41. International Film Festival Rotterdam: Programmüberblick | IFFR 2012


38 témoins (R: Lucas Belvaux)

Vom 25. Januar bis zum 5. Februar findet zum 41. Mal das International Film Festival Rotterdam (IFFR) statt und startet mit dem Eröffnungsfilm 38 témoins von Lucas Belvaux. Als eines der größten internationalen Festivals lockte die Veranstaltung zu ihrem Jubiläum im vergangenen Jahr rund 341.000 Besucher an. Dieses Jahr hoffen die Veranstalter auf eine ähnlich große Zahl und hegen dabei nach wie vor das Ziel, den Zuschauern innovatives, auch experimentelles, mutiges, sowohl frisches als auch etabliertes, in jedem Fall unabhängiges Kino aus allen Ecken der Welt zu zeigen. Ergänzt werden die jeweils rund 70 Filme der beiden Hauptsektionen Bright Future und Spectrum durch die Programmpunkte der Signals-Reihe, wo sich in Retrospektiven und Sonderveranstaltungen innerhalb und außerhalb des Kinos thematische Schwerpunkte und interaktive Möglichkeiten entdecken lassen.

Im Programm des Festivals findet sich in der umfangreichen Filmauswahl stets ein faszinierender Querschnitt jener Vertreter des aktuellen (und auch des vergangenen) Kinos, die besonders markanten Charakter zeigen: Das IFFR liefert in seiner Gänze geradezu eine programmatische, faszinierend konsequente Auflehnung gegen Mainstream-Ästhetik. Das ist natürlich spannend, kann im Umkehrschluss jedoch auch als berechtigter Kritikpunkt gelten: Wenn die formale Eigenständigkeit von Filmen als Auswahlkriterium dominiert, tritt ihre tatsächlich inhaltliche Qualität bisweilen in den Hintergrund. 2011 zeigte: Daran mag durchaus etwas sein, doch die Quoten stehen gut. An wenigen Orten findet man als Freund des Unbequemen, des Subversiven, des Provokanten, des radikal Künstlerischen mehr erinnerungswürdige Bilder und größeren Publikumszuspruch selbst bei extremen Beiträgen. Und eines scheint sich nach dem 40 Location-Sonderprogramm von 2011 auch 2012 in kleinerem Rahmen zu bewahrheiten, dass IFFR eines der vitalsten, kreativsten Festivals der Gegenwart ist, und jedes Jahr mit besonders vielen frischen Ideen sein Alter nicht erkennen lässt. Das beste am Festival ist neben der schieren Fülle, die geboten wird, sicherlich das überraschte Grinsen, was sich hin und wieder einstellt, wenn man etwas weiteres aufstöbert, das man so zunächst vielleicht nicht erwartet hätte – schade, zumindest in gewisser Weise, dass bei der Programmauswahl die optimistische Verspieltheit der Veranstaltung nicht selten einer existenzialistischen Schwere oder gar düsterem Pessimismus weichen muss. Ein Blick durch die Auswahl soll nun vorab einen groben Eindruck liefern, was geboten wird. Nach einem sehr kurzen Eindruck von 2011 berichtet NEGATIV dann ab nächster Woche erneut vor Ort und pickt sich auch dieses Jahr einige Highlights heraus.

It Looks Pretty from a Distance
(R: Anka & Wilhelm Sasnal)

Bright Future zeigt mit weit über 70 Titeln erneut lange und kurze Erst- und Zweitwerke vielversprechender Talente, darunter finden sich 13 Weltpremieren und die 15 Anwärter auf die Tiger Awards, die Hauptpreise des Festivals. Drei Festivalfilme werden in diesem Rahmen mit je 15.000 Euro ausgezeichnet, in der Kategorie Kurzfilm sind die Preise mit jeweils 3.000 Euro dotiert. Unter den Wettbewerbskandidaten ist zunächst Asien mit sechs von 15 Filmen überdurchschnittlich stark vertreten: Romance Joe (R: Lee Kwang-Kuk) und A Fish (R: Park Hong-Min), der erste 3D-Film des IFFR-Programms, stammen aus Südkorea, das bereits letztes Jahr einen der Awards für The Journals of Musan erhielt und damals von der anwesenden Presse schon während der Festivaltage hoch gehandelt wurde. Ein weiterer Preis ging 2011 an Thailand, das mit dem vielversprechenden Beitrag In April the Following Year, There Was a Fire von Wichanon Somumjarn ebenfalls wieder im Programm vertreten ist. Hinzu kommen Return to Burma aus Taiwan (R: Midi Z), Egg and Stone aus China (R: Huang Ji) sowie Tokyo Playboy Club aus Japan. Es ist etwas verwunderlich, dass Regisseur Yosuke Okuda in Rotterdam nach Hot as Hell: The Deadbeat March erneut zu sehen ist, sein letzter Film ließ viele Zuschauer und Fachbesucher eher genervt und enttäuscht zurück und gehörte wohl nicht unbedingt zum Stärksten, was Japan zu dem Zeitpunkt zu bieten hatte. Ob sein neuer Streich Besserung verspricht, darf gespannt erwartet werden. Ebenfalls markant sind erneut ost- und mitteleuropäische Beiträge, die 2012 einen besonders aufwühlenden und energetischen Eindruck machen: Clip (R: Maja Miloš), ein exzessives Jugenddrama aus Serbien, It Looks Pretty from a Distance (R: Anka & Wilhelm Sasnal) aus Polen, der als grenzüberschreitend bezeichnet wird und anhand eines kleinen Dorfes den Niedergang der Zivilisation beschreibt, sowie Living (R: Vasily Sigarev), ein existenzialistisches Drama aus Russland, das als Thema nichts geringeres als den Tod umreißt und dabei auch zu drastischen Mitteln zu greifen scheint. Schließlich ist auch Südamerika deutlich präsent: De jueves a domingo (Chile/Niederlande, R: Dominga Sotomayor), Neighbouring Sounds (Brasilien, R: Kleber Mendonça Filho) und Sudoeste (Brasilien, R: Eduardo Nunes). Black’s Game aus Island, L aus Griechenland und die türkisch-deutsche Co-Produktion Voice of My Father vervollständigen die Wettbewerbsauswahl. Trailer zu den Filmen finden sich am Textende.

