Keyhole | Berlinale 2012 – Berlinale Special


Keyhole ist der Film, auf den ich mich schon lange sehr freue und der daher auch der einzige war, den ich wirklich mit großer Vorfreude bei der Berlinale sehen wollte. Der Film von Guy Maddin hatte eine große Zuschauer-die-aus-dem-Raum-flüchten-Quote, mich hat er aber gar nicht enttäuscht.

Eigentlich ist auch recht klar, was man bei Maddin zu erwarten hat. Seine Motive ziehen sich durch sein gesamtes Filmschaffen und auch seine Herangehensweise ist zwar keineswegs ohne Entwicklung, dennoch oft sehr ähnlich. Es ist nicht die Variation, des Stils oder der Elemente, als vielmehr ihre neuerliche Beleuchtung mit leicht anderer Ausgangsbasis, die die Filme auszeichnet. Maddin ist ein Auteur in einer sehr reinen Form, denn nicht nur sind seine Filme einzigartig, sondern sie bilden ein sehr kompaktes Werk, vor allem aber ist dieses nicht nur von Maddins Vision als Filmemacher geprägt, sondern seine eigene Person tritt deutlich hervor. Dadurch ist es allerdings auch sehr schwierig, einen seiner Filme losgelöst von den anderen und von Maddin selbst zu betrachten. Mir fällt kein Filmemacher ein, bei dem dies in ähnlich großem Ausmaß der Fall ist.

In seinen letzten Filmen hat Maddin die Bedeutung seiner eigenen Familiengeschichte für sie sehr deutlich gemacht. Sie besteht seit seinem ersten Kurzfilm The Dead Father aus dem Jahr 1986, doch hat er sie durch immer konkretere Bezüge klarer in den Vordergrund seiner Filme gestellt. Den Höhepunkt davon erreichte er mit My Winnipeg, der allgemein hin auch als Dokumentation gehandelt wird. In ihm lässt Maddin Stationen seiner Kindheit wieder aufleben und vermischt diese mit wahren und erdachten Mythen seiner Heimatstadt Winnipeg. Den Rahmen des Films bildet er selbst, der im Zug durch die Stadt und durch die Zeiten reisend versucht, aus seiner Vergangenheit zu entfliehen. Am Ende steht die Erkenntnis, dass dies niemals gelingen wird, dass er immer so viel mehr in der Vergangenheit, den Legenden und Träumen leben wird, als in der Gegenwart. Diese macht ohne das Vergangene auch keinen Sinn, dies ist eine Erklärung für den oftmals altmodischen Anstrich, den Maddins Werke haben. Nun stellte sich die Frage, wie Maddin nach My Winnipeg verfahren wird. Zunächst erscheint es so, als habe er sich etwas von der Maddin-Vergangenheit gelöst.

Wir schauen durchs Schlüsseloch, in das Haus der Familie Pick hinein, und weiter, hinter die zunächst verschlossenen Türen der Innenräume. Der Vater der Familie, Ulysses (Jason Patric), kehrt nach langer Abwesenheit zurück ins Haus. Doch er kommt nicht alleine, er wird begleitet von einer zusammengewürfelten Truppe verschiedener Personen, die alle unter seinem Kommando stehen. Offenbar werden sie von der Polizei verfolgt, die das Haus umlagert und mit der es zum Schusswechsel kommt. Außerdem hat die Gruppe einen jungen Mann (David Wontner) in Fesseln bei sich. Wie sich herausstellen wird, handelt es sich um Ulysses Sohn, das einzige seiner vier Kinder, das offenbar noch am Leben ist. Ulysses möchte seine Ehefrau Hyazinth (Isabella Rossellini) um Verzeihung für seine begangenen Fehler bitten. Dazu muss er sich durch das Haus vorarbeiten, sich auf eine Odyssee der Erinnerung begeben. Denn die Türen öffnen sich nur, wenn er sich an Vergangenes erinnert.

„Remember, Ulysses, remember!“, das ist der erste Satz im Film und das Erinnern ist seit jeder das zentrale Element in Maddins Werk. Sein Filmstil erinnert Filme, der Schnitt empfindet Erinnerungsprozesse nach, die Geschichten handeln von Erinnerung, Maddins Erinnerung ist dabei der Fundus. Erinnern ist dabei Ausdruck einer Sehnsucht und gleichzeitig Qual. Keyhole entfernt sich nur auf den ersten Blick von Maddins persönlicher Erinnerung. In gewisser Weise schließt der Film einen Kreis zu Maddins erstem filmischen Versuch. In The Dead Father sucht der tote Vater die Familie heim. Am Ende muss der Sohn dessen Leichnam verspeisen, um sich endlich zu lösen und die Familie zur Ruhe kommen zu lassen. Maddins Vater starb als Maddin ein Jugendlicher war. In Keyhole schauen wir jetzt nicht wie in The Dead Father in das reale Zuhause der Familie, auch nicht in eine Nachstellung wie in My Winnipeg. Wir schauen in das Jenseits des Hauses. Wir gucken durch das Schlüsseloch des Maddin-Totenreiches. Dort treffen die toten Familienmitglieder zusammen. Maddin erdenkt sich dieses Zusammentreffen aber nicht als einfache Wiedervereinigung. Bis eine solche möglich ist, müssen die alten Erinnerungen aufgearbeitet werden. Die Annäherung zwischen Vater und Mutter gestaltet sich auch deshalb schwierig, weil sie viel länger lebte als ihr Mann (Maddins Mutter lebt meines Wissens nach noch). Der Vater hat in seiner langen Totenzeit viele Gefährten angesammelt, die ihm das Erinnern erschweren. Erst mit der langsamen Eliminierung der Mitglieder seiner Gruppe nähert er sich dem Zimmer seiner Frau. Sie stehen für die Verteidigungsmechanismen des Mannes gegen die schmerzhafte Erinnerungsarbeit. Das entscheidende Element in der Vereinigung der Familie ist allerdings der Sohn. Manners, wie er hier heißt, steht für Maddins Bruder Cameron, der sich im Teenageralter auf dem Grab einer verstorbenen Freundin das Leben nahm. Im Film sieht es so aus, wie wenn sein Schicksal denselben Weg gehen würde. Dann aber bleibt für ihn diese letzte Tür verschlossen, er bleibt im Haus, bildet mit Mutter und Vater die Familie. Maddin lässt sich seine Figuren durch die Erinnerungen wühlen und erträumt sich dabei die Wiedergutmachung des größten Dramas seiner Familie herbei. Was im Leben immer nur zu Schmerz und Sehnsucht führt, kann im Jenseits die Wunden heilen.

Hier ein Text zum Werk Guy Maddins.

Den Trailer zu Keyhole findet ihr hier.

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