| Omar Sy und Francois Cluzet |
François-Cluzet-Interview zu „Ziemlich beste Freunde“
François Cluzet, Jahrgang 1955, ist in Frankreich ein bekannter
Charakterdarsteller. Er hat mit Regiegrößen wie Claude Chabrol oder BertrandTavernier gedreht und erhielt 2007 den „César“, den französischen „Oscar“, für
seine Rolle in dem Thriller Kein Sterbenswort.
Sein neuester Film Ziemlich beste Freunde ist in Frankreich ein
Phänomen. Die auf Tatsachen beruhende Komödie über einen weißen gelähmten
Adligen und seinen afro-französischen Pfleger war dort mit über 15 Millionen
Zuschauern der erfolgreichste Film des Jahres 2011.
Monsieur Cluzet, in Ihrem neuen Film Ziemlich beste Freunde spielen
Sie einen vom Hals abwärts gelähmten Mann. Stimmt es, dass Ihnen die Crew beim
Filmen aus dem Weg gegangen ist, weil Sie ihnen im Rollstuhl Angst gemacht
haben?
Das war am Anfang der
Dreharbeiten. Da bin ich den ganzen Tag im Rollstuhl sitzen geblieben, weil ich
spüren wollte, wie die Zeit vergeht. Es ist ja nicht beschwerlich, eine Stunde
darin zu verbringen, sondern sein ganzes Leben. Mir ist bewusst geworden, wie
unangenehm es ist, nicht laufen zu können, nicht autonom zu sein. Ich wollte
diese Einsamkeit nachempfinden. Und seltsamerweise hat mich die Crew gemieden, womöglich
aus einer Art Angst heraus. Oft sieht man Behinderte an und senkt die Augen,
als ob sie einem Pech bringen würden.
Oder um keinen Faux Pas zu begehen…
Genau. Oder damit sie nicht
glauben, dass man sie verurteilt. Außerdem werden Behinderte als weniger
wichtig empfunden als „normale“ Personen. Wenn man eine Frau in der Metro oder
im Bus sieht, guckt man sich ihre Beine an, ihre Figur, ihren Gang. Bei
Behinderten interessiert uns das nicht mehr und nicht nur aus erotischer Sicht.
Es gibt solch einen Kult um den perfekten Menschen, dass Behinderte per
definitionem nichts wert sind. Das ist vielleicht auch die Stärke des Films,
dass man danach Behinderte anders betrachtet als bisher.
Nämlich?
Selbst wenn man behindert ist,
bleibt man natürlich trotzdem ein Mann, mit einer Funktion, einer Frau,
Geschmäckern, Sehnsüchten, einem Willen und Ambitionen. Doch in unseren Ländern
sind Sie zu nichts mehr gut, wenn Sie behindert sind. Man transportiert Sie selten
im Bus. Wenig wird dafür getan, Sie ins Arbeitsleben zu integrieren. Das ist
schon sehr ärgerlich.
Das Ungewöhnliche an Ziemlich beste Freunde ist ja, dass es eine
Komödie über einen Behinderten und seinen Betreuer ist. Was hat Sie an der
Geschichte ursprünglich angezogen?
Dass das Drehbuch mit einem
Behinderten zum Lachen bringt. Er ist ja geistig fit, er ist wie Sie und ich.
Nur weil er nicht laufen kann, heißt das ja nicht, dass er nicht nachdenken
kann oder keinen Humor hat. Also eine Komödie über einen Behinderten und seinen
Betreuer und ihre Freundschaft – das fällt aus dem Rahmen.
Haben Sie den echten Philippe Pozzo di Borgo getroffen, auf dessen
Autobiographie der Film beruht?
Wir haben ihn in Essaouira in
Marokko getroffen, und danach habe ich sein Buch „Le deuxième souffle“ gelesen.
Er ist ein sonniger und lustiger Typ, dem es sehr gut gelingt, seinen Schmerz zu
verstecken und der Sie glauben lässt, dass alles in Ordnung sei. Bei ihm
vergisst man den Rollstuhl sehr schnell, weil er sehr geistesgegenwärtig, positiv
und nie bitter ist. Er hat eher einen englischen Humor. Die Franzosen
verarschen gerne ihre Nachbarn. Die Engländer hingegen verarschen sich selbst.
