Gefährten


gefährten spielberg

Der Film setzt ein bei der Geburt eines Fohlens, ein Junge sieht zu. Der Junge Albert (Jeremy Irvine) und das Pferd Joey werden von nun an schicksalshaft verbunden sein, sie sind von Anfang an Gefährten. Fasziniert von dem jungen Hengst streicht das Farmerskind Albert immer wieder an der Weide entlang. Schüchtern nähern sich Tier und Mensch an, doch noch wird es nicht zu einem wirklichen Kontakt kommen, für ihre beiden Leben und für den Film aber nimmt hier die wichtigste Entwicklung ihren Anfang. Der ausgewachsene Joey wird zum Viehmarkt ins Dorf gebracht. In diesem an sich alltäglichen Geschehen enthält Gefährten schon den ersten Ansatz zu seinem grundsätzlichen Thema, denn dieses freie Geschöpf, als welches das Pferd bisher zu sehen war, wird innerhalb der menschlichen Gemeinschaft zur käuflichen Sache. Joey aber – und hier spielt wieder das Schicksal oder sogar ein bisschen Magie oder eine göttliche Macht in die Geschichte hinein – hat die Fähigkeit, für die Menschen für etwas Gutes zu stehen, für das, wonach sie sich sehnen. Bei der Pferdeauktion steigert der Farmer Ted (Peter Mullan), Alberts Vater, für Joey. Alle sind erstaunt darüber und raten ihm davon ab, denn er hat wenig Geld und sollte sich eigentlich einen Ackergaul zulegen. Doch Ted sieht das Potential des Tieres, sieht dessen Stolz und gewinnt den eigenen zurück. Er wird es kaufen und es nicht dem reichen Lyons (David Thewlis) überlassen, dessen Land er pachtet und der auf ihn herabsieht. Als er mit Joey nach Hause kommt, ist seine Frau (Emily Watson) zornig. Albert jedoch verspricht, sich um das Pferd zu kümmern und ihn sogar dazu zu bringen, das Feld endlich zu pflügen. Natürlich gelingt ihm nach einiger Zeit das Unterfangen. Doch auch hier ist es eine höhere Macht, die ihm hilft. Nur dadurch, dass es unerwartet anfängt zu regnen, schafft Joey es, den Pflug durch den steinigen Grund zu ziehen. Wie eine Belohnung für vorangegangene harte Arbeit des Jungen und des Pferdes erscheint dies zunächst. Später jedoch wird es genau diese Naturgewalt sein, die die Ernte zunichtemacht. In Geldsorgen verkauft der Vater Joey zu Beginn des Krieges, der später der Erste Weltkrieg genannt werden wird, an die Armee. Albert ist noch zu jung, um auch zu gehen, doch sobald er kann, folgt er seinem Gefährten in die Schlacht.

gefährten spielbergIm Folgenden werden die Geschichten der beiden parallel erzählt, wobei der Fokus auf der Joeys liegt. Der Krieg an sich wird als ein Übel dargestellt, dessen Motor genauso abstrakt und undurchschaubar ist wie die Macht hinter dem Regen in England. Die Schicksalsmacht, die sich zu Beginn anscheinend erkennbar machte, wird entkräftet. Der Regen bringt Gutes und Schlechtes, niemand wird für seinen Anstand und guten Charakter belohnt. Die Welt lässt sich nicht beeindrucken, ein jeder kann untergehen, egal ob gut oder böse. Und so sehr man sich einen Mechanismus, eine Formel hinter all dem wünscht, es gibt keine. Selbst in den menschengemachten Prozessen, wie dem Krieg, ist der einzelne ein machtloses Wesen. In diesem Zusammenhang ist das Pferd, das von Krieg nichts weiß, dennoch in seine Räder gerät, ja sogar zum Mittäter wird, ein Exponent für den einfachen Soldaten, der oftmals nur als Kanonenfutter auf dem Schlachtfeld dieser abstrakten Bestimmer hinter all dem fungiert. Doch natürlich gibt es einen Unterschied zwischen den Menschen und den Tieren. Denn die Menschen haben eben doch das Bewusstsein darüber – auch wenn sie keinen Einfluss auf die Ereignisse haben und womöglich nicht frei entscheiden können – , dass sie im Krieg sind, dass sie kämpfen, dass sie töten. Und auch wenn einzelne nicht als Schuldige an dem Unglück ausgemacht werden können, so ist der Krieg eben doch ein absolut menschliches Konstrukt. Mit ihren Taten schänden die Menschen die Natur, kehren sie in Tod und Übel um, im Film dadurch ausgedrückt, dass die Pferde dazu gebracht werden, in den Maschinengewehrdonner zu rennen. In der besten Szene springt das Pferd über einen Panzer und jagt durch die Schützengräben und das Niemandsland dazwischen. Beendet wird sein Lauf durch Stacheldraht, in dem sich das Tier scheinbar unentwirrbar verwickelt. In den Bildern des verstörten Tieres, das durch die komplett verwüstete Natur rast, ist die ganze Abartigkeit und Absurdität des Krieges enthalten.

