Cheyenne – This Must Be The Place


Home is where I want to be
Pick me up and turn me round

So beginnt der titelgebende Song der Talking Heads. Oder war er doch von Arcade Fire, wie von Kinder-Seite aus behauptet wird? Wie das geistige Liedgut David Byrnes heimatlos durch die Popgeschichte wandert und überall seine Spuren zu hinterlassen scheint, so ergeht es in Cheyenne – This Must Be The Place scheinbar allem und allen.

Eine schlechte Nachricht? Keineswegs antwortet Paolo Sorrentinos Film, jener italienische Regisseur, der zuvor mit Consequences of Love und Il Divo in Cannes vertreten war. Ebenfalls einer der herumkommt. Und dabei in all diesen drei Filmen vom gleichen Typ Mann im Zentrum seiner Geschichten erzählt: Schweigsame Einzelgänger, undurchdringlich aber erfolgreich. Um sie herum jeweils ein unterschiedlicher generischer Rahmen. Dieser wird vom Regisseur nicht zwangsläufig dekonstruiert, stattdessen sucht er nach neuen möglichen Formen, die sich aus den Scherben bilden lassen. Und damit arbeitet er ganz im Sinne der Talking Heads, die in ihrer Kunst auch neue Formen suchten, mit der Post-Moderne umzugehen und neue Orte für alte Ausdrücke suchten. Wie die Kunst David Byrnes landet auch This Must Be The Place damit oft bei verschiedenen Facetten von Pathos, Überspitzung und Wiederholung. Sorrentino findet unterwegs in diesem Road Movie Gleichgesinnte noch und nöcher – ohne dabei wirklich sein gewohntes Terrain zu verlassen (Home is where I want to be. But I guess I’m already there; weiß das Lied). Und wie die Musiker auf der Bühne, scheinen auch Sean Penn und Co dabei jede Menge Spaß zu haben.

I feel numb – born with a weak heart
So I guess I must be having fun

Sean Penns Charakter Cheyenne scheint als Ausgangsposition wirklich die Grenzen ausloten zu wollen, von dem was in Hollywood erlaubt ist für einen Protagonisten, der sich „numb fühlt“ – benommen, gefühllos, starr. Dabei scheint dieser Gefühlszustand selbst auferlegt zu sein. Sein gewählter Künstlername Cheyenne verweist auf ein Volk, das seiner Heimat beraubt wurde. Er schminkt sich und frisiert sich nach wie vor wie The Cures Robert Smith und ist damit ganz in einer Pop-Zeit/ Subkultur stecken geblieben, in der die Depression ebenso Accessoire ist, wie der Außenseiter-Name. Man denke nur an die Sängerin Siouxsie Sioux, deren Gittarist Robert Smith vorübergehend war und die, laut eigener Aussage, die Mutter dieses Looks ist. Alles in diesem Film verweist auf Heimat, Herkunft und der Suche danach. Cheyenne reist mit dem Schiff – er leidet unter Flugangst – von seinem Wohnort Dublin in die USA, um seinem jüdischen Vater die letzte Ehre zu erweisen. Offiziell. Eigentlich ist der Tod ein dramaturgisches Element, das Umdrehen von Außen aus der zweiten Liedzeile. Und die folgende Suche nach dem Peiniger des Vaters in Ausschwitz quer durch die USA ist die Art des Films „Spaß“ zu haben. Das Prinzip der Überspitzung in dem, wie Historie verknüpft wird. Pathos in der Rachegeschichte, die erst einmal so gar nicht nach dem skurrilen Protagonisten aussieht. Und Wiederholung in der Art der sonderbaren Begegnungen, die Cheyenne über die ganze Reise hinweg hat. Das klingt vielleicht anmaßend und unverschämt, ist aber im Endergebnis überraschend leicht und witzig, da sich Selbstironie und Ernst die Hand geben.









