2011 - Monat für Monat: Januar
Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Es ist schon eine sonderbare menschliche Eigenheit, das Jahr, den Monat, die Woche, den Tag, die Stunde, oder die Minute auf kreativste Arten in Einzelteile zu gliedern. Man meint, die Zeit wird spannender, wenn man sie mit Sinn auflädt, wenn man sich Anlaufpunkte schafft, auf die man sich freuen kann - oder über die man sich beschweren kann. Das machen wir alle besonders gerne. Aber wir haben bald Jahresende und da blickt man vor allem auf die guten Seiten des Jahres, darauf , was man geschafft hat, darauf, was einem besonders gut in Erinnerung blieb. Als NEGATIV Redakteur vergisst man auf den Monitor und die Leinwand starrend und unermüdlich in die Tasten hämmernd beizeiten, was man eigentlich alles abgearbeitet hat und auf welchen Erfahrungen die Texte eigentlich basierten. Das Jahr strukturiert sich rückblickend über die Zeilen, die man hinterlassen hat. Das allein deutet eine gewisse Abstinenz von Sonnenlicht und Bewegung aus, doch beginnt man zu lesen, bemerkt man schnell, dass deutlich mehr Realitätsbezüge aufzustöbern sind und oftmals Erlebnisse mit dem Geschriebenen in Verbindung stehen. Fotos, die im zivilen Leben ganz gerne zu diesem Zweck zum Einsatz kommen, lassen nie Zweifel an einem deutlichen Bezug zur Welt, allerdings gehen sie auch nur für die beteiligten Personen über die simple Abbildung hinaus. Sie sind natürlich die einfachere Möglichkeit, sich zu erinnern, aber irgendwie so simpel. Als Kritiker beruft man sich natürlich lieber auf seine Schreibe. Und Geld für eine Kamera haben Filmjournalisten ja sowieso nicht. Damit verbunden, also mit der Schreibe, erscheinen einem die ganzen Erinnerungen an das Jahr 2011 vor dem geistigen Auge und man gerät doch etwas ins Schwärmen. Vor allem erinnert man sich an spannende und wunderbare Menschen, die man kennen lernen oder mit denen man zusammenarbeiten durfte. Denn sie sind es letztlich, was bleibt. Auch wen der Film für die Ewigkeit ist, konservierte Zeit quasi, bleibt er bedeutungslos ohne uns, die ihn immer wieder mit Leben füllen, die ihn bei jedem Sehen neu erleben und darin entdecken, wie wir uns selbst seit dem letzten Sehen verändert haben.
Zurückblickend auf den Januar könnte man jetzt wie eben beschrieben leitfadenartig sein Textarchiv durchstöbern und nachlesen, welche Gedanken das Kino damals ausgelöst hat, welche Filme besonders viel Eindruck hinterließen, welchen Themen man zeitweise besondere Beachtung geschenkt hat. Eine Bestandsaufnahme wäre das in der Tat. Aber auch geschummelt. Versucht man es doch ohne Gedächtnisstütze, runzelt man etwas die Stirn und erinnert sich dann irgendwie doch nur an ein paar Tage des ersten Jahresmonats. Vieleicht ein Indikator, was das wichtige war? Rotterdam. Natürlich hängt die Erinnerung mit einem Filmfestival zusammen. Wie immer beim Verreisen. Man wird den Kinotrieb eigentlich nie so richtig los und blickt instinktiv bei jedem Reiseziel auch das eine oder andere Mal um sich auf der Suche nach eine Prise Film. In diesem Fall war die Stadt, das Reiseziel, angesichts der Veranstaltung dann sogar zweitrangig. Das International Film Festival Rotterdam (IFFR) nahm zum 40. Geburtstag die gesamte Umgebung ein. Über 40 Spielstätten für Filme, Ausstellungen, Vorträge, Diskussionen, Workshops, Industrieevents und natürlich zum Feiern erfüllten die Stadt, ihre Bewohner und eine riesige Meute filmbegeisterter Gäste aus dem Ausland mit der anscheinend typischen Stimmung des Festivals. Die war vor allem lebendig und ungezwungen, besonders diskussionsfreudig und über alle Maßen interessiert. Interessiert am internationalen Independentfilm und seinen Machern, an Bildern, die in einer Dichte und Fülle begeistern konnten, wie sonst bei kaum einer Veranstaltung. Das abseitige und gewagte, das mutige und eigenwillige Kino findet hier einen enormen Zuspruch und füllt riesige Kinosäle. Bei einer Vorführung spielen Jazz-Musiker zu ihren selbstgedrehten 8mm Filmen über New York. Dann eine völlig durchgeknallte Gruppe. Zwischen zwei Songs nimmt einer der Musiker einen Plastikbecher in die Hand. Während der seinen Kopf mit beiden Händen ruckartig zur Seite dreht und eine Genickbruch simuliert, zerquetscht er den Becher. Das ganze etwa 20 Mal nacheinander. Die Musik ist etwas aufreibend und nervt manchmal, aber mit Absicht. Viele gehen raus. Klar, dass man das nach einem knappen Jahr noch im Gedächtnis hat. Coolhaven hießen die Musiker ürigens. Ihre Show trieb einem mindestens einen genauso intensiven Schauer über den Rücken, wie der eisige Wind, der einen beim nächtlichen Nach-Hause-Weg über die Erasmusbrücke vom wunderschönen Stadtbild ablenkt.