Florentina Hubaldo, CTE (R: Lav Díaz)

In der Reihe Spectrum finden sich aktuelle Arbeiten besonders geschätzter Regisseure des Festivals, hierbei sind wie jedes Jahr neue Arbeiten zahlreicher etablierter Namen vertreten. Etwa werden mit gleich zwei Filme von Lav Díaz (Death in the Land of Encantos) präsentiert, die im Kino wohl mit ihren jeweils mehr als 300 Minuten Länge eine besondere Intensität entfalten werden. Florentina Hubaldo, CTE wird als Weltpremiere zu sehen sein. Ebenfalls seine erste Aufführung, jedoch mit einer ganz anderen Art von Intensität verbunden, erlebt Ace Attorney von Festivalstammgast Takashi Miike (Ichi the Killer, Audition), der beim Festival anwesend sein und den Film persönlich vorstellen wird. 2011 grüßte er das IFFR-Publikum zur Premiere des 13 Assassins Director’s Cuts noch mit einer Videobotschaft und kündigte seinen nächsten Besuch für die nahe Zukunft an. Ebenfalls aus Japan stammt Kotoko, mit dem Underground-Ikone Shinya Tsukamoto (Tetsuo: The Iron Man, Vital) sich nach Jahren der kreativen Stagnation schlichtweg neu erfunden hat und nun anscheinend offen für einen neuen Zugang zu seiner Arbeit ist. Der Film feierte im August seine Premiere in Venedig und wurde dort bereits mit dem Hauptpreis der Orizzonti-Sektion ausgezeichnet (wie es im Trailer übrigens ausgiebig verdeutlicht wird). Wer Alps dort übrigens verpasst hat, wird nun in Rotterdam die Gelegenheit haben, Yorgos Lanthimos‘ (Dogtooth) neusten Streich zu erleben. Zweifellos ist dies, neben dem Kontrast zu den vielen Nachwuchsfilmen mit teils etwas anstrengender oder teils unausgewogener Note, eine der Schlüsselqualitäten der Spectrum-Sektion: Die Möglichkeit, in Rotterdam unzählige Must-sees nachzuholen, macht die Wahl des Tagesplans nicht selten zu einem zeitraubenden Unterfangen.

La leggenda di Kaspar Hauser mit Vincent Gallo

Neben den genannten werden etwa neue Werke von Betrand Bonello (L’Apollonide – Souvenirs de la maison close), Hong Sang-Soo (The Day He Arrives), Bohdan Sláma (Four Suns), Hirokazu Kore-eda (I Wish), Ruben Östlund (Play) oder Masahiro Kobayashi (Women on the Edge) zu sehen sein. Einen schnellen Weg zum IFFR-Publikum findet übrigens sicherlich Davide Manulis Kaspar Hauser-Adaption La leggenda di Kaspar Hauser mit Vincent Gallo, die bereits mit einem der schrägsten Trailer seit langem begeistern kann. Die Liste ließe sich vielfältig erweitern und zudem durch zahllose interessante Titel der Bright Future-Reihe ergänzen. Wo jedoch Schwerpunkte entstehen, das ergibt sich insbesondere im Bezug auf Nachwuchstalente schlichtweg vor Ort. Denn letztlich dient Rotterdam als Spielplatz für das Auge, als Indikator hilft schlichtweg nur das Gespräch und vor allem der Eigengeschmack, den es zu entwickeln hier in besonderem Maße gilt. Denn wo Filme derartig individuell und Oeuvres derart markant und konsequent sind, kann ein Konsens, eine angemessene Erwartung kaum das Ziel sein, sondern Offenheit und Experimentierfreude gilt es zu kultivieren – das ist beim durchstöbern des Programms bereits sehr erfreulich. Am Textende findet sich neben den angesprochenen Wettbewerbsfilmen somit eine Auswahl von persönlichen Trailerempfehlungen zu auffälligen Filmen, die wohl zumindest meinen Festivalablauf mit bestimmen werden. Doch zunächst noch einige Worte zum Festival selbst:

100 Meters Behind the Future

Neben den Programmreihen, die den Kinosaal ganz ins Zentrum stellen, soll in Rotterdam auch stets das interaktive Element ins Gedächtnis gerufen werden: Kinos selbst entdecken, sich selbst aktiv damit auseinandersetzen, darum geht es bei Signals. Hier lädt 2012 etwa im Rahmen der Reihe „For Real“ die Installation Home Movie Factory von Michel Gondry dazu ein, in drei Stunden eigene Kurzfilme zu inszenieren. Die Besucher erhalten hierfür alles nötige Equipment und werden am Ende mit einer Vorführung sowie einer DVD-Kopie des eigenen Werks belohnt. Bei 100 Meters Behind the Future begleiten alle Teilnehmer den Live-Dreh eines Films, der in unmittelbarer Abfolge live gedreht, bearbeitet, vorgeführt und vernichtet wird. Musikperformances inszenieren die Stadt Rotterdam wie im Film, das Symposium „Imagined Cinemas“ reflektiert das Kino in anderen Bereichen des Lebens, hinzu kommen Gruppenaktionen mit dem Publikum und vielfältigste Verfremdungsformen, die das Kino in seinem Konzept auf den Kopf zu stellen versuchen. Neben „For Real“ findet sich auch in der Signals-Sektion das Kino in seiner klassischen Form, jedoch thematisch sortiert. Unter anderem findet das Publikum hier 2012 eine Hommage an Filmlegende Peter von Bagh sowie Schwerpunkte zu China, Brasilien sowie Syrien und Ägypten.

Natürlich erschöpft sich ein Festival dieser Größenordnung nicht in rein öffentlichkeitswirksamen Festivalbereichen. Zudem scheint in Rotterdam die eigene Traditionslinie, vom Kontakt zu bisherigen Preisträgern bis hin zur Schaffung von neuen, sehr groß geschrieben zu werden: Viele der kommenden Festivalfilme entstanden mit Fördermitteln des IFFR, die im Rahmen des „Hubert Bals Fund“ organisiert sind und jährlich in Rotterdam an ausgewählte Projekte vergeben werden. Networking, Pitching und Funding, kurz gesagt Nachwuchsförderung ist entsprechend das Prinzip des IFFR Cinemart, dem hauseigenen Umschlagpunkt für kommende Filmprojekte und deren Macher. Dort werden dieses Jahr 36 kommende Filme präsentiert, die auf dringend benötigte Geldzuschüsse hoffen. Rund 800 Branchenvertreter sind zu dem Anlass geladen und werden beim Festival vertreten sein. Unter anderem im Rahmen des „Rotterdam Lab“, einem Teil von Cinemart, in dem 78 Nachwuchsproduzenten durch Diskussionen und Vorträge von Experten auf ihre zukünftigen Tätigkeitsfelder vorbereitet werden. Begleitend zu den Vorstellungen und Branchenveranstaltungen werden zum Festival übrigens rund 250 Filmemacher erwartet, neben den zuvor erwähnten beispielsweise Wang Xiaoshuai, Lucas Belvaux, Takashi Miike, Mohammad Rasoulof, Shinya Tsukamoto, Aki Kaurismäki, Andrea Arnold, Steve McQueen, Julió Bressane, Masahiro Kobayashi, Eric Khoo, Bouli Lanners, Ruben Östlund und Garin Nugroho.

Doch bevor das Festival in Kürze Gestalt annimmt, hier nochmals ein Überblick zum Programm in Bildern – vermutlich die angemessenste Form überhaupt. Details zum Programm und weitere Trailer finden sich natürlich auf der Festivalhomepage.

Nun zunächst alle verfügbaren Trailer zum Wettbewerb des IFFR:

Black’s Game

A Fish

De jueves a domingo

Sudoeste

Clip

In April the Following Year, There Was a Fire

L

Return to Burma

Tokyo Playboy Club

Egg and Stone

It Looks Pretty from a Distance

Living

Romance Joe

Voice of My Father

Und abschließend eine Auswahl von Empfehlungen – die Eindrücke sollten hier ohne weitere Anmerkungen für sich sprechen:

Hail

Carnival

Chapiteau-show

Eden’s Ark

Oslo, August 31st

Der Fluss war einst ein Mensch

Four Suns

Kotoko

Play

Punk in Afrika




Stateless Things

Verano

Ace Attorney

Alps

The Day He Arrives

L’ Apollonide – Souvenirs de la maison

The Invader

Kill List

The Patron Saints

Nuit #1

Die Räuberin

L’ ultimo terrestre

La leggenda di Kaspar Hauser

Bildmaterial: International Film Festival Rotterdam