Cheyenne
glaubt bis zu seiner Odyssee selbst, dass alle Nazis inzwischen tot seien und ist selbst alles andere als ein zorniger Jude. Einen solchen findet er auch – Mordecai Midler (Judd Hirsch), einen legendären Nazijäger. An diesem lässt sich das Prinzip recht gut beobachten. Von der explosionsartigen Komik ausgehend, ernste Themen mit dem dazu unpassenden Cheyenne kollidieren zu lassen, verändert er sich zu Gags, die erste Anzeichen einer „Wir-sind-alle-gleich“ Philosophie erkennen lassen, sich aber immer noch über Missgeschicke amüsieren.Und schließlich wird der Ton ernst und verbindend. Alle Außenseiter hier sehen Verbindungen untereinander. Mordecai Midler und Cheyenne preisen das Leben, in dem die Straße das zu Hause ist und selbst der alte Peiniger des Vaters empfindet Respekt für seine Jäger, die sein Leben zur Hölle machten. In einer dreifach herangefahrenen Abschlussrede – Prinzip Wiederholung – scheint sogar so etwas wie Dankbarkeit für die lebenslange Aufmerksamkeit durch. Dramatik, Ernst und eine gute Portion Kitsch. Bei dieser Umkehrung der Stimmung entsteht lediglich noch sachte Witz, indem Cheyenne als einem von mehreren Running Gags sich die Haarsträhne aus dem Gesicht pustet.

„Irgendetwas ist falsch, aber ich bin mir nicht sicher was es ist.“ Immer wieder taucht dieser Satz auf. Es scheint offensichtlich, dass es die Identität Cheyennes ist, die Art in der er sich inszeniert. Einer modischen Strömung unterworfen bleibt er aus Schuldgefühlen darin verhaftet.Während sein Vater noch einen sich bewegenden Antagonisten hatte, ist Cheyennes Leben leer und oberflächlich. Die Oberflächen sind dennoch derart skurril und reizvoll, dass eine vermeintlich simple Identitätsgeschichte und einige Elemente einer Rachegeschichte zu einem komplexen, rätselhaften und visuell reizvollen Film über eine Sicht der Gegenwart wird. Wenn man denn willens ist, die Zeichen so zu lesen, und über den arg simplifizierenden, vorhersehbaren dramaturgischen Rahmen hinweg zu sehen. „Dankbarkeit ist eine tolle Sache“ meint ein für einen Dialog auftauchender Tattoo-Künstler einmal zu Cheyenne. Seit durch (amerikanische) Bewegungen wie Pop-Art quasi alles Kunst sein kann und, wie Cheyenne bemerkt, niemand mehr wirklich arbeite, macht This Must Be The Place Dankbarkeit als letztendliche Währung aus.

Feet on the ground
Head in the sky
It’s ok, I know nothing’s wrong … nothing

Der kindliche Cheyenne macht nicht seine selbstgewählte Elternlosigkeit verantwortlich, sondern das Schnupfen von Heroin. Nicht gespritzt, weil er Angst vor Spritzen hat. Dies erklärt im Film das dankbare Akzeptieren von Angst. Das Annehmen der Dauer-Depression wird durch die aus ihr erwachsene finanzielle Freiheit erklärt. Allzu sichtbar ist beides freilich nicht unter der Gesichtsmaske, trotz all der häufigen Verbalisierung. Angesichts der Welt, die Sorrentino mit dicken Strichen entwirft, stört die krasse Figurenzeichnung kaum noch, der Kitsch und aufblitzende sehr pathetisch geratene Moment fügen sich wie selbstverständlich ein. Denn in seiner Kreuzung aus Episodenfilm und Road Movie ist alles und jeder irgendwie schräg. Mitten im amerikanischen Hinterland erkennt den gealterten Rockstar ein über und über gepiercter Teenager, gleich darauf fährt ein älterer Mann mit Hitlerbart auf der Ladefläche eines Hängers thronend vorbei. Cheyennes Quasi-Ziehtochter ist eine Mischung aus modernem Gothic/Emo/Punk-Girl und freut sich über 80er-Jahre-Bootlegs. Ein junger irischer Mall-Musiker spricht mit Cheyenne ganz selbstverständlich, als wäre gar nichts an ihm seltsam: Ein Freak zu sein, ist nichts ungewöhnliches mehr, sondern das Normalste der Welt.

Kreaturen wie Cheyenne können funktionale Ehen führen, die nur dem ersten Anschein nach ungewöhnlich sind. Aber, so führt This Must Be The Place herzlich und voller Sympathie für seine Figuren vor, vielleicht liegt das Geheimnis einer glücklichen, lebenslangen Beziehung gerade im Zulassen der Ungewöhnlichkeit. Oder aber zumindest darin, dass eine Hälfte des Paares so wunderbar lebensfroh und ultra-natürlich bleiben kann wie Frances McDormand. Dies stellt neben der Ehedarstellung einen weiteren wunderbaren Punkt des Films dar. Die Ausgefallenheit der Figuren wird nicht als hinausgezögertes Coming-of-Age-Verhalten dargestellt, nicht als Fehler, sondern in der Übertreibung, in der Wiederholung und im Kitsch findet sich eine eigenständige Authentizität, deren augenzwinkernder Charme umwerfend ist. Also weitestgehend. Denn die Sorrentino‘sche Eigenheit, deren Stil sonst kompromisslos seine Filme auf dem Weg zu Ende führt, auf dem er sie beginnen lässt, macht hier dann doch noch ein kleines, aber störendes Zugeständnis.

