Die langlebigste Fernsehserie des Deutschen Fernsehens ist seit geraumer Zeit auch als DVD im Handel erhältlich. Bei Fans mag spontan Freude aufkommen, gemindert wird diese jedoch, wenn man genauer hinschaut. Denn nicht jede neue Box hat einen tieferen Sinn. Ein Paradebeispiel für eine völlig misslungene Veröffentlichung ist die “Star-Auftritte-Box”. Die Stars sind Monica Bleibtreu, Christoph Waltz und Berti Vogts. Erstere wurden erst nach ihren Tatort-Auftritt zum Star, letzterer spielt eine so unbedeutende Rolle (und das ohne jedes schauspielerische Talent), dass er nicht einmal in der Besetzungsliste erwähnt wird, die auf der Innenseite der DVD-Papp-Hülle abgedruckt ist. Die DVDs wurden bereits an anderer Stelle veröffentlicht. Das bemerkt man schnell, wenn man die Bonusmaterialien auswählt: Den Hessenschaubericht über Tatort-Dreharbeiten eines Requisiteurs kann man sich gleich zweimal ansehen. Es ist nicht weiter schlimm, wenn Bonusmaterial doppelt verwendet wird, wenn es allgemeine Infos zum Tatort bieten kann. Doch innerhalb einer Box sollte so etwas nicht passieren! Da sei zunächst Tollpatschigkeit und keine böse Absicht den Herausgebern unterstellt. Die Gemeinheit dabei ist es, mit “exklusiven Extras” zu werben, riecht nach Geldmacherei.
Nichtsdestotrotz sind zumindest Zweidrittel der erneut veröffentlichten Folgen äußerst sehenswert. Den Wiener Tatort Wunschlos tot halte ich für einen der besten überhaupt, Christoph Waltz glänzt in der Rolle eines Kommissars, der an dem Sinns eines Berufes zweifelt und aufgibt, zugleich aber den Kollegen Impulse gibt, ihre Arbeit mit mehr Nachdruck auszuüben. Der Mann aus Zimmer 22 ist einer von vielen guten Fällen des fast nie enttäuschenden Haferkampf (Hansjörg Felmy). Hier jagt Haferkamp einen Frauenmörder, der jeden Moment erneut zuschlagen könnte, doch der einzige Zeuge verweigert die Aussage, da er befürchtet seine Affäre zu der Frau eines Kollegen würde ans Tageslicht kommen. Nur der dritte Fall Habgier, der die Box komplettiert, ist völlig fehl am Platz. Zu konstruiert ist die Handlung, kaum Spannung, kaum interessante Figuren. Bleiben die beliebten Kommissare Stöver und Brockmöller (Charles Brauer/Manfred Krug): Immerhin eine Gesangseinlage ist enthalten. Der Auftritt von Berti Vogts gehört zu den skurrilsten Momenten der Reihe, kann aber den Film nicht retten. Wäre statt Habgier ein Film in die Box geraten, der mit Wunschlos tot und Der Mann aus Zimmer 22 mithalten kann, wäre eine Veröffentlichung im Sinne einer zweiten Klassiker-Box nach der bereits erschienenen (zur Rezension) durchaus akzeptabel gewesen. Da jedoch bereits im März eine Fortsetzung der Klassiker-Box auf den Markt kommen wird, wollten sich die Herausgeber wohl etwas Neues einfallen lassen.
Der Mann aus Zimmer 22 / Wunschlos tot / Habgier
Deutschland 1974/1974/1987; 80/87/87 Min.
Bildformat: 1:33:1, 4:3 / 1:33:1, 4:3 / 1,78:1, 16:9
Tonformat: 2:0 Mono
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial:
- Der Mann aus Zimmer 22: Hansjörg Felmy wird 75; Dreharbeiten aus der Sicht eines Requisiteurs; Kommissar-Porträt
- Wunschlos tot: Tatort-Drehbericht; Outtakes der Tatort-Folge und Interview mit Bruno Dallansky
- Habgier: Hessenschau: Tatort-Dreharbeiten aus der Sicht eines Requisiteurs; Kommissar-Porträt; Trailer
Die Fortsetzung der Odenthal-Box offenbart die grundlegenden Probleme der Tatort-DVDs: Es sind einfach zu viele Fälle. Man muss eine Auswahl treffen. Von den inzwischen 55 Fällen der Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkers) wurden drei ausgewählt. Zwei aus den 90ern, einer von 2008. Ob letzterer wirklich in die Box gehört, kann weniger aus qualitativer, sondern vielmehr aus zeitlicher Sicht bewertet werden: Denn wäre es nicht sinnvoll zunächst einmal sich auf das Herausgeben von älteren, in den Köpfen der Fans weniger präsenten, Tatorten zu kümmern, als einen in den letzten Jahren insgesamt fünfmal wiederholten Fall zu zeigen, sei er auch noch so gut? Zumal ein potentieller Käufer vermutlich ein größerer Fan der Kommissarin sein müsste und somit die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass er neuere Folgen aufgenommen hat, da dies inzwischen immer einfacher geworden ist.
