Gotham City Impostors


“Why so serious?” – Diese Frage stellte nicht nur Heath Ledger als Joker in Christopher Nolans zweitem Batman-Film. Nein, auch die Entwickler von Gotham City Impostors, Monolith Productions, haben sich diese Frage zum Wahlspruch gemacht und verkehren damit alle gegenwärtigen Superheldendarstellungen in ihr Gegenteil.

Denn seit den 80er Jahren heißen Comics nicht mehr Comics, nein, der ewig-jungfräuliche Comicbuchverkäufer preist sie als Graphic Novels an. Die Stoffe wurden ernster, die Geschichte vieler Helden völlig neu erzählt. Gerade Batman hat dieser Vorgang nachhaltig verändert. Aus dem merkwürdig angezogenen Fledermausmann, der gemeinsam mit Robin und ausgefallenen Gadgets gegen ebenso seltsame Verbrecher kämpft, wurde ein Getriebener – eine zutiefst gespaltene Figur, die sich im Kampf gegen das Verbrechen selbst zerstört. Aus Gotham City wurde ein dunkler Ort, der nur noch von der Dunkelheit in Batman selbst in den Schatten gestellt wird. Sämtliche Neuverfilmungen des wohl eindringlichsten amerikanischen Alltagsmythos greifen diese späte Interpretation Batmans auf. Während Tim Burton allerdings den verschrobenen Charme noch zu gewissen Teilen beibehält, ist Nolans Batman am kompromisslosesten. Auch Rocksteadys Batman, Held eines der vielleicht besten Spiele der aktuellen Konsolengeneration, Arkham Asylum, folgt dieser düsteren Interpretation.

Doch gerade als die Zeit der düsteren Superhelden ihren Zenit erreicht zu haben scheint, wirft Monolith Productions die letzten dreißig Jahre über Bord und konzentriert sich wieder auf die Anfänge der Figur, die in den Detective Comics der späten dreißiger Jahre zu finden sind. Und darüber hinaus verwerfen sie ebenfalls eine der Grundprämissen Batmans, denn in Gotham City Impostors wird getötet, sogar sehr viel. Damit diese Entscheidung nicht das Batman-Universum implodieren lässt, kann man in Gotham City Impostors weder Batman noch den Joker spielen. Wie der Name “Impostors” schon sagt, handelt es sich nämlich um Hochstapler, engagierte oder chaosliebende Bürger Gotham Citys, die Batman oder Joker zu Ehren in deren Rollen schlüpfen. In Teams ringen die beiden Gruppen daraufhin um den Sieg in drei verschiedenen Spielmodi. Und da beide nicht das nötige Kleingeld haben, um ihre Gegner mit Gadgets zu betäuben, greifen sie zu “effektiveren Methoden”, wie es im wunderbar selbstironischen Tutorial erklärt wird. Auch die Kostüme und Waffen sind größtenteils selbstgebaut.  Der Konflikt zwischen Bats und Jokerz, so nennen sich die verfeindeten Gruppen, findet sich auch im Comic-Universum wieder, allerdings nicht wie zu erwarten in den Anfängen, sondern erst 2010, also zu einem Zeitpunkt, als sich das Spiel schon in Entwicklung befand. Nachdem unbescholtene Bürger von der Joker-Droge zu Joker-Ebenbildern werden, schließen sich andere Bürger im Namen Batmans zusammen, um für Recht und Ordnung zu kämpfen. Gotham City Impostors nutzt diesen Konflikt nun und verlagert ihn mit viel Augenzwinkern zurück. So entsteht eine Camp-Variante des Batman-Universums, am ehesten zu vergleichen mit der Serie der 60er Jahre. Heute kann man kaum glauben, dass es sich bei dem von Adam West verkörperten 60er-Jahre-Batman und dem Batman Christian Bales um ein und dieselbe Figur handelt.

Nach dem eben erwähnten Tutorial, das humorvoll den Umgang mit den selbstgebastelten Waffen lehrt, macht sich allerdings schnell Ernüchterung breit: Immer wieder kommt es zu Verbindnungsabbrüchen, die Zeit, die man mit dem Warten verbringt ist häufig länger als die eigentliche Spielzeit. Hier hat sich seit der Beta-Phase nichts verändert. Hat man dann endlich eine Gruppe gefunden, präsentiert sich das eigentliche Spiel als ein bunter Mix oder vielleicht auch dreister Diebstahl bereits bekannter Shooter-Versatzstücke. Kern der Spielerfahrung ist ein Ränkesystem, das bereits sehr stark an Call of Duty erinnert. Insgesamt 500 Level gilt es freizuschalten, auf jeder Stufe wird ein Bonus verfügbar – seien es zusätzliche Waffen, Geräte, Körpertypen oder Perks. Die verfügbaren Körpertypen samt ihrem Humor und Design scheinen sehr ähnlich zu Team Fortress 2 zu sein. Valves Team-Shooter hat sich vor fünf Jahren bereits von gängigen Zweiter-Weltkrieg-Szenarien entfernt und ein eigenes skurriles Universum geschaffen; ein Universum, das sich an den Animationsfilm-Trend der letzten Jahre anlehnt. Gotham City Impostors nutzt dieses Design nun, um das Batman-Universum indirekt mit dem Pixar-Stil zu bereichern. Dabei schafft es die Kopie der Kopie, die Gotham City Impostors in Hinblick auf den Stil ist, alle Einflüsse zu einem eigenen Mix zu verquicken.
Dem Spiel fehlt jedoch die taktische Komponente der Charakterklassen von Team Fortress 2, sie unterscheiden sich nur in Schnellligkeit und Trefferpunkten. Eine für jeden Charakter ganz eigene Strategie, wie sie in Team Fortress 2 gefordert ist, findet sich hier nicht. Taktisches Vorgehen wird nur von den Zusatzgeräten eingefordert. Die Spielmodi sind im Grunde genommen ebenfalls nur emulierte Spielmodi anderer Mehrspieler-Shooter. Im Psychokrieg muss eine Batterie gestohlen werden, um das gegnerische Team vorübergehend kampfunfähig zu machen – simples Capture-the-Flag also. Ebenso sind der Domination-Modus (das Halten bestimmter Punkte für eine gewisse Zeit) und Team-Deathmatch hinlänglich bekannt.

Dennoch macht das Spiel, wenn einem der Zutritt denn gewährt wird, großen Spaß. Und das liegt vor allem an den zahlreichen Gadgets der Impostors. Geräte wie der Enterhaken, der Bat-Gleiter, Springstiefel oder Rollschuhe beschleunigen das Gameplay. Die Maps nutzen den Raum in allen drei Dimensionen aus, oft landen Gegner direkt hinter dem Spieler und schleichen sich langsam an – wenn sie ihn nicht schon mit einem Sturzflug getötet haben. Anders als man zunächst vermuten könnte, steuern sich die abgedrehten Zusatzgeräte auch auf Konsolen hervorragend. So sehr sie den Spielfluss bereichern, so sehr stört dann aber auch ihre fehlende Balance. Gerade die Gadgets mit denen man weite Strecken leicht überwinden kann (Enterhaken und Bat-Gleiter), sind wesentlich wirkungsvoller als die übrigen. So ist ein Einsatz der Springstiefel beinahe schon ein spielerischer Nachteil.

Im Moment wirkt Gotham City Impostors also noch recht unfertig, es scheint, als wäre es noch in einer verlängerten Betaphase. Monolith hat bereits für die nächsten Wochen Updates angekündigt, die den Spielfluss und die Serververbindung verbessern sollen. Ein erster kostenloser DLC ist ebenfalls angekündigt. Dass Warner ein noch nicht ganz fertiges Spiel auf den Markt bringt, ist ärgerlich. Vermutlich liegt hier jedoch eine Marktstrategie zu Grunde, die aus dem App Store wohlbekannt ist: Durch erneute kostenlose Updates erlangt das Spiel immer wieder Aufmerksamkeit und schafft es wieder in die Verkaufscharts der Konsolen-eigenen Shops.

Doch schon jetzt lässt sich feststellen, dass sich hinter dem zarten Grau des Warteraums ein ausgezeichnetes Spiel verbirgt. Ein Spiel, das sich selbst nicht ernstnimmt und sogar damit kokettiert. Und alleine für die Entmystifizierung von Batman muss man Monolith dankbar sein.

Gotham City Impostors
Studio: Monolith Productions
Publisher: Warner
Release: 07.02.2012
Preis: 15 € (Download)
Plattform: PS3, Xbox360, PC
getestete Plattform: PS3

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