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The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten

von Christian Alt, am 29.1.12


In About Schmidt begibt sich Jack Nicholson auf Selbstfindungsreise durch die USA; eine Selbstfindung, die erst nach dem brav absolvierten Angestelltenleben stattfindet. In Sideways reist ein Lehrer, diese bürgerlichste aller Figuren, mit seinem Freund von Weinberg zu Weinberg um - wie könnte es auch anders sein - schlussendlich die Liebe zu finden. Und auch in Alexander Paynes neustem Film The Descendants geht es um die kleinen und großen Probleme der Kleinbürger, dieses Mal allerdings im Gewand des Großbürgertums.

"Familie und andere Angelegenheiten", die Tagline des Films, fasst den Plot schon zusammen. Der Anwalt Matt King (George Clooney) ist Treuhandverwalter eines in Familienbesitz stehendem großen Stück Land auf Hawaii, das nun verkauft werden soll. Er selbst ist direkter Nachfahre der letzten hawaiianischen Monarchen, verzichtet aber auf das Leben in Luxus, das er führen könnte. Durch einen Unfall fällt seine Frau ins Koma und Matt muss sich nun nicht mehr nur mit seinen gierigen Cousins herumschlagen, sondern auch die Kernfamilie zusammenhalten. Als er herausfindet, dass ihn seine Frau betrogen hat, macht er sich auf die Suche nach ihrem Liebhaber.

Alexander Payne beweist mit The Descendants wieder einmal, dass er ein fantastischer Gesellschaftsbeobachter ist. Die nachbarschaftliche Welt Hawaiis, dort, wo jeder jeden kennt, wird für ihn zur Folie für grundlegende Beobachtungen menschlichen Zusammenseins. Die Beziehung Matts zu dessen Frau wird retrospektiv erschlossen, ganz ähnlich zu About Schmidt. Die Unfähigkeit zu Hassen führt hier zu bodenloser Melancholie. Alexander Payne gelingt es spielend, die Balance zwischen Tragödie und Komödie zu halten, was vor allen Dingen an der melancholischen Figur des Matt King liegt. George Clooney steht die Rolle des von der hawaiianischen Sonne gegerbten Großgrundbesitzers/Familienvaters sehr gut. Er ist das warme Zentrum dieses Films, hält alle Stränge zusammen und lässt immer wieder unter der Oberfläche eine große Traurigkeit aufblitzen.

Neben den scharfzüngigen Dialogen sind es aber vor allem die Bilder des Kameramanns Phedon Papamichael, die die Risse im hawaiianischen Idyll bemerkbar werden lassen. Doch das Meisterwerk, das sich viele von The Descendants versprochen haben, ist er nicht. Dafür ist Paynes Film zu harmlos und stellenweise zu rührselig. Wie es sich für einen Oscarfavoriten gehört, regiert hier eine bürgerliche Moral, die die Unantastbarkeit der Ehe propagiert und Vergebung für Sünden fordert. Somit reagiert vor allen Dingen Matt King stellenweise zu verständnisvoll, verkommt zu einem Posterboy des Stoizismus. Wie sehr wünscht man sich an solchen Stellen eine echte menschliche Regung, doch diese wird Clooney vom Drehbuch nicht vergönnt. Für diese sorgen dann die zahlreichen Nebenfiguren, die nicht so perfekt wie Matt King sein müssen und reißen dadurch im Handumdrehen sämtliche Sympathien an sich.

Kurz vor den Credits versammelt sich die kleine Familie dann vor dem Fernseher, kuschelt sich unter eine Decke und blickt dabei durch die vierte Wand direkt den Zuschauer an. Hier zeigt sich die wahre Bestimmung des Films: als Anlass für einen gemütlichen DVD-Abend. Ein Kinowunder sieht anders aus.





The Descendants - Pressespiegel bei film-zeit.de

The Descendants
R: Alexander Payne
B: Alexander Payne
D: George Clooney, Shailene Woodley,  Amara Miller
USA 2011 115 Min.
FOX Deutschland
FSK: 12
Kinostart: 26.01.2012







 

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