Godard trifft Truffaut – Deux de la Vague


Godard trifft Truffaut – Deux de la Vague beginnt mit einem Ende – mit dem berühmt gewordenen von Sie küssten und sie schlugen ihn / Les Quatre Cents Coups. Der junge Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud), der Ungeliebte, der Verstoßene, der soeben aus dem Heim geflohen ist, läuft auf das Meer zu, hält noch ein Mal inne, wendet sich uns zu. Das Bild gefriert in dem Moment, in dem sein Blick den der Kamera trifft. Am 4. Mai 1959 gewinnt François Truffaut mit diesem Film den Regiepreis bei den Filmfestspielen in Cannes. Der Aufbruch, der sich in den Schriften der jungen Cineasten im Dunstkreis der Cahiers du Cinéma bereits angekündigt hatte und der das Kino für alle Zeiten verändern wird, ist plötzlich in vollem Gange. Den zweiten Streich überlässt Truffaut seinem Kollegen Jean-Luc Godard. „Ich werde dir das Drehbuch in den nächsten Tagen zu lesen geben“, schreibt Godard kurz vor dem Drehbeginn zu seinem ersten Spielfilm Außer Atem / À bout de souffle (1960) an Truffaut, von dem der Entwurf dazu stammte, „Es ist immerhin dein Stoff. Aber du wirst überrascht sein. Ich glaube auch, dass du ihn nicht mögen wirst.“ Der Grundstein für eine fruchtbare Zusammenarbeit an der Neugestaltung filmischen Erzählens ist gelegt – ebenso wie sich erste Differenzen abzeichnen.


Emmanuel Laurents Dokumentation erzählt die Geschichte der Nouvelle Vague von diesem Punkt an mit einem Selbstverständnis als „Entwicklungsroman“, in dessen Zentrum die Freundschaft zweier Kameraden steht. Entstehung, Verlauf und Ende der Bewegung werden anhand der wechselhaften Beziehung zwischen Truffaut und Godard, zwei der führenden Köpfe der Nouvelle Vague, nachgezeichnet. Als diese bei der gemeinsamen Arbeit für die Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma aufeinandertreffen, entdecken sie, dass sie eine große Vorliebe und (vielleicht zunächst sogar noch wichtiger) eine tiefe Verachtung für die gleichen Filme verbindet. In ihrer eigenen Vorstellung von dem, was Kino sein kann, stellen sie dem Wieder- und Wiederaufbereiten gleicher eingeschlafener Schemata geistreiche, mutige Filme entgegen, die sich durch eine nie dagewesene Stilisierung ebenso auszeichnen, wie durch größte Wahrhaftigkeit. Die Werke der neuen französischen Welle strotzen vor Lebendigkeit, sind so nah am Leben wie nie zuvor und deutlich von der Lust am Kino geprägt. Dabei spielt die Leidenschaft für das Zeigen eine ebenso wichtige Rolle wie die für das Selbst-Sehen: Erstmals stellen junge Filmemacher ein Bewusstsein für ihren Platz innerhalb einer filmischen Tradition zur Schau, mit Zitaten, Hommagen, Umkodierungen.

 Deux de la Vague nähert sich dieser faszinierenden Umbruchszeit des Kinos mithilfe vielfältigen Archivmaterials. Neben Filmausschnitten, Fotos und Zeitungsartikeln wurden für den Film zahlreiche Interviewsequenzen aus der Mottenkiste geholt. Diese zeigen zum Beispiel die äußerst emphatischen Reaktionen der Zuschauer auf À bout de souffle, die von „Dieser Film bewirft alles und jeden mit Dreck“ bis zu „Bedauerlich, aber ein Zeichen der Zeit“ reichen. Wir sehen Gespräche, in denen Godard und Truffaut sich höchst differenziert reflektieren, oder aber auch (und das ist mindestens ebenso aufschlussreich) selbst die Fragen stellen – an ihren Helden Hitchcock etwa, oder an Fritz Lang. Ziemlich überflüssig hingegen ist die junge Blondine, die uns mit dem immer gleichen Blick, bedächtig und aufmerksam in irgendwelchen Zeitungen blätternd, aber auch völlig leidenschaftslos und indifferent wirkend, durch die Dokumentation führt. Während sie sich durch die Papierhaufen kämpft, versorgt uns der Filmhistoriker und ehemalige Chefredakteur der Cahiers du Cinéma Antoine de Baecque im voice over mit allen wichtigen Details zur Geschichte der Nouvelle Vague. Zum Glück sorgen die Protagonisten des Films in ihren Kommentaren selbst für das ansonsten fehlende Pathos und liefern ein außerordentliches Angebot für cinephile Nostalgie.

