--

.

Mannheim: ClipAward 2011 - Call for Entries

von Stefan Tihanyi, am 31.1.11


Das lange Warten hat ein Ende: vom 18. – 20.03.2011 flimmern wieder die besten Low & No Budget-Produktionen des deutschsprachigen Raums über die Leinwände des Mannheimer Schlosses - und Eure Clips gestalten das Programm! Schickt uns Eure Kurzfilme, Trickfilme, Trashfilme, Experimentalfilme, Dokus, Animationen und Musikvideos. Wir zeigen alles was abgedreht, ausgefuchst, raffiniert, durchtrieben, gerissen und gewitzt ist! Alles ist erlaubt - solange es kurz und billig ist.

Als reines Low & No-Budget Kurzfilmfestival richtet sich ClipAward ausschließlich an freie Filmemacher, die in Eigenregie Kurzfilme und Musikvideos realisieren. Daher dürfen die Clips weder im Rahmen des Filmstudiums gedreht, noch durch eine Förderung finanziert worden sein.

Kosten pro Spielminute:
- max. 50€/min in der Sektion NO BUDGET
- max. 500€/min in der Sektion LOW BUDGET
Die Spiellänge beträgt max. 13 Minuten.

Einsendeschluss ist der 18. Februar 2011.

Hier geht es zur Einreichung.

DVD: Die Einsamkeit des Langstreckenläufers

von Nils Fortmann, am 31.1.11

Als im Jugendgefängnis sein Talent zum Langstreckenläufer entdeckt wird, wird Colin Smith das erste Mal in seinem Leben gefördert. Zunächst genießt er die Anerkennungen, doch als er bemerkt, dass der Gefängnisdirektor nur auf den Pokal schielt, den es bei einem Wettkampf zu gewinnen gilt, und an ihm selbst kein Interesse zeigt, weigert sich Smith die ihm auferlegten Erwartungen zu erfüllen...    
Plädoyer für eine Wiederentdeckung des New British Cinema

Der Vorspann: Ein junger Mann (Tom Courtenay) läuft alleine eine Straße entlang. Per Off-Kommentar sagt er: "Running had always been made much of in our family, especially running away from the police." Der Titel wird eingeblendet: "The Loneliness of the Long Distance Runner" (deutsch: Die Einsamkeit des Langstreckenläufers), Regie führte Tony Richardson, das Drehbuch stammt von Alan Sillitoe, der seine gleichnamige Kurzgeschichte adaptierte.

Trotz der in der Familie vorhandenen Gabe zu laufen, wird er gefasst; der Film zeigt zu Beginn seine Ankunft im Jugendgefängnis. Nun erfahren wir auch seinen Namen: Colin Smith. Der Gefängnisdirektor (Michael Redgrave),  "Governor" genannt, versucht die Inhaftierten durch Disziplin, viel Arbeit und viel Sport wieder zu gesellschaftsdienlichen Menschen erziehen. Als er entdeckt, dass Colin ein Talent zum Langstreckenläufer besitzt, will er es fördern und gibt ihm das Recht ohne Aufsicht außerhalb der Gefängnismauern zu trainieren. Dabei hat er Zeit nachzudenken und der Zuschauer erfährt so durch Rückblenden, welche Straftat ihn ins Gefängnis brachte.

Eine moralische Bewertung der Tat bietet der Film nicht. Das Verbrechen steht auch nicht im Fokus der Rückblenden. Viel mehr interessiert sich The Loneliness of the Long Distance Runner für die Lebensumstände. Der Hauptprotagonist wird durch den tristen Alltag einer britischen Industriestadt begleitet. Beispielsweise, wie er sich mit seinem besten Freund ein Auto "leiht" und sie so zwei Mädchen aufreißen. Dabei offenbaren sich die Probleme der jungen Protagonisten, einen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Tony Richardsons The Loneliness of the Long Distance Runner (1962) ist einer der besten Vertreter der New British Wave. Er gehört zu einer Reihe von Filmen, die Ende der 50er-Jahre und Anfang der 60er-Jahre entstanden sind und ein möglichst realistisches Abbild der Gesellschaft erzeugen wollten. Weitere bedeutende Filme aus dieser Bewegung sind Karel Reisz' Saturday Night and Sunday Morning (1960; Samstagnacht und Sonntagmorgen) oder Lindsay Andersons This Sporting Life (1963; Lockender Lorbeer). Sie zeigen die Bemühungen der englischen Arbeiterschicht ein Klassenbewusstsein zu erlangen und aus dem starren Alltag zu entfliehen. Reisz' Spielfilmdebüt legt den Fokus auf das Wochenende eines jungen Arbeiter, zwischen Sauftouren im Pub am Samstagabend und Angeln am Sonntagmorgen. Andersons erster Spielfilm zeigt den Aufstieg eines Jugendlichen aus der Arbeiterklasse zum gefeierten Rugbyspieler.  

Reisz, Anderson und Richardson knüpften einerseits an die von ihnen in Oxford gebildete Gruppierung Free Cinema an. Unter diesem Namen präsentierten sie in Veranstaltungen ihre eigenen kurzen Dokumentarfilme, aber auch Kurzfilme aus dem Ausland (unter anderen von den späteren Vertretern der Nouvelle Vague). Ähnlich wie die französischen Kollegen der Nouvelle Vague betätigten sie sich als Filmkritiker. Ihre ebenso radikalen Artikel erschienen in der Zeitschrift Sight & Sound, verlangten nach einer neuen Form des Kinos und die Abkehr vom Kino der Qualität. Die später entstehenden Filme sind aber deutlich von der Nouvelle Vague zu unterscheiden: Sie wollen den modernen Menschen durch eine Nähe zum Dokumentarischen aufspüren und verzichten auf intellektuelle Verweise auf die Kino- und Literaturgeschichte.

Andererseits basieren viele ihrer Filme auf Texte der sogenannten angry young men, einer Gruppe englischer Schriftsteller, in deren Theaterstücken oder Erzählungen vor allem die Diskrepanz zwischen der Jugend und der konservativen Gesellschaft thematisiert wird. Oftmals werden die englischen Realismus-Bewegungen unter dem Begriff Kitchen sink realism zusammengefasst. Es ist aber wichtig die Begriffe Free Cinema und New British Wave zu trennen; fälschlicherweise werden oftmals Kinofilme wie The Loneliness of the Long Distance Runner dem Free Cinema zugeordnet, was nicht ganz korrekt ist, da hierunter noch die Anfänge der Oxforder Gruppe im Dokumentarfilm gemeint sind.

Als Beginn der New British Wave gilt Room at the Top (1959; Der Weg nach oben) von Jack Clayton. Der Film zeigt eindrucksvoll den Aufstieg eines Mannes aus der Arbeiterklasse, der schließlich die Tochter eines Firmenbesitzers heiratet. Dabei verliert er immer mehr seine eigene Identität. Der Film wurde mit zwei Oscars ausgezeichnet.

Ein fast immer wiederkehrender Moment der Filme ist die ungewollte Schwangerschaft. So auch in John Schlesingers Debütfilm A Kind of Loving (1962; Nur ein Hauch Glückseligkeit), einer ruhig erzählten Liebesgeschichte zwischen einem technischen Zeichner und einer Schreibkraft, die in der selben Firma angestellt sind. Schlesinger, der später in die USA ging und für Midnight Cowboy (1969; Asphalt-Cowboy) einen Oscar erhielt, gelang mit A Kind of Loving eine sorgfältige Milieustudie innerhalb der Arbeiterklasse, ganz im Sinne des Free Cinema.

1959 konnte Tony Richardson seinen ersten Langfilm, Look Back in Anger (Blick zurück in Zorn), realisieren, mit Richard Burton in seiner erster großen Rolle. Der Film handelt von der schwierigen Ehe zweier Menschen mit unterschiedlicher Klassenangehörigkeit und ist eine Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks von John Osborne, einen jener angry young men, zu denen auch Alan Sillitoe gehörte, der für Saturday Night and Sunday Morning und The Loneliness of the Long Distance Runner seine eigenen Texte adaptierte. Besonders gelungen ist auch Richardsons vierter Langfilm A Taste of Honey (Bitterer Honig), der 1961 entstand. Hier wird das damalige Tabuthema Homosexualität direkt angesprochen.

