Verblendung – David Fincher verdrängt das Original


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„…and there will be blood!“ 

Das wird es, wie Lisbeth Salander es verspricht. Viel Blut. Wenn auch das meiste davon unsichtbar bleibt, durchtränkt es die Leinwand von David Finchers Thriller. Der Plot spannt sich trotz seiner über zweieinhalb Stunden Länge straff über die Leinwand wie ein Stück Haut, dass der ersten Filmversion von Verblendung abgezogen wurde. Seine furiose Rückkehr ins Thriller-Genre zelebriert Fincher mit einer Trilogie, deren Romanvorlage bereits als filmisch und bereits als Trilogie adaptiert wurde. Das Massaker, das dabei parallel zu den sonoren Bassvibrationen des exzellenten Soundtracks der Nine Inch Nails die Handlung durchtränkt, ist das an der Urversion. The Girl with the Dragon Tattoo, so der weit passendere Originaltitel der ermittlerischen Fallstudio auf blank gewetzter Klinge, ist die Ausnahmeerscheinung eines Remakes, das Niels Arden Oplevs Erstfassung in jeder Beziehung überlegen ist.

Die Bezeichnung Original verdient diese 2009 begonnene und erst im vorigen Jahr beendete Reihe nach Stieg Larssons Millennium-Trilogie nun nicht mehr. Dieser Titel kommt dem jüngeren Werk zu. Dies gilt zumindest für den in der Heimat des schwedischen Autors gedrehten ersten Teil dessen, was offensichtlich als Auftakt eines Dreiteilers konzipiert ist. Seine stilistische Brillanz bezeugt Fincher sowohl auf inszenatorischer als auch konzeptioneller Ebene am vielleicht eindrucksvollsten in der stilisierten Vorspann-Sektion. Aus ineinanderfließenden Strömen von an flüssigen Teer und geschmolzenes Metall ähnelnden Flüssigkeiten formen sich die Skulpturen von Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist, die in einer Mischung aus Liebesakt und Ablösung verschmelzen. Der Journalist (Daniel Craig) und die junge Punkerin (Rooney Mara) habe die gleiche Spezialität: Enthüllen. Dass sie es schließlich auch mit miteinander tun, wie es der Vorspann ahnen lässt, scheint nur konsequent.

Persönlich kennen die beiden Hauptfiguren sich einander da bereits bis ins Detail. Von dem Patriarch der mächtigen Unternehmerdynastie Vanger (Christopher Plummer) auf Blomkvist angesetzt, weiß die Profiermittlerin Lisbeth alles über den Mitherausgeber des „Millennium“-Magazins. Der wiederum kennt Lisbeths Rüstung: ihre Schroffheit, Kälte, ihre Tattoos und Piercings, von denen sich Mara eigens für den Film eines durch die rechte Brustwarze stechen ließ, und maskulinen Kleidungsstil, und das ist alles, was Blomkvist und der Zuschauer von ihr kennen müssen. Die Kamera saugt sich fest am Körper der mal als Opfer sexueller Gewalt, mal als kaltblütige Rächerin inszenierten Entdeckung Ronney Mara, aber vermag die stets exponierte Hülle nie zu durchdringen. „Lisbeth, Lisbeth. Ich mag diesen Namen.“, sagt der Mörder, dessen Identität hier preiszugeben ein unverzeihlicher Spoiler wäre für alle, die den Ausgang nicht schon aus Larssons Bestseller oder dessen Erstverfilmung kennen. Sein beiläufiges Sinnieren spiegelt das Finchers, dessen spürbare Faszination mit der Titelfigur nie auf den Zuschauer überspringt.

In ihrer präzisen Komposition und kalkulierten Ästhetik erinnert die in metallisch-schwarzer Farbpalette gehaltene Anfangseinstellung an einen Werbeclip. Keinen schlechten, wohlgemerkt, sondern einen von jenen, die für ihre Qualität auf Preisverleihungen ausgezeichnet werden. Teil dieser interspezifischen Qualität ist das geschickte Selbstmarketing, dass Verblendung den Makel der Kalkulation verleiht. Die Figuren bestehen durch aggressive Emotionalität, die ihre Entsprechung in der atmosphärischen Körperlichkeit der Szenenbilder findet. Die Stockholmer Kulisse und klirrende Winterkälte sind neben Salander und Blomkvist die mit Abstand authentischsten Protagonisten, sei es auch nur bezogen auf die dichte Atmosphäre. In ihr liegt der eigentliche filmische Reiz der frostigen Exhumierung einer ungeklärten Mordserie und der Suche nach Vangers vor Jahrzehnten verschwundener Nichte Harriet.

Der hinter all seinen Schlingen und Verschlingungen substanzlose Plot häuft familiäre Enthüllungen auf geschäftliche Enthüllungen, ohne je die angestrebte Bedrohlichkeit von Korruption und moralischer Verdorbenheit zu erreichen. „Es ist eine Wissenschaft für sich.“, sagt der gediegene Frauenmörder über das Morden in Serie. Nach der tadellosen Stilübung zu urteilen beherrscht Fincher es auf filmischer Ebene noch besser als er, mag das schillernde Ergebnis auch etwas von deren Seelenlosigkeit ausstrahlen. Aussagekräftiger als das filmische Produkt sind ein verbales und ein modisches. Erstes kreiert der Pressetext, zweites H&M: der Begriff „Blockbusterroman“ und eine eigene Kleiderkollektion, inspiriert vom Stil der Hauptfigur. Unabhängig vom Preis wirken sie so, wie die kommerzialisierte Neuverfilmung und Salanders Stil: schäbig.

Verblendung – Pressespiegel bei film-zeit.de

Verblendung / The Girl with the Dragon Tattoo
R: David Fincher
B: Steven Zaillian, Stieg Larsson
K: Jeff Cronenweth
D: Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer, Stellan Skarsgård
USA, 2011, 158 Min.
Sony
Kinostart : 12.1.2012
FSK: 16