Code Blue – KINOKONTROVERS 10


Die Intensivstation ist ein Ort, an dem sich Menschen auf der Schwelle zwischen Leben und Tod befinden. Hier arbeitet Marian (Bien de Moor) in der Nachtschicht. Ihr Privatleben ist ebenso steril und kalt wie die Flure des Krankenhauses. Da tritt ein Mann (Lars Eidinger) in ihr Leben, es beginnt ein wechselseitiges voyeuristisches Spiel, bis die beiden auf einer Party aufeinandertreffen…

Stefan Volk setzt Code Blue in dem Booklet zur DVD mit den Größen des Europäischen Autorenfilms in Verbindung: Haneke, Kieslowski, Bergman und von Trier. Thematisch schließt Code Blue sicherlich an sie an, Regisseurin Urszula Antoniak kann ihnen ästhetisch aber nicht das Wasser reichen. Das kann kein Vorwurf sein, denn ihr kleiner Film ist auf andere Art und Weise bildgewaltig. Die Breite der Leinwand wird ausgenutzt, um Figuren und Orte perfekt im Bild anzuordnen. Gebrochen wird die Harmonie durch die minimalistische Einrichtung der Krankenhausflure und Marians Wohnung. Die dadurch entstehende Kühle mag ein wenig an Christian Petzold erinnern, der einzige filmhistorische Anknüpfungspunkt, der sich direkt aufdrängt.

Das Standbild oben stammt aus der besten Einstellung des Films: Marian ist auf der Party einer Freundin von einer Arbeitskollegin. Sie steht vor dem Fenster, isoliert von den sich amüsierenden Partygästen, die in der Glasfront als Spiegelung erkennbar sind. Bald kommt jener Mann hinzu, dem sie bereits flüchtig begegnet ist, der sie beobachtet und den sie beobachtet. Eine Tür öffnet sich und die auf dem Bild oben nur schwer erkennbaren Bäume kommen zum Vorschein, die Spiegelbilder der Partygäste verschwinden. Das satte Grün ist der Kontrast zu den kühlen Krankenhausfluren und Marians karger Wohnung. Nach einem Gespräch mischen die beiden Einsamen sich unter die Tanzenden, ein kurzer Hoffnungsschimmer in einem durchweg bedrückenden Film.

Die Annäherung zwischen Marian (links) und dem Voyeur (rechts), den sie gleichermaßen voyeuristisch betrachtet, entlädt sich und der Mann fällt ganz in seine Rolle als dominierender Sadist. (Das Machtverhältnis wird auch im unteren Bild deutlich: er ist in der höheren Wohnung, sie muss zu ihm heraufblicken.) Das ist auch in seiner Drastik wahrheitsgetreu, vielleicht inzwischen wenig einfallsreich, aber immer noch überzeugend.

Es geschieht nicht viel in Code Blue, der Film begnügt sich lange Zeit damit, das ereignislose Leben seiner Hauptfigur zu präsentieren. Am Ende kommt es dann noch zu einer Explosion der Grausamkeit gegenüber Marian und der Zuschauer fragt sich, ob der Gewaltexzess nötig war. In dieser Frage liegt die Stärke des Films, er stellt nicht nur herrschende Auffassungen von Sexualität infrage, sondern auch sich selbst und damit das Kino an sich (ob dies auch von der Regisseurin intendiert ist, sei dahin gestellt). Code Blue ist kein Exploitationkino, kinokontrovers kein Label, das Fans des Exploitationkinos bedienen will. 

Nach diesem düsteren Film kann man sich dank des Bonusmaterials schnell wieder aufheitern. Mit Bijlmer Odyssee ist dort ein amüsanter Kurzfilm der Regisseurin Antoniak zu finden: Ein Mädchen fliegt nach New York, am Abend vorher geht sie in die Disco und trifft einen Jungen. Es ist Liebe auf den ersten Blick, sie gehen zu ihr nach Hause und schlafen miteinander. Anschließend schickt sie ihn zum Essen holen, sie hat nur einen 100 Euro Schein im Haus. Er geht zum Imbiss, findet aber in der gigantischen Hochhaussiedlung den Weg nicht mehr zurück. Da sie sich nicht vorgestellt haben, hat er keinerlei Anhaltspunkte und irrt umher…



Code Blue
R, B: Urszula Anoniak
K: Jasper Wolf
D: Bien de Moor, Lars Eidinger
NL 2011; ca. 80 Min.
Bildformat: 2,40:1
Sprachen: Deutsch, Niederländisch/Englisch DTS-HD/DD 5.1
Untertitel: Deutsch, Englisch
Label: KINOKONTROVERS
Extras: Bijlmer Odyssee (Kurzfilm), Interview mit Urszula Antoniak, Bien de Moor, Alternatives Ende, Deutscher Trailer, Booklet mit Essay zum Film

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