Mit Tom Jones (1963; Tom Jones - Zwischen Bett und Galgen) verlässt Richardson den Bereich des realistischen Films. Die filmische Illusion wird hier gebrochen, so entsteht eine äußerst bissige Satire nach dem Roman von Henry Fielding. Der Film bekam 4 Oscars, für die beste Regie, den besten Film, die beste Filmmusik und für das beste adaptierte Drehbuch, das John Osborne verfasste. Auch die anderen Regisseure der New British Wave entfernten sich allmählich vom Kitchen sink realism. Andersons benutzt beispielsweise in seinem Meisterwerk If... (1968) surrealistische Bilder, hat sich aber noch immer der Thematik des jugendlichen Rebell verpflichtet. Den Generationskonflikt verarbeitete der durch die Beatles-Filme bekannt gewordene Regisseur Richard Lester mit The Knack ... and How to Get It (1965; Der gewisse Kniff) im Gewand einer avantgardistischen Komödie.

Jean-Luc Godard sagte 1968 anlässlich des Abbruchs der Filmfestspiele von Cannes, bisher habe man (ihn eingeschlossen) versäumt, Filme über die gerade auf den Straßen protestierenden Arbeiter zu drehen. Dabei missachtet er den Kitchen sink realism, dessen Blütezeit allerdings 1968 auch bereits vorbei war. Doch anstatt an dessen Ansätze anzuknüpfen, entfernt sich Godard mit intellektuellen Filmen wie dem durchaus gelungenen Tout va bien (1972; Alles in Butter) nur noch weiter vom einfachen Arbeiter.

Eine Wiederentdeckung der New British Wave tut angesichts der omnipräsenten Nouvelle Vague gut. Von den genannten Filmen waren allerdings bisher nur Saturday Night and Sunday Morning, The Knack und Tom Jones in Deutschland auf DVD erhältlich. Nun wird endlich mit The Loneliness of the Long Distance Runner ein weiterer Schlüsselfilm auf den deutschen Markt gebracht. Leider ist die DVD-Auswertung des Films nicht besonders gelungen, denn zwar ist neben der deutschen Synchronisation auch die Originaltonspur auf der DVD vorhanden, doch es finden sich keine Untertitel, die jedoch angesichts der Besonderheiten der britischen Umgangssprache auch für Zuschauer mit guten Englischkenntnissen an einigen Stellen sehr hilfreich wären. Gerade der in der Synchronisation verlorene slang der Arbeiterschicht ermöglicht einen realistischen und zugleich faszinierenden Einblick in die britische Gesellschaft der 60er-Jahre.

Gleichwohl bietet die DVD-Auswertung die Möglichkeit einen Einblick in das New British Cinema zu bekommen. Heute führen Mike Leigh (gerade erst erschien sein neuer Film Another Year) und Ken Loach (zuletzt mit dem grandiosen Looking for Eric; 2009) die Tradition des realistischen britischen Films fort und genießen dabei große Aufmerksamkeit. Um deren Werke besser im Kontext der nationalen Kinogeschichte Großbritanniens verstehen zu können, sind weitere Veröffentlichungen aus der Blütezeit des Kitchen sink realism wünschenswert. Aber bitte mit Untertiteln!

Literaturhinweis:
Jörg Helbig: Geschichte des britischen Films. Stuttgart, Weimer (Metzler) 1999.


Die Einsamkeit des Langstreckenläufers / The Loneliness of the Long Distance Runner
R: Tony Richardson
B: Alan Sillitoe
D: Tom Courteney, Michael Redgrave
GB 1962; 99 min.
Verlieh: Eurovideo

Veröffentlichung: 17.02.2011
Bildformat: 16:9 anamorph
Sprachen: Deutsch (Mono DD 2.0); Englisch (Mono DD 2.0)
FSK: ab 12

Hereafter

von Rachel Wolpert, am 31.1.11


Der Tod hat Clint Eastwood schon in früheren Filmen beschäftigt, etwa in Million Dollar Baby, der die umstrittene Sterbehilfe thematisiert oder in Mystic River, in dem ein vollkommen aus der Bahn geworfener Vater Rache für seine ermordete Tochter sucht. Beide Filme konzentrieren sich in ihrer Inszenierung jedoch ganz auf das Diesseits. Maggie (Hilary Swank) in Million Dollar Baby wird in einem Boxkampf so schwer verletzt, dass sie auf immer gelähmt bleiben wird. Es ist ihr Wunsch, diesen Zustand zu beeenden und die lebenserhaltenden Maschinen abzustellen. Nach einem Suizidversuch ist es ihr Trainer Frankie (Clint Eastwood), der ihr die tödliche Adrenalinspritze injiziert. Maggie beschäftigt dabei der vor ihr liegende Tod als vielmehr das hinter ihr liegende Leben. Die Nachwelt soll sich nicht an eine dahinsiechende ehemalige Boxkämpferin erinnern, jahrelang gefesselt an lebenserhaltende Maschinen, sondern an eine aktive Kämpferin, die selbst noch über den Tod entscheiden kann. Mystic River nimmt den Mord an Jimmys (Sean Penn) Tochter zum Anlass, die Beziehung zwischen Jimmy, seinem Freund Dave (Tim Robbins), Hauptverdächtiger im Mordfall an Jimms Tochter, und dem Dritten im Bunde, dem ermittelnden Polizisten Sean (Kevin Bacon), neu auszuloten. Das Jenseits spielt auch in diesem Film eine untergeordnete Rolle.

Auch in seinem neuesten Film Hereafter nähert sich Eastwood dem Tod, doch nun legt er seinen Fokus auf das Jenseits und stellt die große Frage: Was kommt nach dem Tod? Wie erlebt der Mensch das Sterben? Doch er erreicht dabei nicht die kraftvolle Tiefe seiner früheren Filme, sondern verliert sich in oberflächlichen Klischees, die bisweilen in den (Sozial)Kitsch abgleiten. Getragen wird Hereafter von drei Hauptdarstellern, deren Rollen jedoch kaum Entwicklungspotential bieten und so letztlich unglaubwürdig bleiben.

Die drei höchst unterschiedlichen Schicksale verknüpft Eastwood in einer den ganzen Globus umspannenden Handlung. Der Amerikaner George Lonegan (Matt Damon) hat schon in jungen Jahren erkannt, dass er als Medium arbeiten kann, die französische Star-Journalistin Marie Lelay (Cécile de France) hat im Urlaub während eines Tsunamis ein Nahtoderlebnis und der britische Schuljunge Marcus (Frankie/George McLaren) verliert während eines Unfalls seinen Zwillingsbruder Jason (Frankie/George McLaren). Auf einer Londoner Buchmesse treffen die drei Charaktere schließlich aufeinander. George Lonegan sieht seine Gabe, als Medium mit toten Menschen kommunizieren zu können, in erster Linie als Fluch und hat sich von diesem gewinnbringenden Job zurückgezogen. Er zieht es vor, als Arbeiter in einer Zuckerfabrik mit zwei Tausendern über die Runden zu kommen, anstatt andauernd mit dem Tod konfrontiert zu werden. In seiner Freizeit lauscht er Hörbüchern von Charles Dickens, um sich abzulenken, soziale Kontakte sind in seinem Leben außer zu seinem Bruder Billy kaum vorhanden. Marie Lelay hat vor ihrem Nahtoderlebnis ein sorgloses Leben geführt, das beinahe schon zu perfekt erscheint: Star-Journalistin in einer renommierten Politiksendung, liiert mit dem erfolgreichen Produzenten der Show, neuer Werbeträger eines Handyunternehmens. Während des Urlaubs in der Südsee nächtigt sie selbstverständlich in einer Suite mit Meerblick, bis dort der Tsunami und das damit verbundene Nahtoderlebnis in ihr Leben einbrechen. Marcus und Jason wachsen hingegen in einem Londoner Problemviertel auf, das geprägt ist von Jugendgangs, Drogen und Gewalt. Ihre alleinerziehende Mutter ist ebenfalls drogensüchtig und so ist es an den beiden Jungen, dem Jugendamt ein heiles Leben vorzugaukeln, damit sie nicht in die gefürchtete Pflegefamilie abgeschoben werden.

