Der amerikanische Traum könnte perfekt sein: Curtis LaForche (Michael Shannon) hat ein kleines Haus, eine attraktive Frau, eine Tochter, einen Truck und einen Job. Irgendwo in Ohio lebt er ein bodenständiges Leben, an dem es wenig auszusetzen gibt. Er habe alles, was man sich wünscht, versichert ihm sein Kollege von der Baustelle. Und doch brodelt es, ein Sturm zieht auf, im wahrsten Wortsinne. Curtis wird von apokalyptischen Visionen eines zerstörerischen Gewitters übermannt und das harmonische, stabile Leben des fürsorglichen Familienvaters gerät ins Wanken.
Vergleicht man die Situation von Curtis LaForche mit den White-Trash-Charakteren aus Jeff Nichols’ Debütfilm Shotgun Stories aus dem Jahr 2007, mutet der Ausgangspunkt der Filmhandlung von Take Shelter tatsächlich paradiesisch an. So haben die Hayes-Brüder in Shotgun Stories nicht mal richtige Namen: Kid, Boy und Son (ebenfalls Michael Shannon) heißen die drei an der Armutsgrenze vor sich hin vegetierenden Brüder, die nach dem Tod ihres Vaters mit dessen vier Söhnen aus zweiter Ehe in einen gewaltsamen Konflikt geraten. Irgendwo in Arkansas leben diese drei Figuren ein Leben, das zwischen Prügeleien, Bier und schmutzigen Wohnwagen-Siedlungen keinerlei Perspektive mehr zu bieten scheint.
Curtis dagegen ist ein Mensch, der es geschafft hat. Sein soziales Umfeld ist indes ein Ähnliches: eine einkommensschwache Unterschicht, der es nur mühevoll gelingt, über die Runden zu kommen. Unter seinen Kollegen und Freunden sticht Curtis heraus, was von Nichols auch entsprechend inszeniert wird: sein häusliches Reich ist frei vom Schmutz und Dreck, die noch das Szenenbild in Shotgun Stories prägten und auch die nixenhafte Schönheit von Jessica Chastain (The Tree of Life, The Help) in der Rolle von Curtis’ Ehefrau Samantha verleiht der Familie des Protagonisten eine Aura des Perfekten und Idealen. Doch schon David Lynch zeigte uns 1986 in seiner alptraumhaften Kleinstadt-Karikatur Blue Velvet, dass das Schöne und Gute der beste Nährboden für Angst ist. Eine Gesellschaft, die mit allem, was sie besitzt, eigentlich vollauf zufrieden sein könnte, verliert sich in der Angst, alles wieder zu verlieren. Hier spannt Nichols schließlich den Bogen vom intimen Familiendrama zum relevanten, Gegenwarts-bezogenen (US-)Gesellschaftsporträt, das die Befindlichkeiten einer (Schutz suchenden) Nation im Jahrzehnt nach 9/11 reflektiert. Die verheerenden Stürme der Finanzkrise und des Golf-Konflikts sind es schließlich, die den Zuschauer auf der Meta-Ebene an einer paranoiden Erkrankung des Protagonisten zweifeln lassen. Sieht Curtis letztendlich die Realität?
Als krassen Kontrast zur Subtilität und Intimität des familiären Lebens inszeniert Nichols die Visionen, die den Protagonisten schließlich zum teuren Ausbau seines Tornado-Schutzbunkers verleiten. Gegenstand von Curtis’ Visionen sind dabei nicht nur unvermittelt über die weite Landschaft hineinbrechende Gewitterstürme, sondern auch Szenarien gewaltsamer Übergriffe und der Entfremdung, die dem Film in ihrer intensiven, schockhaften Inszenierung Genre-Muster des Horrorfilms beimischen. Wenn Curtis’ Frau in einer Traumsequenz durchnässt und mit bleich geschminkter Haut in der Küche steht, mit leblosen Augen in die Kamera starrend und ein Küchenmesser griffbereit neben sich, scheint Nichols den dramaturgischen Bogen zeitweise zu überspannen. Und sicher ist Take Shelter insgesamt auch weniger Independent-Film als es Shotgun Stories war, was allein an den aufwändig gestalteten Spezialeffekten augenfällig wird, für die die angesehene Effekt-Firma Hydraulx (Avatar, Iron Man 2) und deren Gründer Colin und Greg Strause (Aliens vs. Predator – Requiem) verantwortlich zeichneten.
Mit Jeff Nichols ist nach Todd Field nun erneut ein amerikanischer „Heimatfilmer“ auf dem Weg nach ganz oben – der von subtilem gesellschaftspsychologischem Subtext und intellektuell fundierter Rauminszenierung geprägte, herausragend gespielte Take Shelter zählt (trotz einiger überfrachteter Effekt-Einstellungen) zu den intelligentesten und vielschichtigsten US-Autorenfilmen des Jahrgangs 2011. Während zu hoffen bleibt, dass dem Regisseur bald der große Durchbruch gelingt, setzt sich die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Nichols und Charakter-Mime Michael Shannon fort: schon 2013 erscheint mit Mud Nichols‘ dritter Film, erneut nach eigenem Drehbuch und mit gleicher Crew. In jedem Falle gilt: ein Regisseur, den man im Auge behalten sollte.
Take Shelter – Pressespiegel auf film-zeit.de
Take Shelter
R/B: Jeff Nichols
K: Adam Stone
D: Michael Shannon, Jessica Chastain, Tova Stewart, Shea Whigham
USA 2011, 120 Min.
Ascot Elite Filmverleih
Kinostart: 22. März 2012





