Faust


Faust (Johannes Zeiler) ist der Wissenschaftler, der zu tief unter die Oberfläche geschaut hat und in die Sphären vorgedrungen ist, wo wissenschaftliche Untersuchungen und Experimente nicht mehr weiter helfen. Die Welt bietet sich ihm dar als eine verschobene, verzerrte, verdrehte und verschleierte Umgebung. Die Gestalten in ihr reiben sich aneinander, reden permanent, bewegen sich sonderbar und agieren undurchschaubar. Anders als bei Goethe ist Alexander Sokurows Faust nicht nur bis ins Äußerste verzweifelt, sondern vollständig verwirrt, an der Grenze zum Wahnsinn. Unentwegt stellt er Fragen und formuliert Ideen, laut oder in Gedanken, wird abgelenkt, schwankt. Nicht nur die Bildgestaltung und die Audioebene unterstreichen das, auch die Kamera ist in ständiger Bewegung, ihre Unruhe fängt Fausts Wandeln durch diese Welt ein. Das Normalformat des Films, das seine Verwandtschaft zu Murnaus Faust Verfilmung aus dem Jahr 1926 deutlich macht, beengt die Filmwelt noch mehr. Faust ist nicht alleine in seiner Stimmung. In dieser Welt haben alle einen unstillbaren Hunger in sich, ein diffuses Gefühl, das für immer unbefriedigt zu bleiben scheint. Keiner weiß, wie er seinen Körper richtig bewegen soll, wo sein Weg lang führt, wie er mit anderen umgehen soll. Faust – und mit ihm der Zuschauer – sucht nach einem Halt, einer Erkenntnis, die ihn für einen Moment aus dem schwindelerregenden Taumel der ewigen unbeantworteten Suche herausreißen kann.

Als seine Hand die Margaretes bei der Beerdigung ihres Bruders, den Faust, auch im Taumeln, getötet hatte, flüchtig berührt, zeigt uns Sokurow dies in Detailaufnahme, eine seltene, relativ lange und ruhige Einstellung. Fortan glaubt Faust in dem jungen Mädchen (Isolda Dychauk) einen Halt zu finden. Als sie ihn kurz darauf zu Hause besucht, wird ihr Gesicht in extremer Großaufnahme eingefangen. Überhell, golden, sehr lange und verlangsamt ist dies der Moment im Film, der durch seine Sinnlichkeit die verzerrte Filmwelt transzendiert, einen Schimmer von einem höheren Gefühl enthält. Es ist ein Moment der Wahrheit in einer vorgegaukelten Welt. Bei Murnau ist ein solcher Moment der Schluss des Films. In seinem Film wird das Wort „Macht“, das Faust zunächst anzieht, am Ende durch das Wort „Liebe“ eingetauscht, das im Himmel, eingerahmt von einem Herz und göttlichen Strahlen, erscheint. Sokurows Faust kann hier nicht aufhören. Nach seiner Liebesnacht mit Margarete findet er sich in derselben Welt wie zuvor wieder. Das Begraben seines Gesichts in ihrem Schoß ist nur ein letzter vergeblicher Versuch, das Gefühl der Geborgenheit, des Gehaltenseins, der Ruhe wieder zu finden. Doch schon sind die Dämonen seiner Suche, die Geister der Welt im Raum, und Faust lässt Margarete zurück.

