In einer einmaligen Atmosphäre öffnete am Freitagabend die Caligari Filmbühne in Wiesbaden die Pforten zu ihren prächtigen Sälen für das exground filmfest 24. Ganz entsprechend dem Länder-Fokus, der sich in diesem Jahr auf Israel richtet, wurde nach einigen Eröffnungsreden mit Ein Sommer in Haifa der Startschuss gegeben.
Ein Sommer in Haifa ist ein Film von Avi Nesher, einem der aktuell einflussreichsten israelischen Filmemacher. Auf bewegende Weise schafft der Film ein Porträt der israelischen Hafenstadt in den späten Sechzigern. Er schildert den Zusammenstoß Israels mit der Blütezeit der Hippiebewegung, die sich damals in Amerika ereignete, während zur selben Zeit in Israel noch ganz frisch der Sieg des Sechstagekriegs in der Luft lag und ein tiefer Seufzer der Erleichterung durch die Bevölkerung ging. Gleichzeitig ist Ein Sommer in Haifa ein Film über den Holocaust und seine Überlebenden. Während er zwar vor dem Hintergrund der kulturellen und sexuellen Revolution der 60er Jahre spielt, geht es in erster Linie um die traumatischen Auswirkungen der Kriegszeit.
Den Holocaust zum Thema eines Films zu machen, resultiert oft daraus, dass der jeweilige Filmemacher selbst nicht bloß eine Affinität zu der Thematik aufweist, sondern auf direkte oder indirekte Weise von diesem betroffen war. So ist es auch in Neshers Fall, dessen Eltern selbst Holocaust-Überlebende waren. Doch obwohl oder gerade weil Nesher, wie er in einem Interview gesteht, nicht das Geringste über die Holocaust-Vergangenheit seiner Eltern weiß, war dieses Projekt eine Herzensangelegenheit für den Regisseur. Ein Akt der Reue diese Vergangenheit niemals ergründet zu haben, aus Angst vor dem, was er hätte erfahren können. Eine Angst, die auch der Protagonist Arik in seinem Film mit ihm teilt. Ein Sommer in Haifa ist Neshers Weg der Thematik, der er so lange ausgewichen ist auf den Grund zu gehen und sich auf indirekte Weise ein Stück weit doch noch mit der Vergangenheit seiner Eltern auseinanderzusetzen.
Das Kino
Haifa (Israel), 2006, hier setzt der Film ein und dies ist das Bild, das sich dem Zuschauer bietet: zerbombte Häuser, bröckelnde Fassaden, überall Spuren der Zerstörung und Verwüstung, brennende Autos und Raketen, die auf die Hafenstadt fallen. Der Plot nimmt seinen Anfang im Libanonkrieg. Und inmitten von diesem bewegen sich Arik (Eyal Shehter) und sein Vater (Dov Navon). Ihr Weg führt zum Notar, wo Arik ein überraschendes Erbe erwartet, das den Protagonisten und mit ihm den Zuschauer in einer Retrospektive zurück zum Haifa im Sommer 1968 führt:
Arik (Tuval Shafir) ist noch ein Teenager, der gerne Detektivromane liest und davon träumt eines Tages selbst Schriftsteller zu sein. Eher ungewollt nimmt er einen Ferienjob bei Yankele Braid (Adir Miller), einem Ehevermittler und ehemaligen Freund seines Vaters an. Yankele und Ariks Vater sind Holocaust-Überlebende und sie beide sind, wie so viele andere, noch immer von tiefen traumatischen Schäden aus dieser Zeit gezeichnet. Ariks Aufgabe wird es, für Yankele als Spion die potentiellen Ehepartner, die es zu vermitteln gilt, zu verfolgen und ihre Aufrichtigkeit zu überprüfen.
Clara und Yankele
Yankele ist ein sonderbarer, aber gutmütiger und selbstloser Kauz, der die Ehevermittlung ohne Entlohnung, einzig um der Liebe willen betreibt. Er sieht sich selbst als Spezialist für Menschen mit ganz besonderen Problemen und Handicaps und es ist ihm ein persönliches Anliegen, für all diese Menschen den richtigen Partner zu finden und nicht flüchtige Liebschaften, sondern Verbindungen für die Ewigkeit zu schaffen. Sein Zuhause sowie sein Büro liegen in der schäbigen Hafengegend, die von den meisten Einwohnern Haifas eher gemieden wird. Prostituierte, Spieler, Schwarzmarkthändler und andere Underdogs sind die üblichen Gestalten, denen man dort begegnet. Und eine rumänische Familie von Kleinwüchsigen – Auschwitz-Überlebende – betreibt dort ein Kino, das ausschließlich Liebesfilme zeigt. Die Idee dazu ist dabei nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn in den 60ern existierten tatsächlich sowohl eine solche Familie als auch ein solches Kino in Haifa.
