Im Science-Fiction-Genre gleichen 100 Jahre einem Sprung in die Antike. Damals, in der Science-Fiction-Antike von 1912, erschien in einer Zeitschrift das Pulp-Serial A Princess of Mars, in dem ein Veteran des Sezessionskriegs auf rätselhafte Weise auf den Mars teleportiert wird und dort direkt in den nächsten Bürgerkrieg gerät. Es war der erste Teil der in den USA populären Barsoom-Saga (so nennen die Marsianer ihren Planeten) von Edgar Rice Burroughs, der hierzulande eher für seinen Tarzan bekannt ist. Die Vorstellung von Leben auf dem Mars nährten die vagen astronomischen Kenntnisse der damaligen Zeit (man hatte gerade die sogenannten Mars-Kanäle “entdeckt”), die sich bereits Mitte des 20. Jahrhunderts als ziemlicher Humbug erwiesen. Burroughs’ Story lebte von den gesellschaftlichen Ängsten, es könnte wirklich intelligentes Leben auf einem nahe gelegenen Planeten geben. Das ist längst nicht mehr aktuell. Der Film von 2012 tut aber gerne so, als seien seine Zuschauer von 1912. John Carter spielt wie seine Vorlage auf dem realen Mars und bemüht sich erst gar nicht darum, Burroughs’ Grundkonstellation zu modifizieren, und so kann man sich den Einwand schenken, dass der Held auf dem bitterkalten Planeten (-63° C im Schnitt) wohl kaum im Lendenschurz herumwackeln würde. James Cameron und George Lucas haben sich nach eigenen Angaben großzügig bei Burroughs bedient für ihre eigenen Weltraumsagen. Nicht zufällig sind diese aber entweder in einer intergalaktischen Märchenwelt (Star Wars) oder auf einem fiktiven Planeten unseres Universums (Avatar), dessen Beschaffenheit zumindest einigermaßen stimmig ist, angesiedelt. Bei John Carter hingegen stimmt leider gar nichts. Weder die fantastischen Elemente noch die Konflikte dieser fiktionalen Welt folgen irgendeiner erkennbaren Kohärenz. Und das Schlimmste daran: Die ironiefreie Inszenierung von Andrew Stanton (Findet Nemo, Wall-E) lässt den Pulp nicht Pulp sein, sondern nimmt den ganzen Nonsens samt interplanetarer Romanze auch noch furchtbar ernst.
Der arme John Carter (Taylor Kitsch) ist nämlich ein tragischer Held. Es ist 1866 und als Südstaatler hat er gerade den Bürgerkrieg verloren, kurz darauf wurde seine Frau ermordet (wahrscheinlich von den blutrünstigen Apachen). Und plötzlich wird er bei der Goldsuche mir nichts, dir nichts auf den Mars teleportiert. Dort wird er zunächst von den vierarmigen Tharks gefangen genommen, einem primitiven Marsvolk, das von der Sprache bis zur Lebensweise jedes rassistische Klischee indigener Naturvölker bedient. Bei diesen archaischen grünen Kriegstreibern kann sich John Carter einigen Respekt verschaffen, weil er aufgrund der geringen Gravitation auf dem Mars wie ein Grashüpfer durch die Luft springen kann. Im Chaos des Bürgerkriegs auf dem Planeten befreit Carter die Prinzessin von Helium (Lynn Collins) aus den Händen der Tharks. Die Helium sind eine natürlich hoch entwickelte Menschenrasse, die von den machtsüchtigen, ebenfalls humanoiden Zodanga bedroht wird, die wiederum auf Geheiß einer böswilligen Elite-Kaste namens Thern handeln… Man merkt: Wer hier warum und gegen wen kämpft, ist a) schwer nachzuvollziehen und b) völlig egal. Wichtig ist, dass sich John Carter aus Liebe zur heißen Prinzessin auf seine besten Fähigkeiten besinnt: Warlord sein und fremde Völker unterdrücken.
Satte 250 Millionen Dollar hat Disney zur Bespaßung seiner großen Kinder für einen anachronistischen Stoff locker gemacht, dessen ideologischer Mist ruhig in der Mottenkiste hätte bleiben können. In der Blockbuster-Liga hat man sich zudem endgültig davon verabschiedet, überhaupt noch Mühe darauf zu verwenden, was ein gescheites Drehbuch ausmacht: Kohärenz der fiktionalen Welt, glaubwürdige Charaktere, überraschende Wendungen der Dramaturgie. All das ist übrigens für deutlich weniger als 250 Millionen Dollar zu haben. Stattdessen hat man sich auf den puren visuellen Exzess verständigt, der seit dem Erfolg von Avatar anscheinend zwingend in 3D sein muss. Solides Storytelling findet in den großen Studios nicht mehr statt, ist nur mehr Beiwerk im dreidimensionalen Bilderwust. Sequels, Prequels, Spin-offs sind die Ergebnisse des ständigen Recyclings. Und so nimmt man auch eine 100 Jahre alte, abgedroschene Pulp-Story mit Kusshand, um die Bildwelten erfolgreicher Sci-Fi-Märchen zu kompilieren.
John Carter – Pressespiegel auf film-zeit.de
John Carter – Zwischen zwei Welten
R: Andrew Stanton
B: Andrew Stanton, Mark Andrews, Michael Chabon
K: Daniel Mindel
D: Taylor Kitsch, Lynn Collins, Willem Dafoe, Mark Strong u.a.
USA 2012, 132 min
Kinostart: 08.03.2012
Verleih: Disney
FSK: ab 12




