Avatar, Titanic, 3D


Eins dürfte klar sein: Hollywood legt einen Großteil seiner monetären Hoffnungen in 3D. Nachdem James Cameron – Schöpfer von Titanic, dem bis dahin kommerziell erfolgreichsten Films aller Zeiten – mit dem 3D-Animationsfilm Avatar – Aufbruch nach Pandora im Jahr 2009 seinen eigenen Erfolg noch einmal in den Schatten stellte, bringt er nun mit Titanic 3D Hollywoods Oscar-dekoriertes Flaggschiff ein weiteres Mal in die Kinos. Es handelt sich dabei um eine Entscheidung, die zweifellos jene Debatten um die Bedeutung der 3D-Technik aufs Neue befeuern wird, wie sie im Kontext der anhaltenden Welle von 3D Kino-Filmen (und keinesfalls erst seit Avatar) hingebungsvoll geführt werden.

Wie bei den meisten medialen Neuerung sind in Bezug auf den momentanen Boom der 3D-Technologie die Meinungen geteilt. Die Stereoskopie (bzw. das von Cameron angewandte digitale „RealD“) ruft die gläubigen Adepten der technischen Innovation ebenso auf den Plan, wie jene kulturpessimistischen Kritiker, welche in der 3D-Neuauflage des Blockbusters von 1997 nichts weiter zu sehen vermögen, als den plumpen Versuch, die mittlerweile nur noch zweitgrößte „Cash-Cow“ der Filmgeschichte ein weiteres Mal zu melken. Dabei ließe sich für die 3D-Technologie mitunter ins Feld führen, dass der Film – etwa von Kino-Pionieren wie den Brüdern Lumière und damit sozusagen in seiner „ideellen“ Konzeption – immer schon als die möglichst naturalistische Reproduktion der menschlichen Wahrnehmung gedacht wurde. Und wenn sich unser Sehen nun mal in drei Dimensionen abspielt? Scheint es da nicht konsequent, wenn das Kino in seiner Darstellungsweise diesen Eindruck künstlerisch zu adaptieren versucht?

Nun verdankten sich die zahlreichen Neuerungen wie sie das Medium Film im Lauf seiner Geschichte erfuhr (von Ton und Technicolor, über Wide-Screen bis hin zu… eben: 3D) natürlich keineswegs immer nur dem Geist des l’art pour l’art. Vielmehr war das Medium Film in seinen technischen wie künstlerischen Innovationen stets eng an die marktwirtschaftlichen Interessen der Filmindustrie geknüpft. Auch die lange, von mehreren Hochphasen und Rückzügen geprägte Geschichte der 3D-Technologie macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Kritiker der Stereoskopie wie z.B. J. Hoberman oder Roger Ebert („Why I hate 3D (and you should too)“) sind daher der Ansicht, dass es sich bei der 3D Technik nie um wesentlich mehr gehandelt habe, als um eine Art Gimmick, das Hollywood immer dann aus der Tasche zu zaubern versucht, wenn die Einnahmen zu sinken drohen. Unter diesem Blickwinkel stellt sich die Situation heute durchaus als mit jener der ersten 3D-Kino-Welle in den 50er Jahren vergleichbar dar. Als das TV-Gerät in den amerikanischen Haushalten Einzug hielt, fühlte sich Hollywood ein erstes Mal zu dem Versuch genötigt, dem Kino-Erlebnis mittelst 3D-Technik die Würde des Einzigartigen  zurückzugeben. Selbst künstlerische Größen wie etwa Douglas Sirk oder Alfred Hitchcock kamen damals herbei, das junge 3D Kino mit ihrer Arbeit zu adeln – Hitchcock allerdings beließ es (mit Dial M for Murder) bei einem ersten und letzten Versuch. Der aktuelle, leicht zwanghaft anmutende stereoskopische Trend, der sich seit den 00er Jahren wieder verstärkt, lasse sich, so Ebert – unter den leicht veränderten Vorzeichen Heimkino und Videopiraterie – auf genau die selben, rein marktwirtschaftlichen Befürchtungen und Motive Hollywoods zurückführen.