Sylvia und Arik
Dort, in dieser als eigentlich unsicher geltenden Gegend, haben sich Sonderlinge eine eigene Welt geschaffen, in der sie sich sicher fühlen und einander Rückhalt schenken. Dort lernt Arik auch Clara (Maya Dagan) kennen, die an einer Bleivergiftung und unzähligen schmerzhaften Erinnerungen leidet und die kleinwüchsige Sylvia (Bat-El Papura), die in Auschwitz zu Experimenten missbraucht wurde. All diese Menschenschicksale bringen Arik und auch dem Zuschauer das Nachkriegstrauma, das diese Menschen verfolgt, näher.
Je mehr Zeit Arik mit ihnen verbringt, desto intensiver erfasst ihn der Drang, sich profunder mit dem Holocaust zu befassen. Die Gerüchte über die schrecklichen Dinge, die Holocaust-Überlebende angeblich getan haben sollen, um ihr Leben zu retten, beschäftigen ihn dabei ganz besonders. Doch Arik wächst in einer Zeit auf, in welcher der Holocaust ein noch sehr präsentes Ereignis im Gedächtnis der Betroffenen ist. Eine Zeit, in der die von der Kriegszeit Traumatisierten, sich nichts sehnlicher wünschen, als sicher zu stellen, dass sich etwas Derartiges niemals mehr wiederholt und in der man sich zum Thema Holocaust gerne in Schweigen hüllt. In den frühen Sechzigern hatte sich allerdings ein perverses - wenn auch kurzlebiges - literarisches Genre entwickelt, das insbesondere während des Eichmann-Prozesses florierte: die sogenannte "Stalag"-Literatur. Pornographische Szenen, darunter überwiegend SM-Szenarien vor KZ-Kulissen, sind das Charakteristikum dieser Schundliteratur, die in ihrer Zeit erschreckend viele Abnehmer fand und Arik nun als Informationsquelle dient. Zu diesen Büchern zählt nämlich auch The Doll’s House, das Arik in die Hände bekommt und das in ihm noch schlimmere Befürchtungen bezüglich der grauenvollen Geheimnisse der Überlebenden evoziert.
Für Arik ist dieser Sommer in vielerlei Hinsicht ein Sommer voller Entdeckungen. Nicht nur aus der Ferne lernt er die Geheimnisse und Widersprüchlichkeiten der Liebe kennen. Er selbst verliebt sich in Tamara (Neta Porat), die aus Amerika stammende Cousine seines Freundes, die den Sommer in Haifa verbringt. Die freche, unantastbare und attraktive Tamara, die keinen BH trägt, Rock’n’Roll hört und Arik mit ihrer unkonventionellen Art völlig fasziniert. Sie spricht von "freier Liebe" und von Frauenrechten. Sie ist es, welche die kulturelle und sexuelle Revolution der Sechziger im Film versinnbildlicht und sie aus Amerika mitten nach Haifa trägt und dort zumindest für Arik den Summer of Love auslöst.
Ein Sommer in Haifa ist ein durch und durch bewegender Film mit viel Herz. Er zeigt in erster Linie wie sich kriegstraumatisierte Menschen auf den Trümmern ihrer Vergangenheit eine neue Welt und ein neues Leben aufzubauen versuchen und vor welche Hindernisse sie dabei gestellt werden. Gleichzeitig ist Ein Sommer in Haifa aber auch ein Film über die zahlreichen Facetten der Liebe. Der freien Liebe. Der wahren Liebe. Der ewigen Liebe. Und der Liebe zum Leben.
Doch so sehr sich Yankele auch ein Happy End für jeden Menschen wünscht, ein solches gibt es für keinen an jenem Sommer in Haifa.
In einer einmaligen Atmosphäre öffnete am Freitagabend die Caligari Filmbühne in Wiesbaden die Pforten zu ihren prächtigen Sälen für das exground filmfest 24. Ganz entsprechend dem Länder-Fokus, der sich in diesem Jahr auf Israel richtet, wurde nach einigen Eröffnungsreden mit Ein Sommer in Haifa der Startschuss gegeben.
