In den 1980er Jahren galt Mickey Rourke als junges Talent mit großer Hoffnung. Und als Sex-Symbol: 9 1/2 Wochen und Wilde Orchidee machten ihn zum Traum aller Frauen mit Schulterpolstern und Dauerwelle. Sein Image war das eines postmodernen Rebellen mit schönem Gesicht und einer Aura, die James Dean und Marlon Brando in einer Person vereinte. In Francis Ford Coppolas Rumble Fish, den wir bereits zuvor in der DVD-Rubrik besprochen haben, kommt dies besonders gut zur Geltung: Die Welt des von Rourke gespielten Motorcycle Boy ist schwarz-weiss, die Zeit steht vermeintlich still. Nur nicht für den echten Mickey Rourke. Unter dem Image und dem guten Aussehen schlummerte ein Talent, das lange Zeit verborgen blieb. Erst lies sich Rourke im Ring verprügeln, nachdem er seine Schauspielkarriere quasi an den Nagel gehängt hat und Profiboxer wurde. Dann war zusätzlich zu seiner Karriere auch noch sein Gesicht – durch die vielen Schläge und die Gesichts-OPs – demoliert. Unerwartet kam er dann durch den Independent-Film zu nochmaligem Erfolg und zeigt jetzt seinen geschundenen Körper, wie in einer Art Umkehrung seiner Rolle in Johnny Handsome. Erst als er hässlich wurde, begann die künstlerische Blütezeit von Mickey Rourke. Jetzt ist mit einer Edition eine Auswahl seiner Filme erschienen, die in nur 3 Filmen diesen Wandel sehr gut nachvollziebar macht und die hier unter die Lupe genommen werden soll.
Bei DVD-Boxen von Schauspielern gibt es fast immer ein faules Ei, dass dem Käufer untergeschoben wird. Wer eine Robert De Niro-Box kauft, wird vielleicht 2 Top-Filme wie Casino und GoodFellas erhalten, aber auch grauenhafte Erzeugnisse wie Kurzer Prozess. Selbst ein Name wie Al Pacino verhindert nicht, dass man neben 2 guten Filmen einen weniger guten dazunehmen muss – z.B. Kuzer Prozess. So gesehen ist Angel Heart das obligatorische “Schwarze Schaf” der Mickey Rourke-Edition, aber es hätte auch schlimmer sein können. So gut wie jeder Film aus den 80er Jahren hätte deutlich gemacht, als was Mickey Rourke einst in Hollywood gegolten hat. So gibt der Marlon Brando und James Dean-Verschnitt in diesem in den 1950er Jahren spielenden Detektivfilm zusätzlich noch eine Imitation von Humphrey Bogart und anderen berühmten Hard-boiled-Detektiven. Ein Interview mit Alan Parker in der Bonus Sektion der Disc macht – euphemistisch verpackt – das Problem klar: “Mickey spielt immer anders, kein Take ist derselbe”, sagt der Regisseur da. Genau darin spiegelt sich auch die Zwiespältigkeit in Rourkes Schauspiel, denn ein professioneller – und vor allem guter – Schauspieler ist in der Lage, jeden Take genau so zu spielen wie den zuvor. Aber statt mit dem Schauspieler Rourke hat man es hier mit einem künstlichen Wesen zu tun, das unterschiedliche Ikonen in sich vereint. Unter den verschiedenen Lagen ikonischer Figuren (und einem etwas nervigen Brooklyn-Akzent) säuselt sich ein unmotiviert wirkender Rourke durch seine Rolle als Privatdetektiv, der in ein Horrorszenario eintritt. Im Interview während der Dreharbeiten 1987 im oben erwähnten Star-Porträt gibt er auch offen zu, bereits die Lust an der Schauspielerei zu verlieren.
Somit passt es auch, dass die von Rourke gespielte Hauptfigur von Angel Heart, Harry Angel, immer wieder auf dem schmalen Grat zwischen zwei verschiedenen Welten wandelt. Zwischen dem Okkulten und dem Religiösem, der Vernunft und dem Wahnsinn. Auf der Suche nach einem verschwundenen Schnulzensänger namens Johnny Favorite begibt sich Angel, im Auftrag des zwielichtigen Louis Cypher (Robert De Niro), nach Harlem, New York und später nach New Orleans. Der Weisse, der sich während der Zeit der Rassentrennung in eine Afroamerikanerin (Lisa Bonet) verliebt, stolpert von einem Hinweis zum nächsten und verirrt sich so immer mehr in eine Welt, deren Gesetze er fatalerweise erst zu spät einzuschätzen vermag. Leider ist auch für den Zuschauer die Recherche des Privatdetektivs ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr ganz nachvollziehbar. Auch wenn es sich nicht um einen der besten Filme handelt, ist Angel Heart allein wegen der kunstfertigen Montage von Gerry Hambling, die geschickt die Verwirrung und die Stimmung des Zuschauers beeinflusst, durchaus sehenswert. Zudem ist die melancholisch-düstere Stimmung des Films ein guter Einstieg in die Box.
