.

2011 Monat für Monat: Mai

von Ciprian David, am 19.12.11

Das Grün-Markierte ist nicht unser Fehler, selbst wenn immer etwas durch das Lektorat sickert
Vamos a la Playa. Oder wer kann, Cannes. Titelvorschläge unter Alkoholeinfluss am letzten Tag von Nippon Connection, nachdem Rüdiger Suchsland uns angeboten hat, für NEGATIV von Cannes aus zu berichten. Ein Auszug des nächtlichen Gesprächs werdet Ihr hier finden: Teil 1|Teil 2. Wieder einmal stolz wie Oskar war ich an dem Tag und die Zahlen haben es bestätigt – denn seit Mai sind unsere Besucher nochmal deutlich mehr geworden. Inzwischen fünf Mal so viel wie Anfang des Jahres, und die Vamos a la Playa, die Croisette, hatte einiges dazu beigetragen.

Einige der Filme aus Cannes waren inzwischen auch hierzulande in den Kinos zu sehen, andere warten noch auf ihren Kinostart (Drive gehört zu den must-sees für 2012), jedoch für uns in der Redaktion hat Cannes eine andere Bedeutung entwickelt. Cannes und Mai stehen für den Skandal. Für Lars von Trier etwa, dessen Performance auf der Pressekonferenz nicht nur von den Veranstaltern des Festivals, sondern auch international, vor allem von der (sensationsgierigen) Presse, bestraft wurde. Für Andreas Dresens Halt auf freier Strecke, der zum Film wurde, den alle NEGATIVler gesehen haben müssten (worin ich bisher versagt habe). Denn zum ersten Mal schaffte es eine unserer Kritiken in den Trailer des Films, wie ihr weiter oben sehen könnt.

Ich habe auch nicht unbedingt ein Bedürfnis auf Klarstellung der Angelegenheit, aber das war nunmal aus der Perspektive des Mediums eines der Events des Monats. Der Satz im Bild weiter oben ist aus unserer Cannes-Kritik zum Film, geschrieben von Rüdiger Suchsland. Eine Kritik, die nicht nur die Runde in dem Filmteam machte, sondern auch beim Verleih und, vielleicht unerwartet, durch die Presse. Sogar von der PR-Agentur wurden wir immer wieder gerne darauf angesprochen, und einige Kollegen verpassten auch keine Gelegenheit, Bemerkungen dazu zu machen. Nun, die Frage die sich zumindest uns, den Herausgebern stellt, ist, ob eine solche Kritik online darf oder nicht. Und komischerweise waren und sind wir uns alle einig: Wir mögen Rüdiger Suchslands Kritik, wie auch sonst seine Texte, die auf unsere Seite zu lesen sind. Warum tun es die anderen nicht? Liegt es an der Sprache, die dem deutschen Register für Filmkritiken nicht entspricht? Das wäre nur bürokratisch, also nehmen wir es nicht als Argument an. An der polemischen Dimension des Textes? Nun, dieser verschwindet, sobald man einigermaßen mit der Filmlandschaft in Deutschland vertraut ist. Dem Text kann nur ein gewisser Gonzoaspekt vorgeworfen werden. Und selbst dieser ist berechtigt (keiner außer dem Vater meiner Freundin hat sich beispielsweise über Verena Luekens Interview mit Lars von Trier anlässlich des Kinostarts von Melancholia beschwert, ebenfalls persönlich gefärbt, ebenfalls politisch in seinem Vorhaben – und ebenfalls sehr empfehlenswert).

Denn am Tag, an welchem der Film in Cannes ausgestrahlt wurde, ist etwas geschehen, wovon Deutschland, soweit es das Land filmisch gibt, immer noch geprägt ist. Michael Althen ist verstorben. Kollege und guter Freund Rüdiger Suchslands, doch diese Verbindung darf zunächst ruhig in den Schatten treten, denn Michael Althen war einer der prominentesten und meist geschätzten Filmkritiker des Landes, ein sehr begabter Schreiber mit einer von Leidenschaft und Bewunderung geprägten Beziehung zum Filmischen, wie sie leider nicht immer in unserem Beruf anzutreffen ist. Leider, weil es in der Macht von Menschen wie Michael Althen liegt, ein Interesse an dem Kino, an der Auseinandersetzung mit dem Film rege zu halten. Inzwischen gibt es eine Sammlung seiner Kritiken auf michaelalthen.de zu lesen, ein Blick in die Vergangenheit, die uns den Verlust verdeutlicht, den wir in der Gegenwart und Zukunft nach seinem Tod erleben.

Und dann fragt man sich natürlich, warum keiner der Protestierenden diese Verbindung sehen wollte, diesen Zusammenhang, in welchem der Text entstanden ist. Ich darf nicht darüber schreiben, denn ich befinde mich nicht in der Position, darüber zu urteilen oder Rüdiger Suchsland zu vertreten. Ich kann nur auf die Frage eingehen, ob es erlaubt ist, als Kritiker die eigene Person und die eigenen Erfahrungen/Erlebnisse in die Kritik einzubringen und diese einem Film gegenüber zu stellen, der offensichtlich mit unvergleichbar viel mehr Mühe und Aufwand entstand, als es uns bedarf, den Text dazu nieder zu kritzeln. Und ich vertrete die Meinung, dass wir es dürfen. Dass gerade eigene Erfahrungen den Maßstab ausmachen, an welchem wir, zusätzlich zu unserem Wissen, über Filme urteilen dürfen. Dass diese eigene Erfahrungen der Maßstab jedes Zuschauers sind und das der Film, in dem Moment, wo er projiziert ist, mit diesen zu kollidieren hat, damit seine Bedeutung und sein Wert ergänzt werden. Wir haben inzwischen drei Kritiken zu Halt auf freier Strecke (hier die anderen zwei: 1|2) und denken, dass die von Rüdiger Suchsland in ihrer differenzierten Meinung eine nötige ist, eine Bereicherung für uns wie für die Landschaft.

Ich verabschiede mich aus diesem Rückblick mit einigen Empfehlungen, denn es gab auch im Mai (vorwiegend Dokumentar-)Filme, die angeschaut werden sollen. Aus Deutschland gleich zwei Titel – Unter Kontrolle und Utopia Ltd., beide schon auf der Berlinale gelaufen. Der zweite, eine Doku über die Band 1000 Robota, war eine meiner kleinen sehr positiven Überraschungen auf dem Festival. Immer noch im Bereich des Dokumentarfilms lief im Mai Senna, der Dokumentarfilm über den verstorbenen brasilianischen Fomel 1 Fahrer. Ebenfalls dokumentarisch, doch diesmal auch stark essayistisch, ein Film aus Bulgarien: Christmas Tree Upside Down. Die Antwort auf die Frage Wer ist Hanna? sollt Ihr auch auf DVD suchen, hattet Ihr sie nicht in Mai auf der Leinwand gefunden. Zu allerletzt, seit einigen Tagen auch auf DVD erhältlich, Teza, von Haile Gerima.

Und weil dieses mein letzter Beitrag zu unserem Jahresrückblick ist, gebe ich weiter und wünsche allen ein frohes Fest! Nicht bevor ich versichere, dass nicht nur die Kritik zu Halt auf freier Strecke unsere Besucherzahlen ausmacht:).



Hier finden Sie alle Rückblick-Texte.


 

NEGATIV - Magazin für Film und Medienkultur Gestaltet von Ciprian David und Christian Alt // Log in