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Interview mit François Cluzet zu „Ziemlich beste Freunde“

von Kira Taszman, am 6.1.12


Omar Sy und Francois Cluzet


























François-Cluzet-Interview zu „Ziemlich beste Freunde“

François Cluzet, Jahrgang 1955, ist in Frankreich ein bekannter Charakterdarsteller. Er hat mit Regiegrößen wie Claude Chabrol oder BertrandTavernier gedreht und erhielt 2007 den „César“, den französischen „Oscar“, für seine Rolle in dem Thriller Kein Sterbenswort.
Sein neuester Film Ziemlich beste Freunde ist in Frankreich ein Phänomen. Die auf Tatsachen beruhende Komödie über einen weißen gelähmten Adligen und seinen afro-französischen Pfleger war dort mit über 15 Millionen Zuschauern der erfolgreichste Film des Jahres 2011.

Monsieur Cluzet, in Ihrem neuen Film Ziemlich beste Freunde spielen Sie einen vom Hals abwärts gelähmten Mann. Stimmt es, dass Ihnen die Crew beim Filmen aus dem Weg gegangen ist, weil Sie ihnen im Rollstuhl Angst gemacht haben?

Das war am Anfang der Dreharbeiten. Da bin ich den ganzen Tag im Rollstuhl sitzen geblieben, weil ich spüren wollte, wie die Zeit vergeht. Es ist ja nicht beschwerlich, eine Stunde darin zu verbringen, sondern sein ganzes Leben. Mir ist bewusst geworden, wie unangenehm es ist, nicht laufen zu können, nicht autonom zu sein. Ich wollte diese Einsamkeit nachempfinden. Und seltsamerweise hat mich die Crew gemieden, womöglich aus einer Art Angst heraus. Oft sieht man Behinderte an und senkt die Augen, als ob sie einem Pech bringen würden.

Oder um keinen Faux Pas zu begehen…

Genau. Oder damit sie nicht glauben, dass man sie verurteilt. Außerdem werden Behinderte als weniger wichtig empfunden als „normale“ Personen. Wenn man eine Frau in der Metro oder im Bus sieht, guckt man sich ihre Beine an, ihre Figur, ihren Gang. Bei Behinderten interessiert uns das nicht mehr und nicht nur aus erotischer Sicht. Es gibt solch einen Kult um den perfekten Menschen, dass Behinderte per definitionem nichts wert sind. Das ist vielleicht auch die Stärke des Films, dass man danach Behinderte anders betrachtet als bisher.

Nämlich?

Selbst wenn man behindert ist, bleibt man natürlich trotzdem ein Mann, mit einer Funktion, einer Frau, Geschmäckern, Sehnsüchten, einem Willen und Ambitionen. Doch in unseren Ländern sind Sie zu nichts mehr gut, wenn Sie behindert sind. Man transportiert Sie selten im Bus. Wenig wird dafür getan, Sie ins Arbeitsleben zu integrieren. Das ist schon sehr ärgerlich.

Das Ungewöhnliche an Ziemlich beste Freunde ist ja, dass es eine Komödie über einen Behinderten und seinen Betreuer ist. Was hat Sie an der Geschichte ursprünglich angezogen?

Dass das Drehbuch mit einem Behinderten zum Lachen bringt. Er ist ja geistig fit, er ist wie Sie und ich. Nur weil er nicht laufen kann, heißt das ja nicht, dass er nicht nachdenken kann oder keinen Humor hat. Also eine Komödie über einen Behinderten und seinen Betreuer und ihre Freundschaft – das fällt aus dem Rahmen.

Haben Sie den echten Philippe Pozzo di Borgo getroffen, auf dessen Autobiographie der Film beruht?

Wir haben ihn in Essaouira in Marokko getroffen, und danach habe ich sein Buch „Le deuxième souffle“ gelesen. Er ist ein sonniger und lustiger Typ, dem es sehr gut gelingt, seinen Schmerz zu verstecken und der Sie glauben lässt, dass alles in Ordnung sei. Bei ihm vergisst man den Rollstuhl sehr schnell, weil er sehr geistesgegenwärtig, positiv und nie bitter ist. Er hat eher einen englischen Humor. Die Franzosen verarschen gerne ihre Nachbarn. Die Engländer hingegen verarschen sich selbst. Diese Einstellung im Film gefällt mir sehr, wenn sich der Behinderte über sich selbst lustig macht.

