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Berlin: Afrikamera 2011 im Kino Arsenal

von Marlon Lieber, am 31.10.11

Gangster Project (Teboho Edkins, Südafrika/Deutschland 2011)
Das Berliner Kino Arsenal zeigt diesen November in Kooperation mit Afrikamera unter dem Titel African Filmfestivals - Beyond Present and Future ausgewählte Highlights von afrikanischen Filmfestivals. Acht Spielfilme und zwei Kurzfilmprogramme geben einen Überblick über die aufstrebende Filmszene in unterschiedlichen Ländern Afrikas. Alle Vorstellungen werden von Gesprächen mit Organisatoren der Festivals und Filmschaffenden aus Afrika begleitet. Zusätzlich wird eine Podiumsdiskussion zum Thema "Auslaufmodell Kino? Afrikanisches Kino auf neuen Wegen?" mit internationalen Gästen veranstaltet.

Gleich mehrere Filme wenden sich der Rolle der Frau in verschiedenen afrikanischen Gesellschaften zu. Pégase (Mohamed Mouftakir, Marokko 2009) erzählt vom Kampf einer Frau gegen die patriarchale Unterdrückung. Die kenianischen Menschenrechtsaktivistin Monica Wangu Wamwere wird in Unbroken Spirit (Jane Murago-Munene, Kenia 2010) porträtiert. Les Secrets (Raja Amari, Tunesien/Frankreich/Schweiz 2010) erzählt von zwei Schwestern und ihrer Mutter, die in einem verlassenen Palast leben, in dem die Mutter einst als Haushälterin angestellt war. Im Experimentalfilm Espelho Meu (Isabel Noronha/Vivian Altman/Firouzeh Khosrovani, Mosambik/Spanien/Iran 2011) werden traditionelle weibliche Stereotype in Mosambik, Iran, Spanien und Brasilien hinterfragt. Notre Étrangère (Sarah Bouyain, Burkina Faso/Frankreich 2010) erzählt schließlich die Geschichte von zwei Frauen zwischen den Kulturen Burkina Fasos und Frankreichs.

Aus Südafrika sind zwei Filme im Programm beinhaltet. In Skoonheid (Oliver Hermanus, Südafrika/Frankreich 2011) wird anhand der Geschichte eines Familienvaters die weiße Mittelschicht Südafrikas gezeigt. Gangster Project (Teboho Edkins, Südafrika/Deutschland 2011) erzählt von einem weißen Filmstudenten, der einen Gangsterfilm drehen will. Als er eine Gang findet, die dafür geeignet scheint, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion.

Der Dokumentarfilm Islands of the Spirits (Licinio Azevodo, Mosambik 2010) porträtiert einige Bewohner der Ilha de Moçambique. Schließlich werden ausgewählte Kurzfilmprogramme aus Madagaskar (unter dem Titel Malagasy Roots) und Ruanda (Rwanda Shorts) gezeigt.



Das Programm:


Pégase
Mi., 16.11. 20:00
In Anwesenheit von Ardiouma Soma (Programmleiter FESPACO)


Unbroken Spirit
Do., 17.11. 19:30
In Anwesenheit von Charles Asiba (Künstlerischer Leiter des Kenya International Film Festival)


Malagasy Roots (Kurzfilme aus Madagaskar)
Do., 17.11. 21:00
In Anwesenheit von Laza (Regisseur und künstlerischer Leiter des Festivals Rencontres du Film Court)


Les Secrets
Fr., 18.11. 19:30
In Anwesenheit von Annie Djamal (Journées Cinématographiques de Carthage)


Rwanda Shorts (Kurzfilme aus Ruanda)
Fr., 18.11. 21:30
In Anwesenheit von Jacques Rutabingwa (Rwanda Cinema Center)


Podiumsdiskussion "Auslaufmodell Kino? Afrikanisches Kino auf alternativen Wegen?"
Sa., 19.11. 17:00
Mit Claire Diao (Fédération Africaine de la Critique Cinématographique), Pedro Pimenta (DOCKANEMA), Soma Ardiouma (FESPACO), Charles Asiba (Kenya International Film Festival), Annie Djamal (Journées Cinématographiques de Carthage) und weiteren Gästen


Espelho Meu
Sa., 19.11. 19:00
In Anwesenheit von Pedro Pimenta (Produzent und künstlerischer Leiter des DOCKANEMA)


Skoonheid
Sa., 19.11. 20:30


Gangster Project
So., 20.11. 17:00
In Anwesenheit des Regisseurs und seines Teams


Island of the Spirits
So., 20.11. 19:00
In Anwesenheit des Regisseurs


Notre Étrangère
Do., 20.11. 20:30


Kino Arsenal
Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin

Hier gibt es das Programm auf der Homepage von Afrikamera und beim Kino Arsenal.

Bild: Kino Arsenal

Berlin: "Dokumentarfilm und politische Intervention" im Moviemento

von Marlon Lieber, am 31.10.11

Kaffeeplantage in Guatemala
Das Berliner Moviemento zeigt im November unter dem Titel Dokumentarfilm und politische Intervention eine Reihe von Filmen der deutschen Regisseure Uli Stelzner und Thomas Walther. Die beiden begannen vor 20 Jahren Filme in Guatemala zu drehen, einem Land, das von Militätdiktaturen, Bürgerkrieg, rassistisch motivierter Gewalt gegen die indigene Bevölkerung und Straflosigkeit für die Täter geprägt ist. Entscheidend ist hierbei, dass die Filme nicht nur dokumentieren, sondern auch intervenieren sollen. Die Filmemacher verstehen ihre Arbeit als Teil des Kampfes für Menschenrechte und Meinungsfreiheit. Dass andere dies durchaus auch so sehen, zeigt sich an der Tatsache, dass nach der Premiere des Films Die Zivilisationsbringer Drohungen aus der deutschen Gemeinde in Guatemala kamen und die Regisseure den Film nur mit Bewachung durch Mitarbeiter der UNO aufführen konnten. Das Moviemento zeigt alle Filme, die Stelzner und Walther gemeinsam oder alleine gedreht haben und zusätzlich zwei Filme des guatemaltekischen Filmemachers Sergio Valdés Pedroni. Die Vorführungen werden von zahlreichen Diskussionen in Anwesenheit der Regisseure begleitet.

La isla: Archive einer Tragödie, den Uli Stelzner im Jahr 2009 alleine drehte, handelt vom geheimen Archiv der Policia Nacional, welches 2005 zufällig nach einer Explosion in Guatemala-Stadt gefunden wurde. Es tauchen Millionen Dokumente auf welche die systematische Verfolgung und Ermordung der Bevölkerung Guatemalas durch Polizei und Armee belegen. Die Täter sind bisher größtenteils straflos davongekommen.

Angriff auf den Traum (2007), ebenfalls nur von Stelzner, zeigt die Anstrengungen, die Menschen in Südamerika auf sich nehmen, um in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Sie überqueren im Norden Guatemalas die Grenze nach Mexiko und begeben sich auf eine der gefährlichsten Migrationsrouten der Welt. Ein Güterzug soll sie die 4000 km lange Strecke bis in die USA bringen. Stelzner filmte in der Grenzregion.

Der Film Testamento (2003) von Stelzner und Walther handelt vom Rechtsanwalt und Aktivisten Alfonso Bauer Paiz (1928-2011), der sein Leben lang in Guatemala gegen Militärregimes und Korporationen kämpfte. Der Freimaurer und Sozialist arbeitete unter anderem mit Jacobo Árbenz, Che Guevara und Salvador Allende zusammen und kehrte nach 25 Jahren Exil zurück in seine Heimat, um für Freiheit und Demokratie zu kämpfen.

Der oben erwähnte Die Zivilisationsbringer: Deutsche in Guatemala (1998), auch von Stelzner und Walther, erzählt von der deutschen Gemeinde in Guatemala, die es mit Kaffeeanbau zu wohlstand brachte und die auch heute noch die dortige Wirtschaft dominiert. Während die Unternehmer ihre Erfolgsgeschichte erzählen, wird deutlich, dass diese auf Landraub und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung beruht.

Die Abenteuer einer Katze: Notizen einer Projektion in Nachkriegszeiten (2000) von Stelzner und Walther behandelt den Konflikt über die Zivilisationsgesellschaft. Der Film, der in Guatemala nach Ende des Bürgerkrieges gezeigt wurde, löste nicht nur Drohungen seitens der deutschen Gemeinde, sondern auch eine breite Debatte aus.

Romper el cerco: Flüchtlinge eines verdeckten Krieges (1994) von Stelzner und Walther erzählt von den Opfern der Verfolgung durch die Armee Guatemalas. Nachdem sich in den 1980er-Jahren indigene Bauern gegen Landraub und Ausbeutung wehrten, antwortete die Armee mit systematischer Verfolgung und Ermordung. Der Film sucht die Opfer auf und gibt ihnen eine Stimme.

Große Teile der indigenen Bevölkerung flohen 1982 vor den Verbrechen der Armee nach Mexiko. Ojalá: Hoffnung auf ein neues Land (1992) von Stelzner und Walther zeigt Bilder aus den Flüchtlingslagern und zeigt den Terror, den die Flüchtlinge noch immer verspüren, aber auch die Hoffnung wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Tatsächlich durften erst 1993 die ersten Flüchtlingsfamilien zurück nach Guatemala.

Schließlich werden zwei Filme von Sergio Valdés Pedroni gezeigt, der als Gast der Werkschau anwesend sein wird. Luis und Laura (1998) ist ein Film über den guatemaltekischen Schriftsteller Luis Cardoza y Aragón, der ins mexikanische Exil ging, und Dichterin Laura Pineda, die in Guatemala blieb und Widerstand leistete. Diskurs gegen das Vergessen (2003) stellt sich die Frage, ob das Kino die Vergangenheit eines Volkes retten und den Weg in Zukunft ebnen kann.