In dieser holzschnittartigen Inszenierung der Hauptcharaktere, der Anhäufung von Klischees und rührend-kitschigen Momenten liegt dann auch das Hauptproblem des Films. Eine Auseinandersetzung mit dem Jenseits ist als Thema interessant und es ist durchaus legitim, daraus eine Geschichte mit drei Hauptfiguren und ihrem unterschiedlichen Umgang mit dem Tod und dem Jenseits zu konstruieren. Doch gerade dann müssen Drehbuch und Regie mit diesen drei Figuren arbeiten und eine gute Rollenentwicklung zugrunde legen. Denn die Visual Effects (für die Hereafter mit einem Oscar nominiert wurde), die besonders Georges Visionen von den Menschen im Jenseits zeigen, sind nur spärlich eingesetzt, das Jenseits ist auf visueller Ebene also kaum vertreten. Umso wichtiger sind die Hauptdarsteller im Diesseits, doch fällt es schwer, sich auf die oberflächliche, nicht durchdachte Anlegung der Hauptfiguren einzulassen. Ein Arbeiter in einer Zuckerfabrik, der zudem in einem Appartement in der Innenstadt San Franciscos lebt, soll plötzlich genug Geld haben, für mehrere Wochen Auszeit nach London zu fliegen? Zudem liebt dieser Arbeiter noch Charles Dickens? Es erscheint eher so, dass er deshalb Charles Dickens-Verehrer ist, um einen Grund zu haben, nach London zu reisen. Eine Reise des kleinen Marcus, mit dem George letztlich zusammentrifft, nach San Francisco wäre allerdings noch unglaubwürdiger gewesen. In Marcus' Charakter und Verortung im Film versammeln sich die sozialkitschigen Elemente. Ein zwölfjähriger Junge, mehr oder weniger erzogen von einer alleinstehenden, drogenabhängigen Mutter, aufwachsend in einem Londoner Problemviertel, das beherrscht wird von rivalisierenden Jugendgangs - es fällt sehr schwer zu glauben, dass er und sein Bruder Jason jeden Tag brav in die Schule gingen, regelmäßig die Hausaufgaben erledigten und sich auch noch um die abhängige Mutter kümmern konnten. Die Journalistin Marie schließlich führt das (zu) perfekte Leben eines Hollywood-Stars in einem Hollywood-Film, die gleich zu Beginn des Films Wert darauf legt zu erfahren, ob sie bei ihrer Heimkehr nach Paris die Werbeplakate mit ihrem Gesicht in der ganzen Stadt wird hängen sehen können: Für sie ist das Oberflächlich-Perfekte das Wichtigste im Leben.

Ein zu wenig ausgearbeitetes Drehbuch und eine ungenügende Figurenentwicklung lassen Hereafter als einen allzu kitschigen und unausgegorenen Film erscheinen, der Eastwoods frühere bedächtige Klugheit in der Inszenierung seiner ernsten Themen vermissen lässt. Die Frage nach dem Jenseits hat Eastwood mit Hereafter nicht beantworten können. Clint Eastwood sagt dazu:
„Was auf der anderen Seite ist, wissen wir nicht, doch das Ende auf dieser Seite ist nicht verhandelbar. Je nach Glauben haben die Menschen ihre Ansichten von der Gestalt des Jenseits – aber es sind immer nur Hypothesen. Niemand weiß es genau, bis er dorthin gelangt.“


Hereafter – Pressespiegel auf www.film-zeit.de


Hereafter
R: Clint Eastwood
D: Matt Damon, Cécile de France, Frankie McLaren, George McLaren
USA 2010, 129 Min.
Copyright: Warner Bros.
Kinostart: 27.01.2011

Empfehlungen für die DVD-Woche (31.01.-.06.02.2011)

von Stefan Tihanyi, am 30.1.11


8 Millionen Wege zu sterben von Hal Ashby (bei Koch Media Entertainment)



Das Schicksal des verzweifelten Ex-Polizisten Scudder (Jeff Bridges) ist ab dem 04.02. auf DVD erhältlich.













Hot Tub Time Machine von Steve Pink (bei 20th Century Fox Home Entertainment)



Die Zeitreise mittels eines Wellnessgerätes in das Jahr 1986 darf ebenfalls ab dem 04.02. bestaunt werden.












ICH - Einfach unverbesserlich von Chris Renaud (bei Universal Pictures Video)



Die Geschichte um den Superschurken Gru ist ab dem 03.02. auf DVD und BluRay erhältlich.











Mr Nobody von Jaco van Dormael (bei Concorde Home Entertainment)



Die Erinnerungen des weit über hundertjährigen Nemo sind ab dem 03.02. auf DVD erhältlich.











Renn, wenn Du kannst von Dietrich Brüggemann (bei Indigo Films)



Die Dreiecksgeschichte um Ben, Christian und Annika ist ab dem 04.02. auf DVD zu erschwingen.

Highlights der Fernsehwoche 31.01. - 06.02.2011

von Stefan Tihanyi, am 30.1.11








Montag, 31.01.

Little Buddha (Bernardo Bertolucci, UK / FR / ITA 1993)
Drama
ARTE, 14.00

Mean Machine (Barry Skolnick, UK 2001) TAGESTIPP!
Tragikomödie
Kabel1, 20.15

Rezept zum Verlieben (Scott Hicks, USA / AUS 2007)
Komödie
Sat1, 20.15

Rush Hour 3 (Brett Ratner, USA / GER 2007)
Action
Pro7, 10.00


Dienstag, 01.02.

Amoureuse - Liebe zu dritt (Jaques Doillon, FR 1992)
Komödie
3Sat, 20.15

Die Reise ins Ich (Joe Dante, USA 1987)
Abenteuerkomödie
SuperRTl, 20.15

Mankells Wallander - Die Schuld (Leif Magnusson, SWE 2010) TAGESTIPP!
Krimi
BR, 23.25

Der Fall Mona (Nick Gomez, USA 2000)
Komödie
BR, 23.15


Mittwoch, 02.02.

88 Minuten (Joe Avnet, USA / GER / CAN 2007) TAGESTIPP!
Thriller
Sat1, 20.15

Der Sturm (Wolfgang Petersen, USA 2000)
Drama
Kabel1, 20.15

Der Fall Furtwängler (István Szabó, FR / UK / GER / Ö 2001)
Drama
MDR, 23.35

Armee der Stille (Roland Lang, GER 2009)
Thriller
BR, 23.35


Donnerstag, 03.02.

Kids - In den Straßen von New York (Dito Montiel, USA 2006) TAGESTIPP!
Drama
ARD, 0.35

Die Apothekerin (Rainer Kaufmann, GER 1997)
Drama
HR, 0.45

Der Herr der Ringe - Die zwei Türme (Peter Jackson, ZEA / USA 2002)
Fantasy
VOX, 20.15

Coco Chanel und Igor Stravinsky (Jan Kounen, FR / JP / CH 2009)
Drama
3sat, 22.25


Freitag, 04.02.

Lucky Number Slevin (Paul McGuigan, USA / GER 2006) TAGESTIPP!
Thriller
Pro7, 22.10

Asterix und Kleopatra (René Goscinny, FR 1968)
Zeichentrick
Super RTL, 20.15

16 Blocks (Richard Donner, USA / GER 2006)
Action
Pro7, 20.15

Das Ding aus einer anderen Welt (John Carpenter, USA 1982)
Sci-Fi-Horror
RTL2, 23.45


Samstag, 05.02.

Der Legionär (Peter MacDonald, USA 1998)
Action
RTL2, 22.05

Der Killer und die Nervensäge (Francis Veber, FR 2008)
Krimi
ARD, 22.30

Die Jury (Joel Schuhmacher, USA 1996) TAGESTIPP!
Thriller
Kabel1, 20.15

Junior (Ivan Reitman, USA 1994)
Komödie
RTL2, 17.50


Sonntag, 06.02.

Vertigo - Aus dem Reich der Toten (Alfred Hitchcok, USA 1958)
Thriller
ZDF, 14.55

Tödliches Versprechen (David Cronenberg, USA / CAN / UK 2007) TAGESTIPP!
Thriller
NDR, 0.00

Von Angesicht zu Angesicht (Sergio Sollima, ESP / ITA 1967)
Western
MDR, 1.40

Große Freiheit Nr. 7 (Helmut Käutner, GER 1944)
Drama
3sat, 15.30

To Die Like a Man

von Ciprian David, am 30.1.11


Joao Pedro Rodrigues gehört zu den Regisseuren, die die Abweichung von der Heterosexualität in ihren Filmen darstellen und untersuchen. In diese Beschäftigung reiht sich auch sein letzter Film ein, To Die Like a Man, der eine Aufnahme der letzten Lebenstage von Tonia (Fernando Santos), einer Drag Queen aus Lissabon, darstellt. Dabei ist der Regisseur interessiert an einem „portrait of the transvestite as an old woman/man“, doch wirkt dies zu sehr wie die Betrachtung einer absonderlichen Spezies, zumal die Bestrebungen des Films etwas pointiert und unnötig auf den Beweis hinauslaufen, dass Transvestiten „auch nur“ Menschen seien.