Den großen Wendepunkt sowohl der Nouvelle Vague als auch in der Beziehung zwischen Godard und Truffaut verankert de Baecque, der sich auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, im Jahre 1968. Zum letzten Mal ziehen die beiden Filmemacher damals Seite an Seite ins Feld, zunächst für die Erhaltung Henri Langlois als Leiter seiner Cinémathèque, später bei den Filmfestspielen in Cannes, wo sie sich solidarisch mit Studenten und Arbeitern zeigen und eine Unterbrechung des Festivals forcieren. Godard zieht aus den Ereignissen jedoch weitaus radikalere Konsequenzen als sein Freund, er ändert sein Kino und sein Leben von Grund auf im Zeichen der Politik. Von nun an ist er für Truffaut der zu militante Provokateur, Truffaut für Godard wiederum ein ignoranter Bourgeois. Der wenig wohlwollende Briefwechsel, der folgen soll, markiert gleichsam das traurige Ende der Bewegung. Sehr intensiv beleuchtet wird Jean-Pierre Léauds Rolle als „l’enfant de la vague“, das daraufhin zum hin- und hergerissenen Scheidungskind wird, als sich seine „Väter“ in unterschiedliche Richtungen entwickeln.

Spätestens hier stellt sich die Frage, wie sehr die im Film betonte „Freundschaft“ der beiden über eine geteilte Cinephilie und das gemeinsame Arbeiten an einer Vision überhaupt hinausging. Auch erweist sich der Ansatz, Truffauts und Godards Beziehung als Kern der Nouvelle Vague zu dokumentieren, als schwierig. Darauf, dass zahlreiche weitere Namen, wie etwa der Claude Chabrols, Éric Rohmers oder Jacques Rivettes nicht nur am Rande fallen dürften, verweist Deux de la Vague schließlich selbst. Der Film verbleibt nicht innerhalb dieses selbstauferlegten Rahmens, sondern schwankt permanent in der Entscheidung, sich tatsächlich auf einen Bruchteil zu konzentrieren, oder aber das ganze Rundherum mitzuerklären.
Letztlich ist Laurents Dokumentation nicht ganz so groß wie die Bewegung, die sie einzufangen versucht. Sie berichtet sachlich und informativ, aber zeigt für Liebhaber der Nouvelle Vague abgesehen von einigen interessanten Archivaufnahmen wenig Neues. Vielleicht ist es auch gerade diese brave Sachbezogenheit, die dem Thema nicht ganz gerecht werden will. Nichtsdestotrotz ist Deux de la Vague ein wichtiger Beitrag, um einem Publikum, das von der Existenz eines Jean-Luc Godards und eines François Truffauts bisher keine Ahnung hatte, eine spannende Epoche ans Herz zu legen und Lust zu machen, auf viele wunderbare Werke der Filmgeschichte. Bleibt zu wünschen, dass sich gerade dieses Publikum den Film ansehen wird.
Demgemäß – so schließt Deux de la Vague mit der gleichen Sequenz, mit dem er beginnt – friert der unergründliche Blick des “enfant de la vague” in Les Quatre Cents Coups am Ende ein und spricht uns direkt als seine Zeugen an.

Deux de la VaguePressespiegel auf film-zeit.de

Godard trifft Truffaut – Deux de la Vague
R: Emmanuel Laurent
B: Antoine de Baecque
Frankreich 2010, 91 Min.
Vertrieb: Studio Canal
Veröffentlichung: 17.11.2010