Der zweite Film noir oder besser gesagt eine Hommage daran, ist Sin City. Der 18 Jahre später entstandene Film zeigt einen völlig veränderten Mickey Rourke: In der episodisch angelegten Adaption eines Graphic Novels von Frank Miller, der auch Co-Regie führen durfte, spielt Rourke den Schlägertypen Marv, eine Art zu Beton gewordener Mensch. Marv ist so hässlich, dass nicht mal die Nutten ihn ranlassen würden. Bis auf eine, Goldie (Jamie King), die kurz nach dem Coitus tot in Marvs Bett liegt. Wie jemand, ohne dass er es bemerkt hat, in seine Wohnung kommen und seinen Engel töten konnte, das will Marv herausfinden. Nicht nur, weil er selber unter Mordverdacht steht, sondern auch aus Rache für die einzige Frau, die Marvs Menschlichkeit hervorgebracht hat. Und in seinem Rachedurst hinterlässt Marv ein Massaker ohnegleichen. Soviel zum Thema Menschlichkeit.
Sin City markiert neben der großartigen Rückkehr Mickey Rourkes auf die Leinwand – nachdem er fast die ganzen 90er Jahre hindurch nur in Flops mitgespielt hat – auch die von Frank Miller, der nach schlechten Erfahrungen mit dem Hollywood-System eigentlich nie wieder etwas mit dem Filmgeschäft zu tun haben wollte. Allein die beiden Regisseure Robert Rodriguez und Quentin Tarantino konnten ihn mit einer elaborierten Demo-Sequenz, die später als Prolog im Film landete, zu dem Projekt überreden. Das Ergebnis ist beeindruckend, aber nicht jedermans Geschmack. Auf jeden Fall jedoch ist Sin City vor allem durch die erstmals wirklich geglückte Verwendung von reinen Blu-Screen-Kulissen, die eine flache Comic-Ästhetik imitieren, und der schwarz-weissen Optik mit den akkzentuierten Farbtupfern, wegweisend für spätere Filme wie 300 (der ebenfalls auf einer Comicvorlage von Miller beruht). Ebenso machen die skizzenhaften Charaktere und die extrem vereinfachte Ästhetik klar, dass es sich nicht um eine ernsthafte Filmhandlung handelt, sondern um eine überspitzte Repräsentation popkultureller Mythen der Schwarzen Serie. Somit ist Sin City zwar der blutigste und brutalste Film der Box, aber bei Weitem nicht der schmerzhafteste. Diese Ehre gebührt dem letzten und neuesten Film, The Wrestler.
Mit The Wrestler beweist Mickey Rourke, dass er keine zentimeterdicken Maskeneffekte braucht, um aus ihm eine grotesk entstellte Figur zu machen. Hier spielt er nur noch sich selbst: Der Wrestler Randy “The Ram” Robinson hat, so wie Rourke, seine besten Tage seit Ende der 80er Jahre hinter sich. Auf einem Ohr taub und in einem Wohnmobil hausend, tingelt Randy von einem Auftritt zum nächsten. Das Geld geht meistens drauf für Anabolika und seine Solariumbräune. Es ist beeindruckend, wie Rourke sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Schon in Sin City klang seine Stimme rau und heiser; hier hat sich Rourke nicht nur einen von Muskeln strotzenden Körper antrainiert, sondern auch eine eisenharte Disziplin zugelegt, wie ein Interview mit ihm auf der Disc offenbart. Auch ist es die bisher seelisch und körperlich schmerzhafteste Rolle Rourkes. Ob er sich im Ring unter den Augen der Fans äußerlich Verletzungen zuzieht oder den Kontakt zu seiner von ihm entfremdeten Tochter (Evan Rachel Wood) wieder aufzunehmen versucht, beides tut weh. Ein Herzinfarkt macht ihm deutlich, wie zerbrechlich auch die stärkste und muskulöseste Hülle sein kann. Der dokumentarische Stil Darren Aronofskys, den er selber als “proaktiv” bezeichnet, folgt oft in einer Rückenansicht der Hauptfigur und springt oftmals in der Zeit. Randys Leben verläuft deutlich nach einem vorgegebenen Rhythmus, der ihn schnell übersehen lässt, wie wenig Zeit ihm noch verbleibt, die Fehler seiner Vergangenheit wieder gutzumachen.