gefährten spielberg

Und doch bleibt ein Funken Hoffnung für die Menschen und die Welt, wie die anderen Filme Spielbergs ist Gefährten nicht pessimistisch. Denn die schicksalshafte Kraft, die Joey zu Beginn in sich trug, die die Menschen in ihm etwas Gutes erkennen ließ, das sie auch in sich selbst wiederfanden, ist ihm nach wie vor eigen. Sein Weg durch den Krieg führt ihn zu Deutschen, Engländern und Franzosen. Egal, wo er war, brachte er Menschen zu Taten der Gnade und Nächstenliebe. Als er sich im Stacheldraht windet, zeigen alle Soldaten, egal welcher Nation, Mitleid. Alle guten Menschen in Gefährten zeigen Interesse und Mitleid mit dem Tier. Und wenn die Soldaten dort inmitten dieses unermesslichen Schreckens noch zu Mitleid fähig sind, sind sie nicht ganz verloren, dann haben sie noch tief in ihrem Inneren einen Kern mit Liebe, Unschuld, Güte.

Das letzte Bild des Films zeigt Joeys Gesicht in Großaufnahme vor einem Himmel mit blutrotem Sonnenuntergang. Er ist heimgekehrt. Die Felder Englands sind nicht mehr leuchtend grün, die Sonne nicht mehr strahlend, wie sie es am Anfang waren. Diese Bilder des Beginns wurden im Krieg zu ihrem Gegenteil verkehrt, in Tod verwandelt. Die Aufnahme von Joeys Gesicht ist die eines Helden. Wenn irgendjemand aus diesem Krieg als Held zurückkommen kann, dann ein Tier. Gleichzeitig erinnert sie uns daran, was das Tier alles erlebt hat, wie viele seiner Artgenossen nicht überlebt haben. So ist die letzte Einstellung auch ein Mahnmal, ein glückliches Ende mit viel Wehmut. Doch das Abendrot birgt Hoffnung für die Zukunft.

gefährten spielberg

Gefährten ist ein Melodram nach klassischer Manier. Nicht von ungefähr erinnert diese letzte Szene an die Western John Fords oder auch an Vom Winde verweht. Es wird eine klassische Heldenreise erzählt, mit erwartbaren Wendungen, Charakteren, die zwischen Gut und Böse aufgeteilt sind und die klaren Motiven folgen, Hochglanzbildern, großen Gefühlen und Pathos sowie einem deutlichen und berührenden Thema im Hintergrund. Ein Melodram, wie man es noch in den 1990ern zuhauf finden konnte. Im neuen Jahrtausend jedoch kann man fast von einer Krise des Melodrams sprechen. Im Fantasygenre, zum Beispiel in Herr der Ringe oder Avatar, haben seine Merkmale ein starkes Echo. Doch gerade bei den Filmen, die in den 1990ern noch melodramatisch präsentiert wurden, nämlich historische Epen und auch Kriegsgeschichten – man denke an Braveheart oder Titanic – , lässt sich eine Abkehr vom Melodram ausmachen. Vielleicht wollen sich die Filmemacher von den beliebten Fantasyfilmen abgrenzen. Aber es scheint generell eine Angst vor zu viel Gefühl und Pathos vorzuherrschen. Wenn sie im Vordergrund einer Geschichte stehen, dann in Filmen, die sich von vorneherein dem Schmalz hingeben wie zum Beispiel die der Twiligth-Saga. Möglicherweise spiegelt sich darin auch ein grundsätzlicher Wandel in der Weltwahrnehmung wider, eine pessimistischere Sicht als noch vor einem Jahrzehnt, eine Untergansstimmung (diese könnte man auch anhand der vielen Filme mit Endzeit- und Weltuntergangsszenarien der letzten Zeit ausmachen). Zu dieser Erklärung würde es passen, dass sich derzeit doch ein klassisches Melodram im Kino finden lässt, allerdings im extrem deutlichen nostalgischen Gewand: The Artist. Noch etwas anderes scheint aber die Filmlandschaft zu beherrschen und zwar ein Verlangen nach Authentizität. Als Beispiel kann man Ridley Scotts Robin Hood mit seinem etwas zehn Jahre älteren Gladiator sowie mit Kevin Reynolds Version der Legende von 1991 vergleichen. Die Liebesgeschichte zwischen Robin und Marian ist in der neueren Version deutlich zurückgenommen. Genauso das Pathos, das sich auch in Gladiator noch zu Hauf finden ließ. Hier kann wiederum ein Versuch der Differenzierung zur Fantasy gesehen werden. Vielleicht herrscht heute auch angesichts der zunehmenden Virtualisierung ein Wunsch nach Authentizität vor, oder aber neue Techniken wie HD bedingen Veränderungen im Filmstil.

gefährten spielberg

Der Verzicht auf Gefühle und der Drang nach Glaubhaftigkeit gehen einher damit, dass die Filme nicht mehr so sehr unsere emotionale Anregung durch die Geschichte im Sinn haben, sondern unsere Sinnlichkeit auf einer fundamentaleren Ebene ansprechen wollen. Einer, der sich relativ früh in diese neue Richtung bewegte, ist Steven Spielberg. Er gehört zu denjenigen, die Ende der 1970er das Bombastkino mit erschufen, die großen, abenteuerlichen, unterhaltsamen, berührenden Geschichten erdachten. Sein Der Soldat James Ryan hat aber, vor allem in der berühmten Eröffnungssequenz, etwas anderes vor. Anders als unsere Sinne beispielsweise kurz zuvor von den spektakulären Bildern der UFO-Abstürze in Independence Day überwältigt wurden, sollen wir hier nicht so sehr das Spektakel, also das Sichtbare, erleben, wir sollen es fühlen und zwar auf körperlicher Ebene. Die Schnitte sind schnell, die Kamera wackelig, das Bild oft unscharf. Nicht immer ergeben sich logische Anschlüsse zwischen Einstellungen, ein Überblick wird verwehrt, einzelne Details werden als Attraktion dazwischen geschnitten. Ähnliches lässt sich in vielen Filmen der letzten Dekade ausmachen, David Bordwell bezeichnet es als intensified continuity. Dazu kommt 3D, das uns ebenfalls noch mehr – und zwar körperlich – in das Filmgeschehen hinbringen möchte. Auch hier stellt sich die Frage, weshalb die Filme der Gegenwart diese Strategie verfolgen. Eine mögliche Erklärung mag der Neid der Filme auf die Videospiele sein, auf die Art und Weise wie sie die Spieler in ihre Welt hineinziehen. Daneben ist die Angst der Filmbranche vor der Macht der kleinen Bildschirme natürlich deutlich.

Nun also Gefährten. Steven Spielbergs neuester Film fällt in diesem Zusammenhang aus der Zeit. Sicher, er ist auch nostalgisch, doch keineswegs so deutlich und so selbstreflexiv wie The Artist oder auch Hugo Cabret. Mag sein, Spielberg sehnt sich zurück, mag sein, das Thema lag ihm am Herzen, mag auch sein, er kalkulierte für möglichst gute Zuschauerzahlen. Wichtiger ist natürlich, wie die Zuschauer den Film aufnehmen. Angesichts des oben Dargestellten, beschlich viele ein ungutes Gefühl beim Trailerschauen. Irgendwie kitschig und altmodisch wirkte der Film. Beides ist er. Aber er ist darüber hinaus – und vielleicht auch gerade deswegen – ein gutes Melodram, ein guter Film.

Gefährten – Pressespiegel bei film-zeit.de

gefährten spielberg

Gefährten / War Horse
R: Steven Spielberg
B: Lee Hall, Richard Curtis nach dem Roman von Michael Morpurgo
K: Janusz Kaminski
D: Jeremy Irvine, Emily Watson, Peter Mullan, David Thewlis, Niels Arestrup, Benedict Cumberbatch, David Cross
USA 2011, 146 Min.
Disney
Kinostart: 16.02.2012

  • nachgebloggt

    http://nachgebloggt.de/2012/08/19/gefahrten-dvd-review/

    Ich bin hin- und hergerissen von diesem Film. Einerseits war er natürlich völlig übertrieben und unrealistisch, andererseits total schön, traurig, eben gefühlsvoll, wenn man sich drauf einlässt. Man muss halt bereit sein sich auf diesen Film einlassen zu können, zu akzeptieren, dass hier nicht so viel Genauigkeit und Realismus auf den Ersten Weltkrieg liegt, sondern es um ein Pferd geht, dass auf seiner Reise mehrere Gefährten hat, dann ist der Film echt der absolute Hammer.

Top