„I am bothered by commercial pragmatism, the idea that people’s pure and spontaneous creativity is subordinated to business, rapacity, practical thinking, narrow-mindedness and cowardice.” (60 Seconds of Solitude in Year Zero, 52”)
Das Kino ist in seiner Produktionsform und Präsentation in ganz besonders großem Maße eine industrielle Kunstform. Es ist Teil der Kulturindustrie und wird nachhaltig durch diese definiert – sowohl im Sinne der Norm, als auch im Sinne der Abweichung. Das Kino ist heute oft gefällig und gerne spektakulär, es soll vermarktbar sein. Es greift Themen auf, statt neue zu generieren, nicht selten fällt die Wahl auf große Marken wie Der Herr der Ringe oder Harry Potter. Es adaptiert und macht sich zu eigen, statt aus sich selbst zu schöpfen. Kaum verwunderlich, dass wir Film heute nicht als etwas ‘Wert’-volles konsumieren, selten das Besondere suchen, sondern das Vertraute akzeptieren. Das birgt zumindest kein Risiko, für sein Geld keinen angemessenen Gegenwert zu erhalten. Kino ist ein Konsumgut geworden: Wir nutzen es in Mengen und mit geringer Wertschätzung für das Einzelne. Klebriges, überzuckertes Popcorn ist da als Begleitung nur angemessen. Alles scheint wiederholbar oder für zu Hause erhältlich – warum also genau hinsehen? Diskutiert wird selten. Was soll man auch groß zu einem Film sagen? Wir bekommen schließlich, was wir erwarten. Nicht immer perfekt gelungen. Aber ganz nett war es dann doch. Zumindest besser als ein Fernsehabend. Ziemlich bald vergessen wir, was wir eigentlich gesehen haben. Weil schon der nächste Trailer lockt. Das Kino ist in seiner Verbreitung nicht nur ein Markt, sondern in seiner Verfasstheit auch in besonderem Maße ein Spiegel der Gesellschaft.
Wie wir bereits auf NEGATIV berichteten, mündet 60 Seconds of Solitude in Year Zero in einem Film. Aber zweifellos schließt es mehr ein. Es verkörpert das konsequente zu Ende denken und in Frage stellen dessen, was für zuvor genannte Rezeptionskultur verantwortlich ist. In der Tat, und das findet man derzeit nicht sonderlich häufig, liegt hier ein Manifest zu Grunde. Die eingangs zitierte Kampfschrift ist seit April online lesbar und besteht aus 60 Textteilen für 60 Sekunden Film. Verfasst wurde der Text durch den estnischen Schauspieler Taavi Eelmaa und ist seit April online lesbar. Der Text, den die Macher eher als Idee bezeichnen, diente nicht nur als Grundlage für die Entstehung des Films, sondern soll auch eine nachhaltig gemeinte Denkanregung sein. Er nimmt vorweg, was am Donnerstag, den 22 Dezember zu passieren hat, wenn der Film in Tallinn gezeigt wird – vor allem in den Köpfen. 55 von 60 geplanten Filmemacher, unter anderem Tom Tykwer, Park Chan-wook, Brillante Mendoza, Pen-Ek Ratanaruang, Naomi Kawase, Rafi Pitts, Amir Naderi, Shinji Aoyama oder Kim Jee-woon, konnten für das Projekt gewonnen werden und haben jeweils einen 60-sekündigen Stummfilm inszeniert. Die komplette Liste aller Teilnehmer findet sich auf der Website der Veranstaltung. Zahlreiche der Regisseure werden zur Vorführung anwesend sein. Besonders spannend ist hierbei: Das Ergebnis wird einmalig gezeigt. Kein zurück. Bei der Projektion der einzigen 35mm Kopie wird diese gleichzeitig verbrannt, ebenso wie die 20×12 Meter große Leinwand. Live-Musikbegleitung wurde komponiert von Ülo Krigul und wird von ihm sowie Mart Taniel und Lauri-Dag Tüür auf Pianos vorgetragen, die für diesen einmaligen Zweck restauriert und anschließend wieder entsorgt werden. Der Film erfährt keinerlei kommerzielle Auswertung, er ist als Antithese zu unserem Verständnis von Kino entstanden und soll ihm seine Intimität, seine Aura zurückgeben. Einige der Regisseure lieferten im Vorfeld Statements zu ihrer Teilnahme:
“I believe in the 60 Seconds project because it’s a collective effort to express an emotion in a time where Cinema seems to be ruled by economics. The 60 Seconds project is an expression, a free spirit, not governed by economics, but through the will of film makers to let Art exist.” (Rafi Pitts)
“I loved this manifest from the beginning.
