Jayne Mansfield’s Car | Berlinale 2012 – Wettbewerb


Eröffnet wird Billy Bob Thorntons Jayne Mansfield’s Car von einer Zeitlupenaufnahme einer amerikanischen Kleinstadtszenerie der 1960er. Schwebend gleitet die Kamera an Geschäften mit bunten Reklametafeln, Müttern und Töchtern in adretten geblümten Kleidchen, behüteten Männern, glänzenden Autoschlitten auf breiten Straßen vorüber. Das alles unterlegt von bedeutungsschwangerer, leicht pathetischer Musik. Eine Bestandsaufnahme der USA – besser der USA wie sie einst war – noch besser der USA wie sie wohl nie wirklich war, aber hätte sein sollen – wird dem Zuschauer angeboten. Am Ende der Sequenz steht die Jahreszahl: 1969. Schlagartig wird klar, dass der gezeigte Zustand – oder gar der Traum eines solchen Zustands – des Landes keinen Bestand haben wird. Die Zeitlupeneinführung ist der letzte elegische Blick auf den Mythos Amerika, auf den unbeschadeten American Dream.

Gleich darauf bringt uns der Film auch mitten hinein in die Schwierigkeiten der Zeit. Die Kleinstadt wird heimgesucht von einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg. Anführer der Hippies ist Carroll (Kevin Bacon). Dessen Vater Jim (Robert Duvall) sitzt währenddessen beim Friseur und beschwört das Ende der Stadt herauf, sollte ein Yankee Bürgermeister werden. Als er aber von dem Aufstand erfährt, den sein Sohn macht, stürmt der Patriach los um ihn zu maßregeln.

Jim hat nicht nur den einen Sohn. Mit Skip (Billy Bob Thornton) ist er ähnlich unzufrieden wie mit dem schwarzen Schaf Carroll. Skip lebt noch zu Hause in der großen weißen Familienvilla, verbringt seine gesamte Zeit mit seinen Autos, ist ein seltsamer Einzelgänger. Der dritte Sohn, allerdings, Jimbo (Robert Patrick), gerät nach dem Geschmack des Vaters. Auch er lebt beim Vater, hat jedoch eine anständige gottesfürchtige Frau und einen wohlgeratenen Sohn im Teenageralter und lebt sein Leben nach Vorbild des Patriarchen. Die Mutter hat die Familie schon vor Jahrzehnten verlassen, ist nach England ausgewandert, hat dort einen Witwer geheiratet. Jim und seine Kinder müssen nun erfahren, dass die Mutter Naomi an Krebs gestorben ist. Ihr letzter Wille war, dass sie in ihrer alten Heimat begraben werden möchte. Daher reist ihr Ehemann Kingsley (John Hurt) mit Naomis Stiefkindern Camilla (Frances O’Connor) und Phillip (Ray Stevenson) in die USA. Auch Jims viertes Kind, die Tochter Donna (Katherine LaNasa) kommt nach Hause. So treffen zwei sehr unterschiedliche Familien aufeinander, wodurch innerfamiliäre Konflikte aufbrechen und sich so manche Beziehung verschiebt.

Beiden Familien fehlt die Mutter, dadurch sind die Väter die Mittelpunkte der Beziehungsgeflechte. Die Töchter Jims und Kingsleys scheinen in ihrem Leben alleine und gut zurecht zu kommen, beide sind lebensbejahend, kommunikativ und mit sich im Reinen. Die Männer im Film allerdings haben alle Schwierigkeiten in ihren Leben. Die Söhne begründen diese immer mit dem Verhältnis zum Vater. Beide Väter verhalten sich gegenüber ihren Söhnen distanziert, zeigen offen ihre Enttäuschung über deren Fehler. Besonders Duvalls Jim ist seine Unfähigkeit zur Kommunikation mit den Söhnen anzumerken, das mit kratziger Stimme gepresste „Yeah“ quittiert fast jede persönliche Frage oder bricht angefangene Gespräche ab. Doch die Vater-Sohn-Konflikte sind keineswegs nur durch mangelnde Kommunikation oder fehlende Empathie zu begründen. Bei der Suche nach dem Grund muss man tiefer graben, die Ursachen für diese Eigenschaften suchen – finden wird er sich im Krieg.