Das Programm:


La isla (OmU)
Do., 10.11. 10:30 (in Anwesenheit von Uli Stelzner)
Fr., 11.11. 21:30 (in Anwesenheit von Uli Stelzner)
Mo., 14.11. 10:30 (in Anwesenheit von Uli Stelzner)
Di., 15.11. 22:15
Mi., 16.11. 19:00 (in Anwesenheit von Sergio Valdés, Uli Stelzner und Malte Daniljuk)


Die Zivilisationsbringer (OmeU)
Do., 10.11. 20:00 (in Anwesenheit von Uli Stelzner, Thomas Walther und Sergio Valdés)
So., 13.11. 19:00 (in Anwesenheit von Uli Stelzner, Thomas Walther und Sergio Valdés)
Di., 15.11. 10:30 (in Anwesenheit von Thomas Walther)
Di., 15.11. 19:00 (in Anwesenheit von Thomas Walther und Sergio Valdés)


Angriff auf den Traum (OmU)
Fr., 11.11. 10:30 (in Anwesenheit von Uli Stelzner)
Fr., 11.11. 19:00 (in Anwesenheit von Uli Stelzner und Silke Helfrich)
Sa., 12.11. 21:45 (in Anwesenheit von Uli Stelzner)
Mo., 14.11. 22:00 (in Anwesenheit von Uli Stelzner)

Luis und Laura (OmeU)
Sa., 12.11. 17:00 (in Anwesenheit von Sergio Valdés)

Testamento (OmU)
Sa., 12.11. 19:00 (in Anwesenheit von Uli Stelzner, Thomas Walther und Sergio Valdés)
Mi., 16.11. 10:30 (in Anwesenheit von Thomas Walther)
Mi., 16.11. 21:30 

Diskurs gegen das Vergessen (OmU)
So., 13.11. 16:30 (in Anwesenheit von Sergio Valdés)

Abenteuer einer Katze (OmU)
So., 13.11. 22:15 (in Anwesenheit von Uli Stelzner und Thomas Walther)

Ojalá / Romper el cerco 
Mo., 14.11. 19:00 (in Anwesenheit von Thomas Walther, Sergio Valdés und CAREA)


Moviemento
Kottbusser Damm 22, 10967 Berlin

Hier geht es zur Homepage von Uli Stelzner, wo es das Programm gibt.



Slavoj Žižek im Frankfurter Literaturhaus

von Marlon Lieber, am 31.10.11


Das Literaturhaus Frankfurt lädt am 22. November den slowenischen Philosophen und nicht-praktizierenden Psychoanalytiker Slavoj Žižek zum Gedankensquash. Žižek wurde mit seiner originellen Übertragung von Gedanken der Psychoanalyse Jacques Lacans auf (populär-) kulturelle Phänomene bekannt und ist seit einigen Jahren eine der lautesten, aber auch umstrittensten Stimmen der radikalen Linken. In einer schier unglaublichen Anzahl an Buchveröffentlichungen benutzt er scheinbar mühelos Marx, Hegel, Lacan und andere Denker, um die Wirkungsweise von Ideologien zu beschreiben und die heutige Gesellschaft zu analysieren. Neben seinen Vortragsreisen auf der ganzen Welt mischt sich Žižek als public intellectual stets auch in aktuelle politische Debatten ein und unterstützt so beispielsweise die Occupy-Bewegung. (Hier ist eine Rede zu lesen, die Žižek kürzlich vor den Protestierenden an der Wall Street hielt)

Filmfreunden mag Žižeks Name durch seine Schriften zum Kino bekannt sein. Im Jahr 2006 drehte er unter der Regie von Sophie Fiennes (gerade mit Over Your Cities Grass Will Grow im Kino - hier unsere Rezension) The Pervert's Guide to Cinema, in dem Žižek verschiedenste Filme aus einer psychoanalytischen Sichtweise bespricht. Eine Fortsetzung ist bereits in Planung (wir berichteten hier).

Um einen Eindruck vom Werk - und was hier untrennbar damit verknüpft ist: der Person - des "Elvis der Kulturtheorie" zu bekommen, lohnt sich auch Astra Taylors Žižek! (2005), eine Dokumentation, die den Theoretiker auf Vorträgen, aber auch nach Hause begleitet.

Das Literaturhaus lädt Žižek in Kooperation mit dem Frankfurter S. Fischer Verlag, bei dem auch sein neuestes Buch Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert erschienen ist, zum Gespräch, das auf englischer Sprache stattfindet ein.

Um sich ein Bild von Žižek (und seinem Vortragsstil) zu machen, gibt es hier die Trailer zu den beiden Filmen:





Slavoj Žižek: Gedankensquash
22.11. 19:30 Uhr


Literaturhaus Frankfurt
Schöne Aussicht 2, 60311 Frankfurt

Bild: Andy Miah

Dexter - The Angel of Death Season 6 Episode 5

von Simon Born, am 31.10.11

Bromancing: Dexter in The Angel of Death erzählt Brother Sam von seiner Mutter. An der gleichen Stelle teilte er schon einmal seine dunkle Vergangenheit (und Gegenwart) mit einem Freund: Miguel Prado (Season 3). Diese Freundschaft währte bekanntlich nicht lang...
"darkness usually prevails." - Dexter

In der Serie Dexter steht seit jeher die vielseitige Natur zwischenmenschlicher Beziehungen im Vordergrund: Hauptfigur Dexter ist als Familienmensch, Kollege und Freund tief in ein soziales Geflecht verstrickt, als Serienkiller fühlt er sich jedoch von den Menschen um ihn herum und der Gesellschaft isoliert. Diejenigen, mit denen er seine wahre Natur teilen konnte, landeten entweder auf seinem Tisch oder haben ihn anderweitig verlassen müssen. Die Nebenfiguren haben verschärft mit unglücklichen Liebschaften und fatalen Beziehungen zu kämpfen. Bestes Beispiel ist Dexters Adoptivschwester Debra. Ihr Verhältnis zu Männern ist von der schwierigen Beziehung zu ihrem Vater Harry geprägt und erweist sich als besonders unglücklich: Ihr Verlobter entpuppte sich als der ice truck killer und versuchte, sie umzubringen, andere love interests wurden auch entweder vom Tod bedroht oder tatsächlich ermordet. Schließlich spielt bei Dexter das Verhältnis des Zuschauers zum Protagonisten eine integrale Rolle. Wie ist es uns möglich, Sympathie für einen Teufel zu empfinden?


In The Angel of Death macht sich Debra mit ihrem Charme neue Rivalen...
In The Angel of Death, der fünften Folge der aktuellen Staffel von Dexter, stehen die Beziehungen der Figuren untereinander im Vordergrund. Dabei werden alte Paarungen erweitert, neue geknüpft und in der Staffel angekündigte Partnerschaften vertieft. Nachdem Dexter Brother Sam in der letzten Folge A Horse of a Different Color als Gegenüber akzeptiert hat, wird ihre Freundschaft in The Angel of Death wesentlich ausgebaut. Dexter erzählt Sam von dem Tod seiner Mutter, der ihm mit seiner inneren Dunkelheit zurückgelassen hat. Sam versucht, zu dem Licht in Dexter durchzudringen, indem er auf dessen Sohn Harrison verweist: Wieder einmal wird Harrison als mögliche Erlösung für Dexter in Aussicht gestellt.
Das ist ein wichtiger Punkt, denn wie der überraschende cliffhanger am Ende der Folge dem Dexter-Zuschauer wieder einmal schlagartig ins Gedächtnis ruft, ist der Gastauftritt eines prominenten Schauspielers in der Serie nie von Dauer: Brother Sam wird in seiner Werkstatt fatal angeschossen. Ein Grund für Dexter, in den nächsten Folge den dark passenger wieder übernehmen zu lassen auf einen Rachefeldzug zu gehen?


Der Anschlag auf Brother Sams Leben macht aus der positiven Hirtengestalt ("The Good Shepard" ist der passende Name seiner Werkstatt, in der er sich um verlorengegangene Schafe kümmert; als er Dexter besucht, bringt er Harrison ein Lamm-Stofftier mit) einen Märtyrer. Mit seinen Reden von Güte und Licht steht er der die Figur des Professor Gellars gegenüber. Dieser wird von seinem Assistenten Travis als Prophet des Blutgerichts verklärt, als Stimmrohr Gottes, mit dem Auftrag, die degenerierte Menschheit zu richten. Der eine predigt von Erlösung, der andere von der Apokalypse. Beide tragen eine Dunkelheit in sich, doch während Brother Sam seine akzeptiert und dadurch die Wandlung vom Saulus zum Paulus durchgemacht hat, ist Gellar als doppeltgesichtiger Schriftgelehrter unfähig, sich der seinen zu stellen. Fanatisch verurteilt er die sexuelle Verkommenheit der Menschen - und hatte selbst als Professor anscheinend wechselnde Beziehungen mit Studentinnen des immergleichen Typs.

Eine dieser ehemaligen Studentinnen ist nun selbst Dozentin geworden und wird von dem neuen Partnerduo Quinn und Batista befragt. Da Quinn es sich vorgenommen hat, den Sex mit einer Professorin von seiner persönlichen "bucket list" zu streichen, kommt es zu einem One Night Stand zwischen den beiden, der für die kommende Handlung delikate Folgen mit sich führen wird: Durch Zufall stößt Batista in dem Apartment der Professorin auf ein Notizbuch Gellars mit Zeichnungen, die den Mord-Tableaus des doomsday killers sehr ähnlich sind. Der Verdacht auf Gellar verhärtet sich, die junge Professorin Holly wird somit zu einer wichtigen Zeugin und Verdächtigen in dem Fall - und Quinn hat mir ihr geschlafen.

