Chronicle – Wozu bist du fähig?


Drei Jungs stehen im Garten. Der eine wirft einen Baseball dem anderen mit voller Kraft ins Gesicht, der dritte nimmt es auf. Stumpf prallt der Ball am Kopf ab. Der Beworfene krümmt sich vor Schmerz, der Rest vor Lachen. Schnitt. Gleiche Situation, andere Besetzung. Ball, Wurf, Treffer – Schmerz, Flüche, Gelächter. Unsinnige Aufnahmen wie diese gibt es auf YouTube zu hauf. Möchtegern-Jackasses, die per Video die ganze Welt an den Wonnen der Schadenfreude teilhaben lassen. Jungs und eine Kamera, mehr braucht es nicht, um Unheil zu stiften. Schnitt. Andere Besetzung, immer noch die gleiche Situation. Der Werfer holt aus, das potenzielle Opfer schließt die Augen. Doch der Aufprall bleibt aus. Der Ball stoppt kurz vor dem Gesicht und schwebt er frei in der Luft, jeglichen physikalischen Gesetzen zum Trotz. Matt (Alex Russell), Andrew (Dane DeHaas) und Steve (Michael B. Jordan) liefern den Beweis - Sie verfügen über telekinetische Kräfte. Und die Kamera ist Zeuge des wundersamen Stunts.

Chronicle – Wozu bist du fähig? von Josh Trank erzählt eine Geschichte über Superkräfte ohne Helden. Nach einem mysteriösen Zwischenfall in einer Höhle entwickeln die High School Seniors Andrew, Matt und Steve übersinnliche Talente. Anfangs noch unbedarft lernen sie langsam, ihre Fähigkeiten zu trainieren, als wäre es ein Muskel. Sie werden stärker, und wissen doch nichts mit ihrer Kraft anzufangen. Wie bei den X-Men wird die Superpower zur Metapher des Heranwachsens: Grenzen des eigenen Könnens werden ausgetestet, Veränderungen am eigenen Körper erfahren. Die geheime Teenage-Fantasie über das Erwachen verborgener Stärke wird Wirklichkeit. Anders als die X-Men sind Matt, Andrew und Steve jedoch keine Helden. Sie stellen ihre Begabung nicht in den Dienst der Menschheit, sondern missbrauchen sie zur eigenen Belustigung. Sie spielen ihren Mitmenschen Streiche, lassen Dinge wie von Geisterhand tanzen oder führen ein Football-Match über den Wolken. Vorsicht kennen sie nicht, schamlos werden die Kräfte auch vor Außenstehenden eingesetzt, um zu imponieren. Selbstverliebt halten sie ihre übernatürlichen Späße auf Video fest.


Handlungen haben Konsequenzen. “With great power comes great responsibility”, heißt es in Spider-Man, einer anderen Superhelden-Coming of Age-Geschichte von Marvel. Bei einer Autofahrt wird das Trio von einem rüden Geländewagen drangsaliert. Andrew vollführt eine Handbewegung. Die Motorhaube des Geländewagens reißt auf, der aufdringliche Fahrer kommt von der Straße ab und stürzt einen Abhang hinunter. In letzter Sekunde können ihn Steve und Matt vor dem Ertrinken retten. Ein Unfall?

Ich gegen den Rest der Welt. Einsamkeit, Schikane in der Schule und Probleme zu Hause lassen im introvertierten Andrew eine stille Wut wachsen. Im Gegenzug zu den vielen anderen Jugendlichen, die sein Schicksal teilen, ist ihm allerdings die einmalige Möglichkeit gegeben, sein Leben zu ändern. Anders als sein angepasster Cousin Matt oder der beliebte Quarterback Steve kennt sein Streben keine Grenzen. Kreativität und Ehrgeiz helfen ihm dabei, seine Fähigkeiten voll auszuschöpfen. Unter den dreien wird er schnell der Mächtigste.

Doch: Absolute Macht korrumpiert absolut. Das Gefühl eines jeden Teenagers, besonders sein zu wollen, pervertiert in Andrew zum machiavellistischen Größenwahn. Die Hierarchie in der High Shool verdreht er zur Nahrungskette – mit ihm als selbsternannten apex predator an der Spitze. Der Außenseiter rächt sich an seinen Bullies, die klassische Superschurken-Geschichte. Besorgt über den moralischen Verfall seines Freundes, sieht sich Matt gezwungen, Andrew zu stoppen, bevor es zu spät ist. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Science-Ficion ist Kino im Konditional. Statt wie im Fantasy-Film in eine imaginierte “Als-ob”-Welt zu entführen, lässt Science Fiction den Zuschauer an einem Gedankenexperiment teilhaben. Entwicklungen in Technologie und Gesellschaft der Gegenwart werden in eine mögliche Zukunft projiziert: “Was wäre, wenn…?”. Als Spiel der Möglichkeiten bedeutet Science Fiction weniger die einfache Nachahmung unserer Wirklichkeit, sondern die Simulation einer alternativen, aber dennoch denkbaren Welt. In dieser Tradition bewegt sich Chronicle. “Stell dir vor, du hättest Superkräfte. Was würdest du tun?” Mit dieser Frage konfrontiert Josh Trank die Zuschauer und führt den Superheldenfilm zu seinen Wurzeln im Science Fiction-Film zurück. Dass er seine Geschichte ausschließlich in Found footage-Bildern erzählt, erweist sich dabei als grandioser Einfall.

