Die Höhle der vergessenen Träume


Werner Herzog, unbestreitbar einer der größten deutschen Autorenfilmer, befasst sich hauptsächlich mit dem Wahnsinn und dem Wesen Einzelner. Nicht selten rückt er dabei auch Objekte und Naturschauspiele in den Vordergrund, sie sind aber stets auch als Seelen- und Gedankenlandschaften lesbar. In seinem zum Kinostart mittlerweile zweitneustem Streich, Die Höhle der vergessenen Träume, untersucht der eigenwillige Dokumentarfilmer Herzog das, was von den individualistischen Taten übrig bleibt, tausende Jahre später (die spektakulärsten Funde sind über 30.000 Jahre alt). Viel ist das, wie der Titel bereits verrät, nicht. Die Träume sind und bleiben vergessen. Das, was aus ihnen entstand, beflügelt allerdings die Fantasie des Querdenkers Herzog, der dem Zuschauer hier überraschend viel Raum lässt, sich seine ganz eigenen Fantasien zu den Höhlenmalereien zu erträumen.

Herzog dreht sowohl Spielfilme als auch Dokumentarfilme, wobei seine Spielfilme seit seinem Debut mit Lebenszeichen schon immer auch etwas Dokumentarisches hatten. Auch wenn Herzog selbst das nicht so sieht, so entsteht mit dem Porträt eines jungen Soldaten in Griechenland, stationiert auf einer antiken Festung, ein Bild einer bestimmten geistigen Disposition zu einem ganz genauen historischen Zeitpunkt. Diese ist mit Variationen übertragbar, auf die Kolonialisierung in Aguirre, oder auf den Vietnamkrieg in Rescue Dawn, bleibt sich vom Thema, das der Regisseur wählt, damit aber auch sehr ähnlich. So ist es kaum verwunderlich, dass im Umkehrschluss die Dokumentationen Herzogs sehr eigenwillig sind und kaum etwas mit üblichen Formaten und Dramaturgien zu tun haben. Umso erstaunlicher, dass unter den diversen Bewerbern ausgerechnet der vermutlich eigenwilligste unter ihnen die Dreherlaubnis für die bisher ungefilmte Chauvet-Höhle erhielt. Aber es zeigt auch wieder einmal, welchen herausragenden Ruf Werner Herzog international als Filmemacher und vor allem als Dokumentarist genießt. Denn Herzog gelingt es auf einzigartige Weise Nuancen von Wahrhaftigkeit einzufangen und ins Gedächtnis, besser noch: ins Gefühl der Zuschauer zu bannen.

Nur überraschend wenige herzogsche Eigenheiten in Die Höhle der vergessenen Träume brennen sich nachhaltig in Gedächtnis und Gesamtgefühl ein, wie zum Beispiel seine kantig-deutsche Erzählersprache, seine ungewöhnlichen Fragen und Kommentare, die abschweifenden Interessen für Objekte im Allgemeinen und Technik im besonderen, das Interesse für Persönlichkeit und Biografien der Gefilmten, die Ansammlung von Skurrilitäten oder die nicht inhaltlich-vermittelnd ausgerichtete Dramaturgie. Was bleibt, gruppiert sich diesmal tatsächlich ganz um das Thema, das der Film vorgibt zu verhandeln: Die Zeichnungen in der Chauvet-Höhle.

Es geht nicht nur um bleibende Erinnerungen, Fantasie und Malereien, sondern auch auf das, was für Herzog darauf folgt und sein persönliches Ausdrucks- und Verstehensinstrument ist: Es geht natürlich ums Kino. Formal ist Kino hier ein 3D-Film, der zweidimensionale Zeichnungen in einer unebenen, dreidimensionalen Höhle zeigt. Zeichnungen aus einer Welt, in der die Einführung der Zweidimensionalität in Form von Malereien eine Revolution dargestellt haben könnte. Und als bedeutenden Meilenstein behandelt der Film seinen Untersuchungsgegenstand. Herzog sieht in ihm die Stimulationsquelle und gleichzeitig die Ausdrucksform von Kreativität, Erinnerung und Fantasie, die das Kino für uns heute ist. Am Ende zeigt er ein Biotop ganz in der Nähe der Höhlen, das durch ein naheliegendes Atomkraftwerk Regenwaldbedingungen hat. In diesem ist ein ungewöhnlich hoher Anteil von Albino-Alligatoren zu beobachten. Sonderlinge der Natur in außergewöhnlichen äußeren Umständen. Herzog schließt nicht nur eine Klammer der Narrationsformen, er findet gleichzeitig einen Kreis zu seinen Anfängen, seinem restlichen Schaffen und ruht darin ganz in sich selbst.

Zum Wesen des Regiestils Herzogs gehört auch, dass er wohl kaum eine Zielgruppe finden wird, bei der Die Höhle der vergessenen Träume nicht aneckt. Zu abschweifend, verspielt und mitunter albern um ein wirklich informativer Dokumentarfilm zu sein. Zu sehr auf seinen Gegenstand fixiert und zu unspannend, noch dazu unspannender, weil sein Gegenstand nun einmal tote Wände sind, um ein wirklich aufregender Herzog-Film zu sein. Trotz Ansätzen insgesamt nicht meditativ genug, um als zeitloses Experiment wie Fata Morgana zu funktionieren. Zu sehr seine Entstehung selbstverliebt einbindend, um sich mit Legenden zusätzlich aufladen zu können. All das sind Gründe, warum man diesen Film nicht mögen kann, Gründe wegen derer der Film einen nicht „erreichen“ kann. Werner Herzogs Die Höhle der vergessenen Träume will gefühlt werden, nicht gesehen, nicht erlebt. Damit kommt er der Vision einer ekstatischen Wahrheit noch ein Stückchen näher als sonst. Leichte Kost geht anders. Denn, so lehrt das Gefühl des Films, was hat man schon von der Wahrheit?

Die Höhle der vergessenen Träume – Pressespiegel auf film-zeit.de

Die Höhle der vergessenen Träume
R.: Werner Herzog
Frankreich / Kanada / USA / Großbritannien / Deutschland 2011, 90 Minuten
Ascot Elite
Kinostart: 3. 11. 2011