Bei dieser Rolle durften Sie nur mit dem Gesicht spielen. Wie macht man das?

Nun, ich bin eher ein Schauspieler, der gern mit dem ganzen Körper spielt. Hier hatte ich nur eine Position: die sitzende. Aber ich habe mich nicht gefragt: Wie werde ich dieses Gefühl mit dem Gesicht ausdrücken? Das ist die Aufgabe der Regie. Ich werde diese Situation leben. Also bleibe ich reglos und wenn sie die Nuancen meines Blicks oder meines Lächelns festhalten wollen, müssen die Regisseure mit der Kamera näher rücken. Sie haben diese Rolle zum Leben erweckt.

Haben Sie eine besondere Verantwortung Philippe Pozzo di Borgo gegenüber verspürt?

Bisher habe ich nur historische Figuren gespielt, die tot sind, wie John Lennon oder den französischen Revolutionär Camille Desmoulins. Das war amüsant, so eine surreale Verwandtschaft mit einem Verstorbenen zu haben. Da sagte man sich: Siehst du, so tot bist du ja nicht, du lebst ja, denn ich bin ja du als Lebender. Jedoch hier handelte es sich um jemanden, der lebt. Man konnte ihn nicht kopieren, weil die Leute ihn nicht kennen.

Man sieht ihn am Ende des Films…

Ja, aber es ist interessanter, ihm von innen zu ähneln. Und dann habe ich versucht zu verstehen, wie er es von innen heraus geschafft hat, statt sich zu beschweren den Weg des Austausches zu gehen. Darin besteht für ihn der Sinn des Lebens. Wenn ich kommunizieren will, darf ich die Leute nicht dazu bringen, mich zu bemitleiden. Wenn ich sie dagegen zum Lachen bringe, wird sie das aus der Fassung bringen. Sie werden sich vielleicht sagen: Was für ein lustiger Typ! Er bestimmt die Regeln der Kommunikation. Das ist die Stärke des Drehbuchs. Es hat die Stärke und die Tiefe der Figur sehr gut herausgearbeitet.

Was lernen Sie bei solch einer Rolle über sich selbst?

Wenn man älter wird, ist das Wichtigste, sein Ego herunterzuschrauben. Wenn man nach dem Erfolg schielt, wird man furchtbar egozentrisch. Wenn man erstmal bekannt ist, muss man aufhören, sich für sich selbst zu interessieren. Denn zum einen entwickelt man sich ja im Leben, weil man mit Leichtigkeit sterben muss. Wer gut sterben will, muss leicht sterben. Deshalb sind der Erfolg und die Anerkennung für einen Schauspieler sehr wichtig, weil man dann nicht mehr ständig verführen muss.

Aber Sie haben sich doch seit einiger Zeit einen komfortablen Status erarbeitet…

Ja, aber erst seit ein paar Jahren, mit den erfolgreichen Filmen von Guillaume Canet und natürlich dem Erfolg von diesem Film.

Haben Sie sich Filme wie Das Meer in mir oder Schmetterling und  Taucherglocke angeschaut, um zu sehen, wie Ihre Schauspielkollegen JavierBardem oder Mathieu Amalric ähnliche Rollen gespielt haben?

Javier Bardem ist ein großer Schauspieler, aber was mich interessiert, ist die Neugierde darüber, was ich selbst empfinde. Als der Rollstuhl in den Produktionsräumen ankam, warteten die Regisseure, die Requisiteurin und die anderen darauf, dass ich mich hineinsetze. Aber ich habe das nicht getan. Für mich war das ein heiliger Moment. Ich wollte dabei nicht beobachtet werden, denn das war ein Hineinschauen in mich selbst. Dann sind sie gegangen, weil sie verstanden haben, dass ich mich nicht einfach aus Jux hineinsetzen wollte, denn schließlich stand da meine Arbeit auf dem Spiel.

Mit François Cluzet sprach Kira Taszman




 

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