Found footage ist ein Inszenierungsstil, bei dem das Filmgeschehen zu großen Teilen über Kameraaufnahmen innerhalb der Erzählung selbst vermittelt wird. Im letzten Jahrzehnt fand dieser neue Filmstil vor allem im Horrorgenre beliebte Verwendung. Filme wie Blair Witch Project, Paranormal Activity oder Cloverfield verstehen sich als entdeckte Aufzeichnungen verstorbener oder vermisster Figuren, die ihre Begegnung mit dem Schrecken auf Film “dokumentierten”. Die Ereignisse, die der Zuschauer geboten bekommt, sind fantastisch. Allerdings wirken sie im Zusammenspiel mit den wackeligen Handkamerabildern und dem natürlichen Schauspiel “durchschnittlich” aussehender Schauspieler beklemmend authentisch. Der Zuschauer ist sich sicher, dass das Gesehene keiner Tatsache entspricht – und doch bleibt ihm Hinterkopf ein Unbehagen zurück. Was wäre, wenn es die Blair Witch-Hexe doch gibt?

Die möglichst plausible Darstellung fiktiver Inhalte verbindet Found footage mit Science Fiction. Dem Medium kommt eine Schlüsselposition zu: Schreibe eine Geschichte über eine Invasion der Marsianer auf der Erde, und die Leser zeigen sich mäßig beeindruckt. Strahle sie jedoch im Gewand einer Live-Reportage aus, und du löst eine Massenpanik aus – wie es Orson Welles mit seinem Science Fiction-Hörspiel Krieg der Welten (1938) der Legende nach geschafft haben soll. Die Aufhebung der Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion, Information und Unterhaltung macht den Zuschauer erst wirklich für den in der Geschichte innewohnenden Gedanken empfänglich – und zeigt, wie medialisiert (sprich manipulierbar) unsere heutige Wahrnehmung geworden ist.

In Chronicle bilden Science Fiction und Found footage-Film die perfekte Symbiose. Einerseits ermöglicht der Science Fiction-Plot, mit der Darstellungsweise des Found footage-Films selbst zu experimentieren. Durch die telekinetische Begabung der filmenden Protagonisten kommt es zur entfesselten Kameraführung, dem Spiel mit Perspektiven und Bewegungen ist keine Grenzen gesetzt. Die digital bearbeiteten Bilder einer Dogma-erprobten Handkamera erschaffen dabei eine neue Art von Realismus. Dadurch gewinnt andererseits der Science Fiction-Film eine neue Facette. Der Bezug zum Möglichen und Plausiblen in Reflexion eines technisierten Blickes im Found footage-Format könnte die Gelegenheit sein, den Vorsprung des Hörspiels im Rennen um die adäquateste Darstellungsform von Science Fiction wieder aufzuholen. In jedem Fall wird Chronicle als innovativer Film-Versuch sicherlich zu den beeindruckendsten Kino-Erlebnissen des Jahres zählen, mit dem gleichzeitig die Karriere des Nachwuchsregisseurs Josh Trank ihren Anfang zu nehmen verspricht.

Chronicle – Wozu bist du fähig? – Pressespiegel auf film-zeit.de

Chronicle – Wozu bist du fähig?
R: Josh Tank
B: Max Landis, Josh Tank
K: Matthew Jensen
D: Dane DeHaan, Michael B. Jordan, Alex Russel, Michael Kelly, Ashley Hinshaw
USA 2012, 83 Min.
Twentieth Century Fox
Start: 19.04.2012

  • Markus Hauschild

    Ich stimme dir voll und ganz zu, mir hat der Film auch sehr gut gefallen, wirklich mal was Neues. Besonders erfrischend fand ich auch, dass (VORSICHT SPOILER) gerade die zunächst sympathische Hauptfigur, aus deren (Kamera-)Augen wir das Geschehen betrachten, von der Macht korrumpiert wird und nicht der angehende Politiker oder auch der Cousin, der zunächst mit seiner betont coolen Art als potenzieller Bösewicht eingeführt wird.   

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