Ein Sommer in Haifa ist ein Film von Avi Nesher, einem der aktuell einflussreichsten israelischen Filmemacher. Auf bewegende Weise schafft der Film ein Porträt der israelischen Hafenstadt in den späten Sechzigern. Er schildert den Zusammenstoß Israels mit der Blütezeit der Hippiebewegung, die sich damals in Amerika ereignete, während zur selben Zeit in Israel noch ganz frisch der Sieg des Sechstagekriegs in der Luft lag und ein tiefer Seufzer der Erleichterung durch die Bevölkerung ging. Gleichzeitig ist Ein Sommer in Haifa ein Film über den Holocaust und seine Überlebenden. Während er zwar vor dem Hintergrund der kulturellen und sexuellen Revolution der 60er Jahre spielt, geht es in erster Linie um die traumatischen Auswirkungen der Kriegszeit.
Den Holocaust zum Thema eines Films zu machen, resultiert oft daraus, dass der jeweilige Filmemacher selbst nicht bloß eine Affinität zu der Thematik aufweist, sondern auf direkte oder indirekte Weise von diesem betroffen war. So ist es auch in Neshers Fall, dessen Eltern selbst Holocaust-Überlebende waren. Doch obwohl oder gerade weil Nesher, wie er in einem Interview gesteht, nicht das Geringste über die Holocaust-Vergangenheit seiner Eltern weiß, war dieses Projekt eine Herzensangelegenheit für den Regisseur. Ein Akt der Reue diese Vergangenheit niemals ergründet zu haben, aus Angst vor dem, was er hätte erfahren können. Eine Angst, die auch der Protagonist Arik in seinem Film mit ihm teilt. Ein Sommer in Haifa ist Neshers Weg der Thematik, der er so lange ausgewichen ist auf den Grund zu gehen und sich auf indirekte Weise ein Stück weit doch noch mit der Vergangenheit seiner Eltern auseinanderzusetzen.
Das Kino
Haifa (Israel), 2006, hier setzt der Film ein und dies ist das Bild, das sich dem Zuschauer bietet: zerbombte Häuser, bröckelnde Fassaden, überall Spuren der Zerstörung und Verwüstung, brennende Autos und Raketen, die auf die Hafenstadt fallen. Der Plot nimmt seinen Anfang im Libanonkrieg. Und inmitten von diesem bewegen sich Arik (Eyal Shehter) und sein Vater (Dov Navon). Ihr Weg führt zum Notar, wo Arik ein überraschendes Erbe erwartet, das den Protagonisten und mit ihm den Zuschauer in einer Retrospektive zurück zum Haifa im Sommer 1968 führt:
Arik (Tuval Shafir) ist noch ein Teenager, der gerne Detektivromane liest und davon träumt eines Tages selbst Schriftsteller zu sein. Eher ungewollt nimmt er einen Ferienjob bei Yankele Braid (Adir Miller), einem Ehevermittler und ehemaligen Freund seines Vaters an. Yankele und Ariks Vater sind Holocaust-Überlebende und sie beide sind, wie so viele andere, noch immer von tiefen traumatischen Schäden aus dieser Zeit gezeichnet. Ariks Aufgabe wird es, für Yankele als Spion die potentiellen Ehepartner, die es zu vermitteln gilt, zu verfolgen und ihre Aufrichtigkeit zu überprüfen.
Clara und Yankele
Yankele ist ein sonderbarer, aber gutmütiger und selbstloser Kauz, der die Ehevermittlung ohne Entlohnung, einzig um der Liebe willen betreibt. Er sieht sich selbst als Spezialist für Menschen mit ganz besonderen Problemen und Handicaps und es ist ihm ein persönliches Anliegen, für all diese Menschen den richtigen Partner zu finden und nicht flüchtige Liebschaften, sondern Verbindungen für die Ewigkeit zu schaffen. Sein Zuhause sowie sein Büro liegen in der schäbigen Hafengegend, die von den meisten Einwohnern Haifas eher gemieden wird. Prostituierte, Spieler, Schwarzmarkthändler und andere Underdogs sind die üblichen Gestalten, denen man dort begegnet. Und eine rumänische Familie von Kleinwüchsigen – Auschwitz-Überlebende – betreibt dort ein Kino, das ausschließlich Liebesfilme zeigt. Die Idee dazu ist dabei nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn in den 60ern existierten tatsächlich sowohl eine solche Familie als auch ein solches Kino in Haifa.