Der identitätsgefährdende und –stiftende Konflikt des Films stellt Tonia, die noch Tage zuvor an eine Geschlechtsumwandlung gedacht hatte, nun mit dem naheliegenden Tod einer bedrückenden Konstellation von Parametern wie Christentum, Vaterschaft und Weiblichkeit gegenüber, die an ihrer Selbstwahrnehmung zerrt und ihr abverlangt, dass sie sich entscheidet beziehungsweise neudefiniert. Wie der Filmtitel es ankündigt, ist, nach einem Leben als Hybrid zwischen den Geschlechtern,das eigentliche Thema des Films, vor dem Lebensende schließlich doch noch vor die Wahl gestellt zu werden und sich für ein Geschlecht entscheiden zu müssen.

To Die Like a Man toppt und floppt mit der Art seiner Umsetzung. Auf Melodram, Musical und andere motivische Angebote, die sich im Queer-Cinema etabliert haben, verzichtend, entscheidet sich der Regisseur für eine adäquate Herangehensweise, für die Spiegelung der Empfindungen Tonias durch das Außen, im Setting. Und weil Tonia als Transvestit von der Gesellschaft dazu verdammt ist, still zu leiden und zu ertragen, werden die Bilderfolgen kontemplativ gestaltet, wird auf Gesichtern angehalten, um sie beispielsweise Lieder singen zu lassen oder an Orten, um den langsamen Weg der Charaktere im Bild auf die Rezipienten wirken zu lassen, wird der Alltag verfilmt, um die Unmöglichkeit des Spektakulären angesichts der Perlenkette aus kleinen Malheurs, Erniedrigungen und Konflikten hervorzuheben. So ist es zunächst nicht Tonias Figur, die eine Entwicklung im Film durchläuft, sondern ihre Umwelt: die Naturbilder und die einsamen Straßen gleiten nahezu unmerklich als Allegorien des Lebens eines Transvetiten in eine Künstlichkeit, deren Höhepunkt in einer statischen Einstellung anhält, um Baby Dees Calvary gänzlich ertönen zu lassen, während die Figuren im Wald erstarren. Diese Künstlichkeit führt dann auch dazu, dass Tonia einen Entschluss für die Form ihres Abgangs trifft.

Das große Problem dieses Films ist eben diese Herangehensweise. In ihrer logischen, kohärenten Struktur gleicht der Film einer Beweisführung mit unorthodoxen Mitteln, denn die allegorische Brücke zwischen Tonia und ihrer Umwelt kann außerhalb dieser mathematischen Übertragung nicht nachempfunden werden. Anstatt diese Brücke zu schaffen, verstrickt sich der Film in dem Anreißen klischeelastiger Themen, wie die Beschreibung des Arztes zum Verfahren einer Geschlechtsumwandlung, die eine emotionale Bindung des Zuschauers an die Herangehensweise des Regisseurs verbieten und den Film in seinen wichtigsten Momente unerträglich langweilig machen. Gekrönt durch ein unangemessen verkitschtes Ende lässt To Die Like a Man nur einen bitteren Nachgeschmack in Erinnerung.




To die like a man / Morrer como un homem
R: Joao Pedro Rodrigues
D: Fernando Santos, Alexander David, Chandra Malatitch
Portugal / Frankreich, 2009, 135 Min.
Copyright: Edition Salzgeber
Kinostart: 03.02.2011

Mein Glück

von Ciprian David, am 30.1.11


Der Dokumentarfilmer Sergei Loznitsa stellt mit Mein Glück seinen ersten Spielfilm vor. Im Film selbst wird Glück als etwas, das einem nicht nachgeschüttet wird, beschrieben, als etwas, das man sich selbst macht. Das Konstrukt gewinnt aber in Relation zu der im Film als durchgehend unmoralisch portraitierten Welt eine obszöne Dimension.

Mein Glück ist eine Aneinanderreihung von Gewaltakten, in einer kleinen Region der Ukraine verstreut und doch zusammengehalten. Die Gegend soll schuld sein, die Menschen als ihr Produkt. Der lose von einem Erzählstrang zusammengehaltene Film verfolgt in mehreren Episoden seine Protagonisten nur um ihre Gier, ihre Machtmissbräuche, ihre Entmenschlichung aufzuzeichnen. Als ein Kartograph Russlands wird der Regisseur von Ekkehard Knörer in der letzten Ausgabe der Cargo bezeichnet, ein Kartenzeichner eines Landes anhand der Gesichter seiner Einwohner. Diese starke Sinnesverbindung zwischen Orten, Menschen, Geschichte und Weltsichten, die eine solche Kartographie ausmacht, ist für Sergei Loznitsa viel prominenter als die klassische Verbindung der Szenen in einem Film, als die Handlung. Entsprechend experimentell erscheint zunächst Mein Glück konzipiert, doch spätestens nach einigen Wiederholungen ein und derselben Situation fängt der Zuschauer an, sich auf diese Art von Verbindungen zwischen den Szenen einzulassen.

Es sind manchmal Objekte, die als Bindeglieder fungieren, wie ganz am Anfang des Films, wo der Hauptcharakter Georgy (Viktor Nemets) und der Zuschauer eine Geschichte erzählt bekommen, die mit der diegetischen Ebene durch eine Ausweiskontrolle verbunden ist. Manchmal ist es die Handlung, denn kurz darauf verweist Georgy die sexuellen Dienste einer Minderjährigen zurück und landet als Folge in einer entlegenen Gegend, um ausgeraubt und angegriffen zu werden. Manchmal bekommen Orte diese Rolle zugeschrieben, wie das Haus, dessen Besitzer von zwei Soldaten getötet wird, denen er eine Bleibe für die Nacht angeboten hat, und zum Schauplatz einer zweiten Geschichte wird. Nicht zuletzt werden die Spuren der Gewalt an Personen verfolgt – Georgy wird nach dem Überfall kein Wort mehr von sich geben und lässt sich fatalistisch treiben bis zum bitteren Ende des Films.

In dieser von Dokumentarfilmen geprägten Art von Vernetzung von einzelnen Szenen um ein zentrales Thema gelingt es Loznitsa, eine in ihrer formellen Liberalität revolutionäre - wichtiger aber noch - viel komplexere Darstellung einer Idee, als es dem herkömmlichen Film möglich ist. Zu seinen traditionelleren Instrumenten gehört in dieser Hinsicht das Fokussieren auf menschliche Gesichter, wie in der Szene auf dem Marktplatz, im ersten Drittel des Films, wo Georgys feine Züge mit der Rauheit der Gesichter der Menschen eines kleines Dorfes mit einer deutlichen Intention der Unterstreichung dieser physiognomisch geprägten Gewalt verglichen werden. Der Entschluss, auf Video zu drehen und der Wechsel zwischen Handkamera und Stativ sind die ganze Zeit über materiell präsent im Film und signalisieren den Chroniker, der die Geschehnisse dokumentiert.

Ausgerechnet mit einer durch den Ort und den Hauptcharakter zu den vorigen Episoden verbundenen Geschichte endet der Film. Georgys Amoklauf wird dabei zum Erlösungsakt, denn wenn der Ort für immer da sein wird, dann sollen zumindest die Menschen vernichtet werden, um das Böse zu beseitigen. Und während der fragwürdige Held in das Dunkle der Nacht verschwindet, macht die Ausblende kurzen Prozess mit dem leer gebliebenen Ort der Handlung.

Mein Glück - Pressespiegel bei film-zeit.de


Mein Glück
R: Sergei Loznitsa
D: Viktor Nemets, Vladimir Golovin, Alexei Vertkov, Dimitriy Gotsdiner
Deutschland / Ukraine / Niederlande, 2010, 127 Min.
Copyright: farbfilm verleih
Kinostart: 03.02.2011



DVD: Moon

von Ciprian David, am 29.1.11


Moon ist mit Sicherheit einer der meist geschätzten Science-Fiction-Filme des letzten Jahres. Während Duncan Jones nächster Film Source Code (voraussichtlich eine Mischung aus Déja vu und Minority Report) sich fast in den Startlöchern befindet, erschien Moon auf DVD, und wir durften uns die wertvolle Scheibe ansehen.

