Neu im Kino – Kinotipps vom 26.01.2012


neu im kino
neu im Kino: Drive

Von einem ästhetisierten Gangsterfilm, über eine Hommage an Hollywoodklassiker, bis hin zu experimentellen Filmen südkoreanischer Regiegrößen. Die Kino-Neuerscheinungen diese Woche offenbaren ein äußerst breites Spektrum verschiedener Themen.

Bei den besonderen Empfehlungen verdienen vor allem die zwei folgenden Filme ganz viel Beachtung. Da wäre zunächst der Neo-Noir-artige Drive, bei den letztjährigen Internationalen Filmfestspiele von Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. Die erste amerikanische Produktion des Dänen Nicolas Winding Refn erzählt die Geschichte eines emotional undurchschaubaren Fluchtwagenfahrers (Ryan Gosling), der aus Liebe zu seiner Nachbarin (Carey Mulligan) in ein Verbrechen hineingezogen wird. In hochgradig stilisierten Bildern, lässt Refn dabei Momente der Ruhe und Harmonie mit denen eruptiv ausbrechender Gewalt alternieren. NEGATIV-Autor Daniel Bund beschreibt den Film als „einen aktionsgeladenen, ästhetisierten Albtraum, aus dem die Möglichkeiten eines zärtlichen Miteinander gnadenlos mit Blut ausgewaschen und nur kurz, für einen längeren Augenblick, als Hoffnungsschimmer bestehen.“ Hier können Sie die gesamte Kritik zu Drive lesen.
Auf eine ganz andere Ästhetik greift hingegen The Artist zurück, präsentiert sich das hochgelobte Werk von Michel Hazanavicius doch fast ohne Ton und in Schwarz-Weiß. Thematisch an Klassiker wie Singin’ in the Rain und Boulevard der Dämmerung angelehnt, werden die unterschiedlichen Auswirkungen der Toneinführung im Film für zwei Schauspieler beschrieben: So bedeutet diese den kompromisslosen Niedergang für den sich dieser Neuheit verweigernden Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin), gleichzeitig aber auch einen unaufhaltsamen Aufstieg seiner jungen Partnerin Peppy Miller (Bérénice Bejo). Mit zahlreichen selbstironischen Reminiszenzen an das Hollywood der Stummfilmära angereichert, beweist The Artist, dass sehenswertes Kino auch heute sehr gut auf Ton verzichten kann.
Nach dreijähriger Abstinenz, hat der Südkoreaner Kim Ki Duk mit Arirang einen Film realisiert, dessen Inhalt sich ausschließlich aus seiner Selbstinszenierung speist. Man begleitet den Regisser, der sich nur mit einer Kamera ausgestattet auf eine verschneite Berghütte zurückgezogen hat, als den einzigen Protagonisten seines Films auf eine selbstreflexive Odyssee, während welcher sich Ki Duk mit seinen Depressionen, seiner Rolle als Künstler und Mensch im Allgemeinen auseinandersetzt. “Filmisch ist dies einer der interessantesten Filme Kims, weil er ehrlich ist”, verweist Rüdiger Suchsland in seinem Cannes-Bericht für NEGATIV auf die manchmal an Selbstzerfleischung grenzende Art und Weise, mit der Kim Ki Duk sich dem Publikum offenbart und Arirang zu mehr als nur zu einem interessanten filmischen Experiment macht. Hier die Kritik zu Arirang.
Auch der Film eines weiteren prominenten südkoreanischen Regisseurs, Chan-wook Park (Old Boy), bedient sich avantgardistischer Mittel. Night Fishing wurde komplett mit der Kamera des iPhone 4 gedreht. Der 33 Minuten dauernde Kurzfilm vereint dokumentarische und fiktive Elemente und die mystisch aufgeladene Handlung um einen auf eine Schamanin treffenden Fischer macht ihn auch inhaltlich interessant.
In Michael, dem kürzlich mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnete Regiedebüt des Österreichers Markus Schleinzer wird das Leben eines Pädophilen porträtiert. Michael (Michael Fuith) ist ein unauffällig lebender Versicherungskaufmann, keiner ahnt, dass er in seinem Keller den 10-jährigen Wolfgang gefangen hält und regelmäßig sexuell missbraucht. Insbesondere weil Schleinzer die abscheulichen Taten seines Protagonisten nicht dramatisiert, sondern das Zusammenleben von Täter und Opfer als von Routinen geprägten, unspektakulären Alltag schildert, gelingt ihm eine den Zuschauer zum Nachdenken zwingende Auseinandersetzung mit dem schwierigen Thema.
Dagegen ist die Komödie The Descendants von Alexander Payne eher leichtfüssigerer Natur. In malerische Szenerien des Schauplatzes Hawaii eingebettet, handelt die Geschichte vom Anwalt Matt King (George Clooney), dessen Frau nach einem Unfall im Koma liegt und nie wieder aufzuwachen droht. King erfährt daraufhin, dass er von ihr schon lange betrogen wurde und  muss sich von nun an auch noch verstärkt um seine beiden Töchter (Shailene Woodley und Amara Miller) kümmern. Die  anfallenden Verpflichtungen eröffnen ihm jedoch auch die Chance, sein Leben neu zu überdenken. Insbesondere seine realitätsnahen Figuren, deren Zeichnung tragische und komische Elemente miteinander verschränkt, machen den Reiz des Films aus.

