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2011 Monat für Monat: Oktober

von Dennis Vetter, am 31.12.11




Im Oktober sind wir schon angelangt, sowas. Der Countdown läuft, nicht nur beim NEGATIV-Monatsrückblick. Gleich ist Silvester, was auch immer das zu sagen hat. Bezeichnend, dass ich jetzt erst an meinem Text schreibe, der gestern schon hätte erscheinen sollen. Es ist erstaunlich, wie lange der Oktober schon wieder zurückzuliegen scheint, weil seither so viel passiert ist. Kinos, in denen ich mittlerweile mitarbeite, zeigen derzeit rückblickend einige Jahreshighlights, etwa Le Havre, der im September gestartet ist und der nun direkt nach Weihnachten einen riesigen Publikumsansturm auslöste. Texte unseres Magazins finden sich hier und hier. Entweder war das der Drang der Leute nach Kinokultur und die Flucht aus den eigenen vier Wänden in einen etwas größeren Saal. Oder dann doch Aki Kaurismäkis Image und das Renommee des Films – sei es nun gerechtfertigt oder nicht. Ich erinnere mich noch gut an die Debatten um Le Havre und eine Preview, die wir in Mainz präsentiert haben. Kollege Suchsland eckte übrigens nicht nur mit seinen Ansichten zu Halt auf freier Strecke an, wie Ciprian David in seinem Teil des Jahresrückblicks nochmals aufgriff. Spannend, dass Journalismus heute so viel Reaktion hervorrufen kann. Auch Melancholia wird derzeit öfters nochmal gezeigt. Er war damals ab dem 6. Oktober in unseren Kinos. Einen Monat zuvor fand zum Film vermutlich die spannendste Pressevorführung statt seit ich schreibe und der Film brachte mir von allen bisher das allergrößte Ärgernis, keine Zeit für einen Artikel zu haben.

Vor dem Film lief übrigens der schöne Trailer zu Ein Sommer in Haifa, wo ich als Filmvorführer die Schärfe justierte und feststellte, dass auch hier ein NEGATIV-Schriftzug Platz gefunden hat. Dieses Mal ohne Polemik. Verwirrend, wenn man feststellt, dass man nur noch mit Film arbeitet an allen Enden. Und ziemlich motivierend, dass es funktioniert. Danke liebe Leser für die treue Unterstützung! Und danke an alle, die hier mithelfen, das Kino ernst zu nehmen! Aber wo wollte ich hin? Genau, zum Perspektivenwechsel, der nach einigen Monaten auf die gleichen Filme eintritt, für mich ganz persönlich, erst seit Oktober: Einen Film selbst vorzuführen ist der letzte Schritt eines zu Ende Denkens für mich. Das Bild am Textbeginn bringt beides zusammen. Nicht nur schreiben und informieren, nicht nur organisieren und präsentieren, sondern den Film selbst in die Hand nehmen und in den Projektor legen, dem Publikum eine reibungslose Vorführung ermöglichen, ihn schlichtweg zeigen. Einen Film zu zeigen, heißt auch, ihn neu zu entdecken, in seiner Materialität. Das Filmmaterial erinnert ungemein an seine Entstehung und man fühlt sich irgendwie verbunden. Etwas, das man heute erst suchen muss und in seiner sterilen Verbreitung über Plastikscheiben eigentlich gar nicht mehr finden kann. Dafür ist das Kino noch unschätzbar, als Ort der Erinnerung an den Ursprung eines Films, bevor er dann als Konserve im DVD Regal endet, oder Blu-ray, was auch immer.

2011 war ein historisches Jahr. Denn bald ist der 35mm Film verschwunden, vermutlich noch 2012 geht es mit ihm zu Ende. Und damit stirbt ein Teil des Kinos, der es so lange begleitet und definiert hat, der die Menschen geprägt hat, die damit arbeiten, die als Teil dieser unüberschaubaren Vermittlungsindustrie nicht nur ein „Produkt“ bis zum Verbraucher tragen. Heute eine 35mm Rolle in die Hand zu nehmen und dem Geräusch eines der riesenhaft anmutenden Projektoren zu lauschen, fühlt sich etwas museal an, es hat fast etwas Geisterhaftes, weil bald all das, was für einen seit Kindesbeinen zum Kino gehörte, verschwunden sein wird. Allein das Rattern, das man bei kleinen Sälen im Hintergrund hört. Vielleicht wird es ja bald digital eingespielt, für Liebhaber. Die technische Weiterentwicklung, wie die meisten, hat auch etwas Gutes, natürlich. Als Online-Redakteur bin ich ja nun auch bei weitem kein erklärter Feind der Digitalisierung. Bildstrichfehler sind bald im Kino passé, ebenso wie Filmrisse. Unschärfen vielleicht auch, wenn man Glück hat und sich noch jemand schert, hin und wieder nachzukontrollieren. Zumindest muss man nicht bei jedem Film neu aufpassen. Für das Publikum ist die Vorführung reibungsloser. Wenn der Server funktioniert. Wenn der Film einem gewissen Standard entspricht. Denn Filme können nach einer vollständigen Digitalisierung nur noch vermarktet werden, wenn sie sich in das System einfügen. Kein Postweg mehr, vielleicht bei einigen kleinen Kinos, die noch einen DVD-Player als Notlösung stehen haben. Aber das ist ärmlich und betrügt den Filmemacher um die angemessene Präsentation seines Werks. Man darf hoffen, dass auch für kleine, unabhängige Produktionen ohne Verleih faire Vertriebslösungen gefunden werden. Denn wenn nicht, sind sie von vorneherein einem erzwungenen Filter des Verleihsystems unterworfen. Das wäre Diktat und nicht freies Kino.

