Die Mühle und das Kreuz


Die eine Linie ist diejenige des Lebens auf der Erde, das der Menschen und der Kreaturen. Die andere ist die der Beziehung zwischen der Erde und dem Himmel. Gemeinsam spannen die Linien des Kreuzes einen zweidimensionalen Raum auf. Eine solche Ebene stellt auch ein Gemälde dar.

Das Kreuz der Flügel einer Windmühle wird von der Naturgewalt in Bewegung versetzt. Die Mühle dreht sich, wie die Welt sich permanent dreht. Und wie sich der Film ständig bewegt, um sich selbst hervorzubringen.

Das Gemälde Die Kreuztragung Christi von Pieter Bruegel dem Älteren aus dem Jahr 1564 enthält die Mühle und das Kreuz als die zentralen Motive. Doch sind sie dabei keineswegs besonders prominent im Bild. Denn es finden sich verschiedenste Situationen auf ihm. Bruegel verlegt die Kreuzigung in seine flämische Heimat, stellt die verschiedenen Stationen von der Kreuztragung bis zur Beweinung nebeneinander da und füllt sein Werk zudem mit allerhand alltäglichen Situationen an. So ist Christi selbst nur ein unscheinbarer Mensch in großer Masse. Die weltbewegenden Ereignisse sind im Moment ihres Geschehens nicht erkennbar. Bruegel hält einen Augenblick fest, um auf das Wichtige hinzuweisen. Doch er tut dies eben nicht dadurch, dass er es über das Andere erhebt. Im Gegenteil transportiert er eben auch die Unscheinbarkeit des einzelnen Moments. Subtil weist seine Bildkomposition durch die Platzierung von Jesus genau in der Mitte auf seine Bedeutung hin. Bei Die Kreuztragung Christi handelt es sich aber nicht um eine bloße Momentaufnahme. Denn das Bild stellt sich eigentlich nacheinander ereignende Situationen in ein und derselben Szenerie dar. Somit enthält das Gemälde mehrere Zeitebenen, zeigt die Vergangenheit und die Zukunft rund um die entscheidende Stelle.

Der Film Die Mühle und das Kreuz beginnt mit einer Parallelfahrt dem Raum des Gemäldes entlang. Doch es ist dies nicht das Gemälde, wie es heute im Museum hängt. Es ist ein lebendes Bild, Menschen und Tiere sind in der Umgebung so angeordnet, wie sie später in Öl festgehalten werden. Die Kamera fährt solange nach rechts bis sie auf den Urheber des Gemäldes trifft (dargestellt durch Rutger Hauer). Er steht dem Bild allerdings nicht so gegenüber wie wir Zuschauer es durch die Kameraposition tun. Er wandelt zwischen den Personen hindurch, sein Körper ist meistens eher Richtung Filmzuschauer als in die Tiefe seiner späteren Szenerie ausgerichtet, während er seinem Geldgeber kurz etwas über das zu Malende berichtet. Zwar wird Bruegel ein zweidimensionales Netz spinnen, in dem er all die kleinen Situationen einflechtet, doch interessiert er sich für die Tiefe, für die Rückseite, für die Mehrdimensionalität eines jeden Abschnitts – so sagt es Lech Majewski durch diese Eröffnungssequenz aus. Und er wird auch den Zuschauer mit in die Tiefe des Bildes hineinnehmen.


Die Mühle und das Kreuz zeigt den Maler bei seiner Arbeit an seinem Werk, vor allem jedoch stellt er mal längere, mal kürzere Episoden aus dem Leben der sich später auf dem Bild wiederfindenden Menschen dar. Ob dies nun echte Menschenschicksale sein sollen, die in Bruegels Gegenwart geschehen oder ob sie in seiner Phantasie existieren wird nicht eindeutig gesagt und ist auch unerheblich. Relevant ist die Offenlegung von dem, was hinter der ganz oberflächlich betrachteten Ebene des Bildes, aber weitergedacht auch der des Lebens besteht. Die Mühle und das Kreuz verweist auf seine grundlegende Mission zum Beispiel dadurch hin, dass eine junge Frau gezeigt wird, die sich am Morgen langsam aus ihrem Nachthemd schält und dann ganz nackt im Zimmer steht. Genau wie sie entblößt wird und sich in auffallender Nacktheit der Kamera zeigt, entblößt sich die Intention des Gemäldes durch den Film. Die Aufnahmen der Mechanik der Mühle, die oftmals gezeigt wird – am auffälligsten allerdings vielleicht als Maria (Charlotte Rampling) über das Schicksal ihres Sohnes spricht – verbildlicht die Verzahnung aller Geschehnisse und den permanenten Ablauf der Zeit. Für Bruegel ist die Mühle der Stellvertreter Gottes in seinem Bild. Der Müller überblickt von seinem Aussichtpunkt weit über dem restlichen Geschehen das menschliche Leben, kann so auch das Geflecht der Zusammenhänge erkennen. Die Mühle stellt andererseits ein Gut her, das die Existenz der Menschen sichert und so auch übertragen als Spender des Lebens gesehen werden kann. Gleichsam symbolisiert die sich im Wind drehende Mühle den Fortlauf der Zeit. Das Geschick der Welt und der Menschen lässt sich nicht für einen Moment anhalten um es besser zu überblicken, höchstens im Werk des Künstlers.