Auch hier kommt die Gratwanderung zwischen Vernunft und Wahnsinn zum Tragen, die Aronofsky in seinem nächsten Film Black Swan weiter verarbeitete. Randy gibt sich der Schaulust der Massen in choreographierten Kämpfen hin und es stellt sich die Frage, wer wen lenkt: Der Wrestler die Zuschauer oder vielleicht doch eher umgekehrt? Die Grenzen zwischen Schein und Sein drohen beim Spektakel zu verschwimmen und aus diesem Grund wird Randy auch von Stripperin Pam (Marisa Tomei) auf Abstand gehalten. Aus Angst, die Grenzen zwischen Professionalität und Privatleben zu verwischen, geht diese nur zögerlich eine Freundschaft mit ihrem besten Kunden ein. Doch der Lichtblick währt nicht lange: Nachdem Randy wieder gescheitert ist, kehrt er zu dem einzig Wahren zurück, dass er kennt, nämlich dem Ring. Es ist die Ironisierung des Sportfilms à la Rocky, der The Wrestler interessant macht, denn während am Ende jener Filme immer Erlösung wartet, will Randy genau dies nicht. In einer finalen Rede erklärt er seinen Fans, dass nur diese ihm zu sagen haben, wann genug ist – auch wenn es ihn umbringt. Somit bleibt er das, was Bruce Springsteen in seinem wunderbaren Titelsong zu The Wrestler als “one trick pony” bezeichnet, ein Entertainer mit nur einer Masche. Immerhin ist spätestens mit diesem Film klar, dass Mickey Rourke mehr zu bieten hat als ein schönes Gesicht und eine gute James Dean-Imitation.
Angel Heart / Angel Heart
R: Alan Parker
B: Alan Parker
K: Michael Seresin
D: Mickey Rourke, Lisa Bonet, Robert De Niro
USA, 1987, 109 Min.
StudioCanal
Veröffentlichung: 15.3.2012
Bildformat: 1,85:1
Sprache: Deutsch, Englisch (Dolby Surround)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Extras: Einführung und Audiokommentar von Regisseur Alan Parker; 3 Making ofs: “The Reality of Voodoo”; “Creating ‘The Look’” und “Choreographing a Voodoo Ritual”; Interview mit Alan Parker; Starinfos über Mickey Rourke, Lisa Bonet und Alan Parker; Behind the Scenes; Fotogalerie; Trailer
FSK: ab 16 Jahren
Sin City / Sin City (Kinofassung)
R: Robert Rodriguez, Quentin Tarantino u. Frank Miller
B: Frank Miller
K: Robert Rodriquez
D: Mickey Rourke, Carla Cugino, Jamie King, Bruce Willis, Elijah Wood
USA, 2005, 119 Min.
StudioCanal
Veröffentlichung: 15.3.2012
Bildformat: 1,85:1
Sprache: Deutsch, Englisch (5.1 DD)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Extras: Audiokommentar von Robert Rodriguez und Frank Miller; Audiokommentar von Robert Rodriguez und Quentin Tarantino; Fiese Visagen: Special Effects & Make up; Knarren, Alk und heiße Schlampen: Die Ausstattung von SIN CITY; Publikumsreaktionen in Austin, Texas; Schlitten mit ordentlich PS unter der Haube: die Autos in SIN CITY; SIN CITY Live in Concert; Special Guest Regisseur: Quentin Tarantino; Trenchcoats & Strapse: Die Kostüme in SIN CITY; Wie Frank Miller überzeugt wurde, seine Comics zu verfilmen; Kinotrailer; Trailer & Teaser
FSK: keine Jugendfreigabe
The Wrestler / The Wrestler
R: Darren Arronofsky
B: Robert D. Siegel
K: Maryse Alberti
D: Mickey Rourke, Evan Rachel Wood, Marisa Tomei
USA, 2008, 105 Min.
StudioCanal
Veröffentlichung: 15.3.2012
Bildformat: 2,35:1
Sprache: Deutsch, Englisch (5.1 Dolby Digital), Deutsch 2.0 Dolby Digital
Untertitel: Deutsch
Extras: Making of, Interview mit Mickey Rourke; Trailer
FSK: ab 16 Jahren
Bildmaterial: StudioCanal