Abgesehen davon ist mit dem vollständig digitalen Vertrieb natürlich das Besondere, das Handgemachte weg. Natürlich will die Kinoindustrie effektiver werden und hat keine Lust auf dieses umständliche System. Niemand will 20kg Kisten verschicken, wenn ein Film auch einfach online zu verbreiten ist. Das kostet Zeit, Geld, Nerven. Es erfordert fachkundiges Personal. Wer will das schon, ist schließlich nur Kino. Es verhält sich ein wenig so, wie in anderen Bereichen der Konsumgesellschaft, bei anderen Produkten. Durch die technische Verfremdung, den Vertriebsprozess, die Verpackung, geht der Bezug zum Herstellungsprozess verloren, in diesem Fall zum Fotografieren. Man vergisst hinter der digitalen Maske bald, vielleicht schon 2012, dass hinter einem Film eigentlich Einzelbilder stecken, die durch einen Zaubertrick erst wie Bewegung erscheinen. Und was werden das für Leute sein, die im Kino eine Vorführung starten? Ein paar Knöpfe drücken kann nun wirklich jeder. In Multiplexen ist es bereits Standard, dass Filme zentral gestartet werden. Niemand steht hier neben dem Projektor, seelenloses Kino. Unscharfes Bild? Egal. Es bemerkt ja ohnehin niemand. Terrence Malick kommentierte das zum Kinostart von The Tree of Life wundervoll ironisch mit einem Anweisungsschreiben an Filmvorführer. Für alle Fälle.

Über Oktober soll ich noch schreiben? Filmfest Hamburg hatten wir schon. Ein schönes Festival, wie Markus Hauschild das auch in seinem Überblick zu September schreibt. Ein großartiges Gespräch vom Festival wartet immer noch auf seine Veröffentlichung. Ein faux pas, aber auch eine Aufforderung, wieder zu kommen und es vielleicht nächstes Jahr zur kommenden Ausgabe zu bringen. Dann war in Frankfurt das Bodies of Babel Festival, wo Film nur ein kleiner Teil war. Zum ersten mal Flaming Creatures gesehen, einen der bedeutendsten Undergroundfilme der Filmgeschichte. Die einzige 16mm Kopie in Deutschland wurde gezeigt. Ganz hervorragend war das und noch viel besser als erwartet. Der Film, aber auch die Veranstaltung.

Das Oktober-Kino gab es auch noch, ich habe es leider nur selten geschafft. Rund 50 Filme sind in Deutschland gestartet und ich kenne zwei davon, beide hatte ich aber vorher gesehen. Melancholia ist in meiner Topliste 2011 und ich weigere mich sachlich zu begründen warum ich ihn liebe, weil er kein Film ist der eine sachliche Begründung nötig hat. Als ich raus ging, wollte ich nicht reden und hatte später mit einer guten Freundin doch eines der interessantesten Gespräche seit Monaten. Lars von Trier kann das. Tyrannosaur fehlt in meiner Topliste, warum auch immer. An dieser Stelle sei er jetzt nochmals betont. Er ist grandios, über ihn konnte ich damals zum Glück auch einen Text bringen. Ich sah ihn in Rotterdam im Januar und es war großartig, sich fast ein halbes Jahr später wieder an den Eindruck zu erinnern. Gerne gesehen hätte ich Underwater Love – A Pink Musical, weil der Film mit dem Nippon Connection Filmfestival so eng verbunden ist, für das ich arbeite, enger als kaum ein anderer Film. Poliezei, weil er so richtig nach verkopftem Kino klingt. The Future, weil Freunde davon geschwärmt haben und ihn andere furchtbar fanden. Over Your Cities Grass Will Grow, nur wegen dem Titel. Charlotte Rampling: The Look, wegen des Posters, Restless, weil es Gus Van Sant ist, Apollo 18, weil der Trailer so atmosphärisch ist und ich Blair Witch Project noch immer für einen der furchterregendsten Filme halte - und die Wiederaufführung von Jesus Christus Erlöser, weil Kinski einem allen Frust von der Seele redet und damit fast schon seiner Rolle als Märtyrer gerecht wird. Er fluchte Zeit seines Lebens vielleicht nicht für die anderen, aber auf sie und in jedem Fall mehr als sie - so nahm er vielen sicherlich jedes Bedürfnis nach Streit, denn er zeigte, wo es hinführen konnte.

So schlecht war das Kinojahr dann anscheinend gar nicht, wenn man schon in einem Monat so viel Spannendes wiederentdeckt. Das Spannende finden und tatsächlich sehen kann man übrigens nur, wenn man auch ins Kino geht und sich am besten auch mal Überraschen lässt. In Berlin, im Februar dann sei das übrigens jedem geraten. Es sind selten die Filme, die man einschätzen kann, die einem letztlich die interessantesten Stunden im Kinosaal – oder Vorführsaal – bescheren. Und die Presse feiert so einiges, weil es alle lesen wollen. Das kennen wir nur zu gut.

Damit habe ich auch meinen Schuldigkeit für unseren Jahresrückblick getan und wünsche aus meiner Warte allen eine gutes Jahr 2012, nicht nur Freunden und Bekannten, nicht nur Kinofans, und nicht nur unseren Lesern natürlich. Aber hier praktisch dann eben doch nur denen, die diese Zeilen lesen.

Hier finden sich alle Rückblick-Texte. 


 

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