... wie auch neue Verbündete.
Auf ihrem Weg, die Beförderung zum Lieutenant sowie die Trennung von Quinn zu verarbeiten, schafft sich Debra derweil vielerorts neue Freunde. Da sie momentan bei Dexter unterkommt, hat sie Tatortfotos vom doomsday killer-Fall in Dexters Apartment ausgebreitet - im Sichtbereich von Harrison. Konsequenterweise gerät sie mit Babysitterin Jaime aneinander, die ihr zuvor noch dabei half, Quinns Verlobungsring in Harrisons Zimmer wiederzufinden. Wahrscheinlich wird der Streit zwischen Jaime und Debra nur temporär sein, dennoch ist abzuwarten, in wie weit der bisher noch vollkommen vernachlässigte und konfliktlose Charakter von Jaime entwickeln wird. Dagegen gewinnt der Charakter des neuen Detectives Mike Anderson mehr an Kontur: Durch Dexter gewinnt immer mehr Respekt für seine neuen Kollegen. Gerade das Verhältnis zu Debra, das auf dem falschen Fuß anfing, scheint sich zu einer fruchtbaren Partnerschaft zu entwickeln - In einer makabren Szene verhilft Anderson Debra dazu, eine Wohnung, in der er zuvor mit Dexter einen Mordfall aufgeklärt hatte, als Mieterin gewinnen zu können, indem sie wegen des Mordfalls zusammen Druck auf den Vermieter ausüben. Anderson scheint sich zu einem wichtigen Stützpfeiler für Debras neues Leben als Lieutenant entwickeln. Der Umstand, dass Anderson verheiratet ist, lässt dabei hoffen, dass sich diese neue, interessante Paarung nicht in eine weitere amouröse Affäre von Debra verwandelt.

Das unirdische Licht lässt die Szene (und ihre Figuren?) unwirklich erscheinen.
Die interessantesten Einblicke bekommt der Zuschauer jedoch in die Beziehung zwischen dem Killerpaar Travis und Professor Gellar. In einer Szene gleich zu Beginn sehen wir beide vor dem Kruzifix in der alten Kirche knien, die ihr Unterschlupf bildet. Während Gellar ins Gebet vertieft ist, wagt Travis einen kleinen Seitenblick - Für einen Moment sieht er Blut im Gesicht seines Mentors. Eine Vision? Ein Traum? Eine Erinnerung? Im späteren Verlauf befinden sich beide in einem Nachtclub auf der Suche nach ihrem nächsten Opfer, eine Vorlage für die Hure Babylons. Travis bemerkt, dass Gellars Gesicht als Hauptverdächtiger der doomsday-Morde auf der Titelseite der Lokalzeitungen abgdruckt ist. Sie beschließen, dass Travis allein nach dem Opfer sucht, während der Professor verschwindet. Doch wie konnte er unter so vielen Menschen bisher so lange unentdeckt bleiben? Der Club ist von einem seltsamen, grünen Neonlicht erhellt, die Szene hat etwas jenseitiges, sie erinnert stark an Alfred Hitchcocks Vertigo - Aus dem Reich der Toten. Beide Szenen geben dem Zuschauer Hinweise darauf, dass Gellar nur eine Projektion von Travis sein könnte, wie es auch in den letzten Wochen eifrig in den Dexter-Fan-Foren diskutiert wurde. Immerhin wurde er bisher von keiner anderen Figur außer Travis gesehen und gilt seit einigen Jahren als verschwunden. Sind Gellars gemeinsamen Momente mit Travis also nur mind screens von Travis? Wie bereits vor einigen Wochen argumentiert, lässt der neue Showrunner Scott Buck Realität und Fiktion in einem magischen Realismus gerne ineinander überlaufen.

Dexter will Travis an den Kragen, erkennt ihn am Ende jedoch nicht als geeignetes Opfer an. Wird er seine Meinung in Zukunft revidieren müssen?

Das lässt natürlich auch die erste Begegnung zwischen Dexter und Travis am Ende von The Angel of Death in einem völlig neuen Licht erscheinen. Dexter lauert Travis auf, dem er im Verlauf der Serie als zweiten doomsday killer auf die Schliche gekommen ist. Als er ihn konfrontiert, gesteht Travis, keinen einzigen Mord begangen, sondern nur Gellar dabei zugesehen zu haben - Er sei zu schwach, um jemanden zu töten. Daraufhin lässt Dexter ihn frei - solange Travis nicht selbst tötet, fällt er durch Harrys Code. Er will Travis nun benutzen, um an Gellar heranzukommen. Gellar ist das wahre Monster, Travis nur ein verführter Tor. In Travis sieht Dexter den inneren Kampf zwischen Licht und Schatten ausgetragen, an den er nun angefangen hat, zu glauben. Doch sind Dexters letzten Worte in der Folge "darkness usually prevails", mit ihnen deutet er unbewusst die zweite Lesart der Szene an, in der Travis, nicht Gellar, das wahre Monster ist, da Gellar (nicht mehr) exisitiert. Im Anzeichen einer Persönlichkeitsstörung könnte Travis nämlich genausogut seine Dunkelheit allein in der Projektion Gellars manifestieren, ebenso wie Dexter in den Harry-Visionen seine Moral externalisiert. Dann wären sich die beiden ähnlicher, als Dexter ahnt und Travis der perfekte Kandidat für seinen Tisch...

Lesen Sie hier mehr zu Dexter

TV-Tipps vom 31.10 bis 6.11.

von Janin Aadam, am 31.10.11

Brad Pitt als Tyler Durden in Fight Club (R: David Fincher) am 2.11.
Diese Woche erwartet uns ein gruseliges Halloweenprogramm und dank des Feiertages jede Menge Filmhighlights.

Mo., 31.10.

Mondscheinkinder (Manuela Stacke, 2006 Deutschland)
MDR, 6:30 Uhr
Einfühlsamer Jugendfilm, in dem sich ein Mädchen um ihren kranken Bruder kümmert, der unter einer Lichtallergie leidet.

Victor/Victoria (Blake Edwards, 1982 USA/Großbritannien)
ARTE, 14:45 Uhr
Travestie-Komödie mit Julie Andrews und James Garner 

Der Tod ritt dienstags (Tonino Valeri, 1967 Deutschland/Italien)
Das Vierte, 20:15 Uhr
In dem Italo-Western duellieren sich Lee Van Cleef und Giuliano Gemma, beide führende Stars des Genres. Regisseur Tonino Valeri wurde von Sergio Leone beeinflusst, der u.a. mit Für eine Handvoll Dollar für Genre-Klassiker sorgte.

Nachts auf der Straße (Rudolf Jugert, 1952 Deutschland)
ARTE, 20:15 Uhr
Das Roadmovie aus den 50ern mit Hildegard Knef wird im Rahmen der ARTE-Reihe "Könige der Straße" ausgestrahlt.

James Bond: Goldfinger (Guy Hamilton, 1964 Großbritannien)
SWR, 23:30 Uhr
Der Action-Thriller ist der dritte Teil und ein Highlight der James Bond-Reihe. Sean Connery als Bond jagt darin den Bösewicht Goldfinger.

Vincent, François, Paul und die anderen (Claude Sautet, 1974 Frankreich/Italien)
Hr, 23:30 Uhr
Tragikomödie über drei Freunde, die während heiterer Treffen versuchen, voreinander ihre Mid-Life-Crises zu verbergen.

Dellamorte Dellamore (Michele Soavi, 1993 Deutschland/Italien/Frankreich)
ARTE, 00:10 Uhr
Horror-Komödie, die passend zu Halloween im Rahmen der ARTE-Themenabend „Nacht der Untoten“ ausgestrahlt wird. Trotz geringer Handlung bietet der Film mit Rupert Everett als Friedhofswärter unterhaltsamen, schwarzen Humor.

Psycho (Alfred Hitchcock, 1960 USA) - Tagestipp 
Br, 23:55 Uhr
Psycho-Thriller und Klassiker von Hitchcock über das Hotel von Norman Bates (Anthony Perkins) und mit Janet Leighs legendärer Dusch-Szene. Zu Halloween ein Muss!

Elegy oder die Kunst zu Lieben (Isabel Coixet, 2008 USA)
NDR, 00:00 Uhr
Das Drama über die Liebe und das Altern mit Penélope Cruz und Ben Kingsley beruht auf dem Roman Das sterbende Tier von Philipp Roth.


Di, 1.11. 

Austin Powers – Das Schärfste, was Ihre Majestät zu bieten hat (Jay Roach, 1997 USA/Deutschland)
VOX, 06:15 Uhr
Die unterhaltsame Komödie mit Mike Myers ist eine Parodie auf James Bond und stellt die 90er der Flower Power-Generation gegenüber.

Eine Hochzeit zum Verlieben (Frank Coraci, 1998 USA)
VOX, 09:55 Uhr
Komödie, die allein schon mit der Filmmusik die 80er zurückbringt. Adam Sandler singt als Hochzeitsmusiker und verliebt sich in die vergebene Drew Barrymore. Auch Billy Idol hat eine kleine Rolle.

Batmans Rückkehr (Tim Burton, 1992 USA/Großbritannien)
RTL II, 10:15 Uhr
Comic-Verfilmung von Tim Burton mit Michael Keaton als Batman und Michelle Pfeiffer als Catwoman.

Verrückt nach Mary (Bobby & Peter Farrelly, 1998 USA)
VOX, 11:50 Uhr
Zynische Komödie, in der vier Männer, darunter Ben Stiller und Matt Dillon, Mary (Cameron Diaz) an die Wäsche wollen.

Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat (Bryan Singer, 2008 USA/Deutschland) - Tagestipp
ZDF, 20:15 Uhr
Spannender Thriller mit Tom Cruise als Oberst von Stauffenberg über Offiziere, die das NS-Regime stürzen wollen. ZDF zeigt im Anschluss an den Film eine Dokumentation über Stauffenberg.

Julie & Julia (Nora Ephron, 2009 USA)
Sat.1, 20:15 Uhr
Komödie, in der Julie (Amy Adams) auf die Idee kommt, alle 524 Kochrezeptklassiker von Julia Child (Meryl Streep) nach zu kochen. Meryl Streep erhielt 2010 für die Rolle den Golden Globe Award als Beste Hauptdarstellerin in einer Komödie/Musical.

Three Kings (David O. Russell, 1999 USA/Australien)
Kabel 1, 22:10 Uhr
Kriegssatire über drei US-Soldaten, darunter George Clooney und Mark Wahlberg, auf der Suche nach Gold im Irak.

Kleine Tricks (Andrzej Jakimowski, 2007 Polen)
RBB, 22:45 Uhr
Die Tragikomödie über eine Familie in einer polnischen Kleinstadt gewann auf internationalen Festivals insgesamt 18 Auszeichnungen.


Mi, 2.11. 