Der Wucherer (Anton Adasinsky), wie hier Mephisto heißt, ist Befehlshaber dieser Geister. Er hat die Liebesnacht im Eintausch mit Fausts Seele ermöglicht. Er ist ebenso verformt wie die Welt. Er ist kein Mann, kein richtiger Mensch, seinen ekelerregenden Körper weiß er im Gegensatz zu den Menschen zu bewegen, für ihn ist das Wanken kein Suchen nach Halt sondern Teil seines eigenen Naturell. Da er kein Geschlechtsteil hat, lässt sich vermuten, dass er von anderen Trieben als die Menschen bestimmt ist, sein Hunger ist ein anderer. Sein Name deutet daraufhin, dass er nach Profit strebt, doch will er kein Geld von Faust, es geht ihm um die Macht über diesen Menschen. Er führt ihn nach der Nacht mit Margarete aus der Enge der Stadt hinaus in eine weite, schroffe, unwirtliche Felsenlandschaft. Dort begegnet Faust wieder den Phantomen seiner Suche und seiner Schuld. Doch er lässt sich nicht von dem Wucherer beherrschen, sondern sagt sich von ihm los, scheint ihn gar zu besiegen. Sein Weg führt ihn in eine noch weitere Welt. Nachdem er die Menschenwelt, die Liebe und das Böse hinter sich gelassen hat, findet er in der Schneelandschaft aber auch keinen Anhaltspunkt. Nichts tut sich vor dem Auge hervor. Auch hier ist die Welt reine Oberfläche.

Als Abschluss von Sokurows Macht-Tetralogie handelt Faust nicht von dem Machthunger Mephistos oder der Macht der Liebe wie das Vorbild von Murnau. Vielmehr steht die Machtlosigkeit angesichts der Welt und ihrer Wahrnehmung im Zentrum.

faust sokurow kritik

Beachtenswert ist dabei, dass sich Sokurow an einigen Stellen der Computeranimation bedient, am auffälligsten zu Beginn. Murnaus Stummfilm ist berühmt für den Einsatz einer entfesselten Kamera, die sich durch die Lüfte schwingt und auf die Menschen hinunterblickt. Sokurows Faust beginnt mit einem ähnlichen Blick, allerdings ist hier sehr deutlich, dass dieser im Computer erstellt wurde. Dass dies nicht verheimlicht wird, weitet das Thema des Films auf das Medium aus. Der Film beschreibt nicht nur eine vorgegaukelte Welt, er ist selbst nur Lüge und die Filmgeschichte ist die der Suche nach der Erschaffung einer immer perfekteren Illusion. Faust versucht sich aus einer solchen zu befreien und Sokurows Film lässt ihn in eine Leere entschwinden. Ob es hinter diesem ewigen Weiß eine Wahrheit gibt, bleibt fraglich. Die Einstellung von Margaretes Unschuldsgesicht lässt die Hoffnung für den Zuschauer nicht sterben.

Faust – Pressespiegel bei film-zeit.de

Faust
R: Alexander Sokurow
B: Alexander Sokurow und Marina Koreneva nach dem Buch von Yuri Abarov basierend auf Johann Wolfang von Goethes Werk
K: Bruno Delbonnel
D: Johannes Zeiler, Anton Abasinsky, Isolda Dychauk, Hanna Schygulla, Georg Friedrich
Russland 2011, 134 Min.
MFA+
Kinostart: 19.01.2012

  • Wolfgang

    Die Faust Verfilmung von Sokurov hat meiner Meinung nach große Längen, obwohl andererseits auch alles in der obigen Kritik beschriebene zutrifft. Insofern erscheinen die Längen eher selbst als Stilmittel, denn als Fehler. Sehr schön herausgestellt ist tatsächlich das Suchende der Figur. Faust ist ständig in Bewegung, alles fließt ineinander und der Wucherer ergänzt ihn zu einem Paar und vermittelt dadurch tatsächlich einen Ruhepol in der Unruhe der äußeren Ereignisse. Dabei hat man nie den Eindruck, der Wucherer lege es nur darauf an, sein Spiel mit Faust zu spielen. Es ist tatsächlich eine Art von gegenseitiger Abhängigkeit, von sich ergänzenden Prinzipien, von anregender Diskussion. Gretchen ist nur Mittel zum Zweck, und spielt meines Erachtens gar nicht die besondere Rolle, die ihr sonst zusteht. Es geht irgendwie mehr um die Männerfreundschaft und natürlich den nie verborgenen Konflikt zwischen Faust und dem Wucherer. Faust auf der anderen Seite ist herrlich abgeklärt, nie so naiv, wie er manchmal dargestellt wird, in gewisser Weise auch eine erfreuliche Darstellung der geistigen Unabhängigkeit und Selbstgewissheit, die man gerade auch als beständig Zweifelnder besitzen kann.