Sylvia und Arik
Dort, in dieser als eigentlich unsicher geltenden Gegend, haben sich Sonderlinge eine eigene Welt geschaffen, in der sie sich sicher fühlen und einander Rückhalt schenken. Dort lernt Arik auch Clara (Maya Dagan) kennen, die an einer Bleivergiftung und unzähligen schmerzhaften Erinnerungen leidet und die kleinwüchsige Sylvia (Bat-El Papura), die in Auschwitz zu Experimenten missbraucht wurde. All diese Menschenschicksale bringen Arik und auch dem Zuschauer das Nachkriegstrauma, das diese Menschen verfolgt, näher.
Je mehr Zeit Arik mit ihnen verbringt, desto intensiver erfasst ihn der Drang, sich profunder mit dem Holocaust zu befassen. Die Gerüchte über die schrecklichen Dinge, die Holocaust-Überlebende angeblich getan haben sollen, um ihr Leben zu retten, beschäftigen ihn dabei ganz besonders. Doch Arik wächst in einer Zeit auf, in welcher der Holocaust ein noch sehr präsentes Ereignis im Gedächtnis der Betroffenen ist. Eine Zeit, in der die von der Kriegszeit Traumatisierten, sich nichts sehnlicher wünschen, als sicher zu stellen, dass sich etwas Derartiges niemals mehr wiederholt und in der man sich zum Thema Holocaust gerne in Schweigen hüllt. In den frühen Sechzigern hatte sich allerdings ein perverses - wenn auch kurzlebiges - literarisches Genre entwickelt, das insbesondere während des Eichmann-Prozesses florierte: die sogenannte "Stalag"-Literatur. Pornographische Szenen, darunter überwiegend SM-Szenarien vor KZ-Kulissen, sind das Charakteristikum dieser Schundliteratur, die in ihrer Zeit erschreckend viele Abnehmer fand und Arik nun als Informationsquelle dient. Zu diesen Büchern zählt nämlich auch The Doll’s House, das Arik in die Hände bekommt und das in ihm noch schlimmere Befürchtungen bezüglich der grauenvollen Geheimnisse der Überlebenden evoziert.
Für Arik ist dieser Sommer in vielerlei Hinsicht ein Sommer voller Entdeckungen. Nicht nur aus der Ferne lernt er die Geheimnisse und Widersprüchlichkeiten der Liebe kennen. Er selbst verliebt sich in Tamara (Neta Porat), die aus Amerika stammende Cousine seines Freundes, die den Sommer in Haifa verbringt. Die freche, unantastbare und attraktive Tamara, die keinen BH trägt, Rock’n’Roll hört und Arik mit ihrer unkonventionellen Art völlig fasziniert. Sie spricht von "freier Liebe" und von Frauenrechten. Sie ist es, welche die kulturelle und sexuelle Revolution der Sechziger im Film versinnbildlicht und sie aus Amerika mitten nach Haifa trägt und dort zumindest für Arik den Summer of Love auslöst.
Ein Sommer in Haifa ist ein durch und durch bewegender Film mit viel Herz. Er zeigt in erster Linie wie sich kriegstraumatisierte Menschen auf den Trümmern ihrer Vergangenheit eine neue Welt und ein neues Leben aufzubauen versuchen und vor welche Hindernisse sie dabei gestellt werden. Gleichzeitig ist Ein Sommer in Haifa aber auch ein Film über die zahlreichen Facetten der Liebe. Der freien Liebe. Der wahren Liebe. Der ewigen Liebe. Und der Liebe zum Leben.
Doch so sehr sich Yankele auch ein Happy End für jeden Menschen wünscht, ein solches gibt es für keinen an jenem Sommer in Haifa.
Englischer Titel: The Matchmaker
R: Avi Nesher
B: Avi Nesher
(Von Amir Gutfreunds Roman When Heroes Fly inspiriert)
K: Michele Abramowicz
D: Tuval Shafir, Adir Miller, Maya Dagan, Neta Porat, Bat-El Papura, Dror Keren
Israel, 2010, 118 Min. Bildkraft Filmverleih
exground filmfest 2011: Auftakt mit Ein Sommer in Haifa
exground filmfest 2011: Auftakt mit Ein Sommer in Haifa
2011-11-13T07:01:00+01:00
Catarina Gomes de Almeida
Avi Nesher|Caligari Filmbühne|Catarina Gomes de Almeida|Ein Sommer in Haifa|exground filmfest 2011|Festivals|Holocaust|Israel|Libanonkrieg|Liebe|Sechstagekrieg|Summer of Love|Wiesbaden|