I love the passing of time
Never for money
Always for love
Cover up say goodnight . . . say goodnight

This Must Be The Place findet seinen eigenen Umgang mit Zeit und erhält diesen aufrecht. Die Darstellung einer 25-jährigen Ehe ist außergewöhnlich. Außergewöhnlich ist auch, mit welcher Selbstverständlichkeit veraltete Kulturen/Weltansichten/Lebensstile im Heute vorgelebt werden, und mit welcher Vehemenz eben deren Veränderung trotz Heldenreise ausgespart ist, weil diese im hier gezeigten Weltbild ausnahmsweise mal keine Weiterentwicklung darstellt und letztere auch nicht als wünschenswert erscheint. Sorrentino bleibt seinen geradezu stoischen Protagonisten treu. Wer Consequences of Love gesehen hat, wird sich an den lange nachwirkenden Abgang des Anti-Helden erinnern. Der Regisseur scheint seine Helden stets so anzunehmen wie sie sind und sie nicht verändern zu wollen. So quer und vor allem unzugänglich sie auch seien, bis auf die letzte Minute von Cheyenne scheint die Haltung Sorrentinos wirklich „Always for Love“ zu sein. Nicht in der letzten und wirklich nur der allerletzten Minute von Cheyenne.

Warum?Ein Hollywoodzugeständnis und das Dilemma der Künstlerwelt, in der sich „Never for Money“ und Erfolg quasi ausschließen? Ein Zwang, Identität letzten Endes doch noch als etwas darzustellen, das sich in Normen weiter entwickeln muss? Oder täuschen die visuellen Reize nur darüber hinweg, dass hier ganz einfach nur die Geschichte eines Mannes erzählt wird, der ein ihn bisher lähmendes Ereignis überwindet? Denn visuell zu beeindrucken ist ein Markenzeichen Sorrentinos, das sich nicht auf die geradezu baroesque Inszenierung Il Divos beschränkt. Doch wie die Visualität Il Divo geradezu zu einer Satire über Politsatire machte, macht sie This Must Be The Place zu einem Film über den Road Movie. Also vielleicht ein Zugeständnis an Sean Penn, der mehr Oscarchancen hat, wenn man seine lächelnde Saubermann-Visage doch noch wie gewohnt und ungeschminkt zu Gesicht bekommt? Denn tatsächlich kann man mitunter wirklich vergessen, dass man es hier mit Penn zu tun hat und das obwohl seine Interpretation mehrmals an Ich bin Sam erinnert. Seine Kauzigkeit wird im Trailer mit dem im Nachhinein Kultstatus erlangten Dude von Jeff Bridges verglichen. Auch dies ein Zug, um die Oscarchancen zu erhöhen, weil die Akademie diese Figur übersah und sich davor hütet, solch einen Fehler wieder zu begehen? Aber der restliche Lebensweg des Dude ist vorgezeichnet: Er bowlt weiter. Auch dadurch bleibt er nachhaltig im Gedächtnis. Cheyennes Lebensweg ist am Ende zum ersten mal wirklich ungewiss.

Dabei ist sich die Figurenentwicklung Cheyennes noch in der letzten Minute treu und zeigt ihn lediglich wie er am Flughafen raucht. Er habe nie angefangen zu rauchen, weil er immer ein Kind geblieben sei, wird ihm zu Beginn unterstellt. So wird mit nur einer Einstellung sanft gezeigt, wie beide Ängste, die vor Entwicklung und die vorm Fliegen, zu bröckeln beginnen und die Heldenreise vollendet werden kann. Der Protagonist kommt mit neuen Erfahrungen ausgerüstet nach Hause, mit denen er sein altes Leben besser führen kann. Cheyennes Hauptproblem, so wird ihm von seiner Frau unterstellt, sei seine Langeweile. Davon hat er auf der Reise reichlich wenig. Er zieht glücklicherweise auch nicht aus Selbstfindungsgründen los. „I’m in New Mexico not in India.“ Eine typische, unironische Heldenreise hört sich anders an und sieht auch anders aus.