Zunächst erweist sich Duncan Jones Regiedebut als ein stark von Vorgängern des Genres geprägter Film, deren Aspekte kondensiert und teilweise erweitert in einem beeindruckenden Paket angeboten werden. In einem auf seine funktionale Seite reduzierten Setting à la 2001: A Space Odyssey entfaltet sich eine von Blade Runner und The Island inspirierte und in ihrer philosophischen Dimension weitergeführte Geschichte, deren Mittelpunkt vom einzigen Darsteller Sam Rockwell sehr eindrucksvoll belegt wird.

Einziger Gesprächspartner von Sam Rockwells Charakter während seines dreijährigen Dienstes bei Lunar Enterprises ist Gerty, ein so stark von seinem filmischen Vorgänger HAL geprägter Computer, dass der Zuschauer bis kurz vor Filmende seiner Freundlichkeit nicht vertrauen kann. Drei Jahre dauert Sams Arbeitsvertrag, zwei Wochen davon sind noch übrig. Und ausgerechnet jetzt, kurz vor dem Ende, fängt seine Wahrnehmung an, ihm Streiche zu spielen. Zuerst sieht er eine nicht existierende Frau auf der Station, die zweite Erscheinung führt dazu, dass er einen schwerwiegenden Unfall erleidet.

Damit verlagert sich der Fokus des Films von der Verfolgung der routinierten Arbeit Sams auf einen neuen Konflikt: ein Klon hat Sam bereits ersetzt. Kurz darauf stellt sich heraus, dass Sam selber ein Klon ist. Der Mensch, der ursprünglich Sam Bell war, ist eine längst vergessene Spur, ist der verlorene Urtext, der im Zuge eines viralen Kapitalismus der nahen Zukunft abdanken musste. Moon konfrontiert uns mit einer Gesellschaft von arbeitenden Klonen, durch die Natur ihrer Arbeit stark mit akuten Problemen der Gegenwart verknüpft und implizit umso mehr entlarvend, umso kritischer. Wie in Michael Bays The Island, wird diese Kritik aus der Perspektive dieser Klone ausgeübt, aus dem Blickwinkel des Unterdrückten, des Identitätslosen, der unfreiwilligen Schwindler. Damit trifft Duncan Jones Kritik ein System in seiner Essenz, und Science-Fiction ist die am besten geeignete Plattform dazu: der Mensch wird zur Maschine und umgekehrt, darüber entscheidet die Summe der Teilsysteme.

Begleitet ist diese erste Veröffentlichung der DVD durch zwei Audiokommentare, in welchen Duncan Jones einmal zusammen mit Kameramann Gary Shaw sowie den Designern Gavin Rothery und Tony Noble und einmal mit dem Produzenten Stuart Fenegan mit Informationen zu den jeweiligen Aspekten des Films die schlichten Bilder begleiten.

Moon - Pressespiegel bei film-zeit.de



Moon
R: Duncan Jones
D: Sam Rockwell
Großbritannien, 2009, 93 Min.
Copyright: Koch Media

Veröffentlichung: 28.01.2011
Bildformat: 2.35:1 (16:9)
Sprache: Deutsch, Englisch (DTS 5.1, DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
FSK: 12
Extras: Originaltrailer; Audiokommentar mit Regisseur Duncan Jones, Kameramann Gary Shaw sowie den Designern Gavin Rothery und Tony Noble; Audiokommentar von Regisseur Duncan Jones und Produzent Stuart Fenegan

DVD: Wild Hunt

von Ciprian David, am 29.1.11


Mit einem zweifachen Einstieg öffnet Wild Hunt dem Zuschauer aus zwei entgegengesetzten Perspektiven die Türen zur Welt des LARP. Zuerst befindet man sich mittendrin, im Konflikt zwischen den düsteren Anhängern des Schamanen Murtagh (dem Trevor Hayes eine beeindruckende, stimmungsvolle Präsenz verleiht) und dem politisch gespaltenen Lager des feigen Königs Argyle (karikiert von Nicolas Wright), dessen Aufgabe es ist, noch vor der großen Schlacht mit der Horde des Schamanen, seine verschiedenen Alliierten zu einem Konsens zu bringen. Zu den letzteren gehören die abtrünnigen Wikinger, geführt vom Berserker Bjorn (eine Rolle, die der Drehbuchautor Mark A. Krupa selbst übernimmt). Es kommt so schlimm wie es nur kommen kann, denn Prinzessin Evelynia (Kaniethiio Horn) wird ins Lager des Schamanen entführt und damit ist die dunkle Macht deutlich im Vorteil. Draußen, in der Wirklichkeit, die dem Zuschauer dann als zweite Sicht angeboten wird, wohnt Erik (Ricky Mabe) mit seinem pflegebedürftigen Vater und seiner Freundin, deren Namen von der Realität von Prinzessin Evelynia auf das einfache Lyn gestutzt wird. Der Alltag dieser Dreierkonstellation im kleinen Apartment ist zusätzlich durch die Abwesenheit von Eriks Bruder erschwert, der sein eigenes Leben zugunsten des Lebens des bereits erwähnten Berserkers Bjorn aufgegeben hat. Diesen Weg scheint auch Lyn gehen zu wollen, was Eriks Alltag unerträglich macht. Also begibt er sich auf das Gelände der Rollenspieler, um seine Freundin nach Hause zu holen.

Schon in diesen ersten Szenen werden die Säulen der Herangehensweise der Macher an die Geschichte deutlich. Ähnlich wie der geschickt geschnittene Trailer, der auf ein Hybrid zwischen Psychothriller und Adventure hinweist, lassen sie jede Action-Szene auf dem LARP-Gelände in der Stimmung der Erwartung des Umkippens der Story ins Chaos entstehen. Die wenig beleuchtete Szenerie wird zum Schauplatz von Truppenbewegungen, die mit einer dynamischen Handkamera dokumentarisch, aber stimmungsstiftend festgehalten werden. Immer wieder wird daran erinnert, dass es sich um ein Rollenspiel handelt, denn manche der Charaktere fallen aus ihren Rollen und verstricken sich in Metadiskussionen, doch allmählich eskaliert der Konflikt. Mit Eriks Eindringen in diese Welt wird die Handlung des Films viel komplexer, und es ist erstaunlich, wie kohärent die einzelnen Stränge zusammengefügt und auf dem Weg zum Höhepunkt des Films kanalisiert werden.

Dabei gehen keine potenziellen Aspekte der Ausarbeitung dieses Themas verloren. Die LARP-Gemeinde wird ironisiert, die meisten Betroffenen begegnen aber diese Ironie mit Selbstbewusstsein. Das Ernste des Spiels steht im Vordergrund, immer wieder wird aber daran erinnert, dass es sich um ein Spiel handelt. Die Eskalation des Konflikts wird, nicht zuletzt dank des erwähnten Trailers, erfolgreich bis in die letzten Minuten des Films hinausgezögert. Zunächst besteht stattdessen die Handlung darin, dass der von Eriks Eindringen in die Welt verursachte Culture Clash zum Anlass genommen wird, die Ansichten der LARP-Spieler und die der Außenseiter zu konfrontieren. Beeindruckend ist die neutrale Darstellung, die Regisseur Alexandre Franchi und Drehbuchautor Mark A. Krupa gelingt, denn die Berechtigung und die Fehler beider Seiten werden hervorgehoben.