Unter dem Aspekt künstlerischen Ausdrucks wird dem 3D gern rigoros jedwedes Potenzial aberkannt. Vorschnell bemüht man die kulturkritische Antinomie von Spektakel und Kunst – wobei klar sein dürfte, in welche der beiden Kategorien Filme wie Zorn der Titanen oder Journey 2 – die Reise zur geheimnisvollen Insel vorzugsweise gesteckt werden. Während Hoberman dem, was er unter dem 3D-Kino in seiner “reinen” Form versteht, jovialerweise noch das Potenzial zuspricht, das optische Bewusstsein des Publikums auf die verblüffende Tatsache zu lenken, dass wir überhaupt zu dreidimensionalem Sehen in der Lage sind, so erkennt Ebert der Stereoskopie pauschal jegliches ernstzunehmende künstlerische Potenzial ab. Nicht nur der Wegfall der Tiefenschärfe als filmische Möglichkeit die Zuschauer-Aufmerksamkeit vom Vorder- auf den Hintergrund zu lenken, ist es, was Ebert an 3D-Kino missfällt. In seinem grundsätzlichen Hang, die Aufmerksamkeit des Zuschauers durch bloße optische Oberflächenreize abzulenken, raube der 3D-Film dem Kino jede Möglichkeit einem Erwachsenen-Publikum tiefergehende und komplexere Inhalte zu vermitteln. Auf Seiten der Filmemacher befürchtet Ebert daher den Verlust eines Gespürs für filmische Narration – indem Hollywood das 3D-Kino forciert, orientiere es sich zunehmend am „kiddie-market“ und arbeite so an seiner eigenen Infantilisierung.

Auch der amerikanische Filmkritiker Dave Kehr würde darin zustimmen, dass es dem Kino mitunter schwerfalle, narrative Nuancen und die Feinheiten der Charakterzeichnung auszukosten, wenn dem Zuschauer unentwegt Gegenstände in den Schoß fallen. Mit Kehr lässt sich jedoch gleichwohl die Frage stellen, aus welchem Grund man davon ausgehen sollte, dass ein filmtechnisches Mittel, welches – zugegebenermaßen – in erster Linie zum Zweck kommerziellen Spektaktels erdacht wurde, per se für jeglichen neuartigen, künstlerischen Ausdruck ungeeignet sein sollte. Kehr gibt darüberhinaus zu bedenken, dass sich zumindest im Falle von Camerons Avatar das gestalterische Mittel des “Real-D” nahtlos in ein künstlerisch stimmiges Gesamtkonzept – der völlig neuartigen Erfahrung einer gänzlich fremden Welt – einfügt. Er legt daher nahe, die Beantwortung der Frage nach dem künstlerischen Wert des 3D-Kinos der zukünftigen Filmgeschichte zu überlassen – und nicht über-skeptischen Kritikern. Außerdem handele es sich bei der Entwicklung der Stereoskopie um einen Prozess, der mindestens ebensosehr von der Rezeptions- und Erwartungshaltung des Publikums abhänge, wie von dem Ideenreichtum der Filmemacher – und sich daher aller Wahrscheinlichkeit als ein Prozess kontinuierlicher Einübung gestalten dürfte.

In eine ähnliche Richtung gehen die Überlegungen des Filmwissenschaftlers und Publizisten Georg Seeßlen. Im Kontext der eDIT Film Lectures 2010, über die wir seinerzeit an dieser Stelle berichteten, ging er, zusammen mit Autor Martin Metz, der Frage nach, ob und wie das dreidimensionale Bild einen Beitrag dazu leisten könne, beim Betrachter neue Formen der Wahrnehmung zu kreieren, die in ihrer ikonographischen und semiotischen Bedeutung weit über den Film und das Kino hinausgehen könnten. Er spricht sich unter anderem auch dafür aus, das 3D-Bild nicht länger bloß als Versuch einer wahrnehmungsgetreuen Nachbildung des menschlichen Sehens zu betrachten, sondern vielmehr als gänzlich neu zu durchdenkende Bildart.

  • Anonymous

    ich finde 3D mitlerweile als ausgereift genug fürs kino. Nich wie damals mit papierbrille und kopfschmerzen. aber gut das jeder für sich zwischen standard und 3D wählen kann. ich nehm 3D – vorallem bei animation.

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