Sie fuhren bei Nacht (Raoul Walsh,1940 USA)
ARTE, 14:45 Uhr
Das Roadmovie mit Humphrey Bogart wird im Rahmen der Reihe „Könige der Straße“ ausgestrahlt.

Laconia (1) (Uwe Janson, 2011 Deutschland/Großbritannien)
ARD, 20:15 Uhr
Kriegsdrama mit Franka Potente über den Laconia-Befehl während des Zweiten Weltkrieges im spannenden Zweiteiler.

Fight Club (David Fincher, 1999 USA/Deutschland) – Tagestipp 
SIXX, 22:00 Uhr
Kultiger Thriller mit Brad Pitt als Tyler Durden und Edward Norton. Erste und zweite Regel des Fight Clubs: „You do not talk about Fight Club“…

Das andere Ufer (George Ovashvili, 2009 Georgien/Kasachstan)
RBB, 22:45 Uhr
Jugenddrama, in dem ein 12-Jähriger nach seinem Vater sucht.

Elling (Petter Næss, 2001 Norwegen)
Br, 23:40 Uhr
Die norwegische Komödie über Muttersöhnchen Elling und WG-Partner Kjell, die nach ihrem Psychartrie-Aufenthalt trotz Neurosen versuchen, ein normales Leben zu führen. Elling wurde 2002 für den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film nominiert.

Die Katze (Pierre Granier-Deferre, 1971 Frankreich/Italien)
ARD, 00:20 Uhr
Die Ehe-Tragödie basiert auf dem gleichnamigen Roman von Georges Simenon. Die Hauptdarsteller Simone Signoret und Jean Gabin wurden auf der Berlinale 1971 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.


Brokeback Mountain am 3.11,
Do, 3.11. 

Julius Caesar (Joseph L. Mankiewicz, 1954 USA)
WDR, 07:20 Uhr
Tragödie nach Shakespeares Drama mit Marlon Brando.

Brokeback Mountain (Ang Lee, 2005 USA/Kanada) - Tagestipp 
ARTE, 20:15 Uhr
Drama über die Beziehung zweier Cowboys, hervorragend dargestellt von Heath Ledger und Jake Gyllenhaal, die in den 60ern beginnt. In weiteren Rollen glänzen Michelle Williams und Anne Hathaway. Der Film wurde 2006 mit drei Oscars (für Regie, Drehbuch und Filmmusik) und vier Golden Globes (u.a. als Bester Film) prämiert.

Laconia (2) (Uwe Janson, 2011 Deutschland/Großbritannien)
ARD, 20:15 Uhr
Zweiter Teil des TV-Kriegsdramas.

Rambo (Ted Kotcheff, 1982 USA)
VOX, 22:20 Uhr
Action-Drama und Auftakt-Film der Rambo-Trilogie über Selbstjustiz mit Sylvester Stallone.

2046 (Wong Kar-wai, 2004 Hongkong/China/Frankreich/Italien/Deutschland)
3Sat, 22:25 Uhr
Drama von Autorenfilmer Wong Kar-wai mit Zhang Ziyi, in dem die Zahl 2046 eine vielfältige Bedeutung hat. Der Film gewann beim Europäischen Filmpreis 2004 einen Preis als bester nicht-europäischer Film.

Jaffa – Im Namen der Orange (Eyal Sivan, 2009 Israel/Deutschland/Frankreich/Belgien)
SWR, 00:15 Uhr
Dokumentarfilm über die Plantagen von Jaffa und damit verbunden über das Zusammenleben von Palästinensern und Juden in Israel.


Fr, 4.11. 

Indiana Jones und der Tempel des Todes (Steven Spielberg, 1984 USA)
Pro7, 20:15 Uhr
Pro7 zeigt momentan die legendären Indianer Jones-Filme. Heute ist der zweite Teil der genialen Reihe von Steven Spielberg dran.

Kammerflimmern (Hendrik Hölzemann, 2004 Deutschland/Türkei)
EinsFestival, 20:15 Uhr
Das Liebesdrama handelt von der Beziehung zwischen einem Sanitäter und einer schwangeren Drogenabhängigen, die von Matthias Schweighöfer und Jessica Schwarz dargestellt werden.

Donnie Darko (Richard Kelly, 2001 USA)
3Sat, 22:25 Uhr
Psychothriller über den 16-jährigen Schüler Donald J. Darko, verkörpert von Jake Gyllenhaal, der unter Visionen eines Wesens in Hasenkostüm leidet.

Das Grauen (Peter Medak, 1980 Kanada)
Tele5, 00:10 Uhr
Horror über einen Musikprofessor, der in ein Spukhaus zieht.
Al Pacino als Tony Montana in Scarface (R: Brian De Palma)

Scarface – Toni, das Narbengesicht (Brian De Palma, 1983 USA) - Tagestipp 
ARD, 01:55 Uhr
Legendäres Gangsterdrama mit Al Pacino als Tony Montana, der das Drogengeschäft an sich reißt. Die ursprüngliche Verfilmung basierte auf Al Capones Aufstieg zum Gangsterboss. Der Film war bis Mai 2011 in Deutschland indiziert.


Sa., 5.11. 

Taking Sides – Der Fall Furtwängler (István Szabó, 2001 Frankreich/Großbritannien/Deutschland/Österreich)
3Sat, 20:15 Uhr
Das Drama des ungarischen Regisseurs thematisiert die Frage, ob und wie viel der deutsche Dirigent Wilhelm Furtwängler, dargestellt von Stellan Skarsgård, von den nationalsozialistischen Verbrechen wusste.

Der weiße Hai (Steven Spielberg, 1975 USA) - Tagestipp 
RTL II, 20:15 Uhr
Horror-Klassiker von Steven Spielberg, der ein zeitloses Werk über die Haiattacken schuf.

Die purpurnen Flüsse (Mathieu Kassovitz, 2000 Frankreich)
Pro7, 20:15 Uhr
Thriller von Mathieu Kassovitz, der zusammen mit dem Autor der Romanvorlage Jean-Christophe Grangé das Drehbuch schrieb. Vincent Cassel untersucht darin mit Jean Reno eine Mordserie.

Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All (Robert Wise, 1971 USA)
ZDFneo, 20:15 Uhr
Science-Fiction-Thriller, in dem ein außerirdisches Virus die Erdbevölkerung bedroht.

Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (Mike Nichols, 1966 USA)
RBB, 23:45 Uhr
Das Drama über eine Ehe, in dem Liz Taylor und Richard Burton einen Rosenkrieg führen, wurde mit fünf Oscars ausgezeichnet.


So, 6.11. 

Big (Penny Marshall, 1988 USA)
Kabel1, 12:55 Uhr
Komödie über einen 12-Jährigen, der nach der Benutzung eines Jahrmarkt-Automaten als erwachsener Mann aufwacht. Tom Hanks erhielt für die Rolle den Golden Globe.

Illuminati (Ron Howard, 2009 USA)
Pro7, 20:15 Uhr
Der Thriller ist der zweite Teil der Dan Brown-Reihe und die Fortsetzung der Verfilmung The Da Vinci Code – Sakrileg, mit Tom Hanks und Ewan McGregor.

X-Men Origins: Wolverine (Gavin Hood, 2009 USA)
RTL, 20:15 Uhr
Der Actionfilm handelt von der Vorgeschichte des Mutanten Wolverine, dargestellt von Hugh Jackman.

Boyz 'n the Hood – Jungs im Viertel (John Singleton, 1991 USA)
Kabel1, 00:05 Uhr
Ghetto-Drama mit Ice Cube und Cuba Gooding Jr., die einen ermordeten Freund rächen.

Belle de jour – Schöne des Tages (Luis Buñuel, 1967 Frankreich/Italien) – Tagestipp 
Br, 00:30 Uhr
In dem Erotik-Drama des spanischen Regisseurs Buñuel spielt Catherine Deneuve eine Arztgattin, die in einem Doppelleben ihre Sexfantasien auslebt.


Bildmaterial: Tobis,Universal Pictures, 20th Century FOX

Presseschau Games

von Leander Ripchinsky, am 30.10.11

Sonntag 30. Oktober, Zeitumstellung, eine Stunde mehr wie jedes Jahr. Warum diese Stunde nicht zum Lesen nutzen? Die letzte Woche drehte sich vor allem um Spieltitel - aktuelle, alte und ein paar zukünftige, deshalb gleich zur ersten Kategorie:


Titel der Woche

Trotz zahlreicher Reviews zu großen Titeln, stahl GTA allein durch die Ankündigung des Trailers zum fünften Teil (vormerken für Mittwoch, 2. November) allen ein bisschen von der Show, ließ die bis jetzt völlig willkürliche Gerüchteküche brodeln und zeigte damit gleich einiges von dem, was von vorneherein an (Medien-)Potential in einem Rockstar-Titel schlummert. Jedem dürfte klar sein, wer bis jetzt noch an der Spitze der IGN-Liste der teuersten, bzw. finanziell erfolgreichsten Videospiele steht. Das Spiel, das ebenso teuer wie der König der Open-World-Spiele war, erhält quasi wöchentlich Artikel. Diesmal wird einmal mehr über das (erste) Ende von Red Dead Redemption gestritten, hier mit dem Fazit, dass dies eine Fehlentwicklung sei und das Videospiel nicht weiterführe. Das Genre Spätwestern, in dem Red Dead Redemption angesiedelt ist, wird nicht angeschnitten. Man kann ebenso gut argumentieren, dass dessen Regeln den Tod des Helden am Ende erwzingen und eine Hausmanns-Dasein nicht erlauben. Solche Enden gibt es selbst im filmischen Spätwestern höchst selten, obwohl das Genre hier um einiges mehr an Vertretern vorzuweisen hat. Beispielhaft und außergewöhnlich sei hierzu das fast schon hippieske Ende von Eastwoods Der Texaner genannt. Dass beim von Rockstar vertriebenen Studio Team Bondi bei weitem keine Hippie-Stimmung herrschte, davon berichtete Andrew McMillen mit seiner ersten größeren journalistischen Erfahrung. Seine höchst ambivalenten Gefühle mit dem Erfolg seiner Story beschreibt er hier. Ein erster Denkanstoß dieser Woche, über Bloggertum und modernen Journalismus.

