exground filmfest 2011: Empire Me
Die animierten Sequenzen, die die einzelnen Abschnitte der Dokumentation Empire Me einleiten, verbildlichen durch ihre Collagenhaftigkeit, ihre Überlagerungen, Bewegungen, schnellen Schnitte und Zeitrafferaufnahmen das Thema des Films. Behandelt wird das menschliche Zusammenleben, vor allem das innerhalb eines Staates, dieses an sich künstlichen Zusammenschlusses verschiedener Menschen. Besonders vielleicht angesichts der Globalisierung und der Tatsache, dass sich ein großer Teil des alltäglichen Lebens nicht mehr am physikalischen Aufenthaltsort abspielt, sondern in einer virtuellen Gesellschaft, erscheint die Frage danach, wie ein Staat sein sollte, an was sich seine Regeln orientieren sollten, zentral. Neben der Familie, in die man geboren wird, ist es wohl das Heimatland, dass den Menschen am grundlegendsten prägt.
Für viele jedoch ist der Staat, in dem sie wohnen, eine gegebene Sache. Ist man unzufrieden mit dem Lauf der Politik und der Entwicklung der Gesellschaft, sind die Möglichkeiten, dies zu ändern, begrenzt. Protest oder der Eintritt in die Politik sowie Auswanderung sind denkbar. Es gibt allerdings Menschen, die einen anderen Weg wählen, und von ihnen berichtet Empire Me.
Sechs Mikronationen werden vorgestellt. Es handelt sich bei fast allen von ihnen um anerkannte Kleinststaaten, die irgendwann in den letzten fünfzig Jahren entstanden sind. Die Beweggründe für ihre Gründung sind verschieden und Empire Me kommentiert diese sowie die grundlegende Problematik über die Reihenfolge, in der die Staaten vorgestellt werden.
Bei Sealand handelt es sich um eine Hochsee-Plattform, die zum Fürstentum erklärt wurde. Auch die zahlreichen australischen Mikronationen sind Fürstentümer, in denen meist nur einige wenige Menschen leben. Diese Staaten entstanden, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, vor allem auch was die eigenen Finanzen anbelangt. Auch scheinen die Herrscher ein gewisses Vergnügen beim Königspielen zu empfinden. Klar ist, dass diese Staaten nur mit sehr wenigen Einwohnern funktionieren können, die auch alle die Herrschaft des Fürsten anerkennen müssen. Es handelt sich dabei eher um Familien- oder Stammesverbände als um Staaten mit einem konkreten Programm. Ihr Fortbestehen hängt von der Stimmung innerhalb dieser Verbände ab.
Die Zusammengehörigkeit im italienischen Esoterikland und im deutschen ZeGG ist durch ein bestimmtes Thema definiert, die Esoterik beziehungsweise die Sexualität. Dies ist auch der Grund, weshalb diese Mikronationen auch mit vielen Einwohnern gut funktionieren. Die Pluralität wird vielleicht nicht ausgeschaltet, aber extrem minimiert.
Bedroht wird so eine Gemeinschaft durch das Aufbrechen in unterschiedliche Meinungen. Auch Christiana war möglicherweise einmal von einem gemeinsamen Ziel beseelt. Doch Empire Me zeigt die Kopenhagener Mikronation als tief gespalten. Immer noch finden viele Aktivisten hier eine Zuflucht, doch der Streit mit den vielen Dealern, die sich eben hier niederlassen konnten, da gewisse Gesetze nicht gelten beziehungsweise nicht durchgesetzt werden, führt zu Auseinandersetzungen mit den Mächten von außen. Vor allem aber wird deutlich: Wenn es einem nicht um die spirituelle Welt geht oder um das ganz persönliche zwischenmenschliche Leben, dann kann man nicht unabhängig von dem Rest der Welt existieren, zwangsläufig muss man sich mit den großen Staaten befassen. Empire Me begleitet nämlich einige Einwohner Christianas wie sie an einer Demonstration teilnehmen. Themen wie die Klimaproblematik lassen sich nicht innerhalb einer kleinen Gemeinschaft angehen. Denn alle Staaten befinden sich auf ein und derselben Erde.
Der letzte mini Staat, der vorgestellt wird, ist somit viel weniger eine Nation als ein Kommentar zur Staatenfrage. Mehrere us-amerikanische Punkkünstler lassen mit ihren kleinen, sehr abenteuerlich konstruierten Floßen über Flüsse und Meere treiben, hinweg über die Ländergrenzen der großen Nationen. Weltenbummler, die zwar auch ein geographisches Ziel haben, die sich auf ihrem Weg aber den Gewalten der Natur unterordnen, ja sogar ausliefern, und deren Suche sich eher auf persönlicher und künstlerischer Ebene bewegt.
Sich völlig aus dem Weltgefüge herausnehmen, ist nicht möglich. Vielleicht leben wir heute ein globalisiertes Leben, aber unser physikalischer Aufenthaltsort ist immer noch entscheidend für unser Leben. Empire Me zeigt Menschen, die sich mutig und selbstbewusst eine eigene Lebensführung erarbeiten, zeigt aber auch sehr deutlich die Grenzen davon auf.
Hier finden Sie unsere gesamte Berichterstattung vom exground filmfest 2011.
Empire Me
R, B: Paul Poet
K: Enzo Brandner, Gerald Kerkletz, Jerzy Palacz
Österreich, Deutschland, Luxembourg 2011, 100 Min.
exground filmfest 2011: Empire Me
2011-11-16T02:22:00+01:00
Elisabeth Maurer
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