Manche Zusammenhänge werden von Bruegel und vom Film sehr offensichtlich genannt, so zum Beispiel die Tyrannei der Habsburger in Flandern, die Nichtkatholiken als Ketzer foltern und töten. So steht der Christi in Bruegels Bild auch für die geschlagenen und unterjochten flämischen Einwohner. Andere, mehr universelle Verknüpfungen im alltäglichen Leben stellt Die Mühle und das Kreuz durch sich langsam erschließende Handlungszusammenhänge, durch Assoziationen in der Montage oder durch Metaphern dar. Nach der Eröffnung sind Holzfäller bei ihrer Arbeit zu sehen. Erst viel später im Film wird deutlich, dass sie hier Holz für das Kreuz schlagen, an dem Christi sterben wird. An anderer Stelle erscheint es beinah absurd, dass ein Mann ein Rad durch den Wald und über einen Weg rollt. Einige Zeit später jedoch wird ein junger Mann als Ketzer auf dieses Rad gebunden. Majewski zeigt uns alltägliche Momente, die normal oder auch mal eigenartig sein können, die ihre wahre Bedeutung allerdings erst später preisgeben – oder auch gar nicht, wenn man nicht aufmerksam hinschaut. So spiegelt Majewskis Film die Herangehensweise von Bruegel. Gleichzeitig wird das aufgezeigt, woran auch Bruegel interessiert war, nämlich das komplexe Geflecht aller menschlichen Taten, deren Abhängigkeiten für die Menschen innerhalb von diesem nicht zu durchschauen sind. Das Tagwerk der Arbeiter trägt zur Kreuzigung des Messias bei. Einige Schnittfolgen suggerieren Beziehungen. So ist zum Beispiel zu sehen, wie ein Toter in ein Tuch eingenäht wird, die nächste Einstellung zeigt wie eine Mutter ihr Kind wickelt. Tod und Leben, Trauer und Glück, Verzweiflung und Fröhlichkeit – all das präsentiert Majewskis Film ebenso unaufdringlich als koexistente Elemente des menschlichen Lebens wie es das Gemälde von Bruegel tut.

Die meisten Menschen erhalten keine Dialogzeilen im Film, nur Bruegel selbst, sein Geldgeber und Maria drücken sich in Worten aus. Die große Masse der Menschen hat keine Stimme, Bruegel versucht ihnen durch sein Bild eine zu geben. Majewski zeigt die Welt mit den Augen des Künstlers, meistens sind die Hintergründe in der Ferne dem Gemälde entnommen. Wie erwähnt, ist aber Bruegel selbst Teil der Welt. Als gegen Ende Judas Selbstmord zu sehen ist, erscheint Bruegel im Hintergrund wie er seinen davonfliegenden Skizzen hinterher eilt. Die Mühle und das Kreuz wirft hier die Frage nach Bruegels Weltsicht auf. Die Menschen, die allesamt zu sehr mit ihrem alltäglichen Leben beschäftigt sind, erkennen das entscheidende Ereignis nicht. Sind somit alle Verräter an ihrem Messias? Ist das Schuldeingeständnis und der Freitod die Lösung und auch der Endpunkt von Bruegels Werk? Majewski wählt einen anderen Schluss. Denn nach dem auf die Kreuzigung und auch auf Bruegels Bild folgenden Unwetter herrscht am Morgen Fröhlichkeit. Die Mühle malt Getreide, das Mehl wird zu Brot, die Heilige Schrift wird gelesen und Musik wird gespielt. Bruegel sitzt am Fenster. Seine Kammer ist dunkel, doch draußen entfaltet sich die Weite der Landschaft auf seinem Gemälde. Und nach und nach versammeln sich dort die Personen, die er gemalt hat. Und sie tanzen einen Reigen. Die Musik nicht wirklich ausgelassen, ein wenig schleppend, aber doch mit fröhlichem Unterton. Die Menschen tanzen im großen Kreis, dann bilden sich Paare, die sich umkreisen. Über allem dreht sich die Mühle. Bruegel wirft dann einen Blick aus dem Fenster. Die ewige Bewegung des Lebens und die Undurchschaubarkeit des Weltgefüges lassen entscheidende Momente zunächst unbemerkt, gleichzeitig erlauben sie die ständige Geburt neuer Hoffnung.

Die Mühle und das Kreuz erschließt dem Zuschauer die Umstände der Entstehung von Die Kreuztragung Christi indem der Film die verschiedenen dargestellten Situationen in einer zeitlichen Ausdehnung und mit ihren Vernetzungen imaginiert. Der Film ist dabei wie die Mühle, er erlaubt Überblick, gleichzeitig bewegt er sich ständig fort, das Festhalten des Moments findet sich dann im Gemälde wieder.

Mühle und Kreuz, Bewegung und Stillstand, Fortdauer und Ende, Film und Malerei – keine unvereinbaren Gegensätze. Davon zeugen die einzigartigen Werke der Künstler Bruegel und Majewski.

Die Mühle und das Kreuz – Pressespiegel bei film-zeit.de

Die Mühle und das Kreuz / The Mill and the Cross
R: Lech Majewski
B: Lech Majewski, Michael Francis Gibbson
K: Lech Majewski, Adam Sikora
D: Rutger Hauer, Charlotte Rampling, Michael York
Polen, Schweden 2011, 90 Min.
Neue Visionen
Kinostart: 24.11.2011