IFF Mannheim-Heidelberg: Persönliche Entdeckungen in „Internationale Entdeckungen“ – Here I Am, Generation P und MIA


Here I Am 

Es gibt viele Möglichkeiten, das Entlassenwerden aus dem Gefängnis zu inszenieren, aber selten spürt man die Einsamkeit der Entlassenen so intensiv, wie im Fall von Karen, der jungen Aborigine in Beck Coles Here I Am. Der Kumpel, der auf einen warten soll, ist nicht da, nicht mal ein Wächter ist bei der Außentür zu sehen, nur sie und der Stacheldrahtzaun des Innenhofes, mit seinen strukturverleihenden, klaren Linien. Kein Wind weht, alles ist statisch, außer Karen, die sich in das Unbekannte, in das Draußen langsam hinein begibt. Erst eine Einstellung später spüren wir dieses Gefühl der Freiheit nach der Entlassung, im Taxi, als sie ihre Haare im Wind flattern lässt und gegen Himmel leicht lächelt. Es gibt viele Filmbilder einsamer Männer, die entlassen werden, dann von der Kamera verfolgt werden, aber diese Standardmomente (mit jemandem schlafen „nach all den Jahren“, was trinken gehen) blieben nie so präsent in meiner Erinnerung wie jetzt, als sie um Karen inszeniert wurden. Vielleicht ist es die Frische der Frau, die sie so viel genuiner macht, ich möchte es aber gerne Beck Cole zuschreiben, denn der Film ist durchgehend sehr intim, sehr wirkungsvoll inszeniert.

Help Me Make It Through The Night von Kris Kristofferson ist im Soundtrack und bekommt einen bonderen Moment im Film. Hier könnt Ihr ihn beim Lesen hören:

Karen in einem Motel, sie trinkt eine Cola, wird angegraben und erklärt ihm, misstrauisch, knapp wie es gehen soll. Sie werden es tun, danach muss er weg. Es kommt zu einer sehr offenen Szene, die viel Interpretationsraum bietet, die vielleicht seit Amélie (zumindest in meiner Generation wird immer wieder Amélie als Referenz genannt) als Klischee gilt, die aber doch die Essenz dieser Diskrepanz konzentriert, zwischen der Sehnsucht nach einem Körper, nach dessen Wärme und den damit zusammenhängenden Gefühlen, und dem, was ein Fremder bieten kann. Am nächsten Mittag wird sie von den Putzfrauen geweckt – eine davon ist ihre Mutter – und rausgeschmissen.

Wir merken schon hier, wie Beck Cole an dem Image von Karen arbeitet, wie sie sie sehr verschämt für diesen Mann ausziehen lässt, wie daraufhin ihre ehrlichen Anstrengungen, die Vorurteile der Gesellschaft zu überwinden (zentral dabei ihre Mutter), aufgebaut werden, wie auch Karens allabendlichen Gebete als dramaturgischer Kniff gesehen werden können, doch darüber hinaus ist keine unangenehm auffallende Struktur in diesem Film zu spüren, er gibt uns dieses Gefühl von Ehrlichkeit und Intimität, wonach sich Karen im Film immer sehnt.

Sie wird in einem Fraueninternat aufgenommen, für sollche wie sie, frisch entlassene Frauen, ein Zwischenraum zwischen Gefängnis und Gesellschaft. Hier wird der Film auch politisch, denn die meisten sind entweder Aborigines oder Schwarze. Und die meisten haben mit denselben Problemen zu kämpfen, stark mit ihrer gesellschaftlichen Position zusammenhängend. In einander finden sie Trost, denn sie ziehen am gleichen Strang. Ausgeschlossene, die ihre Kinder wieder sehen wollen, die ein Teil der Gesellschaft sein möchten, die aber immer wieder vom Leben ins Gesicht geschlagen werden. Auf einer Feier singen sie gemeinsam Help Me Make It Through The Night von Kris Kristofferson mit, und wir sind dabei, spüren ihre in den Versen angedeuteten Sehnsüchte nach und hoffen mit ihnen gemeinsam.

