Bescheidene Japan-Auswahl in Rotterdam | IFFR 2012


Ace Attorney (R: Takashi Miike)

Seit dem 25. Januar werden die frostigen Temperaturen Rotterdams ein weiteres Mal durch die warme und herzliche Atmosphäre des hiesigen Filmfestivals angehoben. Laut Angabe der Betreiber wurden in den wenigen ersten Festivaltagen bereits über 100.000 Tickets unters Volk gebracht, das sich hier mit einer kaum vergleichbaren Offenheit selbst extremsten Beispielen des internationalen Independentkinos zuwendet. Rotterdam zeigt nicht nur, sondern eröffnet den hier präsentierten Produktionen auch ein einzigartiges Sprungbrett auf den weltweiten Markt. Besonders stark zeigt sich diese Position im Bezug auf asiatische Inhalte, die hier besonders umfangreich vertreten sind und auf zahlreiche Kenner treffen. 2011 schaffte etwa hospitalité aus Japan den Schritt vom Tokyo International Filmfestival nach Rotterdam, um anschließend eine für japanische Verhältnisse äußerst ungewöhnliche Festivalkarriere hinter sich zu bringen und dann mit ungeahnten Erfolgsaussichten und einem Kinostart zurück in sein Heimatland zu kehren.

Beschäftigt man sich viel mit Kino aus Japan, stellt man zunächst fest, dass es seit den Ereignissen im vergangenen März in einer besonders schwierigen Phase angelangt ist. Was angesichts von Geldnot und kreativer Stagnation vieler Filmemacher zukünftig zu erwarten ist, mag man nur schwer absehen. Noch immer gilt jedoch, dass das dortige Kino nach wie vor und vielleicht gerade jetzt immer für eine Überraschung gut ist. Betrachtet man das diesjährige Programm im Hinblick auf seine japanischen Beiträge, stellt man schnell fest, dass verglichen mit letztem Jahr die sonst hervorragende Auswahl japanischer Filme einerseits überschaubar, andererseits etwas durchwachsen ist. Den ersten Eindruck des Festivals überhaupt lieferte etwa Ace Attorney von Takashi Miike, der hier seine Weltpremiere erlebte und direkt diese Vermutung bestätigte. Seit der Premiere von Audition im Jahr 2000 bestehe eine enge Verbindung zum Festival, so der Filmemacher in einer Pressemeldung des Festivals. Nachdem er 2011 nicht vor Ort sein konnte, stellt er nun sein neues Projekt persönlich vor und stand begleitend zu einer der Vorführungen auch bereits für ein ausführliches Gespräch in der Reihe „Big Talk“ zur Verfügung. „Big Talk“ präsentiert in rund 20-minütigen Gesprächen einzelne Filmemacher im Detail. Im Gegensatz zu regulären Q&As, die oftmals spontan ablaufen, fungieren hier als Moderatoren jedoch professionelle Interviewer mit ausgeprägter Sachkenntnis. Alle „Big Talk“-Sessions werden im hiesigen TV präsentiert und können anschließend auf der Festivalwebsite betrachtet werden. Nicht nur Miike-Fans sei dies also ans Herz gelegt. Zum Film selbst könnte man nun natürlich auch noch etwas sagen. Jedoch gilt insbesondere bei Takashi Miike oft die Regel, dass die Person das Werk deutlich überschattet. Nach den gelungenen Samurai-Dramen Thirteen Assassins und Hara-Kiri: Death of A Samurai ist die Videospielumsetzung Ace Attorney deutlich marktkonformer und auf ein japanisches Publikum ausgerichtet. Zwar widersetzt sich die Geschichte erneut eindeutigen Genrezuordnungen, doch ist die Freiheit der Erzählung eine, die vor allem einen negativen Eindruck hinterlässt. Die völlig künstlichen Figuren, gespielt von überdekorierten Schauspielern, eiern durch einen völlig unausgegorenen Plot, der einen schon nach wenigen Minuten schlichtweg auf der Strecke lässt. Weder die Geschichte selbst, noch ihre merkwürdigen Akteure können hier genug Wirkung aufbauen, um das Interesse für über zwei Stunden aufrecht zu erhalten. Was ebenfalls ausbleibt – oder zumindest nicht exzessiv zelebriert wird –, ist das Moment der Übertreibung, was in so vielen von Miikes Filmen einen vergleichsweise starken Eigenwert entfalten kann. Überhaupt weitere Worte zu dem Machwerk zu verlieren, entspräche hier ganz dem wahrsten Sinne des Wortes.