Warum also die Deus ex Machina-gleiche Komplett-Veränderung in der letzten, der wirklich letzten Minute? Und sie besteht, so viel sei verraten, nicht aus dem Tod. Wäre es mit Rauchen und Überwindung der Flugangst nicht genug Veränderung? Verkauft sich ein Film nicht unverzeihlich an Mainstreamgesetze, wenn er erst ein Menschenbild zeichnet, dass die Menschen schräg sein lässt wie sie gerade getrieben werden, Fortschritt nicht als Priorität festlegt und Ihnen auch die Schwäche zugesteht, dass sich Situationen „falsch“ oder komisch anfühlen. Denn das Verhältnis zur Zeit, das in Cheyenne sonst so vielseitig und kritisch behandelt wird, wird ignoriert wenn man unterstellt, dass eine Lebensweise einfach abgelegt werden kann, nur weil man erkannt hat, dass man nicht ganz bei sich selbst gewesen ist.

Davon mal abgesehen ist Sean Penn wenn er eben, dem Ende entsprechend, nicht bei sich selbst ist, so liebenswürdig wie man ihn in noch keiner Rolle erlebt hat. Wer also Strahlemann Sean Penn wie man ihn kennt bereits oft genug gesehen hat, dem sei nach dem Rauchen am Flughafen empfohlen bis zum Abspann die Augen zu schließen. Dann lässt sich ein kluger, warmer, lustiger und sehr konsequenter Film mit einem im Mainstream seltenen Welt- und Menschenbild bewundern. Und selbstverständlich wird die Konfrontation des Helden mit sich selbst trotzdem nicht ausgespart, wie es von einem Hollywood-Arthaus-Brückenfilm erwartet wird. Die Absicht der Reflektion zeigt sich unter anderem auch im wiederholt abgespielten Spiegel im Spiegel von Arvo Pärt. In Van Sants Gerry erklingt der vielsagende Titel zu Beginn und in diesem Road-Movie-Experiment wollen die beiden Gerrys lediglich eine kleine Wanderung machen . Die mehrfache Verwendung des Titels bei Sorrentino spiegelt wiederum seine Herangehensweise. Destruktion des Genres, ja. Aber neues Zusammensetzen auch. Hier vor allem durch Vervielfachung, Pop-Art steht Pate. There was a time before we were born, wie die Talking Heads als nächstes im Liedtext wissen.

Home – is where I want to be
But I guess I’m already there
I come home she lifted up her wings
Guess that this must be the place
I can’t tell one from the other
Did I find you, or you find me?
There was a time before we were born
If someone asks, this where I’ll be . . . where I’ll be

Einflüsse vermischen sich über den ganzen Globus, über Zeiten hinweg. Zusammenhänge herzustellen wird erst nicht mehr möglich, schließlich nicht mehr relevant. Nachdem Ex-Talking-Heads-Frontmann David Byrne This Must Be The Place mit Band ausspielen durfte, als bewegliche Installationskunst zum einen, in einer, die Gesamtheit unterstreichende, Plansequenz zum anderen, spricht er mit Cheyenne vor einem anderen Kunst-Instrument. Eine Orgel aus der lauter verschiedenfarbige Drähte laufen. Eine Art maschinelles Gehirn und selbstverliebte moderne Kunst gleichzeitig. Sie ist eine von mehreren Bild-gewordenen Metaphern für die heutige Zeit. Ein undurchsichtiger Kabelsalat, in dem die Kunst darin besteht, sie transparent zu machen, in einem Gesamtkontext fassen zu können. Bald werde er ganz New York bespielen, kündigt Byrne lächelnd an. Das Genie als kunstbegeisterter Inszenator.

