Die toten Fische | Diagonale 2012 Rückblick


In vielen Festivals wird ein Blick zurück geworfen. Auf eine Retrospektive wird selten verzichtet. Zurecht, denn die gegenwärtige Filmkunst muss ihre Vergangenheit kennen. Die Diagonale widmet sich dieses Jahr insbesondere Dokumentarfilmen von Frauen. Darüber hinaus ist mit Die toten Fische aus dem Jahr 1989 eine Rarität ausgegraben worden, die zu unrecht in den Tiefen der Archive versunken war. Der Film von Michael Synek hatte es immerhin ins Festivalprogramm von Cannes geschafft, doch er fand keinen Verleiher und wurde nur auf einigen weiteren Festivals gezeigt. Die Diagonale hat ihn bereits vor längerer Zeit wiederentdeckt, erst jetzt auch präsentieren können. Dafür kommt Festivalleiterin Barbara Pichler in das Schubert Kino und richtet ein paar einführende Worte ans Publikum. Sie verspricht einen ungewöhnlichen, singulären Film und ein besonderes Kinoerlebnis. Besonders auch in dem Sinne, weil die Restauration des Filmes noch nicht abgeschlossen ist. Wer Die toten Fische in seinen zwei Vorführungen auf der Diagonale sehen konnte, genoss ein Privileg. Es ist zu hoffen, dass es nicht dabei bleibt. Wir sahen die Originalkopie, die in Cannes eingereicht wurde, samt den französischen Untertiteln. Es ist nicht verwunderlich, dass der Film zweimal riss.

Die toten Fische basiert auf einer Kurzgeschichte von Boris Vian, eine alptraumhafte Parabel über Unterdrückung und die Qualen des Menschen. Ein surrealer Film, indem ein Arbeiter sich sein Geld mit dem Fischen von Briefmarken in einer Auenlandschaft verdient, um anschließend von dem Fahrkartenkontrolleur und seinem Chef geschunden zu werden. In poetischen Bildern wird der Alptraum geschildert, ein faszinierendes Werk, das durch seine Ästhetik und die angesprochenen Themen zeitlos ist. Auch durch seine vielen Anlehnungen an Werke der Filmgeschichte, sei es Metropolis, Panzerkreuzer Potemkin oder auch – laut Aussage Syneks – an Filme von Kurosawa.

Im Gespräch mit Regisseur Synek und Teammitgliedern wird deutlich, wie schwer es ist, einen Film am leben zu halten. Die toten Fische hätte einen Verleih finden können, das Geld für die damit verbundenen Kosten konnte niemand aufbringen, die Kopie wurde eingezogen. Nach 20 Jahren bekam Synek den Film zurück, es gab jedoch keine Negative mehr. Eine Restauration ist selbstverständlich möglich, aber hier stellt sich wieder einmal die Frage, wer das bezahlen soll. Der Abend hinterlässt zweierlei: Den Eindruck eines Meisterwerkes und das Bewusstsein, dass man diesen Film nur durch glückliche und zufällige Umstände zu sehen bekommt. Die Diagonale hält durch die Aufnahme des Films in das Programm den Diskurs über vergessene Filme am Leben und regt dazu an, mehr für den Erhalt alter Werke zu tun. Synek merkt an, dass jede Vorführung das Sterben seines Filmes beschleunigt. Dennoch war es wichtig ihn zu zeigen, da die Problematik des Umgangs mit dem filmischen Erbe eine öffentliche Diskussion braucht.

Hier findet Ihr unsere gesamte Berichterstattung von der Diagonale 2012.

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