Kotoko (R: Shinya Tsukamoto)

Dann lieber über Kotoko nachdenken, mit dem Underground-Ikone Shinya Tsukamoto nach einer ausgedehnten Durststrecke überaus erfolgreich zurückkehrt und dafür bereits in der Orizzonti-Sektion von Venedig ausgezeichnet wurde (der Trailer macht aus der Begeisterung darüber übrigens nicht gerade einen Hehl). In realitätsnahen Digitalbildern, gefilmt mit Handkamera, erzählt der Film von der titelgebenden Hauptfigur, einer jungen Frau, die nach dem Scheitern ihrer Beziehung mit ihrem Sohn alleine lebt. Hypersensibilisiert durch ihren extremen Beschützerinstinkt, ist sie schon zu Filmbeginn längst nicht mehr in der Lage, Realität und paranoide Wahnvorstellung auseinander zu halten und reagiert extrem hysterisch und aggressiv auf ihre Umwelt. Denn alle Menschen erscheinen ihr doppelt, als versöhnliche Variante und als bösartige Zwillinge, die ihr und ihrem Kind meist gewalttätig zu Leibe zu rücken drohen. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen und Gewaltausbrüchen, ständig wechselt sie den Wohnort, flieht vor der Welt, sitzt über Stunden im Badezimmer und ritzt sich ihre Arme auf. Der Schmerz und der eigene Körper sind die einzig klaren Anzeichen des tatsächlich Erfahrbaren, der Realität. In ruhigen Momenten singt Kotoko hin und wieder leise schüchterne Lieder, um die eigenen Dämonen auszutreiben und sich selbst zu beruhigen. Während sie singt, verschwindet die Angst. Dann weckt eine aufkeimende Liebesbeziehung neue Hoffnung. In Tsukamotos Welt lässt sich der Fatalismus jedoch niemals bezwingen.

Neben seinem teils sehr überzeugenden Portfolio vergangener Klassiker (neben Tetsuo wären hier etwa Tokyo Fist, Bullet Ballet, Vital, Snake of June oder Haze erwähnenswert) sorgte Tsukamoto zuletzt durch seine dritte Tetsuo-Umsetzung (Tetsuo: The Bullet Man), die diesmal mit deutlichem US-Bezug inszeniert wurde, für zweifelhafte Aufmerksamkeit. Zwar konnte der Film auf inhaltlicher Ebene Diskussionen anregen und führte einige Ansätze des Filmemachers auf interessante Art und Weise fort – rein filmisch jedoch war er schlichtweg kaum zu ertragen, wirkte teils sogar unfreiwillig komisch, und schien letztlich an Sprachproblemen sowie an seinem ungewöhnlichen Produktionszusammenhang zu scheitern. Bei japanischen Projekten mit ausländischen Schauspielern stellen derartige Probleme im Übrigen keine Seltenheit dar. Dass nun, nach diesem weiteren Exzess der abstrakten Form und aggressiven Montage, in seinem neuen Film eine fast dokumentarische Ästhetik auftritt, verwundert zunächst extrem, scheint jedoch auch ein sehr positives Anzeichen für die Rückbesinnung des Filmemachers auf seine Wurzeln im Theater darzustellen. Auch Tetsuo, der das internationale Ansehen des japanischen Films Ende der Achtziger Jahre entscheidend prägte, entstand damals als Projekt für die Bühne und wurde dann nach ersten 8mm-Arbeiten mit großem Aufwand und einer 16mm Kamera für die Leinwand adaptiert. Zudem greift er mit Hauptdarstellerin und Sängering Cocco erneut seinen starken Bezug zu Okinawa auf, einem Sinnbild für die natürliche Seite Japans, was etwa Chris Magee in einem Interview für Toronto J-Film Pow-Wow ansprach. Bereits zuvor lag es Tsukamoto am Herzen, die Natur als Gegenbild zum urbanen Umfeld zu thematisieren, stets sprach er darüber in Bezug auf kommende Projekte. Auch der Körper als Ausdrucksform und als pervertierte, entfremdete Schnittmenge zur Umgebung spielte bisher in vielen Filmen des Regisseurs eine wesentliche Rolle und bildet nun bei Kotoko erneut ein Leitmotiv. „Kotoko ist der Film, der vital hätte werden sollen“, meint Japanfilmkenner Tom Mes bei einem Spaziergang zwischen zwei Festivalkinos. Diesem Urteil kann man sich nur anschließen und Tsukamotos neusten Streich energisch ans Herz legen.