Seine Genres kennt auf jeden Fall Tom Bissell, der hier die Eröffnung zu Batman: Arkham City macht. Bissell ist, wie eigentlich fast alle Reviews, begeistert vom Spiel, versucht aber auch zu erklären, warum er danach enttäuscht war. Einmal mehr schimmert in seinem Schreiben die sehr europäische Tendenz zur High- und Low-Culture- Unterscheidung durch und der Versuch, sich gegenüber einem stets präsenten schlechten Gewissen, einem kulturelleen "Über-Ich" wenn man so will, zu rechtfertigen. Und das Fast, bezieht sich vor allem auf Kotakus Kirk Hamilton, der sich mit der vielleicht sexistischen, sicher aber inflationär häufigen Verwendung des Wortes "Bitch" im Spiel beschäftigt, was umgehend zu einer Debatte auf Gamasutra führt. Um Sexismus geht es auch anhand von Gears of War 3, allerdings um einiges ergiebiger. Die anderen Links der Autorin Maddy Myers im Text sind ebenfalls lesenswert. Die Beschäftigung mit sogenannten Rape-Camps im Gears-Universum taucht immer wieder auf. Dabei vergisst die Autorin niemals die durch und durch machoesken Ursprünge des Genres und die Umstände der fiktiven Welt, in der der Sexismus stattfindet. Denn: Wäre es denn wirklich derart unwünschenswert, wenn das Thema Vergewaltigung in Spielen behandelt wird, wie es Anna Anthropy in Metroid: Other M erlebt haben will? Ist es nicht etwas Erstrebenswertes, wenn der Spieler davon angeekelt ist? Davon mal abgesehen kommt der Ausschnitt selbst arg harmlos daher, wenn man zuerst den Artikel gelesen hat:



Wie ein Meta-Kommentar zu vielem, was es zu lesen gab, wirkten die Listen von IGN, eine zu den seltsamsten sexuellen Abhandlungen in Spielen und einmal zu den schlechtesten Batman-Spielen. Hier außerdem eine Liste der kreativsten Tode. Die Möglichkeit, den Eintritt desselben bei Gegnern zu vermeiden, macht Andrew Lavigne als Kern spielerischer Freiheit aus. Die anderen beiden großen Titel dieser Woche, seien aufgrund bislang mäßiger Kritiken, ungeachtet der Qualität der Spiele, mit dieser kleinen Karikatur bedient. Stattdessen lieber zum Sport mit Rugby und der Begründung für den englischen Football Manager von Sega, zu Zombies mit Zügen und zu den Nachrichten vom Planeten Eve Online. Die Überleitung bildet dieser offene Brief von Gamers with Jobs. Ausgehend von Mincraft wird hier für die Schönheit der Ziellosigkeit in Spielen gekämpft. Für die Poesie der Bauklötze!


Strukturelles

Die Debatte was Spielekritik ist und sein sollte, ist von Uncharted 3 ausgehend aufs Neue eröffnet. Natürlich hat sie niemals geruht, was eine neue Zusammenfassung der deutschen Schmidt-Debatte zeigt. Der Autor ergänzt sie um Einiges an Wissen um Fachmagazine und um die Texte von Autoren wie Kieron Gillen (Rock, Paper, Shotgun). Er geht insgesamt etwas sehr hart mit der Review-Szene ins Gericht, die Endwertungen verteilt, was natürlich dazu dient klar Position zu beziehen. Aber vielleicht (hoffentlich!) ist die Debatte bald so weit, dass mehr Mittelwege gegangen werden, die die lesenden Spieler füttert, ohne die Spieler zu verlieren, die lediglich wissen möchten, ob sie 60 Euro ausgeben wollen. "Let’s Try and be a Little Happier Talking About Video Games" fordert Luke Plunkett und listet gleich sechs Änderungswünsche im Umgang mit Spielekritik auf. Im Großen und Ganzen sind sich beide Autoren einig. Wenn nur alles so einfach wäre...

Zwei einfache Kurz-Essays zu alten, aber niemals ganz erschöpften Themen auf PopMatters: 1) Über das Problem "romantisch" zu spielen, ausgehend von Super Mario und 2) mal wieder von Dark Souls ausgehend (nochmal 100 Essays darüber und ich zwinge mich tatsächlich dieses Spiel zu erleiden) über Limbo bis Diablo und das bei gerade einmal 750 Wörtern: Notes on the Impermanence of the Virtual Body.

J. P. Grant findet in Space Marines Spaß am Lernen statt am Verdienen und Kirk Battle sinniert über Komplexität anhand eines japanischen, Pokémon-artigen Spiels.


Gesellschaft

Wie gehen wir mit unseren Spielen um? Über Spielmuseen hier, ein Interview über eine Moma-Ausstellung zu Objekt-Mensch-Kommunikation hier. Wirtschaftlichere Interessen verfolgt die Videoplattform Vimeo, die von Indie-Gamern nun Geld verlangt. Die Zeit schaut der Entwicklung hinterher und sieht mit einem weinendem Auge den digitalen Vertrieb von Spielen. Neben dem Einzelhandel ebenfalls schlecht sieht es aus für Nintendo mit 926 Millionen Verlust im letzten Geschäftsjahr. Trotzdem liegt die Zukunft von 3D vielleicht in ihren Händen. Und nicht nur für die Zukunft der dritten Dimension sind Spiele gut, auch bessere Chirurgen machen sie aus uns!

Zum Schluss noch zwei Aufsehen erregnde Simulationen. Einmal eine 520-Tage-Mission zum Mars und einmal die wohl realistischste Kriegssimulation bisher. Das Video zeigt den Aufbau, den Test und schließlich wie ein echter Kriegsveteran in den 360-Grad-Simulator von Battlefield 3 steigt.

Viel Spaß beim Schauen,
vielen Dank fürs Lesen und vor allem fürs weiterlesen,
für diese Woche Vermisstes sind wir immer offen, ebenso für Vorschläge für nächste Woche,
bis dann!


Pornfilmfest Berlin - Erste Eindrücke

von Amos Borchert, am 30.10.11

Morgens nicht mehr ins Programm geschaut und ein wenig zu zeitig vor Ort. Falafel schmeckt auch um 10 Uhr in der Früh. Zurück zum Moviemento, wo es sich zwischen Fetisch und Fun zu entscheiden gilt. Die Wahl fällt auf Humor. Ich sollte nicht enttäuscht werden. Erwartungsvoll im Kinosessel sitzend, schmeichelt Antony Hegartys Stimme meine noch von der gestrigen Anreise gepeinigten Ohren.
Die Fun Shorts halten was sie versprechen, jeder Film birgt seine ganz eigenen Momente. Die Bandbreite erstreckt sich von Animation über Fake-Doku bis hin zum Musical. Thematisch kreist natürlich alles um Sexualität, der Inhalt ist allerdings im seltensten Fall explizit. Ein guter Einstieg!

Danach heißt es gleich die nächste Compilation mitnehmen: Female Porn. Eingeleitet durch eine kurze doch informative Doku zum Thema, begeben wir uns in das Reich des „Quality-Porns“ bzw. „Fair-Porns“. Variantenreichtum wird als Markenzeichen ausgegeben, leider sind die Filme dieses Kurzfilmprogramms recht durchwachsen. Einiges lässt erahnen, welche Alternativen zu maskulin dominierten Produktions- und Rezeptionsmechanismen lustvoll beschritten werden können (und sollten), manches ist schlicht öde. Der letzte Film (Kaktus von Anna Treiman) rettet dann mit Ambivalenz und Humor die bereits angezählte Reihe.
Als nächste läuft The Female Voyeur von Petra Joy, einer mit dem Festival eng befreundeten Filmemacherin. Einem interessanten (und sehr erotischem) Einstieg - 2 männliche Fotomodells verführen ihre Fotografin - folgt eine recht kreativlose Talent Show. Die dritte Szene bildet dann eine antike Orgienszene, teils ansprechend, teils nervtötend.

Mit Sagat findet sich ein Portrait der Gayporn-ikone François Sagat im Donnerstagsprogramm, flankiert von einigen selbstgedrehten Kurzfilmen des Franzosen. Auf sympathische Weise bekommen wir Einblicke in Selbstinszenierung und Intimität einer Existenz inmitten des internationalen Pornorummels.


Darauf folgt Profane, ein durch und durch experimentelles Werk voller Humor, Intensität und Düsternis. Die Domina Muna lotet in diesem wunderbar undergroundigen Werk ihre Sexualität und Spiritualität im Großstadtrummel Chicagos aus. Eine wackelige Handkamera folgt ihr durch die Tiefen aus Drogenrausch und Heimsuchung, offenbart aber auch individuelle Kraft und den Willen zur Freiheit eines unkonventionellen Lebensentwurfs. In seiner provokativen Drastik (obwohl keine expliziten Sexszenen zu finden sind) schlägt der Film dem Zuschauer hart ins Gesicht, überfährt ihn mit außergewöhnlichen Bildcollagen voller religiöser Symbolik und psychedelischer Poesie. Nicht wenige werden diesen Film ob seines ästhetischen Vorgehens und seiner bewusst kontrovers gehaltenen Islam-Thematik hassen!

Vollkommen überwältigt gilt es dann um Mitternacht noch Kimberly Kanes neueste Fick-Exzesse in Eigenregie zu honorieren. My Own Master ist gewohnte Art-Porn-Kost (Eon McKai darf diesmal für Miss Kane hinter der Kamera die Geschehnisse ins richtige Licht rücken), überrascht aber in der SM-Szene durch witzige Dialoge. So darf der Tag dann enden wie er begann, mit verschmitztem Grinsen und lautem Gelächter des Festivalpublikums, das durch Kontaktfreude und Herzlichkeit eine wundervolle Atmosphäre rund um das Berliner Moviemento zu schaffen weiß.