Die Bars der Stadt und einzelne Hotellounges sind abends gefüllt mit Festivalgästen. Hier ist jeder ansprechbar. VIP-Kultur ist hier kein Thema. Man trifft Simon Field, der das Festival lange Zeit geleitet hat. Er freut sich, dass man ihn nicht kennt, sondern sich nur unterhalten möchte - im Gegensatz zu dem Produzenten, der nebendran steht und ganz dringend etwas Geschäftliches loswerden möchte. Überall hervorragende Journalisten aus der ganzen Welt, die einen auflaufen lassen könnten, es aber nicht tun. Denn sie interessieren sich, was man so tut und was man beim Festival gesehen hat. Einige spricht man auf das NEGATIV Filmkritik-Special zum einjährigen Jubiläum an und erhält viele spannende Antworten: "Ich kann gerne darüber schreiben, warum ich mit Filmkritik aufgehört habe". Der Archetypus des deutschen Kritikers ist leider manchmal ein ziemlich kauziges, elitäres Gegenbild zu den vielen zugänglichen Leuten, die jedes Jahr die Niederlande bereisen. Gut, Cahiers du Cinéma kann mithalten. Aber sonst herrschte in Rotterdam ein ganz unerhoffter, wundervoll angenehmer Grundton. Wer hier hinkommt, nimmt das Kino ernst, aber nicht zwangsläufig sich selbst. Ausnahmen hat man immer. Aber wichtig ist, überhaupt mit den Leuten sprechen zu können und dadurch ein Urteil zu gewinnen. Denn wie vorher angesprochen: Was bleibt, was einen bereichert, sind die Menschen, denen man begegnet. Vielleicht sollten Festivals in ihrer Rolle als Austauschpunkt und Kontaktplattform nicht zuletzt danach beurteilen werden, wie wichtig sie den Menschen nehmen und welche Räume sie ihm eröffnen. Das gilt sowohl für die geladenen Gäste, die auf Bühnen vorgestellt werden, als auch für das Publikum, dem man mehr oder weniger Gelegenheiten geben kann, sich selbst zu Wort zu melden. Nach Rotterdam kam Berlin. Aber das war dann schon im Februar und wir lassen das Thema hier lieber.
Am Ende spickt man dann doch in die eigenen Januar-Texte, um sicher zu gehen, dass man nichts vergessen hat. Man fragt sich doch, ob da nicht noch mehr war. Natürlich weiß man das sofort im Bezug auf andere Projekte, die zu der Zeit immer die Überhand gewinnen. Aber wir wollen ja bei der Sache bleiben. Bei NEGATIV findet man tatsächlich nur einen einzelnen eigenen Artikel, der stammt aus Rotterdam. So verkehrt scheint die Orientierung an den Texten wohl nicht zu sein. Aber was soll's. Alles Theorie: Monate, Tage oder Stunden rückblickend nach Ereignissen, Filmen, Terminen, Fotos oder gar Texten zu strukturieren, ist eine vergnügliche Sache, macht aber vermutlich generell wenig Sinn. Wesentlich ist das, was man mitnimmt und für die Zukunft bei sich behält. Denn man hat mit ihr noch einiges vor, mit dieser ominösen Zukunft. Die Akkreditierung für Rotterdam 2012 ist eingereicht. Ein guter Start für 2012 steht damit. Der Januar wird wieder ganz schön viel Arbeit. Nichts gelernt und den Terminkalender wieder zu voll gepackt. Wie jedes Jahr.
Aber jetzt ist erstmal Weihnachten. Vielleicht reicht die Zeit sogar, um mit Freunden ins Kino zu gehen.
2011 - Monat für Monat: Januar
2011-12-09T16:12:00+01:00
Dennis Vetter
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