Let Me In


Es ist Nacht. Ein Junge, nicht älter als zwölf, sitzt allein im verschneiten Innenhof seines Wohnblocks. Nahaufnahme: Geduldig dreht der Junge an einem Zauberwürfel. Zurück in die Totale: Ein Mädchen steht auf dem Klettergerüst. Sie ist barfuß. Kurze Worte werden ausgetauscht. Sie ist neu in den Block gezogen, mit ihrem – Vater. Der Junge fragt, warum sie nicht friere. Wir können keine Freunde werden, sagt sie. Am Schluss lässt er ihr seinen Zauberwürfel da. Eine erste Annäherung. Zögerlich, zaghaft, kaum mehr als eine Andeutung. Am nächsten Abend steht der Junge wieder im Hof. Vom Mädchen keine Spur. Auf dem Gerüst entdeckt er unter einer Schneedecke seinen Zauberwürfel. Alle Seiten haben die gleiche Farbe. Rubiks Puzzle ist gelöst. Das Rätsel um das neue Mädchen von nebenan hat sich erst aufgetan. In ihrer geheimnisvollen Unschuld liegt etwas Dunkles. Hat sie etwas mit den mysteriösen Morden zutun, die Anwohner und Behörde ratlos zurücklassen?

In Let Me In vereint Drehbuchautor und Regisseur Matt Reeves behutsame Jugend-Romanze mit schockierendem Horror zu einer Coming of Age-Geschichte der anderen Art. Wie auch Freund und Kollege J.J. Abrams findet Reeves durch Mittel der Fanstatik den besten Weg, das emotional-widersprüchliche Innenleben eines Heranwachsenden darzustellen. In mancher Hinsicht kann Let Me In durchaus als Komplementärstück zu Super 8 gesehen werden: In Abrams‘ nostalgischem Science Fiction-Blockbuster erkennt der junge Protagonist, dass das “Böse” nur eine Konsequenz menschlichen Fehlverhaltens ist. In der Begegnung mit dem Monströsen lernt er, vergangenes Leid loszulassen, um sich der (ersten) Liebe zu öffnen. In Let Me In dagegen begegnet der Protagonist Owen dem Bösen als das Andere, verantwortlich für die Mordserie ist ein hungriger Vampir. Doch öffnet sich Owen diesem Bösen, geht eine sonderbare Beziehung mit ihm ein - Ist es doch Abby, das mysteriöse Mädchen von nebenan, seine erste Liebe. Owen überwindet sein Leiden, indem er in das Zufügen von weiterem Leiden verwickelt ist. Es ist seine freie Entscheidung, nur auf Einladung kann das Böse in unser Leben treten. Låt den rätte komma in (Let the Right One In), so lautet der Titel des Buches von John Ajvide Lindqvist sowie der gleichnamigen Filmadaption von Tomas Alfredson, auf die sich Reeves bezieht.

Darin liegt die eigentliche Problematik des Films. Für sich genommen funktioniert Let Me In tadellos – darin sind sich Publikum und Kritiker einig - als herausragender Beitrag zum zeitgenössischen Horrorgenre (Stephen King spricht vom “best american horror film in the last 20 years”). Der spannende Einfall, dramaturgisch wie auch ästhetisch die Reinheit einer Liebe zweier Heranwachsender mit der puren Brutalität einer Vampirgeschichte zu verbinden, geht jedoch nicht auf Reeves, sondern eben auf die Buch- und vor allem die Filmvorlage zurück. Bewertet man die Qualitäten von Let Me In allein als Remake, ist das Urteil eher ernüchternd. Gelingt Let Me In, weil seine Vorlage So finster die Nacht (so der deutsche Verleihtitel der Alfredson-Adaption) bereits mehr als gelungen ist?