Bilder: www.pornfilmfestivalberlin.de/

Wiesbaden: Filmreihe zum 25. Todestag von Fritz Maurischat im Murnau- Filmtheater

von Denise Woiwode, am 30.10.11

Anlässlich der 25. Todestages des Szenenbildners Fritz Maurischat (1893- 1986) werden im Deutschen Filmhaus Wiesbaden einige Filme, in denen er mitgewirkt hat, zu sehen sein. Fritz Maurischat betätigte sich, neben seiner Arbeit bei verschiedenen Filmproduktionen, auch als Bühnenbildner am Theater. Für seine Arbeit an Martin Luther aus dem Jahre 1953 wurde er mit einer Oscar- Nominierung für das Beste Szenenbild geehrt.

Den Anfang macht die Operette Der Bettelstudent, welche die Geschichte einer polnischen Baronesse erzählt, die den sächsischen Gouverneur abblitzen lässt und von ihm aus Rache mit einem Bettelstudenten verheiratet werden soll.

Den zweiten Teil der Filmreihe bildet der Film Die ideale Frau, welcher die Geschichte einer Bürgermeisterin in den 1950er Jahren erzählt. Ihre erste Aufgabe entwickelt sich nach kurzer Zeit zu einem großen Streitthema in der Stadt, der auch vor ihrem Privatleben keinen Halt macht.

Der Page vom Dalmasse- Hotel erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, das sich aus Verzweiflung als Junge verkleidet und sich als Page in einem Hotel bewirbt und genommen wird . Als der Mann ihrer Träume ins Hotel kommt, ist sie in der Rolle des Pagen machtlos, als andere Frauen die Chance bei ihm ergreifen...


Mittwoch, 30.11.11, 15.30 Uhr: Der Bettelstudent (Georg Jacoby, DE 1936)

Freitag, 02.12.11: Die ideale Frau (Josef von Baky, DE 1959)

Mittwoch, 07.12.11, 15.30 Uhr: Die seltsame Geschichte des Brandner Kaspar (Josef von Baky, DE 1949)

Freitag, 09.12.11, 18 Uhr: Das Hofkonzert (Detlef Siereck, DE 1936)

Mittwoch, 14.12.11, 18 Uhr: Der Page vom Dalmasse- Hotel (Victor Jansen, DE 1933)


Bild: Der Bettelstudent; Murnau- Stiftung

Deus Ex: Human Revolution

von Oliver Schmitt, am 29.10.11




















Zwei Autoren, eine Mission, ein Ziel – die Suche nach der Wahrheit. Irgendwann in der digitalen Zukunft einer Welt, in der Licht und Schatten zu den einzigen Kontrasten einer Gesellschaft im Zustand des ewigen Misstrauens werden. Jan Homrighausen und Oliver Schmitt sind auf den Spuren von Adam Jensen, einem Helden im Zwielicht auf der Suche nach sich selbst.

Oliver Schmitt sagt:

Adam kauert neben einer Tür, die Maschinenpistole fest im Griff während der Xbox Controller pulsierend in meinen Händen liegt – simulierter Herzschlag meines Rumblepads. Es ist der Herzschlag eines Verwundeten, der Bildschirm färbte sich eben schon rot, was ein baldiges Ableben meines virtuellen Helden ankündigt. Der Ladestreifen der MP zeigt nur noch eine Handvoll Kugeln an, aber das Labor, das auf der anderen Seite liegt, ist von einer Gruppe gewaltbereiter Terroristen besetzt. Purity First ist der Name der Terrorbewegung, ihr Credo: Der Körper ist heilig und darf nicht manipuliert werden! Ein nobles Ansinnen, begleitet von der Angst nicht nur einen manipulierten Körper zu haben, sondern auch die Manipulation im Geiste zu erfahren. Im Jahr 2027 hat Terror eine neue ideologische Grundlage bekommen, aber die Gewalt ist immer noch der satanische Wegbegleiter. Das System ist immer noch das Ziel, die Vorzeichen sind andere. In der nicht ganz so weit entfernten Zukunft wird die Welt von großen Konzernen beherrscht und Menschen sind humanoptimiert. Das neue Zeitalter ermöglicht es, jede denkbare natürliche Fähigkeit mittels Technik um ein Vielfaches zu verbessern, gar neue ungeahnte Erweiterungen des Körpers zu erschließen. Ein kontroverser Segen der Wissenschaft, den Industrielle fest in den Zwängen des Kapitalismus halten. Die Debatten in der Gesellschaft der Zukunft bewegen sich zwischen völliger Ablehnung der Technologie und dem offenen Umarmen der Möglichkeiten.

Adam Jensen, der Sicherheitschef von Sarif Industries, ist solch ein optimierter Mensch. Die Figur, dessen Wegbegleiter ich geworden bin, wurde vor sechs Monaten bei einem ersten Überfall auf das Unternehmen schwer verwundet. Die einzige Rettung bestand darin, ihn mit unternehmenseigener Biotechnologie am Leben zu erhalten. Adam ist ein Hybrid zwischen Mensch und Maschine, ein Cyborg. Das macht ihn aber keinesfalls zum gesellschaftlichen Außenseiter, ein technologisch perfektionierter Mensch ist das Erfolgsmodell der fiktiv globalen Marketingbestrebungen. Adam ist also nicht Frankensteins Monster, sondern eine profitable Investition, die als solche für seinen Firmenchef David Sarif die Kohlen aus dem Feuer holen darf. Adams Auftrag, bei dem ich ihn in diese missliche Lage gebracht habe, ist ebenso heikel wie die Situation, in der er sich befindet. Es geht nicht nur darum, Geiseln zu retten, sondern auch um sensible Technologie, die für das Militär entwickelt wird. Hier zeigt sich schon sehr bald in der Erzählung wie sehr DX:HR zwei Seiten seiner fiktiven Welt beleuchtet. Oft sind es wirtschaftliche Interessen, die mit einer menschlichen Facette einhergehen, und je weiter die Geschichte voranschreitet, umso persönlicher wird das Abenteuer für Adam.







Die moralische Frage, ob sich der Mensch nicht überschätzt, wenn er sich anmaßt, eine künstliche Perfektion herzustellen, zeigt in der Zukunftsvision des Studios Eidos/Montreal eine Gesellschaft zwischen Licht und Schatten, die nicht nur die augenfällige graphische noir Stimmung mit ihren filmischen Vorbildern gemeinsam hat. Zwischen Intrigen und düsteren Verschwörungstheorien ist Adam ein einsamer Wolf, der durch die urbane Landschaft aus Straßenschluchten und Industriekomplexen wandert. Die Figur ist dabei aber mehr ein Rahmenmodell das sich durch die zwar sehr lineare, aber reichhaltige Geschichte hangelt. Die Freiheit des Spielers liegt im Überwinden der Problemstellung. Adam ist ein leeres Gefäß, das wir füllen können, nach unserem Gespür und präferierten Vorgehensweisen. Sein Handeln ist bestimmt durch die Entscheidungen des Spielers, und kaum eine andere Spielserie gibt solch eine Fülle an Möglichkeiten vor, wie es die Deus Ex - Reihe bisher getan hat. Die Freiheit wird durch das Überangebot der möglichen Vorgehensweisen geschaffen, die zwar ein von den Designern gestalteter Raum vorgibt, für den sich aber keine eindeutige Lösung zeigt. Das ist im Wesentlichen der Kern, der den Reiz des Spielprinzips von Deus Ex ausmacht. Das Spiel bietet kein übliches Schlüssel – Schloss – Verfahren, das gescripteten Ereignissen folgt und vom Spieler nur Reaktionen fordert. Vielmehr findet sich hier ein Stück Software, das im Rahmen der Alternativen ein hohes Maß an kreativem Vorgehen ermöglicht und von der Lust des Ausprobierens lebt. In der Praxis äußert sich das für meine forsche Spielweise in einem vorsichtigen Rückzug. Zwar habe ich die Terroristen aufgescheucht und wurde hinter meiner Deckung festgenagelt, aber es bleibt auch hier der Weg zurück, um ein Versteck zu suchen, bis sich der Pulverdampf verzogen hat, oder vielleicht doch tief durchatmen und eine Granate werfen? Es gibt sicher einen Luftschacht in der Nähe, der mir erlaubt die schießwütigen Herren zu umgehen, mich eventuell in eine taktisch bessere Position zu begeben oder das Gefecht ganz zu meiden. Wie auch immer die Entscheidung ausfällt, sie wird meine ganz persönliche Entscheidung sein und mein Bild von Adam und seiner Geschichte nachhaltig prägen.

Während das Spieldesign die Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln fördert, vermittelt die Geschichte mit ausufernden Konspirationstheorien ihren eigenen unendlich erscheinenden Kosmos einer chaotischen Welt. Sehr stark fokussiert sich die Erzählung auf die gesellschaftlichen Schattenseiten. Die Reise des Helden führt ihn durch die Hinterhöfe eines zukünftigen urbanen Lebens, vorbei an Verbrechen, Prostitution und Armut. Verzweiflung ist der stille Wegbegleiter der Menschen, die trotz fortgeschrittener Technologie und visionären Versprechungen oft nur Gewalt als Lösung finden, um ihre Wünsche und Träume zu verwirklichen. Deus Ex eröffnet den Blick in den Abgrund des menschlichen Seins mit der Lust am Schauen auf die Katastrophe. Adam lässt den Spieler durch diese dystopische Welt wandeln, mit allen denkbaren Bedrohlichkeiten, die ein Cyberpunk Setting vorzuweisen hat. Gepaart mit der weitläufigen Handlungsfreiheit verweist das Spiel noch einmal mehr auf den Spieler selbst. Zwischen all dem Chaos und den vielschichtigen Perspektiven, die diese Computerspielerzählung vorgibt, wird der Spielende zur moralischen Instanz vor dem Hintergrund der transhumanistischen Auseinandersetzung, die immer mehr zu einem offenen Konflikt wird.






















Die Handlungspluralität der Szenarien ermöglicht die Reflektion des Handelns. Agiert man mit Respekt vor dem Leben und verzichtet auf das virtuelle Töten? Erschießt man einen Geiselnehmer und riskiert damit das Ableben einer Geisel? Kann man die Wachen noch töten wenn man zuvor ein persönliches Gespräch belauscht hat? Ein sanftes Ausschalten eines Gegners ergibt eine höhere Punktewertung, das Design honoriert eine humane Vorgehensweise, schließt alles andere allerdings nicht aus. Dem Spieler bleibt stets die Wahl, er kann das Spiel beenden, ohne einen einzigen Menschen zu töten (mit Ausnahme der Bossgegner), oder er kann sich als eiskalter Terminator seinen Weg durch die drohende Apokalypse bahnen.

