirkt in den Archivbildern sichtlich angespannt neben seinem neuen Teamkollegen. Es dauert nicht mehr lange, bis sich der (dramaturgisch) unvermeidliche Zwist zwischen dem Newcomer und dem erfolgsverwöhnten Champion entfacht: Nach einem Unfall bei dem Zusammenstoß der beiden kommentiert Prost, er hätte in jenem Moment Senna am liebsten ins Gesicht geschlagen. Die Abwesenheit Sennas auf der tonalen Meta-Ebene kommt seiner Unnahbarkeit zugute. Nur in einem Moment bricht er aus dieser emotionalen Unnahbarkeit heraus, und zwar als er bei einem Wutanfall über die Ungerechtigkeit der Formel 1-Politik, die ihn seinen Titel gekostet hat, aufgebracht während einer Besprechung den Raum verlässt. Gegen Ende überträgt sich der Druck auch auf Ayrton Senna selber. Nur kurz wird hier ein damals neuer Pilot und zukünftiger Formel 1-Star vorgestellt. Michael Schumacher, der in seinem Benetton-Ford an die Spitze drängt, versetzt Senna gegen Ende in die selbe Position wie seinen Widersacher vor ihm. Somit schließt sich der Kreis wieder.

Die 2-Disc-Special-Edition bietet neben einigen obligatorischen Trailern erstaunlich viel Zusatzmaterial für eine Doku, die vom Umfang eine zusätzliche Disc rechtfertigt. In Interviews kommen die Sprecher des Films noch einmal zu Wort und rekapitulieren die Ereignisse aus dem Film und die Beziehungen Ayrton Sennas während seiner Formel 1-Karriere. Zusätzlich geben Heimvideoaufnahmen einen weiteren intimen Einblick in das Privatleben einer Legende. Dabei sind die Aufnahmen, wie auch die im Film selber, von erstaunlich guter Qualität, bedenkt man ihr Alter und ihre Amateurherkunft. Zusätzlich findet sich ein “verloren gegangenes” Radiointerview (ohne Bild) auf der Bonus-Disc.

SennaPressespiegel auf film-zeit.de

OT: Senna
R: Asif Kapadia
P: James Gay-Rees, Tim Bevan, Eric Fellner
Großbritannien, USA und Frankreich 2010, 101 Min.

Universal Home Entertainment

Veröffentlichung: 15.09.2011
Bildformat: 1.85:1
Sprache: Englisch und Portugiesisch 5.1. DD
Untertitel: D, GB, E, NL, P, RO, SLO, IS, KR, CZ, TR, H, Arab, BUL
Extras: Audiokommentar, Radiointerview, Interviews, Home Videos, Trailer
FSK: ab 6 Jahre