Especially these days, which reflect very well the political unrest and the cultural deficiencies and restrictions of our distracted society, we have to make a clear statement.
This means that we need to reconsider the idea of well-intentioned but mostly incorrect applied marketing of cultural goods.
Here now comes the event that stimulates us to burn down all these outdated and encrusted structures of useless acting and wrong human endeavor, at least for 60 seconds…for 60 minutes…to year zero. This is happening!
Apart from that, I’m very glad to be part of this wonderful and prestigious project.” (Feyyaz)
“I love life.” (Aku Louhimies)
60 Seconds of Solitude in Year Zero setzt eine fatalistische Prämisse: Alle Lebensbereiche sind einer beängstigenden Tendenz zur Beliebigkeit unterworfen. Unser Sinn für Ästhetik, unser Interesse am Kern der Dinge, unsere Fähigkeit, kritisch zu sein, sind im Verschwinden begriffen. Wir verlieren unsere Authentizität, unsere Selbstbestimmung. Natürlich eine Kritik, die nur in einem Wohlstandskontext funktioniert. Dass dies allerdings hier nicht selten zutrifft, dass unsere mentale Verkrustung ebenso wie das physische Leid der Welt hinterfragt werden sollte, unsere frei gewählte Ignoranz und Bequemlichkeit dieses mit bedingt, muss nicht diskutiert werden. Unser Interview mit Veiko Õunpuu zeigt, dass das Selbstverständnis von 60 Seconds of Solitude in Year Zero ein verspieltes, aber gleichermaßen ein äußerst ambitioniertes ist, das sich ernst nimmt, das nachhaltig wachrütteln will. Ein weiterer Auszug aus dem Manifest:
„I will not let the public define, pack or sell the ridiculessness of my human existence, the sad bragging of a lost monkey. Trade will not expand the soul’s territory; I would rather burn it out than have garden gnomes, Sunday trousers or piggybanks shaped from it. This is war and the question is about survival.“ (60 Seconds of Solitude in Year Zero, 46”)
Die Veranstaltung bildet den eindrucksvollen Abschluss einer gewaltigen Veranstaltungsreihe. Zusammen mit der finnischen Stadt Turku ist Tallinn 2011 europäische Kulturhauptstadt und zelebrierte dies durchgängig an fast jedem Tag des Jahres mit insgesamt 251 Projekten und 7000 Einzelveranstaltungen. Die 20-jährige Unabhängigkeit des Landes und die Einführung des Euro sind weitere Punkte, die das Jahr für das Land zu einem ganz Besonderen machten – und die für das 60 Seconds Event eine besonders große und bedeutungsschwangere Aufmerksamkeit generieren. Bereits in Cannes fand das Vorhaben großen Zuspruch. Es ist erfreulich, dass am Ende der Veranstaltungsreihe ein derartig ambitioniertes Statement steht und zudem, dass das Kino hier in einem derart lebendigen Sinne genutzt wird. Man erwischt sich bei der Vorfreude tatsächlich mit einer etwas nervösen Ungewissheit, etwas zu sehen, das man so noch nicht erlebt hat. Aus Hollywood hat übrigens kein großer Name mitgewirkt und man wundert sich, ob dort überhaupt jemand gefragt wurde. Schwarz-weiß Malerei kann nötig sein, ist aber eben auch so eine Sache. Das Kino betrifft schließlich alle.
NEGATIV begleitet die Veranstaltung vor Ort. Hier findet sich eine Übersicht aller Berichte und Interviews zu 60 Seconds of Solitude in Year Zero.


