Bereits in der Besprechung zu Joe Cornishs gelungener Horror-/Sci-Fi-Komödie Attack the Block kam die aktuelle Tendenz des britischen Kinos zu sozialrealistischen Stoffen zur Sprache. Wo Cornishs Film Standards britischer Milieudramen sprengt, bleibt Paddy Considines eindrucksvoller Debütfilm Tyrannosaur den Konventionen des Genres oberflächlich treu, ist jedoch nicht minder eigenständig. Zugegeben: Der Film schlägt mit einer grobschlächtigen Hauptfigur, beladen mit psychischen Problemen und mit Hang zur Gewalt, ausgestattet mit Jogginghose und häufig betrunken in der Stammkneipe, nicht gerade eine neue Richtung ein.
Trotz dieser Ausrichtung, die derzeit gerade von der Kritik nicht selten genervt aufgenommen wird, konnte der Film mittlerweile ein beachtliches internationales Renommee aufbauen. Beginnend bei seiner Weltpremiere in Sundance, wo der Regisseur und die beiden Hauptdarsteller Hauptpreise erhielten, bahnte sich Considines Geschichte unter anderem den Weg nach Rotterdam, er war in Toronto zu sehen, in Karlovy Vary, bei weiteren großen, nicht nur englischsprachigen Festivals, dann erstmals in Deutschland beim Filmfest München, wo er direkt ein weiteres Mal ausgezeichnet wurde. Auch in Tokio wird er im Oktober zu Gast sein. Erfreulicherweise gelten viele Festivals heute noch immer als Qualitätsindikator und so regte der Film hierzulande das ehemalige DVD-Label Kino Kontrovers an, nicht nur wieder aus der Versenkung zu erscheinen, sondern uns auch erstmals als Verleih den Kinostart von Tyrannosaur zu bescheren. Gleich ein doppelter Grund zur Freude.
Der Film bewegt sich zwar auf bekannten Pfaden, erweist sich jedoch als große Bereicherung für die Kinolandschaft und eine treffende Wahl des Labels für eine Rückkehr. Denn Tyrannosaur erforscht ganz im Sinne von Kino Kontrovers emotionale Grenzbereiche und zieht die nötigen formalen Register, um ein sehr stimmiges Gesamtkonzept zu schaffen. Zuvor veröffentlichte das Label als DVD-Editionen etwa Irreversible, Ex Drummer, A Hole in My Heart, Ken Park oder Twentynine Palms und somit einige der formal und inhaltlich stringentesten Vertreter der grenzüberschreitenden Films der letzten Dekade. Tyrannosaur weißt inhaltlich einen ähnlichen Mut zum Wagnis auf und erfordert große Bereitschaft vom Zuschauer, sich auf eine aufreibende Erfahrung einzulassen. Ästhetisch zeigt er sich dabei weniger markant als die zuvor genannten Titel, ist jedoch keineswegs weniger ausgefeilt. Ausgewaschene Farben und eine deutliche Betonung der Figuren heben hervor, was hier zentral ist: weniger ein Milieudrama im klassischen Sinne, als eine sehr genaue Figurenstudie vor einem der denkbar pessimistischsten Hindergründe des Gegenwartskinos. Dabei überrascht Tyrannosaur jedoch letztlich mit seinem unerwartet humoristischen Optimismus.
Die Welt von Joseph (Peter Mullan) und Hannah (Olivia Colman) ist von Aussichtslosigkeit gekennzeichnet und hat sie bereits zu Filmbeginn längst verschlungen, aus eigener Kraft finden sie keine Perspektive mehr, um ihr Leben in eine positive Richtung zu lenken. Joseph ist nach dem Tod seiner Frau, dem emotionalen Zentrum seines Lebens, völlig in sich gekehrt. Seine Trauer und sein Selbsthass lassen sich nicht kompensieren und äußern sich vernichtend im Umgang mit seinen Mitmenschen, immer wieder bricht er in Gewalt aus. Der verbitterte Witwer ist Spielball seines Temperaments und scheint nicht fähig, jemals wieder eine Bindung einzugehen. Hannah hingegen lebt im bürgerlichen Milieu, in einem goldenen Käfig, der nicht minder einschränkend ist als Josephs Schuldkomplexe. An der Seite eines repressiven Ehemannes wird sie vor allem physisch ganz in eine Opferrolle gedrängt und völlig entmündigt. Als Joseph eines grauen Tages nach einem weiteren brutalen Exzess Unterschlupf in dem Geschäft findet, das Hannah betreibt, ist das zunächst reiner Zufall. Nicht jedoch, dass er wiederkommen wird.
Tyrannosaur erinnert daran, dass die Qualität von gutem Schauspiel mitunter gerade darin bestehen kann, im Vertrauten neue Facetten freizulegen, in diesem Fall, das Genreumfeld sogar zu überlagern. Bereits in den ersten Momenten, als Joseph völlig besoffen seinen Hund totschlägt, anschließend nicht fassen kann, zu was er selbst fähig ist, wird klar, dass hier keineswegs soziale Umstände thematisiert werden sollen, sondern dass der Film tiefer geht, dass er sich auf psychologischer Ebene für Gewalt als Ursprung und gleichermaßen als Ausdruck emotionaler Wunden interessiert. Dass bald auch die wunderbar einfühlsam und tragikomisch inszenierte Hoffnung auf Wiedergutmachung, auf Versöhnung Beachtung findet, macht den Film dabei einzigartig. Auch seine Sorgfalt, mit der er die extremen Situationen der Figuren nicht als gegeben nimmt, sondern sie sorgfältig und überlegt verständlich macht, faktisch wie emotional, sogar sinnlich - und natürlich, wie er sie selbst von den Figuren mit einem subtilen Augenzwinkern kommentieren lässt.
Tyrannosaur ist eine sorgsam ausgearbeitete, stimmig inszenierte und durchweg emotionale Tour de Force, die mit großartigen Schauspielleistungen vor Augen führt, dass im Zentrum des Kinos noch immer der Mensch stehen kann (man vergisst es beizeiten). Er erinnert gleichermaßen daran, dass die Liebe im Film weitaus vielfältiger und weitaus reifer präsentiert werden kann, als uns Hollywood glauben machen will. Considine liefert somit einen Film, der als Gegenpol zum abflachenden Unterhaltungs-Zeitgeist hervorragend funktioniert und manchen aktuellen Zuschauer emotional im besten Sinne überfordern wird. Als Untertitel trägt der Film in Deutschland übrigens den Zusatz "eine Liebesgeschichte" - nur zur Sicherheit.
Tyrannosaur - Pressespiegel bei film-zeit.de
Tyrannosaur
R+B: Paddy Considine
K: Erik Wilson
D: Peter Mullan, Olivia Colman, Eddie Marsan, Ned Dennehy, Sally Carman, Samuel Bottomley, Paul Popplewell, Sian Breckin
UK, 2011, 93 Min.
Verleih: Kino Kontrovers / 24 Bilder
Kinostart: 13.10.2011
FSK 16