Und irgendwie traut man ähnliche Aussagen voller Tatendrang auch Sorrentino zu. Schließlich konnte er zum Beispiel Iggy Pops The Passenger für den Soundtrack engagieren. Auf einem der Plakate steht in großer Schrift: Iggy Pop and The Pieces Of Shit. Diese Ankündigung darf als „punkiger“ empfunden werden, als es das letzte Stooges-Album war, welches nur noch Bam Margera begeistern konnte. Unter dem bezeichnenden Namen The Weirdness veröffentlichten auch nicht von ungefähr The Stooges und nicht Iggy Pop and The Stooges. Im Film tauchen Iggy Pop and The Pieces Of Shit dann als Zeichen der ultimativen Rotzigkeit auch gar nicht auf, lediglich die zu sehende Einkaufszentrumsband The Pieces Of Shit spielen einen Will-Oldham-Song alias Bonnie “Prince” Billy, der sich für die meisten weiteren Lieder des Films verantwortlich zeichnet. Jener Will Oldham, der in Zeiten der Kelly-Reichardt-Verehrung auch und vielleicht vor allem durch seinen Road-Trip in Old Joy bekannt sein könnte. „Did I find you, or did you find me?“ Von welcher Seite ausgehend die Verknüpfungen in der Welt zu Stande gekommen ist, ist nicht mehr allzu häufig erkennbar, aber einiges davon und das Unverständnis darüber zusammengeführt und sehr unterhaltsam präsentiert zu bekommen, das ist eine klar erkennbare Kino-Freude. Sean Penn und Paolo Sorrentino trafen sich übrigens, weil der Eine 2004 in Cannes einen Film zeigte, den der Andere in der Jury sah.

Out of all those kinds of people
You got a face with a view

This Must Be The Place bietet ohne Frage einen der einprägsamsten Hauptcharaktere des Kino-Jahres. Aber nicht nur das. Sorrentino sucht Wege wichtige Themen unterhaltsam zu verpacken. Er findet sie zuhauf in der (Pop-) Geschichte. Abgetreten, aber er findet sie und setzt sie in einem wilden Mix wieder zusammen. Dabei scheut er sich ebenso wenig wie seine Vorbilder aus der Musik, sich dem Pathos hinzugeben. Weiter eignet sich der Film den unschuldigen, kindlichen Blick seines Protagonisten an. Dieser streift unfassbar viele Themen, über deren Darstellung sich vortrefflich reflektieren lässt, diskutiert sie selbst jedoch nicht aus.

Die Grundstimmung ist dabei so durchgängig optimistisch-naiv, dass man sie als entschiedene Haltung in die Rezeption des Films mit einbinden muss. Das seltsam entsexualisierte Gender Cheyennes verstärkt das Bild eines ewigen Kindes, das sich dies leisten kann. Sexualität in der Ehe wird als freundschaftliche Dienstleistung gezeigt und „wie beim ersten Mal“ ausgeführt.Unerhört vieles, was Amerika und die amerikanisierte Welt beschäftigt, scheint hier außerdem angerissen, ohne sich dabei auf die zwei Drittel des Films zu beschränken, die der Film auf der Straße verbringt. Sei es im Gespräch mit einer weiteren Aktienhändlerin, im Autoverleih mit einem ungewöhnlich teilendem Texaner und dessen ausbleibenden Rache oder zu Beginn im Generationen und Subkulturen verbindenden Gefühl der Traurigkeit. Heraus kommt eine extreme Form eines in Episoden zerstückelten Road-Movies, das das komplette Leben als Wanderschaft interpretiert, unabhängig vom Grad der Veränderung.

Daraus zieht Cheyenne – This Must Be The Place den Schluss, dass Film im Road-Movie sein zu Hause finden kann, beziehungsweise schon längst gefunden hat. Der Mensch als Zuschauer, der Zuschauer als Mensch, kann dann ein Zu Hause im Kino finden, kann den Platz eines anderen einnehmen, der dann gar nicht mehr so anders aussieht wie vielleicht zunächst angenommen. Was dann folgt, beziehungsweise was dann noch bleibt, die Liebe nämlich, ist so alt hergebracht, so unendlich oft bereits gesehen, dass es zum Haare raufen ist. Beziehungsweise, bleibt man bei den Talking Heads, zum Auf-Den-Kopf-Hauen:

Out of all those kinds of people
You got a face with a view
I’m just an animal looking for a home
Share the same space for a minute or two
And you love me till my heart stops
Love me till I’m dead
Eyes that light up, eyes look through you
Cover up the blank spots
Hit me on the head

Cheyenne – This Must Be The Place
R.: Paolo Sorrentino
D.: Sean Penn, Frances McDormand, Judd Hirsch, Eve Hewson, Kerry Condon, Harry Dean Stanton, David Byrne
Italien/Frankreich/Irland 2011; 118 Min.
Verleih: DelphiFSK: 12
Kinostart: 10.11.2011