Auch diese Woche gibt es Filme, die zwar nicht uneingeschränkt überzeugen, aber dennoch durchaus sehenswert sind. So auch der Thriller Ein riskanter Plan. Darin scheint der Ex-Cop Nick Cassidy (Sam Worthington), vor Jahren des Diamentenraubs beschuldigt und später aus dem Gefängnis ausgebrochen, sich aus Verzweiflung vom 21.Stock eines Hochhauses stürzen zu wollen. Doch der Selbstmordversuch ist nur vorgetäuscht und lediglich ein kleiner Mosaikstein in einem sorgfältig ausgeklügelten Racheplan. Obwohl Asger Leths neuer Film nicht über Genrekonventionen hinausgeht, schafft er es doch den Zuschauer gut zu unterhalten.
Tage die bleiben, das Langfilmdebüt von Pia Strietmann, befasst sich mit einer dysfunktionalen – aus einem einander fremdgehenden Ehepaar (Götz Schubert und Lena Stolze), einem in Berlin lebenden Sohn (Max Riemelt) und einer pubertären Tochter (Mathilde Bundschuh) bestehenden – Familie, in der sich keiner ausstehen kann. Als die Mutter jedoch bei einem Autounfall tödlich verunglückt, merken die übrigen Familienmitglieder, dass sie in dieser Phase einander so sehr wie noch nie brauchen. Strietmann gelingt es, das Thema Trauerverarbeitung authentisch zu beleuchten.
Fünf Freunde, Mike Marzuks Kino-Adaption der erfolgreichen Buchreihe der englischen Autorin Enid Blyton, zeigt die bekannten Kinderdetektive bei der Lösung eines Falls und im Kampf gegen Verbrecher. Obwohl die insbesondere in ihrer Figurenzeichnung etwas anachronistische Buchvorlage besser den gegenwärtigen Vorstellungen hätte angepasst werden können, bleibt der Film dank der guten Darsteller insbesondere für Kinder sehenswert.

Bei einer derart üppigen Anzahl herausragender Filme, scheint es diese Woche nicht weiter schlimm zu sein, auch einige Fehlschläge aufzulisten. So enttäuscht die Komödie Jack und Jill von Dennis Dugan, in der Adam Sandler eine Doppelrolle spielt, durch infantilen und selbst für Sandler-Verhältnisse unerträglichen Humor, während das deutsche Genre-Gegenstück Berlin kaplani von Hakan Algül in allzu eindeutige Klischees ausartet.

Hier die Trailer zu unseren besonderen Empfehlungen:

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