Contraband


Betrachtet man das US-Actionkino der letzten paar Jahre, macht sich ein deutlicher Trend zur Handheld-Kamera-Optik bemerkbar, der vergleichbar ist mit dem Programmkinofilmen in Europa. Man könnte diesen Trend zur intensified continuity, wie David Bordwell ihn nennt, in zwei Richtungen unterscheiden. Zum einen die Synthese dieser Herangehensweise mit der Videoclipästhetik z. B. eines Michael Bay. Zum anderen den extrem kinetischen Stil, der z. B. die Bourne-Filme und andere von Paul Greengrass auszeichnet und der versucht, die post-9/11 Paranoia mit dokumentarischen Mitteln des Realismus sinnlich greifbar zu machen. Zumindest bei letzterer Art kann man von einer Synthese von beidem, Mainstreamkino und europäischem Autorenfilm, sprechen. Abseits von riesigen Robotern und Piraten behaupten sich auch diese Filme immer häufiger kommerziell; so landete immerhin The Grey (Kinostart bei uns: 12. April) beim Start auf Platz 1. der US-Kinocharts. Da dürfte es nicht wundern, dass Contraband eine kalkulierte Mischung aus Miami Vice und The Italian Job ist, mit einem Schuss europäischer “Exotik”. Immerhin ist der Plot recht vorhersehbar, wenn auch an manchen Stellen ganz originell, und die Regie mit Baltasar Kormákur, dem Hauptdarsteller und Produzenten der Originalversion Reykjavik-Rotterdam: Tödliche Lieferung, zumindest so besetzt, dass es eine Verbindung zum skandinavischen Vorbild gibt.

Wenn man dem Kollegen Nils (der sich mit skandinavischem Kino besser auskennt als ich) Glauben schenkt, ist das amerikanische Remake von Reykjavik-Rotterdam nicht besser und nicht schlechter als das Original, und hinterlässt auch einen genauso geringen Eindruck. Denn abgesehen von einer Szene (die in Contraband nicht vorkommt) konnte er mir auch nichts Erinnerungswürdiges erzählen. Vielleicht liegt es daran, dass der Plot so unoriginell ist, dass er auf jeden x-beliebigen Heist-Film passt und gleichzeitig so viele unglaubwürdige Wendungen darin vorkommen, dass man vorzeitig das Hirn abschaltet: Weil sein junger Schwager Andy (Caleb Landry Jones) eine Lieferung Koks von Bord eines Containerschiffs werfen musste und jetzt Ärger mit einem Gangster hat, muss Chris Farraday (Mark Wahlberg) von seinem bürgerlichen Leben kurz Urlaub nehmen, um noch ein letztes Ding zu drehen und Andys Schulden zu begleichen. Doch kaum ist er an Bord eines Containerschiffs Richtung Panamakanal, terrorisiert der psychopatische Briggs (Giovanni Ribisi), dem der Schwager das Geld schuldet, Chris’ Frau Kate (Kate Beckinsale).

Immerhin verschwenden Regisseur Baltasar Kormákur und Drehbuchautor Aaron Guzikowski nicht viel Zeit mit elaborierten Erklärungen und kommen in einer action- und spannungsgeladenen Geschichte gleich zur Sache. Der Zeitdruck ist enorm, denn Chris hat nicht nur mit verrückten lateinamerikanischen Gangstern zu kämpfen, sondern auch mit einem höchst mißtrauischen Kapitän (J.K. Simmons, den viele noch als cholerischen Zeitungschef in Spider-Man in Erinnerung haben werden), der ihn keine Minute aus den Augen lässt, da er Chris’ Vergangenheit nur allzugut kennt. Im Verlauf der Schmuggelaktion, bei der viel Falschgeld nach Amerika geschafft werden muss, ergeben sich einige bizarre Wendungen, bei denen u.a. ein Jackson Pollock-Gemälde zum Running Gag verkommt. Dadurch lassen sich die Löcher in der Handlungslogik immerhin ein wenig verschmerzen. Zusätzlich wird – neben all den Gangstern, Sondereinsatzkommandos und Zollbeamten – die Zeit selbst für Chris zum größten Gegner. Zu dem ohnehin aberwitzigen Zeitdruck während der Operation gesellt sich ein verhängnisvoller Mißtrauensbruch im engsten Kreis der Familie Farraday, der noch mehr die Spannung erhöht.

Die ernsthafte Handlung wird hin und wieder durch kleinere Späße aufgelockert, bei der besonders Simmons’ griesgrämige Spielverderber-Rolle gut zum Tragen kommt. Jedoch bleiben die Witze meist nur eine Randnotiz. Mehr hätte der Geschichte auch eher geschadet. Ohnehin krankt der Film ein wenig an der allzu humoresken Auflösung gegen Ende, die fast zu stark an die Leichtigkeit von z.B. der Ocean’s Eleven-Trilogie erinnert. Die Doku-Optik – die die für das skandinavische Kino typischen kurzen Nahaufnahmen mit nachgereichtem Fokus der Gesichter beinhalten – gepaart mit einer Neo Noir-Ästhetik und Hubschrauberaufnahmen – erinnert dagegen schon stark an die neueren Filme von Michael Mann, jedoch ohne dessen dekonstruktivistische Herangehensweise an das Kriminalfilmgenre. Zudem spielt Wahlberg nicht überzeugender als sonst (aber zum Glück auch nicht so schlecht wie in manch anderen Filmen). Einzig allein das Tempo des Films kann zumindest kurzweilige Unterhaltung bieten. Besonders hohen Anspruch kann man von Contraband allerdings nicht erwarten, selbst wenn noch soviel die Kamera wackelt und natürliches Licht verwendet wird.

ContrabandPressespiegel auf film-zeit.de

Contraband / Contraband
R: Baltasar Kormákur
B: Aaron Guzikowski
K: Barry Ackroyd
D: Mark Wahlberg, Kate Beckinsale, Gionvanni Ribisi, Lukas Haas
USA/GB/F, 2012, 109 Min.
Universal Picture International Germany
Kinostart: 15.3.2012
FSK: ab 16 Jahren

Bildmaterial: Universal Pictures International