 

Vielleicht unangefochten einer der wildesten Filme des Festivals, ist Victor Ginzburgs Film purer Hypertext. Special Effects, eine Handlung wie ein Wasserfall, eine Filmwelt, die sich alle zwei Minuten radikal verändert und ein Voice Over, der den Informationsgehalt dieses Films zum Überborden bringt, tragen gemeinsam dazu bei, dass man nach diesem Film zuerst einfach wie versteinert da steht.

Anhand des Charakters Babylen Tatarski und nach einem Roman von Victor Pelevin wird ein postmodernes Universum konstruiert, um über die Entstehung der Werbeindustrie im Russland der Neunziger Jahre zu erzählen. Wie westliche Marken eine östliche, russische, manchmal anti-semitische oder xenophobe Image-Politur bekommen haben, damit ein russisches Post-Jelzin Ideal erzeugt wird, oder wie die Werbeindustrie die Identität einer Nation prägt, wie die Wirklichkeit und ihre Prominenten wortwörtlich in Studios gerendert werden und wie Drogen dabei vielleicht das einzige Stück Realität sind, in einer Welt, der man glauben und nicht glauben soll, in einem Film, dessen Wirklichkeit viel alterierter ist als alle Gonzo-Erzeugnisse.

Oder – ein Film über den Hamster Rostropovich, der immer wieder Medaillen um den Hals gebunden bekommt.




MIA

MIA ist ein Märchen. Nicht nur zitiert er Märchen, ob literarisch oder filmisch (das über den etwas anderen Edward mit den Scherenhänden), sondern erzählt selber eins, das dem Kino so spezifisch ist – das von dem armen Mädchen, das von Liebe, Familie und besseren Verhältnissen träumt. Und dieses Mädchen ist hier die Transsexuelle Ale (unglaublich charismatisch von Camila Sosa Villada gespielt – über sie wurde ein Dokumentarfilm letztes Jahr gedreht), was ein klassisches Märchen zum Genderdiskurs macht, ohne dass dies je aufdringlich wird.


Romance del enamorado y la muerte, hier von Oscar Chavez gesungen, eines der Lieder auf Mias Kassette:

Die titelgebende Mia ist eine Frau, die sich umgebracht hat und ihrer kleinen Tochter Julia ein Tagebuch hinterließ und eine Musikkassette, um sich zu erklären. Ale, die zusammen mit ihren Freundinnen aus der Transsexuellen-Siedlung tagsüber Karton einsammelt und ihn verkauft und nachts auf dem Strich geht, findet Mias Erbe, weggeworfen von Julias Vater. Damit entdeckt sie eine neue Welt, eine Welt, die Mia nicht haben konnte und wonach sich Ale so sehr sehnt: Eine (zuerst noch dysfunktionale) Familie, eine Tochter, ein Haus und versucht sich darin einzuleben, Mia zu ersetzen. Sie stürzt mit all ihrer Seele in ein Abenteuer, das nicht lange dauern wird, entgegen all dem, wonach ihre Freundinnen streben – entgegen einer Existenzgrundlage, einer Stetigkeit, einer Sicherheit und genießt es, für wenige Tage.

MIA ist der letzte Film, den ich in Mannheim sah, der mich mit seinem bunten, Transen-Kitsch verführt hat in seinem Märchen, der mich in seinen banalen Momenten zutiefst berührt hat und mir einen melancholischen Abschied vom Festival beschert hat, wie ich ihn mir aus dem Presseraum aus nie erträumt hätte. MIA ist auch ein kleiner Film, der zwar schon auf einigen Festivals lief, aber viel mehr Aufmerksamkeit verdient, denn als Märchen ist er für ein breites Publikum zugänglich.

Hier finden Sie unsere gesamte Berichterstattung vom Internationalen Filmfest Mannheim-Heidelberg 2011. 

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