Ein absonderlicher Bub mit runden Brillengläsern und kariertem Hemd nummeriert akribisch Tierkadaver und liefert im voice over kontinuierlich Anleitungen zu immer bizarrer anmutenden Spielen. Seine Freundin, ein seilchenspringendes Püppchen, rezitiert in dunkler Nacht im Singsang die Namen von hundert Fixsternen. „Es gibt mehr als hundert. Warum hast du aufgehört?“, wird sie gefragt. Ihre Antwort lautet: „Wenn du erst einmal hundert gezählt hast, sind alle anderen gleich.“ Wiederkehrende Muster und mystische Zahlenspiele spannen ein ebenso komplexes wie verzauberndes Rätselgeflecht in
Peter Greenaways Film ueber drei Frauen, Mutter, Tochter und Enkelin, die allesamt den Namen Cissie Colpitts (
Joan Plowright,
Juliet Stevenson,
Joely Richardson) tragen und ihre Ehemänner nach und nach ertränken, um sich derer zu entledigen. Die Rekurrenz der Symbolik erweckt den Eindruck von Geschlossenheit und Universalität, jedoch bleibt jede Hoffnung auf eine Entschlüsselung der parabelhaften Erscheinungen unbefriedigt. Bedeutung wird mit jedem Bild suggeriert, aber niemals tatsächlich vermittelt. So erschafft
Greenaway einen undenkbar dichten Kosmos, indem er die eigentliche Geschichte mit unzähligen abstrakten Figuren, pointierten Dialogen und allegorischen Szenarien anreichert.
Auch visuell wird hier die ganze Aufmerksamkeit des Betrachters gefordert. Die märchenhaft artifiziell ausgeleuchtete Landschaft, die mit einer überwältigenden Fülle an Details versehen ist, und die feinsinnige Komposition jeder einzelnen Einstellung machen
Verschwörung der Frauen zu einem ästhetischen Meisterwerk, das ein Maximum an postmoderner Oberflächlichkeit, Reizüberflutung und Künstlichkeit erreicht. Dazu ironisiert die Musik von Greenaways Hauskomponisten
Michael Nyman, mit dem er unter anderem auch in
Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber und
Der Kontrakt des Zeichners zusammengearbeitet hat, die Vorkommnisse, die sich im Schnittfeld von Befremdlichkeit, Skurrilität und äußerst makabrem Humor bewegen. So kommen nicht nur die Frauen mit dem Mord an ihren Männern jedesmal wieder davon, weil der Leichenbeschauer Madgett
(Bernard Hill) ihren Reizen verfällt und deshalb zu ihren Gunsten attestiert. Auch die als Spiele verpackten Handlungen des Jungen Smut (
Jason Edwards) bringen ihn in immer prekärere groteske Situationen rund um die zentralen Motive Sex und Tod, während ein der Diegese übergeordneter Countdown parallel zur Zuspitzung der Ereignisse abläuft. Immer wieder malerisch in den Bildern platzierte, ansteigende Ziffern strukturieren den Film bis hin zu seiner letzten Vollendung, die beim Erreichen der magischen Hundert eintreffen wird.
Peter Greenaways fünfter Spielfilm, dessen englischer Originaltitel
Drowning by Numbers der klugen Pfiffigkeit der gesamten Komposition durch sein Wortspiel mit der englischen Variante von „Malen nach Zahlen“ viel eher gerecht wird, wurde 1988 in Cannes zurecht als bester künstlerischer Beitrag geehrt. Allem voran liefert er ein weiteres wundervolles Beispiel
Greenaway'scher Verspieltheit und Komplexität. So verstecken sich nicht nur angeblich tatsächlich alle Zahlen des Countdowns von eins bis hundert in richtiger Reihenfolge mal im Bild, mal in den Dialogen der Figuren, sondern es befinden sich laut
Greenaway weiterhin genau hundert Gegenstände, die mit einem "S" beginnen, in Smuts Zimmer und hundert, die mit "M" beginnen, in Madgetts. Nach
Der Kontrakt des Künstlers erscheint das Zahlenrätsel
Verschwörung der Frauen nun als zweiter von
Greenaways Filmen in der Arthaus Collection.
Verschwörung der Frauen
R: Peter Greenaway
D: Bernard Hill, Joan Plowright, Juliet Stevenson, Joely Richardson, Jason Edwards, David Morrissey, Bryan Pringle, Trevor Cooper
Grossbritannien / Niederlande 1988, 118 min.
Verleih: Arthaus
Sprachen/Ton: Deutsch Mono DD, Englisch Stereo DD
Untertitel: Deutsch
Extras: Trailer