Im Mittelpunkt der Handlung steht jedoch der Konflikt der Hauptcharaktere. Eine Viererkonstellation befindet sich im Mittelpunkt, mit Erik und dem bezeichnenderweise ohne realen Namen vorgestellten Murtagh als gegensätzliche Pole. Der erste gehört der Wirklichkeit an, der zweite ist der LARP-Extremist, dessen martialische Haltung zur Inspirationsquelle für seine Anhänger wird und ihn beinah zu einem erotischen Zentrum dieser Welt machen. Dazwischen befindet sich zunächst Lyn, eine Hedonistin ohne Persönlichkeit, die einem Aspekt der LARP-Welt nachjagt: dem Spaß. Geflüchtet aus der traurigen Wirklichkeit ist ihre Aufgabe im Film zu entdecken, dass Weltkonstruktionen einander ähneln, dass sie nach Selbstbewusstsein suchen sollte. Eine fortgeschrittene Variante der Verlorenheit Lyns stellt Bjorn dar. Geflüchtet vor der Krankheit seines Vaters, ist er mitten in einem ödipalen Konflikt. Doch bis zum Ende vermeidet er diesen aufzuarbeiten und sucht stattdessen nach einem Vaterersatz in Thor, dem Gott des Donners. Seine Manneskraft hat er leider auch zuhause vergessen und ein Freund muss sich um ihre Beschaffung kümmern. Sie findet sich in seiner Waffe Mjölnir, ohne die Bjorn nutzlos in der bevorstehenden Schlacht wäre.

Ergänzt wird Wild Hunt durch eine mythische Ebene. Ausgehend von dem unbegründet Isländisch sprechenden, kranken Vater von Erik und Bjorn, von seiner übersinnlichen Beziehung zu seinen Söhnen und seiner angedeuteten geistigen Reise in die Welt des LARP, aber auch von den vorausdeutenden Träumen Eriks, entsteht im Film eine übernatürliche Vaterfigur, die eine implizite Kritik an der Welt des LARP ausübt, indem er seinem Sohn hikft, den ödipalen Konflikt zu überwinden. So bestätigen sich doch die Vorurteile, die man gegenüber einem solchen Film haben kann, die Welt des LARP wird schließlich als ein Spielzeugland skizziert, bevölkert von alten Kindern, die nicht erwachsen werden wollen, und wird vor allem auch, wie der Plot erklärt, als ein beinah autistisches System präsentiert, das mit fremden Elementen wie Erik nicht auskommt.

Wild Hunt ist in jeder Hinsicht ein unerwarteter Film. Als sehr gelungenes Regiedebüt überzeugt er nicht nur durch die beeindruckende Qualität der Bilder und den stimmungsstiftenden Umgang mit der Kamera, sondern auch durch die Komplexität in der Herangehensweise an seinen Stoff.




Wild Hunt / The Wild Hunt
R: Alexandre Franchi
D: Ricky Mabe, Mark Antony Krupa, Trevor Hayes, Kaniehtiio Horn, Claudia Jurt
Kanada, 2009, 91 Min.
Copyright: Ascot Elite

Veröffentlichung: 25.01.2011
Bildformat: 1.85:1 Anamorphic Widescreen 16:9
Sprache: Deutsch (DTS 5.1), Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
FSK: 16
Extras: Storyboard, Making Of, Premierentrailer, Originaltrailer, Trailershow

Gewinnspiel zum Kinostart von Dschungelkind

von Stefan Tihanyi, am 29.1.11



Sabine ist acht Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter und ihren beiden Geschwistern nach West-Papua auswandert. Ihr Vater ist Sprachwissenschaftler und hat es geschafft, einen der begehrtesten Aufträge seines Fachgebiets, die Erforschung der Sprache eines Eingeborenenstammes, zu erhalten. Dafür wird die ganze Familie mehrere Jahre im Urwald fernab jeglicher Zivilisation leben müssen. Sabine freut sich am meisten darüber. Sie scheint wie gemacht für ihre neue Umgebung voller Abenteuer und fühlt sich schnell zu Hause. Was die Familie nicht weiß: Sie sind mitten in einen Stammeskrieg geraten, dessen Auseinandersetzungen sie zwar nicht direkt betrifft, in den sie aber immer weiter mit einbezogen werden. Der Familie fällt es anfangs nicht leicht, den Grund für die Kämpfe zu verstehen und muss erkennen, dass Liebe und Hass, Leben und Tod in der fremden Kultur andere Werte darstellen, als in ihrer eigenen. So beginnt ein Prozess der Annäherung, in dem beide Seiten voneinander lernen müssen. Als Sabine und ihr Bruder den kleinen einheimischen Jungen Auri, der dem feindlichen Stamm angehört, schwer verletzt im Dschungel finden und die deutsche Familie ihn bei sich aufnimmt, bringen sie alle damit in ernsthafte Gefahr, da diese Handlung über Krieg und Frieden zwischen den beiden Völkern entscheiden kann. Zwischen Sabine und Auri entwickelt sich aber sofort eine besondere Verbundenheit und tiefe Freundschaft. Sie wachsen gemeinsam auf und im Laufe der Zeit wird die Bindung zwischen den heranwachsenden Kindern so stark, dass Sabine klar wird, dass sie nichts mehr trennen kann und sie für immer bei Auri bleiben will, auch wenn ihr Schicksal eine andere Zukunft für sie vorgesehen hat. Als die sechszehnjährige Sabine nach Deutschland zurückkehrt, sieht sie sich mit einer völlig neuen, für sie unbekannten Gesellschaft und damit verbundenen Herausforderungen konfrontiert und begibt sich auf die Suche nach Zugehörigkeit und Geborgenheit, auf eine Suche nach sich selbst.



Wir freuen uns, zum Kinostart von Dschungelkind drei Fanpakete, bestehend
aus einem Bandana, einem Notizbuch, einem Stiftset und einem Poster, verlosen zu dürfen.




Einsendeschluss ist der 17. Februar 2011


Wir danken UFA Cinema für die Unterstützung!









  



Dschungelkind - Pressespiegel bei Film-Zeit.de


Gewinnspiel zum Kinostart von Mein Glück

von Ciprian David, am 29.1.11


MEIN GLÜCK lief im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele Cannes 2010 um die Goldene Palme. Spielend im postsowjetischen Hinterland, erzählt der Regisseur Sergei Loznitsa die Geschichte des Fernfahrers Georgi, der auf seiner Reise durch das Land in eine Spirale der Gewalt und Willkür gerät und schließlich selbst zum Verbrecher wird. MEIN GLÜCK ist eine beeindruckende Parabel auf die Zustände im heutigen Russland.


Die Premiere findet am 1. Februar in Anwesenheit des Regisseurs in Berlin statt. Neben einer Premiere plant der farbfilm verleih auch zwei Sonderveranstaltungen mit dem Regisseur, in Hamburg am 3. Februar und Leipzig am 6. Februar, wo der Film vorgestellt wird und das Publikum anschließend die Möglichkeit hat Fragen zu stellen. Karten sind an den entsprechenden Kinokassen erhältlich.



Zum Kinostart dürfen wir dank farbfilm verleih und dtv Verlag zwei Pakete, bestehend jeweils aus zwei Freikarten und einem Exemplar des Romans Petropolis - Die große Reise der (Moskauer) Mailorder-Braut Sascha Goldberg von Anya Ulinich, verlosen!

Beantwortet einfach die Frage weiter unten.
Teilnahmeschluss ist der 7.2.2011 




Leider können nur Teilnehmer mit Wohnsitz in Deutschland akzeptiert werden. Die Daten werden selbstverständlich vertraulich behandelt.
Mit der Teilnahme akzeptiert Ihr automatisch die hier einsehbaren Teilnahmebedingungen.
Wir wünschen viel Glück!

Oscar Roundtables mit den nominierten Schauspielern

von Elisabeth Maurer, am 28.1.11

Copyright: cliff1066 TM
Wie jedes Jahr interviewt die Newsweek die für die beste Leistung als Hauptdarsteller nominierten Schauspieler. Hier die Videos des ausführlichen Roundtabels:











Another Year

von Jan-Philipp Kohlmann, am 27.1.11









Mike Leigh ist neuerdings der große Optimist unter den großen Realisten. Das konnte einem in seinem letzten Film Happy-go-lucky gehörig auf die Nerven gehen, so aufgedreht fröhlich wischte die Protagonistin, eine 30-jährige Grundschullehrerin, jeden Rückschlag ihres Lebens mir nichts, dir nichts vom Tisch. In seinem neuen Film Another Year schlägt er ruhigere Töne an. In vier Episoden - Frühling, Sommer, Herbst und Winter - erzählt der Film ein Jahr aus dem Leben von Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen), einem Ehepaar kurz vor der Pensionierung. Mit ihren Namensvettern aus dem Cartoon verbindet sie wenig: Sie sind ein glückliches Paar, Mittelschicht, leidlich wohlhabend, mit sich und der Welt im Reinen. Ein glückliches Ehepaar, das allein wirkt geradezu provokant, als wolle Mike Leigh ausrufen: "Seien wir doch realistisch, glückliche Menschen, die gibt es eben auch!" Aber wir begegnen auch den Kindern der Traurigkeit in Another Year. Gerris Arbeitskollegin Mary (Lesley Manville) und Toms Jugendfreund Ken (Peter Wight), gleichermaßen einsam und enttäuscht, das Leben verpasst zu haben. Besäßen sie nicht die Freundschaft von Tom und Gerri, ihnen bliebe nur noch Selbstmitleid und der Griff zur Flasche. Und Ronnie (David Bradley), Toms älterer Bruder, wird aus Schwermut fast lebensunfähig, als seine Frau stirbt. Nicht mal Kaffee kann er noch alleine machen. So nehmen ihn Tom und Gerri für ein paar Monate zu sich, um ihn wieder auf Vordermann zu bringen. Sie scheinen so ausgeglichen, dass sie jedem in ihrer Nähe ein Stück Glück abgeben können. They're good and decent people.

Eine Geschichte erzählt Mike Leigh hier natürlich nicht. „Ich habe mich der Aufgabe verschrieben, außergewöhnliche Filme über das gewöhnliche Leben zu machen“, hat er einmal gesagt. Das gewöhnliche Leben kennt aber keine Geschichten, wie schon Wenders in Der Stand der Dinge festgestellt hat. Darum hält sich Leigh strikt an das, was der Titel verspricht: Ein Jahr im Leben seiner Figuren zu schildern. Situationen, Ereignisse, die Erfolge und Niederlagen des Alltags - ohne all das in ein dramaturgisches Korsett zu zwingen. Das Ende von Another Year ist so offen wie sein Anfang, das Erzählprinzip ein episodisches, versinnbildlicht an den vier Jahreszeiten, deren Veränderung wir im Schrebergarten von Tom und Gerri miterleben - gleichzeitig ein Hinweis auf den Alterungsprozess und das Zyklische des Menschenlebens. Diese Bilder des Gartens im Zeichen der Jahreszeit, die, von leiser Musik untermalt, jeweils als Übergänge der vier Episoden dienen, erinnern ein wenig an Yasujiro Ozus Reise nach Tokyo. Auch dort geht es ums Altern und auch dort schneidet Ozu immer wieder Metaphern des Zeitflusses zwischen die Szenen: Schiffe, die langsam an der Stadt vorbeigleiten, Lokomotiven, die in den Bahnhof einfahren.

Damit ein Film über das Gewöhnliche nicht langweilt, braucht es natürlich gute Schauspieler, die dem Ganzen auch Leben einhauchen. Mike Leigh hat nur die Besten. Warum ihr Spiel so echt wirkt (und zwar das des ganzen Ensembles), ist schwer zu beschreiben, denn man hat schnell den Eindruck, als kenne man die Figuren aus Another Year persönlich. They talk like you and me. Für Leigh spielen die Schauspieler aber noch aus einem anderen Grund eine Rolle, nämlich, weil sie entscheidend am Entstehungsprozess seiner Filme teilnehmen. Wochenlang versammelt er sie um sich und entwickelt mit ihnen zusammen die Figuren. Ein Drehbuch gibt es vorher nicht, erst während der Proben entsteht der Film. Daraus wird aber keineswegs abgefilmtes Theater, wie man vielleicht denken könnte. Die Kamera von Dick Pope (auch ein jahrelanger Mitarbeiter von Leigh) beobachtet präzise, oft verweilt sie länger als notwendig und darum entgehen ihr selbst die kleinsten Vorgänge nicht: die Suppe, die aufs Hemd tropft, die verlegen das Haar kräuselnde Hand, der zu große Schluck aus dem Weinglas. Dinge, die wir im Leben oft gar nicht mehr wahrnehmen. Für Kracauer würde dieser Film an der "Errettung der äußeren Wirklichkeit" teilhaben. Film und Leben näher zusammenbringen. Von beidem versteht Mike Leigh eine ganze Menge.

Another Year - Pressespiegel auf www.film-zeit.de


Another Year
R: Mike Leigh
D: Jim Broadbent, Ruth Sheen, Lesley Manville, Peter Wight
UK 2010, 129 Min.

Verleih: Prokino
Kinostart: 27.01.2011

Meat

von Ciprian David, am 27.1.11


Willkommen in der Welt des Fleisches. Zentriert ist diese um einen Metzger (Titus Muizelaar), dessen Weltsicht und Lebensweise von den unzähligen Schweinerücken in seinem Umfeld und von seinen Werkzeugen geprägt ist. Das, was mal Leben war, zerhackt, zerstückelt und tranchiert er, arrangiert es schön im Schaufenster an, lässt daraus eine Ordnung entstehen. Diese Ordnung verlangt permanent nach dem Gegenpart, nach Chaos. Damit kann aber unser Held genauso gut umgehen, genauso lebensvoll und unermüdlich – es handelt sich dabei um die Sexualität. Die Gefrierkammer ist der Ort dafür, wo er zwischen Schweinerücken seine Frau (Wilma Bakker) im Stehen mit derselben Routine verarbeitet. Und während sich diese von ihm im Laufe des Films entfernt, so öffnet er seinen Mund nur, um seiner jungen Aushilfe (Nellie Benner) so lange Obszönitäten ins Ohr zu flüstern, bis diese Erotik werden und sich das Mädchen auf ihn einlässt.

Der Gegenentwurf ist die Welt eines Kriminalkommissars (ebenfalls von Titus Muizelaar), welcher die Negation des Metzgers verkörpert. In einem mechanischen Rattern des Geistes verfangen, hat dieser beinahe keinen Bezug zu seinem Körper, keine Energie, um dem Alltag entgegenzutreten, und keine Gefühle für seine Freundin, die sich daraufhin vom Balkon stürzt, ohne dass er davon auch nur aufs Geringste berührt würde. Zur Verbindung zwischen den zwei Existenzen wird das Mädchen, Roxy, denn nach dem Geschlechtsakt mit dem Metzger stirbt dieser. Der Kommissar als Ermittler in diesem potenziellen Mord erleidet eine graduelle Transgression in die Welt des Fleischers, eine Transzendenz in dessen Person.

Etwas unnötig kompliziert wird die Welt dieses Films gezeichnet, durch die elliptische Erzählung, durch das essayistische Vorgehen des Heranziehens neuer Ideen ohne Rücksicht auf den Handlungsstrang, durch die Fülle der integrierten Motive - von Voyeurismus über Metamorphose bis hin zur surrealistischen Bevölkerung der Metzgerei aus ehemaligen Tieren - sodass ein roter Faden verloren geht. So irritiert nicht selten der unnötige Einsatz von Sexszenen mit dem Hang zum Abnormen (wie etwa das Würgen Roxys durch ihren Freund während des Sexualakts). Was aber auf der Makroebene enttäuscht, überzeugt im Detail. Es finden sich ganz gelungene experimentelle Ansätze im Umgang mit Bildern (wie der Einblick in Roxys verwirrende Wahrnehmung, anhand der von ihr selbst gefilmten und zusammengeschnittenen Videos, fast ausnahmslos aus Überblendungen mehrerer Einstellungen und Farbinversionen bestehend) und ein Einsatz von sehr starken Kontrasten in der Bildgestaltung. Ebenso auffällig ist die experimentierfreudige Audioebene, in der atonale Musik und Naturgeräusche kombiniert werden, oder die Metal-Titel für Rhythmus sorgen - doch nicht selten wünscht man sich als Zuschauer einen subtileren Umgang mit den Soundeffekten, die statt viszeral stellenweise karikiert wirken. So ist Meat unter dem Strich die Summe seiner Szenen, der Ansätze, die sich implizit dahinter zeigen, ohne aber zu einer Kohärenz zusammenzufinden.

