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Von Menschen und Göttern

von Stefan Karlegger, am 31.12.11






Bei Verfilmungen von wahren Begebenheiten besteht die Gefahr, die Protagonisten nicht nur aufgrund dramaturgischer Erfordernisse, sondern vor lauter Ehrfurcht vor den historischen Persönlichkeiten, diese als romantische Übermenschen zu glorifizieren. Obwohl der französische Orginaltitel Des hommes et des dieux, der auf einen Bibelpsalm anspielt, die Vermutung nahelegt, die Mönche als Heilige - vielleicht sogar als Götter - darzustellen, gelingt dem Regisseur Xavier Beauvois eine gänzlich andere Ausrichtung des Films.

In wenigen Einstellungen, die fast schon dokumentarisch wirken, werden die französischen Mönche als einfache Menschen inmitten einer Gesellschaft gezeigt - als Arzt, als Lehrer oder einfach nur als Freund. Anfänglich deutet nichts darauf hin, dass die Mönche zwischen die Fronten von Terroristen und korrupter Armee geraten könnten. In ruhigen Bildern und beinahe schon statischem Erzähltempo charakterisiert Beauvois den asketischen Lebensalltag seiner Protagnisten. Dazwischen finden sich immer wieder einzelne Einstellungen, die das harmonische Zusammenleben zwischen den christlichen Mönchen und den muslimischen Dorfbewohnern zeigen.


Die Idylle beginnt aber allmählich zu bröckeln. In Algerien kämpfen Terroristen für ­einen islamistischen Staat und gegen eine Regierung, die unter der Bevölkerung gemeinhin als korrupt gilt. Die Gewalttaten häufen sich und kommen dem Kloster beachtlich nahe. Junge islamische Frauen, die im Bus ohne Kopftuch unterwegs sind, ­werden ebenso umgebracht wie nichtmuslimische, kroatische Bauarbeiter. Selbst die muslimischen Dorfbewohner leben in Angst und Schrecken - sie verstehen die eigene Welt nicht mehr, da der Koran dieses Morden nicht predigt. Inmitten dieser Wirren geht es plötzlich um die existenzielle Frage, ob die Mönche Algerien verlassen sollen, wohl wissend, dass eine weitere Eskalation mit den islamischen Fundamentalisten nicht ausbleiben wird. Hier offenbaren sich nun die Ängste der einzelnen Mönche, die nur Menschen und keine Götter sind. Sie haben Angst vor dem Sterben, verstehen teilweise nicht mehr den Sinn und Zweck ihrer Mission ("Ich weiß nicht, ob das noch wahr ist. Ich bete, aber kann nichts mehr hören. Und mir fehlt das Verständnis. Zum Märtyrer werden? Wofür? Für Gott? Um Helden zu sein?").

Die Vögel sind wir, Sie sind der Baum. Wenn Sie fortgehen, wo sollen wir Kraft schöpfen?

Der innere Konflikt der Hauptfiguren wird offengelegt, wenn die Mönche miteinander diskutieren und sich gegenseitig ihre Ängste offen­baren. Letztlich kommt jeder für sich und auch in der Gemeinschaft zu dem Entschluss, ihr Kloster nicht zurückzulassen und ihre noch nicht vollendete Mission weiterzuführen. Ein folgenschwerer Entschluss, wie die Geschichte zeigt. Hier bedient sich der Film zwar dem Heldenmuster, aber bei weitem nicht so, wie man es aus anderen Genres, z.B. dem Western, kennt oder erwartet. Der Tod der Protagonisten wird ausgespart, da bis heute unklar ist, wer letztlich für die Ermordung verantwortlich ist, und steht zeitgleich für die große Anzahl der vielen namenlosen Opfer dieses Konfliktes. Lambert Wilson (Prior Christian) beschreibt die Wichtigkeit des Films, dessen Inhalt nichts an Aktualität verloren hat, wie folgt:

Der Film sagt: Habe keine Angst vor anderen! In einer Zeit, in der alle sagen – insbesondere in Frankreich: Habe Angst vor den Roma! Habe Angst vor den Arabern! Pass auf! Pass auf! Pass auf! Diese Männer zeigen dir, was man mit einer gegensätzlichen Philosophie erreichen kann.

Der Film zeigt eine Möglichkeit, sich dem Dialog zwischen den Völkern und den verschiedenen Weltreligionen zu öffnen und stellt, wie es Beauvois selber sagt, zentrale Werte in den Vordergrund: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“!

Allerdings leiden die guten Darstellerleistungen des Ensembles etwas unter dem dokumentarischen Erzählstil. Der Film schafft durch seinen episodenhaften Aufbau eine Distanz zu seinen Protagonisten. Der Zuschauer ist sich des Schicksals und der Mission der Mönche zwar durchaus bewusst, fühlt letztlich mit diesen aber nicht wirklich mit. Von Menschen und Göttern erreicht deshalb leider selten sein volles Potential. Die Botschaft des Films, vielleicht sogar eine aktuelle politische Forderung, schwebt über vielen Einstellungen der historischen Erzählung. Vielleicht ist die Botschaft aber auch wichtiger als das Martyrium der Trappisten-Mönche...

Andere Meinungen zu diesem Film haben Ciprian David und Dennis Stormer.



Von Menschen und Göttern - Pressespiegel auf film-zeit.de.

Von Menschen und Göttern / Des hommes et des dieux
R: Xavier Beauvois
B: Etienne Comar, Xavier Beauvois
K: Caroline Champe
D: Lambert Wilson, Michael Lonsdale, Olivier Rabourdin, Philippe Laudenbach, Jacques Herlin, Loïc Pichon, Xavier Maly
Frankreich, 2010, 117 Minuten
NFP marketing & distribution*
Kinostart: 16. Dezember 2010
Bildformat: 16:9 (2,35 : 1)
Sprache: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch (Optional)
Extras: Dokumentation „Bruder Luc – Der Mönch aus Tibhirine“, eine Bildergalerie, den Kinotrailer, ein Booklet mit vielen Hintergrundinformationen: u.a. mit Texten über „Das Klosterleben der Trappisten“, „Die Ereignisse und die Hintergründe“ und die „Choräle“
FSK: 12


 

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