Kongolesisches Kino – Viva Riva verschafft dem jungen Filmland Aufschwung


Viva Riva
Patsha Bay Mukuna in Viva Riva

Viva Riva erzählt die Geschichte des Schlitzohres Riva (Patsha Bay Mukuna), der sein Glück selbst in die Hand nimmt und einem großen Gangsterboss (Hoji Fortuna) eine Lastwagenladung voll wertvollen Bezins stiehlt, um damit das große Geld zu machen. Anstatt fortan in Angst vor der Rache des Gangsters zu leben, feiert Riva im aufregenden Nachtleben seiner Heimatstadt und lernt dort die schöne Nora (Manie Malone) kennen. Diese ist jedoch mit einem weiteren lokalen Gangsterboss namens Azor (Diplome Amekindra) verheiratet und somit hat Riva gleich zwei hochkarätige Kriminelle auf seinen Fersen, die ihn quer durch die ganze Stadt jagen. Doch um welche Stadt geht es hier eigentlich? Weder New York noch L.A., auch nicht Berlin, oder London sind Handlungsort der Geschichte, sondern Kinshasa, die Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Genau hier wurde Viva Riva, der diese Woche in den deutschen Kinos startet, auch produziert. Schon jetzt ist der Film von Regisseur Djo Tunda Wa Munga ein internationaler Erfolg. Für das quasi kaum existente kongolesische Kino ein unverhoffter Erfolg, der die dortige Branche, wenn man sie denn so nennen kann, in den Ausnahmezustand versetzt. Für uns ist der Erfolg des Films Grund genug, die Geschichte des noch sehr jungen kongolesischen Film etwas in den Fokus zu rücken.

Kinos gab es im Kongo seit der Zeit der Kolonialherrschaft, doch wurden dort ausschließlich französische Filme, oder Filme zur Missionierung der Bevölkerung gezeigt. Auch nach der Unabhängigkeitserklärung 1960 wurden Filme im und über den Kongo nur von ausländischen, hauptsächlich französischen Filmemachern gedreht. Erst Anfang der siebziger Jahre drehte der kongolesische Regisseur Sébastien Kamba als erster Kongolese eigene Kurzfilme und 1973 seinen ersten Spielfilm La Rançon d’une Alliance. Unterstützt und finanziert wurden diese Filme allerdings aus Frankreich. Es folgten einige kongolesische Produktionen, die allerdings aufgrund des jahrzehntelang andauernden politischen Tumults, und der Tatsache, dass fast alle Kinos an religiöse Gruppen verkauft worden waren, kaum ein Publikum fanden. So erlosch die kurz aufgeleuchtete Flamme des kongolesischen Films sehr schnell wieder und die Entwicklung einer Branche oder gar einer Filmindustrie wurde im Keim erstickt.

Erst ab den 1990er Jahren entwickelte sich nach und nach das kongolesische Kino. Joseph Kumbela konnte mit seinen Kurzfilmen, wie L’etranger venu d’Afrique und Taxcarte von 1998, ein wenig Aufmerksamkeit auf die Entwicklung des kongolesischen Filmes lenken. Dieser steckt allerdings mit bis heute 26 registrierten Filmen bei imdb und nahezu keiner Bedeutung im afrikanischen, geschweige denn im interkontinentalen Kino, immer noch ganz tief in den Kinderschuhen. Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends, gerade aber seit 2006 die neue Verfassung verabschiedet und seit 1965 zum ersten Mal wieder ein Präsident gewählt wurde, befindet sich das kongolesische Kino jedoch im Aufschwung. Neben Djo Tunda Wa Munga (Viva Riva) brachten auch andere Regisseure wie beispielsweise Zeka Laplaine (Kinshasa Palace), Mweze Ngangura (Pièces d’identités) und Balufu Bakupa-Kanyinda (Juju Factory) in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren qualitativ gute Filme hervor. Eine Stiftung unter der Leitung von Sébastien Kamba kämpft indess mit jungen Cineasten für die staatliche Förderung des kongolesischen Kinos. Sollte diese erreicht werden, ist Viva Riva hoffentlich nur der Startschuss für den Erfolgszug des kongolesischen Films. Potential ist genügend vorhanden wie einige Produktionen der letzten Jahre beweisen:

Basierend auf seiner eigenen Familiengeschichte veröffentlichte Zeka Laplaine 2006 die fiktive Dokumentation Kinshasa Palace. Hier sucht der Protagonist seinen verschollenen Bruder Max. Seine einzigen Anhaltspunkte sind Videotapes, die Max in Kinshasa und Lissabon filmte. Die Suche bringt ihn zu seiner Mutter nach Kinshasa und zu seinem weißen Vater nach Lissabon. Beide sind jedoch keine große Hilfe und so führt sein Weg ihn weiter um die halbe Welt bis nach Kambodscha, wo er Max zu finden hofft.

Die 2010 erschienene Dokumentation Congo In Four Acts von Dieudo Hamadi, Kiripi Katembo Siku und Divita Wa Lusala will auf Missstände in der Demokratischen Republik Kongo aufmerksam machen. In vier Teilen thematisiert die Dokumentation das mangelhafte Gesundheitssystem, die schlechte Infrastruktur, die Rolle der Frau und die damit einhergehende Akzeptanz von Vergewaltigungen sowie die Not der Arbeiter und Armen des Landes.

Balufu Bakupa-Kanyindas Film Juju Factory von 2007 spielt nicht im Kongo selbst, sondern im afrikanischen Viertel von Brüssel namens Matonge. Hier lebt der Schriftsteller Kongo Congo (Dieudonné Kabongo). In Geldnöten steckend, nimmt dieser den Auftrag an, ein Buch im Stile eines Reiseführers über Matonge zu schreiben. Allerdings will er auch unbequeme Wahrheiten und Misstände aus dem Viertel aufdecken und an die Öffentlichkeit bringen, die sein Auftraggeber lieber vertuschen will. So findet sich Kongo in einer Zwickmühle zwischen dem dringend benötigten Geld und seiner ihm so wichtigen Integrität.

Mit insgesamt sieben Preisen beim Ouagadougou Panafrican Film and Television Festival, dem Lucas – International Festival of Films for Children and Young People und dem Denver International Film Festival ist Mweze Nganguras Pièces d’identités von 1998 der bislang erfolgreichste kongolesische Film. Auf der Suche nach seiner in Brüssel verschwundenen Tochter Mwana (Dominique Mesa), reist hier der kongolesische König Mani Kongo (Gérard Essomba) nach Belgien. Hier muss er mit vielen europäischen Vorurteilen und auch mit den schlechten Seiten der afrikanischen Diaspora in Brüssel kämpfen. Doch auch Hilfe und Freundschaft findet der König in der Fremde und das gerade bei weißen Unterschichtlern.

Das kongolesische Kino gewinnt an internationaler Bedeutung, und wird hoffentlich weiter gefördert werden und somit wachsen. Spätestens mit Viva Riva kann sich nun auch das internationale Kino dem jungen, aufstrebenden kongolesischen Film nicht mehr entziehen und so bleibt zu hoffen, dass dem Erfolg von Viva Riva noch viele weitere folgen.

Hier findet Ihr unsere Kritik des Films, den Lida Bach 2011 im Forum der Berlinale sehen konnte: Viva Riva Kritik.

Und hier noch einmal der Trailer zu Viva Riva, der ab heute in den deutschen Kinos zu sehen ist: