Iron Sky | Berlinale 2012 – Panorama Special


Der lustigste Film der Berlinale. Iron Sky ist nicht ein Recycling des cineastischen Nazimotivs, sondern eine durchwachsene Gesellschaftssatire. Timo Vuorensolas Iron Sky kann man in seiner Prämisse am besten durch ein Beispiel wie H&M erklären, mit ihren verschiedenen mit großen Namen gebrandeten Kollektionen. Und die Regel von H&M sagt, dass, wenn ein T-Shirt mit AC DC oder Iggy Pop neu im Verkauf erscheint, dann sind diese Namen, sind die dazugehörenden Gesichter nicht mehr Ikonen einer (Pop-)Kultur, sondern komplett in ihrer Bedeutung annulliert und zur Massenware erklärt. Es bleibt nur das Bild, die Oberfläche, und die gilt es möglichst gut zu verkaufen, an ein breites Publikum.

Iron Sky macht dies vom Beginn an, überraschender Weise nicht mit dem Nazimotiv, denn die Prämisse des Films ist ja, wie erwähnt, dass das Nazimotiv schon längst diesen Status erreicht hat. Nein, es geht um die USA. Nach 50 Jahren schickt eine Sarah Pallin nachempfundenen Präsidentin mal wieder ein Raumschiff auf den Mond. Als Teil der Wahlkampagne, denn der Mondflug ist eines der wenigen unangetasteten großen Symbole Amerikas. YES WE CAN steht auf den Bannern der Raumkapsel, denn die Mondlandung ist nur noch ein mediales Event. Damit möglichst viele Wähler erreicht werden, wird diese Kampagne unter dem Motto BLACK ON THE MOON durchgeführt und das schwarze Model James Washington (Christopher Kirby) macht diesen Slogan war.

Es stellt sich heraus, dass die dunkle Seite des Mondes seit 1945 von Nazis bevölkert ist, die dort eine arische Gesellschaft aufbauen und heimlich die Rückkehr auf die Erde planen. Um sie endlich zu erobern, wie es Klaus Adler (Götz Otto) und seine Anhänger im Sinne haben, oder, wie Renate Richter (Julia Dietze) in ihrem Erdunterricht lehrt, um die Erdbewohner von der Überlegenheit der inzwischen über Jahrzehnte ins Absurde kultivierten Arischen Ideologie der Reinheit und Tugend zu überzeugen, um die Menschen also zum Nationalsozialismus zu konvertieren.

Es wird furchtbar lustig sloganisiert in Iron Sky – die zwei Kulturen, die gegeneinander auftreten, sind ausgelaugt und auf der Kippe: Der Führer fährt einen schwarzen Volkswagen, kaut ständig Bonbons gegen seinen psychosomatischen Husten und ist nicht mal ein Abziehbild Hitlers. Gespielt wird er von Udo Kier, dessen Rollengeschichte man bisher für schwer zu toppen hielt. So unwichtig seine Rolle im Film ist, steht er als Führer exemplarisch für die Hürde von Iron Sky als Komödie und im Umgang mit dem Nazimotiv die Geschichte zu überwinden. Die Satire war dafür der richtige Weg. Denn eigentlich brauchen diese Nazis gar keinen Führer mehr als Leitbild, ihre Kultur hat das schon längst durch einen durch zehn Minuten aus Der große Diktator – die wenigen, die sie kennen – beflügelten Traum ersetzt, einen Traum, welcher wie der American Dream zur Geburt und zum Aufstieg einer Nation führte. Ein Traum so konsistent und lächerlich rein, dass er an die naive Abhängigkeit des Kapitalismus von Ikonen, von Leitbildern und manipulierenden Credos anknüpft und, im Zuge der zahlreichen Plottwists, für die Wahlkampagne der Präsidentin übernommen wird, nach der schiefgelaufenen Mondmission. Allein das Hakenkreuz wird getauscht. Dieser Traum vereint das, was Amerika schon immer geteilt hat: Religion und Wissenschaft. Das ist nur einer der großartigen Momente des Films, der sich in dieser Hinsicht als Fundus zeigt. Aber immer geht es nur um das eine: Leitbilder gibt es nicht mehr, sie werden nur noch recycelt und neu verkauft. Darüber hinaus bestehen die Verkäufer selbst nur noch aus Image, die Industrie existiert auch nur, um solche Bilder zu suchen und neu abzuleiten, die Kommunikation zwischen Menschen blickt nicht mehr auf das abwesende Individuum, versucht dieses auch nicht mehr zu finden, sondern vergnügt sich mit dem Image. Staaten, ob USA, China, Nordkorea oder die Emirate sind ebenfalls nur noch als Image da, am seit Dr. Strangelove klassisch gewordenen runden Tisch, sie sitzen nur noch an diesem Tisch und lästern oder lachen übereinander.

Macht, hingegen, wird nur noch zwei Teilen der Gesellschaft zugestanden: den Verrückten und den Konzernen. Denn eigentlich kommen die neuen Nazis als kleine Geräte von Apple und setzen metaphorisch Kriegsmaschinerien in Bewegung. Das ist natürlich nichts Neues, dennoch ein wichtiger Ansatz, der in den letzten Jahren oft über die Leinwände geisterte: Apple Chic verbunden mit einer faschistischen Haltung – Kritik an Kapitalismus als Kritik ihres Kapitals, ihres Image.

Doch zurück zu den T-Shirts, zur Image-Sinnentleerung und ihrem Verkauf: Iron Sky betritt in dieser Hinsicht einen momentan im Kino sehr wichtigen Weg: Er baut auf die relativ junge Video-remash-Tradition in YouTube auf und erschließt sich somit ganz neuen Zielgruppen. Aus den vielen Szenen dieser Art sei auf eine Szene aus Der Untergang hingewiesen. Die inzwischen dank YouTube längst vom Sinn befreite und auf ihre formellen Bestandteile reduzierten und immer neu erfundenen Szene ist zu einem Meme geworden, zu einem sich rasant verbreitenden Internetwitz. Sie wird in Iron Sky auch aufgenommen, und zum ersten Mal nicht nur mit neuen Dialogen versehen, sondern, den Möglichkeiten entsprechend, neu besetzt. Das Meme ist somit offiziell ins Kino eingezogen.

Genug geschrieben, Iron Sky ist in erster Linie ein Film für die Bauchmuskeln. Ich wünsche Euch viel Erfolg mit den Karten und viel Spaß bei der Gesangsstunde, mit dem Dritten Weltkrieg, der ein Sternenkrieg wird, dabei, zu erfahren, wer gerne mit Atomwaffen angibt und wer seine nicht ausrüstet, mit der Götterdämmerung und den vielen Eastereggs, die Iron Sky für Euch bereit hält!

Hier geht es zu unserer tagesaktuellen Berichterstattung von der Berlinale 2012.


Und hier ist der Trailer zu Iron Sky

  • Alex

    Dieser Artikel hat mich sehr verwirrt. Vielleicht muss man den Film erst sehen, um diesen Text zu verstehen.

  • Kadir Güngör

    Ich habe den Film gestern gesehen und war fast schon n Stück weit enttäuscht.. denn das, was die (grandiosen) Trailer versprochen haben, konnte der Film meiner Meinung nach letztendlich nicht wirklich halten. Was ich erwartet habe, war keine Action, sondern viel derber schwarzer Humor und Biss. Ja, sicher der Film ist lustig, aber für eine Satire, die es ja sein will, ist er einfach viel zu “nett” …

    • http://www.negativ-film.de/ Ciprian David

       ist halt die frage, ob ein film mit oder über nazis böse zu sein hat, um satyre sein zu dürfen. ich las ihn, wie ich schrieb, als metasatyre, als eine lustige erklärung des nazimotivs als marke ohne anderes eingenwert als den namen. die usa-satyre fand ich für einen kinofilm sehr gelungen: einige punkte, überspitzt dargestellt, und sehr unterhaltsam zusammenverpackt.

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