Jim und Kingsley dienten im Ersten Weltkrieg, ihre Söhne im Zweiten. Während sich bei Kingsley die Kriegsversehrtheit direkt an einem lahmen Bein zeigt, ist Jim seit seiner Zeit als Sanitäter besessen vom Sterben und Tod und fährt zu jedem Autounfall in der Gegend um die Toten zu sehen. Trotz dieser Erfahrungen – oder vielleicht auch wegen ihnen – verwenden die alten Männer den Kriegseinsatz als Prüfung des Charakters. Zwischen ihnen, die ja eigentlich verfeindet sind, weil sie dieselbe Frau liebten, kommt es durch den Krieg zu einem Gespräch und durch dieses langsam zur gegenseitigen Wertschätzung. Es wird deutlich, dass ihre Söhne auch deshalb in den Krieg zogen, weil sie dem Vorbild der Väter folgen wollten, seinen Einsatz wiederholen wollten. Doch die Väter richten nun anhand ihrer Leistungen im Krieg über ihre Kinder. Philipp wird von seinem Vater heruntergesetzt, weil er gleich nach Beginn seiner Dienstzeit im Pazifikkrieg von den Japanern gefangen wurde und nicht wirklich gekämpft hat. Jimbo hat ebenfalls nie in einer Schlacht gekämpft, war nur in einer Wäscherei tätig und sieht das als persönliches Manko an. Carroll war Sanitäter wie sein Vater und ist schwer traumatisiert, ebenso wie Skip, der als Flieger beinahe verbrannt wäre. Die Absurdität der kriegerischen Tradition und Persönlichkeitsbildung zeigt sich daran, dass die Väter einerseits den Einsatz ihrer Söhne fordern, mit ihren Verletzungen aber nicht umgehen können, wohl auch aus Schuldgefühlen ihnen gegenüber.

Die Zeitlupe vom Anfang wird noch mehrfach wiederholt. Immer dienen die Sequenzen als Bestandsaufnahme. Doch sind die weiteren nicht verklärend wie die einleitende. Sie gleiten vielmehr die Gefühlszustände der einzelnen Familienmitglieder ab. Sie fangen die Stimmung innerhalb der zwei Familien ein, aber im Zusammenhang mit der ersten sagen sie auch etwas über Amerika aus. Der ewige Kreislauf des Krieges, der Generation um Generation bestimmt und die Vorstellung einer amerikanischen Idylle auch vor Vietnam und den Umwälzungen der 1960er vollkommen ins Reich der nationalen Mythologie, des Traums ohne Realitätsbezug verweist, wird anhand der Familie thematisiert. Die Verletzungen, die alle davontragen, stehen dem Glück jeder Familie entgegen. Jeder Vater wird zu einer nicht aufzulösenden Mischung aus Vorbild für Männlichkeit und Heldentum sowie Abschreckung aufgrund von den Verletzungen, die in Liebes- und Kommunikationsunfähigkeit münden. Das Schlimme ist, dass es immer wieder einen neuen Krieg gibt, dass sich junge Männer immer wie ihre Väter beweisen wollen, und dass Väter ihre Söhne nicht davor bewahren können.

Jayne Mansfield’s Car thematisiert den Krieg und das Geschick Amerikas im letzten Jahrhunderts durch das ausgefeilte Porträt einer Familie. Sein größter Verdienst ist es, dass er die tragischen Episoden mit  Urkomik zu einem weiten Panorama zusammenstellt, das durch die hervorragend geschriebenen Charaktere zusammengehalten wird. Nach diesem fünften Tag bei der Berlinale 2012 bin ich überzeugt, dass es ein gutes Jahr für das Festival ist, und ich würde mich freuen, wenn am Samstag Thorntons Werk gewürdigt wird.

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