Verglichen mit vorherigen Projekten war Kotoko im Übrigen mit vergleichsweise sehr kleinem Team und sehr kostengünstig inszeniert, er stellt wohl auch ein eindeutiges Statement des Filmemachers für die digitale Inszenierungsweise und die Abkehr von klassischem Filmmaterial dar (auch hierüber sprach Tsukamoto in dem erwähnten Interview). Doch Geldnot macht ja bekanntlich kreativ: Der Regisseur scheint über diesen wohl zunächst ökonomisch motivierten Umweg wieder zu einem gesunden Arbeitsablauf gefunden zu haben und daraus neue kreative Energie zu schöpfen. Nach der Nightmare Detective-Reihe und dem gescheiterten Tetsuo-Revival dürfte es somit kaum schaden, dass Kotoko eine kommerzielle Zukunft wohl eher verwehrt bleiben wird – zumindest im Kinobereich scheint dies aufgrund der extremen und ästhetischen Natur des Films sehr unwahrscheinlich. Allen Fans sei es entsprechend ans Herz gelegt, auf Festivals in der Nähe die Augen offen zu halten, um den Film noch auf der Leinwand zu erfahren. Denn in diesem Kontext beginnt er sein Potenzial gerade erst zu entfalten.

About the Pink Sky (R: Keiichi Kobayashi)

Weiterhin in Rotterdam vertreten, ist etwa About the Pink Sky, ein Independent-Drama um eine Klique von Teenager-Mädels. Izumi entdeckt die Geldbörse eines reichen Mitschülers und hat zunächst Zweifel, was sie mit den 300.000 Yen anfängt. So bald jedoch ihre Freundinnen involviert werden, gerät die Situation aus ihren Händen und entfaltet eine überaus vergnügliche Eigendynamik um naive Liebe und gruppeninterne Machtspielchen. Koki erhält seine Geldbörse zurück, beginnt jedoch im Gegenzug die drei Mädchen für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Bald entpuppt sich sowohl seine verborgene Motivation als auch Izumis Haltung zu der Angelegenheit als weitaus komplizierter als zunächst vermutet. Keiichi Kobayashi schuf mit seinem Film ein sehr intelligentes Spiel mit Rollenstereotypen und falschen Erwartungen, das zunächst überschaubar scheint, sich dann allerdings in ungeahnte Richtungen entwickelt und dabei stets eine erfrischend sarkastische Leichtfüßigkeit mit einem plausiblen und eingängigen Coming-of-Age-Drama kreuzt.

I Wish (R: Hirokazu Kore-eda)

Zum Thema Japan sei abschließend auch auf I Wish, den neuen Film von Hirokazu Kore-eda (Nobody Knows, After Life) hingewiesen, der überaus vielversprechend wirkt. Zudem auf The Sound of Light, dessen Regisseur Juichiro Yamazaki neben seiner Arbeit als Filmemacher auch in der Landwirtschaft tätig ist – zweifellos eine seltene Kombination. Auch in der erneut sehr breiten Auswahl von Kurzfilmen finden sich mit rund 20 Beispielen zahlreiche Arbeiten aus Japan. Insgesamt präsentiert das Festival alleine in der Spectrum-Sektion 196 kurze Arbeiten in unzähligen Programmblöcken. Es ist angesichts des schlechten japansichen Kinojahres 2011 zwar nicht durchweg überraschend, jedoch angesichts der Größe und Budgetierung des Rotterdam Festivals dennoch etwas verwunderlich, dass im Bereich des japanschen Langfilms die IFFR Auswahl derart begrentzt auftritt, insbesondere wegen der anhaltend großen Produktivität von Japans Filmemachern und den zahlreichen vorhandenen Alternativen. Man darf hier gespant auf die für Berlin angekündigten Titel sein, wo Japans Vertriebsfirmen im European Film Market dieses Jahr im Übrigen nur spärlich vertreten sind.

Auch wenn der erste Eindruck nun Japan gewidmet ist, beschränkt sich das Programm in Rotterdam natürlich keineswegs auf diesen Bereich, sondern hat wie bereits letztes Jahr zahllose internationale Entdeckungen zu bieten. Erste Glücksgriffe wie Nuit #1 aus dem derzeit geradezu durchweg brillanten Kanada, Klip aus Serbien oder Stillleben aus Österreich zeugen nicht nur von einem sehr starken Wettbewerb, sondern machen auch Lust, die anderen Programmsektionen weiter zu erkunden. Hinzu kommt etwa der gelungene Abschlussfilm The Hunter mit Willem Dafoe, der sich in vielfältiger Hinsicht als gute Wahl erwiesen hat. Dazu jedoch in Kürze mehr.

Trailer zu Ace Attorney

Bildmaterial: International Film Festival Rotterdam

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