Diese Einstellung im Film gefällt mir sehr, wenn sich der Behinderte über sich
selbst lustig macht.
Bei dieser Rolle durften Sie nur mit dem Gesicht spielen. Wie macht man
das?
Nun, ich bin eher ein
Schauspieler, der gern mit dem ganzen Körper spielt. Hier hatte ich nur eine
Position: die sitzende. Aber ich habe mich nicht gefragt: Wie werde ich dieses
Gefühl mit dem Gesicht ausdrücken? Das ist die Aufgabe der Regie. Ich werde
diese Situation leben. Also bleibe ich reglos und wenn sie die Nuancen meines
Blicks oder meines Lächelns festhalten wollen, müssen die Regisseure mit der
Kamera näher rücken. Sie haben diese Rolle zum Leben erweckt.
Haben Sie eine besondere Verantwortung Philippe Pozzo di Borgo
gegenüber verspürt?
Bisher habe ich nur historische
Figuren gespielt, die tot sind, wie John Lennon oder den französischen Revolutionär
Camille Desmoulins. Das war amüsant, so eine surreale Verwandtschaft mit einem
Verstorbenen zu haben. Da sagte man sich: Siehst du, so tot bist du ja nicht,
du lebst ja, denn ich bin ja du als Lebender. Jedoch hier handelte es sich um
jemanden, der lebt. Man konnte ihn nicht kopieren, weil die Leute ihn nicht
kennen.
Man sieht ihn am Ende des Films…
Ja, aber es ist interessanter,
ihm von innen zu ähneln. Und dann habe ich versucht zu verstehen, wie er es von
innen heraus geschafft hat, statt sich zu beschweren den Weg des Austausches zu gehen.
Darin besteht für ihn der Sinn des Lebens. Wenn ich kommunizieren will, darf
ich die Leute nicht dazu bringen, mich zu bemitleiden. Wenn ich sie dagegen zum
Lachen bringe, wird sie das aus der Fassung bringen. Sie werden sich vielleicht
sagen: Was für ein lustiger Typ! Er bestimmt die Regeln der Kommunikation. Das
ist die Stärke des Drehbuchs. Es hat die Stärke und die Tiefe der Figur sehr
gut herausgearbeitet.
Was lernen Sie bei solch einer Rolle über sich selbst?
Wenn man älter wird, ist das
Wichtigste, sein Ego herunterzuschrauben. Wenn man nach dem Erfolg schielt, wird
man furchtbar egozentrisch. Wenn man erstmal bekannt ist, muss man aufhören,
sich für sich selbst zu interessieren. Denn zum einen entwickelt man sich ja im
Leben, weil man mit Leichtigkeit sterben muss. Wer gut sterben will, muss leicht
sterben. Deshalb sind der Erfolg und die Anerkennung für einen Schauspieler
sehr wichtig, weil man dann nicht mehr ständig verführen muss.
Aber Sie haben sich doch seit einiger Zeit einen komfortablen Status
erarbeitet…
Ja, aber erst seit ein paar Jahren,
mit den erfolgreichen Filmen von Guillaume Canet und natürlich dem Erfolg von
diesem Film.
Haben Sie sich Filme wie Das Meer in mir oder Schmetterling und Taucherglocke angeschaut, um zu sehen, wie Ihre Schauspielkollegen JavierBardem oder Mathieu Amalric ähnliche Rollen gespielt haben?
Javier Bardem ist ein großer
Schauspieler, aber was mich interessiert, ist die Neugierde darüber, was ich
selbst empfinde. Als der Rollstuhl in den Produktionsräumen ankam, warteten die
Regisseure, die Requisiteurin und die anderen darauf, dass ich mich
hineinsetze. Aber ich habe das nicht getan. Für mich war das ein heiliger
Moment. Ich wollte dabei nicht beobachtet werden, denn das war ein
Hineinschauen in mich selbst. Dann sind sie gegangen, weil sie verstanden
haben, dass ich mich nicht einfach aus Jux hineinsetzen wollte, denn
schließlich stand da meine Arbeit auf dem Spiel.
Mit François Cluzet sprach
Kira Taszman