Unbefriedigend wird das Spiel erst dann, wenn die Konsequenzen des Handelns sich nicht oder nur mäßig auf die Spielwelt und die Geschichte auswirken. Meine Schießerei in der Detroiter Polizeistation blieb jedenfalls ohne merklichen Nachteil für Adam. Diese zu überleben, war allerdings eine Herausforderung. Deus Ex in einer härteren Gangart zu spielen ist nicht einfach. Selbst im normalen Schwierigkeitsgrad kann es recht fordernd sein, und forsches Vorgehen wird immer mit digitalem Bleihagel bestraft, der sehr schnell tödlich ist. Allerdings scheint es nach einigen Einstiegsschwierigkeiten doch eher so, dass mit voranschreitendem Spiel die Körpermodifaktionen sich als mächtige Werkzeuge erweisen, die mit dem entscheidenden Vorteil verbunden sind, auch in höherem Schwierigkeitsgrad Situationen sehr schnell bereinigen können.

Warren Spectors Auftakt zur Reihe hat im Jahr 2000 für Ion Storm ein erfolgreiches Produkt geschaffen, das mit seinem innovativen Gameplay sowie der Dichte der Erzählung bis heute von sich reden macht und als wegweisend gilt. Deus Ex: Human Revolution ist, verglichen mit seinen Anfängen, eine Zeitreise zurück in die Zukunft, wirkt aber trotzdem zeitgemäß in seiner Umsetzung. Das Design sucht zwischen Gameplay und Erzählung keine wirklich neuen Wege. Alles was über das aktuelle Deus Ex gesagt werden kann, konnte auch schon über den Erstling gesagt werden. Trotzdem ist es die kreative Art der Kombination von bereits bekannten Verfahren, Bildern und Settings, die DX:HR so erwähnenswert gestaltet und das Erleben des Spiels einzigartig macht. Den Entwicklern ist hier ein Werk gelungen, das seine immersiven Momente im Einzelspielertitel findet, völlig Abseits vom verbreiteten Koop- und Multiplayertrend. Hier im Modus des einsam umherstreifenden Cyberhelden in einer fragilen Welt wird der Spieler zum Geist in der Maschine, auf der Suche nach den richtigen Antworten. Nur finden wird er sie nicht, das Gegenteil ist der Fall. Je tiefer man Adam graben lässt, umso mehr Alternativen für richtig und falsch wird er finden. Die Entscheidung über die Zukunft des Selbst und über die Zukunft der Menschheit liegt bis zum Ende in der eigenen Verantwortung. Nichts wird belobigt oder als richtig bewertet, ganz wie im richtigen Leben.




















Jan Homrighausen sagt:

Es ist erstaunlich wie zwei Personen manchmal ein und dieselbe Sache sehen und erleben können, aber völlig unterschiedliche Schlüsse daraus ziehen. Das Beispiel hier: Die Beschreibung von Adam Jensen als Protagonist von Deus Ex: Human Revolution. Was die Sache mit der profitablen Investition angeht, stimme ich Oliver absolut zu. Dennoch würde ich nicht sagen, dass sich Adams Augmentierungen so gar nicht darauf niederschlagen, wie die Welt mit ihm umgeht. Im Spiel bin ich hier und da über Situationen gestolpert, in denen Passanten mich/Adam beschimpft oder gefürchtet haben, einfach nur, weil er so heftig augmentiert ist. In einigen Gesprächen wird ihm sogar offen an den Kopf geworfen, dass er menschliche Regungen wie Furcht oder Trauer eigentlich doch kaum mehr verstehen dürfte, weil er vermutlich mittlerweile nur noch ein seelenloses Konzern-Werkzeug bzw. mehr Roboter als Mensch geworden ist. Ein schwerer Vorwurf für jemanden, der soviel durchgemacht hat wie Adam. Für mich ist Deus Ex: HR ein Kampf, den Jensen um seine eigene Seele ausficht. Als jemand, der irgendwo zwischen Mensch und Maschine steht und sich gar nicht mehr so sicher sein kann, was von beidem eigentlich noch die Oberhand hat und der um jedes bisschen Rest Humanität kämpfen muss. Ist nicht gerade das auch der Grund weshalb er, "Sarif's attack dog", wie es manchmal im Spiel heißt, so verbissen nach der Wahrheit sucht? Es ist die Seelenreise eines Menschen, der kein richtiger Mensch mehr ist, gefangen in einer moralisch ambivalenten Welt, exemplarisch dargestellt durch den selbstgerechten, wenn auch moralisch angehauchten Determinismus der Purity First Bewegung auf der einen und den gedankenlosen Turbokapitalismus eines David Sarif auf der anderen Seite. Die meisten Akteure dazwischen sind letztlich doch nur Konsumenten und Humankapital.

Die Parallele mit Mary Shelleys Gothic-Novel ist dabei nicht einmal so verkehrt, und damit ist nicht zwangsläufig der offensichtliche, der des aus Einzelteilen zusammengesetzte Kunstmensch, gemeint. Wie die namenlose Kreatur ist auch Adam zum einen auf der Suche nach Wissen, zum anderen aber auch auf der Suche nach einem Daseinszweck, und sei es nur der Wunsch nach Rache an denen, die eine Rolle bei seiner (Neu-)Erschaffung gespielt haben. Und ähnlich wie in Frankenstein sind auch in Deus Ex die Grenzen menschlichen Erfindungsgeistes, moralisch wie technisch, das zentrale Thema.

Dabei ist technisch eigentlich ein ganz gutes Stichwort, wenn auch auf einer anderen Ebene: Gameplay. Besser gesagt, die Bosskämpfe als einziges wirkliches Manko eines ansonsten absolut brillianten Titels. Oliver hat schon kurz angedeutet, dass man das Abenteuer bestreiten kann, ohne auch nur einen Gegner zu töten, wenn man nur vorsichtig genug vorgeht, mit Ausnahme der drei Bossgegner. Es fängt damit an, dass die Bosskämpfe, die ja eigentlich ein Höhepunkt eines jeden Spiels sein sollten, nicht einmal von Eidos selbst gemacht wurden. Sie wurden bei einem anderen Studio in Auftrag gegeben, deren CEO nur zu gern eingesteht, dass sein Team sich zum Zeitpunkt der Entwicklung nicht wirklich mit Deus Ex auskannte und dass sie ansonsten einen eher klassischen Shooter erwartet hätten. Und auch NUR die Bosskämpfe wohlgemerkt. Da stellt sich doch die Frage warum. Zumal gerade Nadir, Yelena und Barrett im Vergleich zu allen anderen Charakteren so unglaublich blass bleiben, im Vorfeld aber, von Adam einmal abgesehen, in fast jedem Trailer zu sehen waren. An diesen Stellen läuft alles auf Geballer mit tödlicher Konsequenz hinaus, gerade im Kampf gegen Barrett. Die Bosskämpfe sind ganz schlicht nicht gut designed, zumindest in Anbetracht des eigentlichen Spielkonzeptes. Für ein Rage wären sie völlig in Ordnung, sind in Human Revolution aber absolut fehl am Platz. Das größte Dilemma daran ist, dass alle drei Charaktere zwar nicht mit der eigentlichen Haupthandlung interferieren, dafür aber sehr wohl mit dem Grundgedanken der Entscheidungsfreiheit. Im Idealfall sind Bosskämpfe eine Art Abschlussprüfung für den jeweiligen Spielabschnitt, eine Begegnung, welche alles auf die Probe stellt, was ein Spieler bis dahin gelernt hat, egal welche Vorgehensweise gewählt wurde. In Deus Ex gilt während dieser Begegnungen allerdings nur eine einzige Vorgehensweise als valide. Hier wird mir diese Entscheidungsfreiheit genommen, und sei es auch nur für den Augenblick, was für enorme Frustmomente sorgen kann. Während Oliver nämlich den etwas direkteren Weg für sich gewählt hat, beschloss ich zu schleichen und Computerterminals zu hacken. So habe ich natürlich Waffentalente und Körperpanzerung sträflich vernachlässigt, was mich spätestens im ersten Bosskampf teuer zu stehen kam.

Dennoch ist Deus Ex - Human Revolution davon abgesehen ein atmosphärisch und inhaltlich großartiger Titel, von einer Dichte und Machart, wie es ihn schon seit Vampire The Masquerade - Bloodlines schon nicht mehr gegeben hat.