Wirkliches Interesse wecken also nur die Anfänge. In der ersten Odenthal-Box waren ihr 1. ihr 11., ihr 14. und ihr 26. Einsatz enthalten. Nun folgen Fälle 3, 9 und 45. Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Der Tatort-Fan weiß nicht, ob er irgendwann eine repräsentative Auswahl im angemessenen Umfang auf DVD kaufen kann oder ob er lieber die Fernsehzeitung nach Wiederholungen durchsuchen sollte.
Der weniger versierte Tatort-Interessierte mag sich dennoch für die Qualität der in der Box enthaltenen Filme interessieren: Fall 3, Tod im Häcksler, ist nicht nur dank des Auftrittes von Ben Becker ein gelungener Tatort. Odenthal wird hier in ein pfälzisches Dorf geschickt, um das Verschwinden eines rumänischen Aussiedlers aufzuklären. Doch die Dorfgemeinschaft ist an Zusammenarbeit in dieser Sache nicht interessiert… Bei Fall 9, Schlaflos Nächte, ist der Trash-Faktor äußerst hoch: Die Schülerin eines Internats stürzt während der Abiturfeier vom Dach. Bei den Ermittlungen stößt Odenthal auf ihre Affäre mit dem Vorsitzenden der Internatsstiftung, einen Möbelhausbesitzer. Bevor sie den Mörder findet, gibt es noch einige unwahrscheinliche Wendungen. Die Art und Weise, wie das dekadente Treiben des Möbelhausbesitzers dargestellt wird, wirkt jederzeit übertrieben bis lächerlich. Für Odenthal-Fans ist der Fall aber durchaus sehenswert, hier ist Odenthal noch ständig im Kampf gegen die geballte Männlichkeit, ein Kampf der in den neueren Folgen keine Rolle mehr spielt. Fall 45, Der Glückliche Tod, behandelt ein brisantes Thema: die Sterbehilfe. Über die Qualität des Falls lässt sich hingegen streiten. Sicherlich ist die Thematisierung äußerst wünschenswert und der Film schafft es ein ambivalentes Bild auf das Thema Sterbehilfe zu werfen. Der dazugehörige Mordfall ist jedoch schlecht konstruiert und macht (meiner Meinung) nach all die guten Ansätze zunichte.
Tod im Häcksler / Schlaflose Nächte / Der glückliche Tod
Deutschland 1991/1991/2008; 82/88/89 Min.
Bildformat: 1:33:1, 4:3/16:9/16:9
Tonformat: 2.0 Mono
Bonusmaterial:
- Tod im Häcksler: Die legendären Tatort-Kommissare; Dreharbeiten aus der Sicht eines Requisiteurs; Kommissar-Porträt; Trailer Bonusmaterial
- Schlaflose Nächte: Die legendären Tatort-Kommissare; Dreharbeiten aus der Sicht eines Requisiteurs; Kommissar-Porträt; Trailer Bonusmaterial
- Der glückliche Tod: Die legendären Tatort-Kommissare; Dreharbeiten aus der Sicht eines Requisiteurs; Kommissar-Porträt; Trailer
Schimanski-Fans haben jetzt Gewissheit: Es erscheint nun der erste Teil einer Schimanski-Komplett-Box, zu der es jedoch kein Presseexemplar gab. Das Erscheinen der Box wurde bei amazon.de von den Fans zwiespältig kommentiert. Trotz großer Freude regen sich viele darüber auf, dass nach unsortierten Boxen nun eine Gesamtbox nachgelegt wurde und nicht sofort alle Folgen herausgerückt wurde. Diese Kritik ist berechtigt. Es spiegelt sich hier die allgemeine Misere der Tatort-Veröffentlichungen: es gibt viel Müll, wühlt man sich hindurch, kann man ein paar Schätze entdecken, wie Beispielsweise die Tessin-Box (zur Rezension), wobei auch hier Unvollständigkeit zu beklagen ist. Die Wühlerei macht mehr Spaß, wenn man die zahlreichen Wiederholungen in den Dritten Programmen aufnimmt und privat archiviert.



