In Time – Deine Zeit läuft ab


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In Time – Deine Zeit läuft ab wurde auf Deutsch der Science-Fiction-Blockbuster des Monats genannt. Deine Zeit läuft immer ab, egal wer du bist. Was aber dieser Film von Andrew Niccol neu in die Gleichung bringt, ist, dass es keine Ablenkungen davon mehr gibt. Denn wir Menschen haben uns einiges im Laufe der Geschichte eingerichtet, das unsere Augen von dem Ablaufen der Zeit ablenkt: Geld, Güter, Erotik usw., um nur das Essenzielle zu nennen. Und all dies ist in dem schematischen und basalen Ansatz Andrew Niccols wegradiert: Geld gibt es nicht mehr, Güter auch nicht. Mit der Erotik wird nicht so stringent verfahren, ist schließlich auch schwer Justin Timberlake und Amanda Seyfried in einen Blockbuster zu stecken, ohne eine Liebesgeschichte. Und da haben wir es schon: dieser an sich sehr marxistische Ansatz des Films, „Deine Arbeit ist Deine Zeit ist Dein Kapital“, trifft auf Hollywood.

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Die vielleicht interessanteste Idee des Films: die Armen  bewegen sich schneller, denn sie haben nie viel Zeit übrig

Was die Handlung angeht, ist die Prämisse ziemlich alles, was zum Film gesagt werden muss: Die Menschen sind genetisch manipuliert – sobald sie 25 werden, hören sie auf zu altern. Ja, ewiges Leben. Aber nur, wenn man Zeit hat, denn mit 25 fängt auch eine Uhr am Arm eines jeden rückwärts zu ticken, die ein Jahr zeigt. Und wenn dieses Jahr rum ist, ist es vorbei mit der Unsterblichkeit. Also – Klassengesellschaft: Die Reichen verdienen Zeit dazu, die Armen schuften sich in den Tod, denn sie werden mit wenigen Stunden für ihre Arbeitszeit bezahlt. Die Welt ist in Gebiete unterteilt, die sich Zeitzonen nennen und entsprechend der Zeit, die jeder noch auf dem Arm hat, bewohnt sind.

In Time ist ein Film, der bei der Kritik versagen muss. Denn er startet mit einem ungeahnten Potenzial. Man denkt sofort „wow“ und fragt sich, warum denn nicht Spielberg oder Nolan schon früher daran gedacht haben. Zeit als Währung! Geld aus dem Weg räumen um Kritik an dem Kapitalismus noch schärfer, noch direkter auszuüben. Und schon in den ersten Minuten werden wir mit Spielchen überflutet, werden dazu gebracht, unzählige Analogien zwischen dieser Filmwelt und unserer zu ziehen. Die Mutter von Will Salas (Justin Timberlake) wird gespielt von Olivia Wilde. Sie sieht aus wie 25, ist aber 50 (später im Film sehen wir eine Ehefrau, eine Schwiegermutter und eine Tochter, alle gleichaltrig aussehend). Fast mit ironischer Nostalgie zählen die Figuren die Jahre mit, die sie über dem Alter von 25 hinaus gelebt haben. Dann wird Will gesagt, er soll sich eine Freundin suchen. Hat natürlich keine Zeit, denn er ist einer der Ärmsten dieser Welt. Und schließlich, wenn ihm seine Mutter eine halbe Stunde per Handberührung überweist, damit er ein ordentliches Mittagsessen genießen kann, ahnen wir, was für Möglichkeiten im Film stecken. Und dieses wird ausgelotet, aber immer auf der Ebene des Wortwitzes, der trivialen Analogie. Unterhaltsam natürlich – und langweilig wird es nie – aber die grobe Handlung, die Rebellion Wills gegen das System, zusammen mit Sylvia (Amanda Seyfried) – das rückt alles dermaßen in Hintergrund, dass es einem relativ schnell egal wird. Und wenn ein Film einem alle Kleinigkeiten dermaßen deutlich und detailreich zeigt, sich aber kaum um das restliche Potenzial der Prämisse schert, dann kann er nicht als gut angesehen werden.