DEUS EX: HUMAN REVOLUTION
Eidos Montreal/Square Enix
Xbox360, PS3, PC
USK 18

Viennale – Vier Spielfilme

von Kira Taszman, am 29.10.11

Der gute Mensch von Marseille

Es gibt sie noch – Regisseure mit einem festen Weltbild. Der aus Marseille stammende Robert Guédiguian glaubt an die Arbeiterklasse und an Werte wie Güte und Solidarität, wogegen a priori nichts einzuwenden ist, wenn man diese Ideale wie ein Ken Loach überzeugend in seine Filme einbinden kann.
Die Helden Guédiguians sind so genannte kleine Leute – Arbeiter oder kleine Angestellte – und ihre Geschichten ereignen sich meist in der Heimatstadt des Regisseurs. Im Mittelpunkt seiner neuesten Tragikomödie Les Neiges du Kilimandjaro stehen der pensionierte Hafenarbeiter und Gewerkschafter Michel (Jean-Pierre Darroussin) und seine als Pflegerin arbeitende Frau Marie-Claire (Ariane Ascaride).
Anlässlich ihres Hochzeitstags schenken ihnen Familie und Freunde eine Reise zum Kilimandscharo. Doch die werden sie nicht antreten, denn Michel und Marie-Claire werden Opfer eines Gewaltakts und erleiden ein tiefes Trauma.
Wie Guédiguian das Unheil über seine Protagonisten heraufbeschwört und ihre heile Welt von heute auf morgen zusammenbrechen lässt, hat etwas sehr Verstörendes für den Zuschauer – und natürlich für die Protagonisten. Durch einen Zufall werden die Täter später ausfindig gemacht, doch es sind nicht die üblichen Verdächtigen. Vor allem Michel stürzt das in eine tiefe Sinn- und Gefühlskrise. Wie steht es mit der von ihm nie hinterfragten Solidarität zwischen Arbeitern eigentlich wirklich? Soll er seiner Bitterkeit nachgeben und auf seinen Opferstatus pochen oder sich in Vergebung üben?
Leider lässt der Film diese Fragen nicht ganz so offen, wie es ein solch ambivalenter und filmisch interessanter Stoff erfordert hätte. Denn Guédiguian mag niedere menschliche Gefühle wie Rachsucht, Neid und Selbstgerechtigkeit nicht akzeptieren – jedenfalls nicht bei den so genannten kleinen Leuten. Stets sucht er nach Fehlern im System: Davor, dass das Individuum fehlbar ist, verschließt er gern die Augen. So kommt es zu der paradoxen Situation, dass sich das Opfer Michel selbst als Mitschuldiger an dem Dilemma sieht und sich am Ende zu einer Entscheidung durchringt, die Mutter Theresa, Ghandi und der Heilige Franz von Assisi zusammen selbstloser nicht hätten treffen können.
Zwar betonte der Regisseur beim Publikumsgespräch im Wiener Gartenbaukino, dass es sich bei seinem Film um ein Märchen handele. Doch dafür ist die Machart des Films zu realistisch. Vor einem kompletten Abrutschen in die Rührseligkeit bewahren den Film sein Humor sowie sein ausgezeichneter Hauptdarsteller Jean-Pierre Daroussin. Das Viennale-Publikum hat ihn schon in Aki Kaurismäkis Festival-Opener Le Havre als mürrischen aber gutmütigen Kommissar bewundern dürfen. Hier beweist er, dass er auch ins Gute überhöhten Figuren eine glaubhafte Natürlichkeit abtrotzen kann.


Nacht über Teheran

Keinen Zweifel an seinem pessimistischen Realismus lässt dagegen Mohammad Rasoulof in seinem Film Bé omid é didar (Good Bye) aufkommen. Rasoulof ist als engagierter Filmemacher im Iran schwersten Repressalien ausgesetzt (siehe unser Bericht hier) und wenn man seinen konsequenten, mutigen Film ansieht, versteht man auch, warum das iranische Mullah-Regime Künstler wie ihn fürchtet.
Rasoulof greift ein im heutigen iranischen Kino immer häufiger verwendetes Motiv auf, nämlich den Wunsch Intellektueller, ihr Land zu verlassen. In Bé omid é didar ist es eine junge Rechtsanwältin, die sich zu diesem schweren Schritt entscheidet. Ihr Mann, ein Journalist, befindet sich auf der Flucht und sie selbst verteidigt und unterstützt Oppositionelle.
Die Hürden, die die Frau für das Einholen von Genehmigungen, Geld und Visa nehmen muss, scheinen zuweilen unüberwindbar. Ständig läuft sie gegen die Willkür der iranischen Behörden an, etliche Szenen spielen in kahlen, unpersönlichen Wartezimmern. Ein allgemeines Klima des Argwohns beherrscht den Alltag der Frau; vertrauen kann sie sich kaum jemandem. Zu allem Überfluss trägt sie sich mit einem schweren persönlichen Konflikt: Sie ist schwanger und weiß nicht, ob sie das Kind behalten will. Für gewisse medizinische Untersuchungen braucht sie die Unterschrift ihres Mannes, an eine Selbstbestimmung der Frau ist nicht zu denken.
In dunklen, blaustichigen Bildern, denen jede Wärme entzogen scheint, filmt Rasoulof seine Geschichte. Die meist nächtlichen Odysseen der Frau spiegeln die Verfahrenheit ihrer Situation wider ebenso wie den Mangel an Hoffnung und Offenheit in der Gesellschaft. Beklemmung erzeugt eine klaustrophische Szene, in der die Frau von zwei bärtigen Männern im Fahrstuhl gezwungen wird, ihnen ohne Aufsehens Zugang zu ihrer Wohnung zu verschaffen. Dass sie darin eine Durchsuchung vornehmen, bekommt die Mutter der Heldin nicht mit und bietet ihnen vergeblich einen Tee zum Zeichen der Gastfreundschaft an.
Eine symbolische Anekdote steht für die pessimistische Grundaussage des Films: Die Frau hält sich eine Zwergschildkröte, deren Terrarium sie regelmäßig wässern muss. Eines Tages gießt sie den Glasbehälter absichtlich zu voll und als das Tier verzweifelt gegen das Wasser anstrampelt, verdeckt sie die Glasscheiben mit undurchsichtigem Zeitungspapier.

Griechisches Helfersyndrom

Vier äußerst verschrobene Figuren fungieren dagegen als Protagonisten eines nicht minder verschrobenen Plots in Yorgos Lanthimos’ Film Alpis (Alpen). Eine Turnerin, ihr Trainer, ein Sanitäter und eine Krankenschwester haben eine ungewöhnliche Geschäftsidee entwickelt: Gegen Bezahlung schlüpfen sie in die Rolle kürzlich Verstorbener, vorgeblich, um deren Familien die Trauer zu erleichtern. Dabei müssen sie strenge Regeln einhalten, dürfen nicht aus der Rolle scheren und keine privaten Bindungen mit ihren Klienten eingehen.
Bis der Zuschauer die Mechanismen innerhalb der Gruppe und ihre Aktivitäten durchschaut hat, vergeht einige Zeit. Enigmatisch und verschachtelt ist die Erzählweise von Regisseur Lanthimos: Zusammenhänge erschließen sich langsam, dem Zuschauer wird einiges an Analyse und Ergänzungsarbeit abverlangt.
Langweilig ist das nie, denn Interesse wird durch die zahlreichen skurrilen Situationen immer wieder neu entfacht. Der Trainer etwa ersetzt den Ehemann einer erblindeten Frau und gibt sich ganz ihren Wünschen hin. Die Krankenschwester dagegen mimt eine kürzlich verstorbene Tennisspielerin für deren Eltern, die sie „Mama“ und „Papa“ nennt und stets im Tennisdress aufsucht. Mit einem anderen Klienten spricht sie Englisch und stellt Filmszenen nach. Überhaupt ist die Beschäftigung mit Film ein roter Faden im Film: Figuren werden ständig nach ihren Lieblingsschauspielern befragt (zur Auswahl stehen Hollywood-Beaus wie Brad Pitt, Johnny Depp oder Jude Law; ein Verstorbener stand aber auch auf Morgan Freeman) und auch die Gruppe verbringt untereinander Zeit damit, Showbiz-Persönlichkeiten zu imitieren.
Somit ist der Film auf eine positive Weise verwirrend, weil er, ohne selbst zu werten, den Zuschauer zu einer Haltung zwingt. Zunächst erscheinen die vier als gute Samariter, die aus Mitgefühl und Nächstenliebe agieren. Ersatzhandlungen aus Kompensation für die Leere im eigenen Leben halten jedoch eher als Grund dafür her, dass die vier Trauerhelfer andere von sich abhängig machen wollen. Letztlich läuft alles auf Macht(spielchen) hinaus. Dabei gelingen Lanthimos zwischendurch immer wieder anrührende Momente, etwa wenn er die Beziehung der Krankenschwester zu ihrem alten Vater schildert.
So gerät Alpis zu einem ungewöhnlichen, spannenden Kinoerlebnis, das originell ‚normales’ und ‚unnormales’ Verhalten hinterfragt und unsere Sehgewohnheiten und Moralvorstellungen gehörig durcheinander wirbelt.

Überfürsorglich

Viel ist über die neue Welle des rumänischen Kinos geschrieben worden. Seit Mitte der 2000er Jahre räumen junge rumänische Filmschaffende auf internationalen Filmfestivals Preise über Preise ab. Din dragoste cu cele mai bune intentii (Best Intentions) von Adrian Sitaru macht da keine Ausnahme: Der Film gewann einen Leoparden für die beste Regie und einen für den besten Schauspieler beim diesjährigen Filmfestival in Locarno.
Die Komödie handelt davon, wie die Titel gebenden besten Absichten Menschen das Leben schwer machen können. Alex (Bogdan Dumitrache), ein Anfangdreißiger, erfährt von seinem Vater, dass seine Mutter ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Voller Sorge macht er sich auf den Weg zu ihr. Doch anstatt sich zu freuen, dass der anfangs diagnostizierte Schlaganfall sich als etwas Harmloseres herausstellt, fängt Alex nun an, seine Mitmenschen zu terrorisieren. Überall wittert das besorgte Muttersöhnchen Gefahren, nichts in dem Provinz-Krankenhaus ist dem Wahl-Bukarester gut genug. So besteht er auf eine Verlegung der Mutter in eine moderneres Krankenhaus, berät sich ständig mit einem befreundeten Arzt, brüskiert die Freundin, den Vater und den behandelnden Arzt mit immer neuen – und wenig sinnvollen – Forderungen.
Der Sinn für die Realität, nämlich die, dass der Mutter keine Gefahr mehr droht, kommt Alex dabei vollkommen abhanden. Ruppig, neurotisch und zuweilen hysterisch nervt er seine Umwelt und merkt nicht, wie unproduktiv seine hypochondrischen Ängste sind.
Regisseur Sitaru hat sich für einen hyperrealistischen Stil mit einer sehr bewegten Kamera entschieden. Oft nimmt sie den Blickwinkel der gerade sprechenden Figur ein und zwingt die Darsteller damit, direkt in die Kamera zu schauen, was auf Dauer irritiert.
Einige Szenen sind komisch und rührend zugleich: So trägt eine Kranke im Vierbettzimmer der Mutter eine Hasenmaske vor dem Gesicht, weil sie darin schwere Entstellungen erlitten hat. Außerdem schleicht der von Schlafstörungen geplagte Alex jede Nacht ins Krankenhaus und wacht neben auf dem Bett der Mutter über ihr Wohlergehen. Dass gut gemeint also oft das Gegenteil von gut ist, das beweist der Film auf zumeist sehr unterhaltsame Weise.

 

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