Balada Triste de Trompeta / Mad Circus – eine Ballade von Liebe und Tod


Der Clown als barbarisches Sinnbild des Krieges

Der Clown steht außerhalb der Gesellschaft. Er bleibt in seinem Wesen verschont von politischem Druck und er hat, durch seine berufliche Identität geschützt, die Macht, Tabus zu überschreiten und zu umgehen. Das alles hat seinen Preis, denn er findet keinen individuellen Zugang zur Gesellschaft. Durch seine Rolle als Unterhalter steht er als Modell für eine ganze Reihe von Berufsbildern, die eine Depersonalisierung des Individuums implizieren. Denn, egal wie er innerlich aussieht, muss er unterhalten. Eines der tristesten Erzeugnisse der Zivilisation.

Bezeichnend fängt Alex de la Iglesias Mad Circus - Balada triste de trompeta mit Lachern an. Lacher, welche die Credits am Anfang des Films begleiten – alle Beteiligten werden aus dem Off ausgelacht; sie sind ja ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Und der Clown: der wird auf einen Sockel gesetzt. Gleich von Beginn an, steht er oberhalb von Krieg und politischen Überzeugungen und wenn er sich am Krieg beteiligt, dann ist er ein Übermensch. Als Frau kostümiert und bewaffnet mit einer Machete, metzelt er eine Horde Gegner nieder, bis eine verirrte Kugel ihn im Bein trifft und anhält. Das Leben als Reihe von Zufällen will uns Iglesia mit dieser Kugel sagen, denn aus der Sicht des Clowns wurden die bisherigen Ereignisse vom Zufall bestimmt. Er hat alles, seiner Rolle entsprechend, fatalistisch angenommen. Nur der traurige Clown, sein Kollege, hat rebelliert; hat von seinem Vetorecht als Clown der Gesellschaft gegenüber Gebrauch gemacht und wurde verschont. Damit hat er aber sich als Individuum verraten und die Chance vertan, von dem Film begleitet und auf einen Sockel gestellt zu werden .

Wieder der Clown, wieder als Sinnbild des Krieges, diesmal mit messianischer Aura

Nach diesen wenigen Minuten des Films wird schon alles angerissen, was danach kommen soll: Der Konflikt des Clowns, zwischen Berufsbild und Individuum; der Konflikt der Gesellschaft, die Francos erfindet, welche uns alle wie Clowns behandeln; das Motiv des Clowns als Übermensch. Wenn er sich in die Politik einmischt, dann pflastert er die Straßen mit Leichen. Dazu gibt es noch eine Liebesgeschichte, bei welcher der bessere Clown das Mädchen bekommt.

Es wird um den Sohn des Clowns gehen: Javier. Der Vater ist inzwischen im Gefängnis und gibt Javier wenig mit, aber immer Essenzielles: Wenn er ein Clown werden will, wie sein Vater, soll er ein trauriger sein; sein Leben ohne Eltern war ein trauriges. Außerdem hat der traurige Clown damals das Gefängnis vermieden – traurige Clowns werden nie die Stars der Shows. Ein Rat also, der direkt die Problematik des Wesens eines Clowns aufgreift und eine Brücke zwischen Individuum und Berufsbild schaffen möchte. Doch das Leben spielt nicht mit und so kommt es dazu, dass ein wunderbarer Carlos Areces als Javier indirekt in den Fußstapfen seines Vaters tritt. Er will das Mädchen, rebelliert gegen den lustigen Clown; gegen das Regime und wird somit zu einem Sinnbild des Widerstandes.

Verformt, selbstverstümmelt und getrieben von einem ungeheuren Willen – denn das ist das Einzige, was er hat – bewegt sich Javier auf den Höhepunkt des Films zu: eine Over-the-Top Konfrontation mit Sergio (Antonio de la Torre), dem inzwischen auch verstümmelten, lustigen Clown. Und das Bild dieser Konfrontation ist eine Synthese des Konflikts zwischen Individuum und einer tyrannischen Gesellschaft, die ihm alles verbietet. Ein Sinnbild des Exzesses, sprudelnd von aufrüttelnder Kraft.

Der Film hat auf zahlreichen Festivals Regie-, Drehbuch- und Schauspielpreise gewonnen und er ist in der Tat beeindruckend: visuell, inszenatorisch, wie vom Schauspiel. Doch lässt es sich empfehlen, Alex de la Iglesia zu kennen, denn sonst erwartet man statt eines Kandidaten für die Störkanal-Reihe das, was der internationale Trailer zu verkaufen versucht: einen sehr essayistischen, minimalistischen Arthouse-Film.

Der deutsche Trailer verfehlt den Film noch mehr: Komödie und Liebe sind die einzigen Komponenten, die es in den Zusammenschnitt geschafft haben:

Mad Circus – Pressespiegel  auf film-zeit.de

Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod / Balada triste de Trompeta
R, B: Álex de la Iglesias
D: Carlos Areces, Antonio de la Torre, Carolina Bang
Spanien, Frankreich, 2010, 108 Min.
Koch Media
Kinostart: 8.12.2012
FSK: KJ