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Die Zukunftsvision des Films ist eine der Siebziger: Architektur und Geräte übertreffen den Menschen in Größe und Macht

Was ist aber mit dem Publikum, mit allen Zuschauern, die ins Kino gehen? Die Reaktion müsste ähnlich sein, denn der Film unterhält, keine Frage, geht aber davon aus, dass sein Publikum nur aus Minderbegabten besteht. So verbietet er sich, über diese Ebene des Wortwitzes hinaus, das Thema interessant zu behandeln. Politisches, Philosophisches, gar Filmisches wird grob vernachlässigt und schließlich wirkt alles eher etwas unkonzentriert, etwas planlos, dazu bestimmt, in Vergessenheit zu geraten. Zwar erlangt In Time – Deine Zeit läuft ab Sympathie aus seinen Referenzen, von Justin Timberlake, den man nach The Social Network doch als guten Schauspieler in Erinnerung hatte, über den Regisseur Andrew Niccol, der sich mit Gattaca als ein Science-Fiction-Regisseur schlechthin bewiesen hat, bis hin zu intrafilmischen Analogien – da kann man nicht umhin, visuell wie bezüglich der Gesellschaftsstruktur, an Equilibrium zu denken, oder, angesichts der Handlung, an eine sexy-pop Variante von Bonnie und Clyde, an die 70er-Jahre-Optik, die vielleicht doch noch einen kleinen Kommentar zur marxistischen Ausgangsidee hinzufügt – doch reicht der Film nie an seine Vorbilder heran und es gelingt ihm auch nicht, diese Elemente konsistent zusammenzuführen, uns den Eindruck eines zusammenhängenden Weltentwurfs zu geben.

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Bester Schauspieler des Films: Cillian Murphy

In Time – Deine Zeit läuft ab ist fade genug, um nicht mal die Meinungen zu spalten. Man hätte sich mehr Story gewünscht um Cillian Murphy, dem Timekeeper, der Sheriff-Figur des Films, und um Vincent Kartheiser, dem Millionär irgendwo an der Spitze einer nicht erkundeten Pyramide, denn ihre Leistung war dermaßen oberhalb des sonstigen Niveaus des Films, dass sie einen noch auf falsche Gedanken mit ihren Bewegungen und Mimik geführt haben. Aber nein, statt interessante Nebenfiguren haben wir nur diese gesellschaftliche Pyramide, wie der Olymp sehr vernebelt um die Spitze, die von Bonnie und Clyde angegriffen und auf den Kopf gestellt wird. Aber dieser Nebel sieht alles andere als mythisch aus, wie vieles im Film ist er einfach nicht ausgearbeitet. Und damit wird die Handlung uninteresant: Ein Allgemeinwohl wird angestrebt, Windmühlen werden bekämpft, ein sloganisiertes System wird umgekippt. Zu sehr stehen die zwei Hauptfiguren im Mittelpunkt, zu oft werden sie sinnesstiftend eingesetzt, zu beliebig und austauschbar wirkt implizit das ganze Setting. Dadurch distanziert sich der Film von seiner Ausgangsidee, von ihrer Umsetzung. Und hat er diese einmal verraten, wird er uninteressant.

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In Time ist ein Spiel: ein hermetisches Universum mit eigenen Regeln. Will bringt Sylvia spielerisch Poker bei. Und wenn man nicht um Zeit spielt, dann um die Kleidung.

Zwei Arten von unbewaffneten Konfrontationen werden in In Time – Deine Zeit läuft ab vorgestellt: Poker, wo es schon mal passieren kann, dass der eine oder andere Mitspieler am Tisch stirbt, nachdem er seine Zeit verspielt hat, und Armwrestling, eine Disziplin, in welcher Wills Vater exzellierte. Denn er wusste, wie fasziniert alle davon sind, wenn einem nur einige Sekunden zum Leben bleiben, wie diese sakralen letzten Sekunden eines Lebens ablenkt, wie sie dann auf die tickende Uhr schauen müssen und wie sie besiegt werden. Mit diesem Trick operiert der ganze Film, denn es werden uns unzählige Uhren vor die Augen gelegt, und wenn nicht, dann bekommen wir diese nicht mal smarten Wortwitze um Zeit, Geld und Leben zu hören, alles in allem werden wir immer wieder geblendet. Fast selbstreflexiv könnte uns diese Strategie vorkommen, fast eine Kritik an dem Kino des leeren visuellen Rausches – sie ist leider aber selbst nur ein leeres Spiel, eine billige Methode zu unterhalten und leider der stringenteste rote Faden des Films.

In Time – Deine Zeit läuft ab – Pressespiegel bei film-zeit.de

In Time – Deine Zeit läuft ab / In Time
R,B: Andrew Niccol
K: Roger Deakins
D: Justin Timberlake, Amanda SeyfriedCillian Murphy, Vincent Kartheiser
USA, 2011, 100 Min.
20th Century Fox
Kinostart: 1.12.2012
FSK: 12

  • Tobiwan

    Wie kann man so eine Idee so … schlecht umsetzen ist falsch… gar nicht umsetzen? Das hat bei mir gerade nur ein fades Gefühl im Kopf hinterlassen. Laaaangweilig.