Das würde zumindest erklären, warum Let Me In mehr als ein Jahr nach der US-Premiere in Deutschland startet. War die Erinnerung an So finster die Nacht von 2008 zu frisch? Den Bildern von Matt Reeves unterliegt ein permanentes Gefühl des déjà vu. Im direkten Vergleich der Filme fällt auf, wie stark er sich an Alfredsons Vorlage gehalten hat. Statt wie versprochen eine neue Version mit stärkeren Rückbezug auf das Buch zu drehen, produzierte Reeves eine fürs amerikanische Publikum aufbereitete Neuauflage – Einstellung für Einstellung. Unwillkürlich kommt einem Gus Van Sants Psycho, in dem er das Original von Alfred Hitchcock Bild für Bild nachgedreht hat, in den Sinn – Wahrlich keine Perle der Filmgeschichte. Rechtfertigt also im Fall von Let Me In das Verlegen der Handlung aus Schweden nach New Mexico, eine Amerikanisierung der Namen, eine Vereinfachung des Plots sowie das Ausbügeln mehrdeutbarer Handlungselemente die Existenz eines Remakes zu einem Film, der gerade einmal zwei Jahre zurück liegt? Worin liegt Reeves‘ kreative Eigenleistung?

Vielleicht eben darin, dass trotz obligatorischer Zugeständnisse an ein amerikanisches Publikum er der Seele von Alfredsons Film bzw. Lindqvist treu geblieben ist. Das heißt vor allem den beiden Hauptfiguren Raum geben, ihre vielseitigen Facetten zu entfalten. Ein geeigneten Rhythmus der Bilder finden, um den Film von seiner Stimmung tragen zu lassen. Den Zuschauer mit jeder Szene durch das unaufhörliche Wechselspiel aus Wärme und Kälte, Nähe und Distanz, Liebe und Tod zu fesseln und am Ende mit jenem wohlig unwohlen Gefühl zurückzulassen, Sympathie für den Teufel empfunden zu haben – Etwas, wozu ein amerikanisches Publikum überraschenderweise gut im Stande ist, man denke nur an den Erfolg der Showtime-Serie Dexter.

Dabei steht Reeves ein hervorragender Cast zur Seite. Wie auch Abrams oder Vorbild Steven Spielberg beweist Reeves ein glückliches Händchen für Jungschauspieler. Chloë Moretz verleiht ihrer Rolle der ungewöhnlichen Abby jenen Touch des harmlosen, bekannten girl next door und potenziert somit die wortwörtliche Unheimlichkeit der Figur. Kodi Smit-McPhee unterlegt dagegen seinem Außenseiter-Charakter Owen eine latente Düsternis, die ihm – anders noch vielleicht als andere Teenager-Charaktere – schließlich ermöglicht, Bedenken und Grenzen hinter sich zu lassen. Abgerundet wird die konzentrierte Besetzung durch Richard Jenkins, dem es möglich ist, seiner Figur des Thomas, Abbys älterem Begleiter, eine Tiefe zu verleihen, die in Alfredsons Version vor allem nur angedeutet bleibt.

Neben den Schauspielern erweist sich die Musik als Reeves‘ wichtigster Verbündeter. Während die sorgfältig ausgewählten Songs das besondere Setting des Films – die Achtziger Jahre – etablieren, ist es vor allem der Score von Komponist Michael Giacchino, der die Stimmung der Bilder in einen fühlbar atmosphärischen Sinneseindruck verwandelt. Dabei kommen ihn vor allem seine Erfahrungen bei der Arbeit für die Mystery-Serie Lost zu Gute. Auch in Let Me In vermischen sich ebenso experimentierfreudige wie nervenaufreibende Suspense-Musik und melancholisch-harmonischen Charakterthemen zu einer emotional wirksamen, musikalischen Ausmalung der komplexen Innenwelt der Protagonisten.

Ob nun ”bester amerikanischer Horrorfilm der letzten 20 Jahre” oder unnötiger Aufguss eines erfolgreichen Originals, Reeves schafft mit Let Me In für Unbefangene ein definitives Leinwanderlebnis, während er den Kennern des Buches und/oder der Alfredson-Adaption die Unschuld ihrer ersten Begegnung mit dem außergewöhnlichen Stoff auf nostalgische Art und Weise ins Gedächtnis ruft. Einen Gang ins Kino ist das allemal wert.

Let Me In - Pressespiegel auf film-zeit.de

Let Me In
R: Matt Reeves
B: Matt Reeves, basierend auf einem Roman und Drehbuch von John Ajvide Lindqvist
K: Greig Fraser
D: Chloë Moretz, Kodi Smit-McPhee, Richard Jenkins, Elias Koteas, Cara Buono
USA 2010, 116 Min.
Wild Bunch Germany
Kinostart: 15.12.2011
FSK 16