Generation Kunduz – der Krieg der Anderen


Seit gestern ist Martin Gerners 2009 entstandener Dokumentarfilm Generation Kunduz – der Krieg der Anderen im Kino zu sehen. Es ist ein ambivalentes Bild, das der Film dem Zuschauer vom Alltag in Kunduz und vom Leben im umkämpften Afghanistan vermittelt: Zu gleichen Teilen hoffnungsvoll wie deprimierend fällt sein Porträt einer jungen Generation aus, deren Normalität der Ausnahmezustand ist.

Man lernt Mirwais kennen, einen Elfjährigen, dessen Eifer und Begeisterung für seinen Schulstoff allein durch die Notwendigkeit gebremst wird, sich und seiner Familie das tägliche Brot zu verdienen. „Ohne Geld kann man nicht leben“ gibt der Junge zu bedenken, der von einer Zukunft als Arzt oder Ingenieur träumt – und geht für einen Euro am Tag Schuhe putzen.
Man begegnet Nazanin, einer jungen Frau, die für einen Radiosender arbeitet und Sendungen für Frauen macht. Sie hofft, die Mädchen in den umliegenden Dörfern zu erreichen, denen der Schulbesuch teils durch die Taliban, teils durch andere Gründe unmöglich gemacht wird. Sie versucht, ihnen etwas auf den Weg zu geben, ihnen zu helfen sich zur Wehr zu setzen. Auf der Straße trägt sie die Burka.
Hasib, ein junger Student der Agrar-Wissenschaft ist an der Ausbildung von Wahlbeobachtern beteiligt und engagiert sich für das Zustandekommen fairer und freier Wahlen. Er setzt sich dafür ein, dass seine Landsleute die Angst vor den Islamisten überwinden und deren Drohungen zum Trotz von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Sein teils lebensgefährliches Engagement sowie der Mut, den seine Landsleute für den Weg ins Wahllokal aufbringen, verhindern letzlich allerdings doch nicht die Manipulation der Wahlergebnisse.

Und schließlich ist da noch Ghulam, ein exzentrischer, junger Filmemacher mit einem Faible für Haargel und grellbunte Sackos. Mitten im umkämpften und chaotischen Kunduz versuchen er und seine Kollegin Khatera einen No-budget Film über die Liebe zu drehen. Auch sie wollen die Sichtweise auf die Rolle der Frauen in der afghanischen Gesellschaft verändern, wollen mit ästhetischen Mitteln ihren Mitmenschen etwas über die Liebe zeigen … ohne dabei jedoch selbst wirklich an die Möglichkeit der Liebe in ihrem eigenen Leben und unter den gegebenen Umständen in Kunduz zu glauben. Bei einer Vorführung des Films stößt Ghulam auf das Unverständnis und die Ablehnung seines männlichen Publikums.

 Generation Kunduz versucht zu zeigen, wie sich das den Alltag beherrschende Faktum des Kriegszustands auf das Leben, auf die sozialen wie zwischenmenschlichen Beziehungen auswirkt. Konsequent verzichtet Gerner darauf, einen Zusammenhang zwischen den disparat und kommentarlos präsentierten Erzählsträngen herzustellen. „Wenn Frieden wäre, dann würden die Menschen sich verstehen. Wegen der Kämpfe haben sie keine Ruhe“, meint Mirwais, der weise kleine Schuhputzer am Ende des Films. „Der Krieg der Anderen“ steht dem Verständnis und damit der Arbeit am Leben der Gesellschaft im Weg.
Erstaunlich und bewegend ist das Engagement und die Energie, welche die porträtierten Menschen dennoch zur Verwirklichung ihrer Vorstellung von Freiheit an den Tag legen. Sie stehen für ihre Sehnsucht nach einem besseren Leben ein – ohne Garantie auf direkten Erfolg und der scheinbaren Vergeblichkeit zum Trotz. Bemerkenswert an Gerners Blick auf ihre Situation ist, dass er gänzlich darauf verzichtet, ihr Engagement mit einem Heroismus auszustatten, der den Porträtierten selbst wohl letztlich fremd erscheinen würde. In ruhigen Kameraeinstellungen lässt Gerner seine Protagonisten von ihren Wünschen und Ängsten erzählen. Diese ruhigen, intimen Momente werden mit hektischeren Eindrücken aus den Straßen und der Umgebung von Kunduz kontrastiert.  Erklärtes Ziel des Filmemachers ist es zu zeigen: „Hier ist nicht nur Überleben, sondern Leben“. Generation Kunduz gelingt es damit, dem Zuschauer einen nüchternen Einblick in den Alltag und die Kämpfe von Menschen zu verschaffen, von denen wir aus der allgemeinen Medien-berichterstattung nur wenig  erfahren – und auf diese Weise „den Anderen“ ein gutes Stück ihrer Fremdheit zu nehmen.

Generation Kunduz: Der Krieg der Anderen - Pessespiegel bei www.film-zeit.de

Generation Kunduz: Der Krieg der Anderen / Generation Kunduz: The War of the Others
R: Martin Gerner
K: Resa Asarshahab
    Ali Hussein Husseini
    Karim Amin
    Morteza Shahed
    Aziz Deldar
    Martin Gerner
Sprache: Dari, Pashtu
Untertitel: Deutsch / Englisch

Afghanistan, Deutschland, 2011, 80 min