Ein Nebeneinander und eine Verschachtelung ähnlicher Strukturen durchzeichnen den Film. Das immer wiederkehrende Motiv ist das Paarungsritual, das in unterschiedlichen Kontexten inszeniert wird. Zwischen dem Fleischer und Roxy wird es als eine vorübergehende Verbiestlichung des Mädchens konzipiert, mit dem im Grunzen gefeierten Geschlechtsakts als Höhepunkt. Als eine Medienparodie wird es inszeniert, wenn Roxy von zwei Jungs außerhalb der Stadt vergewaltigt wird und als eine tragische Transzendenzgeschichte findet es statt zwischen Roxy und dem Kriminalkommissar. Und immer wird es in drei Etappen inszeniert, wie der Film auch aus drei Akten konstruiert ist. Das Vorspiel, diese Flut der verbalen Obszönitäten des Metzgers, der Videoclip des Befummelns und Ausziehens, der im Auto der zwei Jungs stattfindet, oder die Befragungsszenen mit dem Kommissar - diese erste Phase der Paarung wird zum beschreibenden Klischee, zum Wegweiser für den weiteren Verlauf der Szenen, zum Rahmen der darauffolgenden, meistens dramatischen, von Frauenfeindlichkeit durchzeichneten Geschichte. Diese Frauenfeindlichkeit entspringt konsequent jeder Szene, denn: was nicht Mann ist, ist in Meat Objekt - zum Verarbeiten, zum Erniedrigen, oder (mit tragischen Folgen) zum Zurückweisen. Gepaart mit der Verneinung jedes möglichen Liebesmoments durch Substitution mit Trieb und Fetisch führt die misogyne Haltung dazu, dass diese Paarungsrituale in ihrer Relevanz gesprengt werden, und dass sie einfallslos und wenig begründet eines Primats des Fleisches zugeschrieben werden.

Mit Meat lassen die Regisseure Maartje Seyferth und Victor Nieuwenhuijs das Kino der Körperlichkeit und der Frauenexploitation wieder erwachen. Eine Gegenbewegung zur Virtualisierung des Alltags wird propagiert, eine Rückkehr zum Organischen, zum Fleisch, doch davon gab es schon in den Neunzigern genügend - zwischen den Auseinandersetzungen mit dem modernen Primitivismus, über Mainstream-tauglichere Produktionen wie Fight Club bis hin zur Eskalation im Body Horror Anfang des Jahrtausends. Jedoch, eine Spur der inzwischen stattgefundenen gesellschaftlichen Änderungen findet sich in diesem Film nicht. Eine orthodoxe Haltung käme als Argument in Frage, eine Verweigerung, sich auf die Welt der Unkörperlichkeit und auf ihre Entwicklungen einzulassen, doch weder eine Hommage, noch ein solides Filmkonstrukt verteidigen diese These. Meat bleibt ein später Film, ein Abklatsch, stellenweise einfallsreich umgesetzt und von einem virtuosen Umgang mit technischen Mitteln gekennzeichnet.

Meat - Pressespiegel auf film-zeit.de.



Meat / Vlees
R: Maartje Seyferth, Victor Nieuwenhuijs
D: Titus Muizelaar, Nellie Benner, Hugo Metsers, Wilma Bakker
Niederlande, 2010, 86 Min.

Copyright: Moskito Films / Movimento
Kinostart: 27.1.2011
zunächst in Moviemento, Berlin zu sehen .

Raritäten der Kinowoche vom 27. Januar bis 2. Februar

von Verena Bonnkirch, am 27.1.11


Copyright Cinema Quadrat Mannheim


CALIGARI FILMBÜHNE Wiesbaden

Homonale: Taxi zum Klo – Director’s Cut (Frank Ripploh, 1978-1980)
Fr., den 28.01.2011 um 22:00 Uhr

Eine authentische Liebesgeschichte zwischen Frank und Bernd. Bernds Zukunftstraum ist das ruhige Leben zu zweit, mit Blumentopf und Bauernhof. Frank aber braucht das Abenteuer, die Sehnsucht, die Erfahrung von Grenzen.
Er holt sich seine Kerle von der Klappe, aus der Männersauna, in der Nacht Berlins. Die Unvereinbarkeit ihrer Sehnsüchte führt zur Eskalation auf einem Tuntenball...
Lustvoll und provokant, komisch und immer noch aktuell - der Gay-Kultfilm der 80er Jahre als 'Director's Cut'.

Homonale: Soeur sourire – Die singende Nonne (Stijn Coninx, 2009)
Sa., den 29.01.2011 um 17:30 Uhr

Ende der 1950er Jahre flüchtet die lebenslustige Jeannine vor dem Kontrollwahn ihrer Mutter und den Avancen ihrer besten Freundin ins Kloster um ausgerechnet dort ein Schlagerstar zu werden: Als 'Schwester des Lächelns' verweist sie mit ihrem Hit 'Dominique' gar Elvis und die Beatles auf die Plätze.
Doch nach dem Austritt aus dem Kloster und dem Eintauchen ins reale (lesbische) Leben bleibt der Erfolg aus...
Der Spielfilm erzählt die wahre Geschichte der Belgierin Jeannine Deckers.


Homonale: And then came Lola (Ellen Seidler, Megan Siler, 2009)
Sa., den 29.01.2011 um 20:00 Uhr

Eigentlich auf ihre Unabhängigkeit bedacht, scheint Lola endlich eine Frau gefunden zu haben, für die es sich lohnt der Beziehung eine Chance zu geben und auch mal einen Gang runter zu schalten… Aber nicht jetzt. Denn Lola hat nur eine Chance ihrer Freundin den Job und damit ihre Liebe zu retten. Also legt sie sich ins Zeug - und rennt! Wenn die Straßen von San Francisco bloß nicht so voller sexy Dykes, missmutiger Politessen und nachtragender Ex-Geliebter wären...


Homonale: Patrik 1,5 (Ella Lemhagen, 2008)
So., den 30.01.2011 um 20:00 Uhr

Göran und Sven sind fertig mit dem Nestbau. Sie sind verheiratet, sie wohnen in einem idyllischen Vorort und sie haben sichere Jobs. Nun wird endlich auch ihrem Adoptionsantrag stattgegeben und sie bekommen die ersehnte Zusage für einen Jungen: Patrik, Alter 1,5.
Blöderweise stellt sich am Tag der Übergabe heraus, dass es nicht 1,5 heißen sollte, sondern 15! Ein Tippfehler. Und statt klein und süß ist Patrik pubertär, hat ein kriminelles Vorleben und differenziert auch nicht zwischen schwul und pädophil.
Stoff für eine großartige schwedische Komödie.

Ronja Räubertochter (Tage Danielsson, 1984)
Sa., den 29.01.2011 und So., den 30.01.2011 jeweils um 15:00 Uhr

Eine der besten Astrid Lindgren-Verfilmungen (die schwedische Autorin schrieb auch das Drehbuch): Die Geschichte von einem Mädchen, das auf einer alten Festung mitten im Wald bei Räubern aufwächst.


MURNAU FILMTHEATER Wiesbaden

Der Apfel ist ab (Helmut Käutner, 1948)
Fr., den 28.01.2011 um 18:00 Uhr

Wie kam es zum Sündenfall im Paradies? Diese Frage untersucht Käutner höchst originell und amüsant. Ein Apfelsaftfabrikant liebt zwei Frauen, seine Gattin und seine Sekretärin. Von den daraus entstandenen seelischen Strapazen will er sich im Sanatorium erholen. Dort hat er einen seltsamen Traum: er ist Adam, der erste Mensch im Paradies. In Eva erkennt er seine Sekretärin wieder, der Arzt erscheint als Petrus, sein Steuerberater als Luzifer. Die Paradiesszenen sorgten seinerzeit für Aufsehen - die Komödie auch heute noch für zahlreiche Lacher!


CINEMA QUADRAT Mannheim


2 Überraschungsfilme der Extraklasse
Sa., den 29.01.2011 um 21:30 Uhr

Auch diesmal gibt es wieder zwei trashige Überraschungen.


The Saddest Music in the World (Guy Maddin, 2003)
So., den 30.01.2011 um 19:30 Uhr

„If you’re sad, and like beer, I’m your lady!“ Als Bier-Baronin Lady Port-Huntly einen internationalen Wettbewerb um die traurigste Musik der Welt ankündigt, strömen Musiker aus den entlegensten Orten des Erdballs in die kanadische Stadt Winnipeg und wetteifern um das kolossale Preisgeld von 25.000 „Depression Era Dollars“. Schluchzende mexikanische Mariachis, verdrossene schottische Dudelsackspieler, traurige westafrikanische Trommler und zahlreiche andere von Kummer betroffene Ensembles konkurrieren, und die Welt hört am Radio zu.

 

NEGATIV - Magazin für Film und Medienkultur Gestaltet von Ciprian David und Christian Alt // Log in